miniatur|Mitteltrakt des Waisenhauses

Das Hyrtl’sche Waisenhaus war ein Waisenhaus in Mödling (Bezirk Mödling) in Niederösterreich. Die ersten drei Bauteile wurden im Jahr 1886 vom Baumeister und Architekten Eugen Sehnal erbaut, die weiteren Gebäude wurden bis 1906 von unterschiedlichen Baumeistern errichtet. Die Finanzierung war möglich, da der bekannte Anatom Josef Hyrtl sein Vermögen für den Bau stiftete. 1906 erreichte die Anlage ihre größte Ausdehnung.

Die heute erhaltenen und überwiegend restaurierten Gebäude des ehemaligen Waisenhauses sind im späthistoristischen Baustil in der Art eines englischen Colleges rund um die Waisenhauskirche platziert und prägen den östlichen Stadtteil Mödlings, die heutige Schöffelstadt.

Bedeutende Zöglinge Edwin Grienauer (1893–1964), Zögling im Waisenhaus 1901–1907 und somit Schulfreund von Josef Weinheber, später Graveur zahlreicher österreichischer Münzen und Medaillen, Olympiasieger 1928 und Bronzemedaillengewinner 1948 im olymp. Kunstwettbewerb „Medaillen & Plaketten“.Vgl. Walter Jirka: Der Vater der Schilling-Münze. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 19/2022 vom 11.5.2022, S. 20; Teil 62 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. Vgl. weiters Elmar Fröschl: Eine Biografie des Bildhauers und Medailleurs Edwin Grienauer; Diplomarbeit Universität Wien, Wien 2014. Rudolf Knarr (1880–1981), Zögling im Waisenhaus 1889–1895, Komponist und Musikpädagoge, später Lehrer an der Waisenhausschule, Gründer der Beethovenmusikschule in Mödling (1936).Vgl. Walter Jirka: Zwei bedeutende Musiker (Rudolf Knarr und Hans Toifl). In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 24/2022 vom 15.6.2022, S. 17; Teil 67 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. Leopold Petznek (1881–1956), Zögling im Waisenhaus 1889–1895, sozialdemokratischer Politiker, Präsident des Rechnungshofes.Leopold Petznek, auf noe-landtag.gv.at, abgerufen am 19. Juli 2023 Josef Weinheber (1892–1945), Zögling im Waisenhaus 1901–1908, Schriftsteller und bedeutender Lyriker.Vgl. Walter Jirka: Der Zögling Josef Weinheber. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 21/2022 vom 25. Mai 2022, S. 20; Teil 64 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. Vgl. weiters im gesamten Albert Berger: Josef Weinheber (1892–1945). Leben und Werk – Leben im Werk. Müller, Salzburg 1999. Friedrich Zawrel (1929–2015), Zeitzeuge, Überlebender des Kinder-Euthanasie-Programms während der Zeit des Nationalsozialismus.Vgl. Traudl Schmidt, Oliver Lehmann: In den Fängen des Dr. Gross, Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel; Wien, Czernin 2001. Vgl. weiters Walter Jirka: Die Kinder vom Waisenhaus Mödling. Eigenverlag, Mödling 2019; S. 104 f.

Geschichte der Waisenanstalt Gründungsgeschichte: Ära Schöffel Im Jahr 1885 wurde in Mödling unter der Leitung des ehemaligen Bürgermeisters Josef Schöffel der Verein zur Gründung und Erhaltung eines Waisenhauses gegründet. Josef Hyrtl stiftete einen Großteil seines Vermögens dem Verein und stellte laufend die Gelder zum Bau des Waisenhauses sowie der zugehörigen Kirche, der heutigen Waisenhauskirche, zur Verfügung. Insgesamt erbte die Joseph Hyrtl Waisenhausstiftung aus dem Nachlass Hyrtls, der 1894 starb, fast 600.000 Gulden, was heute einem Wert von etwa 5,5 Millionen Euro entspricht.J. Sallachner: Hyrtl, Josef. In: Austria-Forum, abgerufen am 11. Mai 2010.

Im Jahr 1886 schenkte die Stadtgemeinde dem Verein die ältesten Kirchengründe Mödlings, der ehemaligen Kirche St. Martin (wo heute die Waisenhauskirche steht), und die Gründe des östlich davon gelegenen ehemaligen Mödlinger Friedhofs. Diese Gründe befinden sich östlich der Südbahn in dem von Schöffel neu gegründeten Stadtteil, der später den Namen Schöffelvorstadt, bzw. Schöffelstadt erhielt.Gründung und Geschichte der Hyrtl-Waisenanstalt und des Katastrophenlagers Mödling des Niederösterreichischen Roten Kreuzes. , abgerufen am 12. Mai 2010.

Der erste Bau wurde für 44 KinderVgl. Walter Jirka: Das Mödlinger Waisenhaus rund um St. Martin. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2021, Seite 8. Nr. 30/2021; Teil 22 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. Vgl. weiters Josef Schöffel: Geschichte und Entwicklung des von weiland dem k. k. Hofrat und Professor Dr. Josef Hyrtl gestifteten Waisenhauses für arme Waisen des Landes Niederösterreich; Wien, Selbstverlag des Verfassers 1903, Seite 21. errichtet und kostete 36.579 Gulden. Der gleichzeitige Bau der Waisenhauskirche schlug sich mit 116.579 Gulden zu Buche. Der Bau ging schnell vonstatten. War die Grundsteinlegung im April 1886, so konnte das Waisenhaus bereits im Oktober desselben Jahres eröffnet werden. Im selben Jahr erhielt auch der Platz davor den Namen Hyrtlplatz.

Im Jahr 1888 und 1890 wurde die Kapazität des Waisenhauses durch mehrere Zubauten auf 220 Waisenkinder erweitert. Im Westgebäude wurde auch eine Anstaltsschule (die heutige Volksschule) eingerichtet.

Im April 1903 befanden sich in der Humanitäts-Anstalt 600 Kinder beiderlei Geschlechts.

Ära Dressler Der bedeutendste Direktor des Hyrtl’schen Waisenhaus war Heinrich Dressler, der von 1911 bis 1936 die Anstalt leitete. Unter seiner Leitung wurde auch die Höchstzahl von 712 Zöglingen erreicht. Die Institution erwarb sich während seiner Ära einen international angesehenen Ruf, was dazu führte, dass über Weiterempfehlung mehrere Kinder aus nord- und südamerikanischen Staaten und auch aus Asien (Usbekistan) in der Folge im Waisenhaus Mödling Aufnahme fanden.Vgl. Walter Jirka: Der bedeutendste Direktor. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 8/2022 vom 23.2.2022, S. 18; Teil 51 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“.

Herbert Hoover, später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und (Mit-)Initiator der „Kinderhilfsaktion für Deutsch-Österreich“, besuchte das Hyrtl’sche Waisenhaus (vermutlich) im August 1919 und äußerte sich gegenüber Dir. Dressler sehr anerkennend über diese Einrichtung, wie aus mehreren Zeitungsnotizen aus dem Jahr 1969 im Waisenhausarchiv (Sammlung Dressler, tw. undatiert abgelegt) hervorgeht.Vgl. Mödlinger Zeitung, Jg. 26, Nr. 21 vom 23. Mai 1974, S. 2, Artikel "Reg.Rat Dressler - ein 95er"; vgl. weiters tagblatt-wienerzeitung.at, abgerufen am 5. April 2023.

Das Waisenhaus Mödling war nach der Eingemeindung Mödlings nach Wien während des Zweiten Weltkriegs ein Erziehungsheim der Gemeinde Wien.

Die Stiftung wurde im Jahr 1942Vgl. Walter Jirka: Die große Ära neigt sich dem Ende zu. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 24/2022 vom 15. Juni 2022, S. 16; Teil 68 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. in Folge des Anschlusses aufgelöst.

NS-Zwangsanstalt für Jugendliche Im Archiv des Waisenhauses Mödling finden sich zahlreiche Dokumente, die die ab 1940 gegebene Verknüpfung des Hyrtl’schen Waisenhaus Mödling als „Sonderschule für Schwererziehbare“ mit der Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ in Wien belegen.Vgl. dazu im Gesamten: Brigitte Rigele, Kindereuthanasie in Wien 1940–1945, Krankengeschichten als Zeugen (Ausstellungskataloge Heft 71); Wien, Wiener Stadt- und Landesarchiv (Mag.-Abt. 8) 2005. Vgl. weiters Walter Jirka: Die große Ära neigt sich dem Ende zu. In: Niederösterreichische Nachrichten (Regionalausgabe Mödling), Jg. 2022, Nr. 24/2022 vom 15. Juni 2022, S. 16; Teil 68 der Serie „Meine Region: Das Waisenhaus“. Vgl. ebenfalls Walter Jirka: Das Waisenhaus in Mödling. neue Bilder, Funde und Erkenntnisse aus dem Archiv des Waisenhauses. Eigenverlag, Mödling 2017, S. 78–93. In der Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien wurde von 1940 bis 1945 sog. „unwertes Leben“ vernichtet, insgesamt sind mindestens 789 ermordete Kinder belegt.

In diesen umfassenden Unterlagen vor allem über die Jahre 1940 bis 1945 findet sich u. a. eine Liste von 330 Kindern, die vom Spiegelgrund während dieser Jahre in das Waisenhaus überstellt wurden und dadurch der Ermordung entrannen. Weiters gibt es im Waisenhausarchiv detaillierte Aufzeichnungen zu den Geschehnissen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am 30. März 1945 ordnete der zuständige NS-Kreisleiter an, das Waisenhaus zu evakuieren. Die Kinder sollten mit Bussen entweder wieder auf den „Spiegelgrund“ in Wien bzw. in eine Schule in Prackenbach bei Viechtach im Bayrischen Wald (Niederbayern) transportiert werden. Da diese Busse vorerst nicht eintrafen, wurden etliche Kinder gezwungen, zu Fuß durch den Wienerwald auf abgelegenen Wegen zum „Spiegelgrund“ zu gehen. Die meisten Kinder, die auf den Spiegelgrund (zurück-)geführt werden sollten, waren aber von dort nach Mödling überstellt worden und kannten daher die Situation. So flüchteten 43 Kinder noch vor dem geplanten Abtransport vom Waisenhausareal, etliche davon schwer krank. Auch mehrere der schließlich nach Prackenbach gebrachten Kinder litten unter Mundfäule und schwerem Durchfall. Mitte Oktober 1945, als die alliierte Verwaltung sich in Wien etabliert hatte, wurde die Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ geschlossen.

Zwei Überlebende dieser Kindergruppe, Rudolf Karger und Friedrich Zawrel, hielten als Zeitzeugen die Erinnerung an diese Geschehnisse wach.

Rudolf KargerVgl. zu Rudolf Karger https://www.nationalfonds.org/rudolf-karger, abgerufen am 4. April 2023. bekam vom Unterrichtsministerium den Auftrag, als Zeitzeuge seine Erlebnisse vom Spiegelgrund und vom Waisenhaus vor allem in Schulen darzulegen. Dazu ist in einem Brief an die Mödlinger Waisenhausschule aus dem Jahre 2005 Folgendes zu lesen: Mit 11 Jahren – 1941 – kam ich am Spiegelgrund. Eingestuft durch das Reichsjugendamt als u n w e r t e s L e b e n des damaligen Reichsgesetzes. Am Spiegelgrund, wo es nur Leid, Schmerz und Tötung gab an Kindern, an uns jugendlichen beiderlei Geschlechtes. A. Hitler fand gute willige Helfer für seine mörderischen Ideen. Alles was gegen seine Vorstellung war, u. rassistisch nicht einwandfrei sollte vernichtet werden. Am Spiegelgrund waren das Pflegepersonal sowie auch die Ärzte tätig, zu morden u. Leid zu bringen an uns Kinder u. Jugendlichen, die auch präzise Hitlers Anordnung befolgten. Der Brief ist im Archiv Waisenhaus Mödling archiviert.

Der bekannteste Zögling, der diese Ereignisse überlebt hat, war Friedrich Zawrel.Vgl. Traudl Schmidt, Oliver Lehmann: In den Fängen des Dr. Gross, Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel; Wien, Czernin 2001. Vgl. weiters Walter Jirka: Die Kinder vom Waisenhaus Mödling. Eigenverlag, Mödling 2019; S. 104 f. Er wurde 1942 vom Spiegelgrund in das Waisenhaus überstellt, wurde aber ein Jahr später wieder auf den Spiegelgrund gebracht. 1975 wurde Zawrel dem Psychiater Dr. Heinrich Gross wegen eines gerichtlichen Gutachtens vorgeführt. Heinrich Gross war ab 1940 Arzt und schließlich Stationsleiter an der Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ tätig gewesen und im Besonderen für die Ermordung de Kinder verantwortlich. Auf die Frage des Psychiaters, ob er schon einmal psychiatriert worden sei, antwortet Friedrich Zawrel: Haben Sie schon vergessen die vielen toten Kinder vom Pavillon 15, haben Sie schon die gemarterten und misshandelten Kinder vom Pavillon 17 vergessen? Heinrich Gross fragt Friedrich Zawrel, ob er noch andere Kinder von damals kenne und ob er jemandem davon erzählt habe. Nachdem Friedrich Zawrel die Fragen verneint hatte, versprach Heinrich Gross Friedrich Zawrel jede mögliche gutachterliche Hilfe. Gegen Ende 1997 kam es schließlich zu einer Mordanklage gegen Heinrich Gross. Er konnte sich jedoch wegen angeblicher Demenz dem Prozess und einer Verurteilung entziehen.