Karl Zehnter (* 27. März 1900 in München; † 30. Juni oder 1. Juli 1934)Die offizielle Totenliste des Geheimen Staatspolizeiamtes behauptet den 1. Juli als Todestag [abgedruckt etwa bei Bennecke: Die Reichswehr und der Röhm-Putsch, S. 88]. Da die Todesdaten dieser Liste jedoch in zahlreichen Fällen als fehlerhaft erwiesen werden konnten, ist hier Vorsicht geboten. Gruchmann: Justiz im Dritten zitiert einen Polizeibericht, der den 30. Juni als Erschießungstag angibt. war ein deutscher Gastwirt. Zehnter wurde vor allem bekannt als eines der Opfer der Röhm-Affäre im Frühsommer 1934.

Leben und Wirken Jugend (1900 bis 1924) Karl Zehnter war das zweite von drei Kindern des Gastwirtes Georg Zehnter und seiner Ehefrau Barbette, geb. Bäumler. Vor ihm geboren wurde die Schwester Margarethe (1897–1954) und nach ihm die Schwester Käthe (1903–1977).

In seiner Jugend begann Zehnter, in der Gastwirtschaft seiner Eltern, dem Münchener Restaurant „Zum Bratwurstglöckl“, neben dem Liebfrauendom in München zu arbeiten. 1918 zum Kriegsdienst eingezogen, war er kurz vor Kriegsende noch an der Westfront eingesetzt.Bayerisches Hauptstaatsarchiv IV, Kriegsstammrolle 4299, Eintrag 992; digitalisierte Kopie bei ancestry.com, eingesehen am 10. April 2023 Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1922 und dem Tod seiner Mutter im Jahr 1924 wurde Zehnter neuer Wirt des Restaurants. In den Münchener Adressbüchern wurde er fortan als „Gastwirt (Nürnberger Bratwurstglöckl)“ oder „Gastwirt (Nürnberger Bratwurstglöckl am Dom) und Schweinemetzgerei“ mit der Adresse am Frauenplatz 90 verzeichnet.Münchener Adressbuch für das Jahr 1932, S. 1181

Beziehungen zum Kreis um Ernst Röhm In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg begann Zehnter sich in Kreisen der extremen politischen Rechten zu bewegen. Zu Beginn der 1920er Jahre unterhielt er Verbindungen zu dem in München aktiven Freikorps Roßbach, dem er möglicherweise auch zeitweise angehörte. Auf diesem Weg lernte er den Weltkriegsveteranen und Fememörder Edmund Heines, einen der Anführer der „Roßbacher“, kennen, zu dem er freundschaftliche Bande knüpfte. Von 1922 bis 1923 gehörte Zehnter der von Heines geführten 20. Hundertschaft der Münchener SA („Roßbachgruppe“).Vgl. auch Reinhard Weber: Max Hirschberg. Jude und Demokrat, 1998, S. 295. Dieser spricht davon, dass Zehnter 1923 zur „Gruppe Heines“ gehört habe.

Am 8./9. November 1923 nahm Zehnter am Hitler-Putsch teil. Insbesondere nahm er an der Bewachung einiger von den Putschisten in Geiselhaft genommenen und nach Höhenkirchen verschleppter Münchener Stadträte teil.Staatsarchiv München: Polizeidirektion München Nr. 6713, Digitalisat 159.

Im Mai 1924 besuchte Zehnter zusammen mit Heines Adolf Hitler als Gefangenen auf der Festung Landsberg. Nachdem Heines selbst im Juni 1924 für drei Monate als Häftling in die Festung einrücken musste, besuchte Zehnter auch ihn wiederholt dort.Peter Fleischmann (Hrsg.): Hitler als Häftling in Landsberg am Lech 1923/24. Der Gefangenen-Personalakt Hitler nebst weiteren Quellen aus der Schutzhaft-, Untersuchungshaft- und Festungshaftanstalt Landsberg am Lech. Verlag Ph.C.W. Schmidt, Neustadt an der Aisch 2018.

Durch Heines lernte Zehnter im Jahr 1924 auch den damaligen Führer der paramilitärischen Organisation Frontbann und späteren NSDAP-Politiker Ernst Röhm kennen, der zu dieser Zeit ein Stammgast von Zehnters Restaurant war. In den folgenden zehn Jahren diente das „Bratwurstglöckl“ als ständiger Treffpunkt und Umschlagsplatz des Freundeskreises um Heines und Röhm, die einen ständig reservierten Stammtisch im Bratwurstglöckl unterhielten. Zehnter und Röhm wurden schließlich Duzfreunde.

Da dem Freundeskreis im Bratwurstglöckl auch zahlreiche Personen angehörten, deren Homosexualität später öffentlich bekannt und sogar zu einem Politikum wurde, wird in der Literatur vielfach angenommen, dass auch Zehnter homosexuell war. In den erhalten gebliebenen Protokollen eines Prozesses, der im Oktober 1934, einige Monate nach dem Tod Röhms und Zehnters, vor dem Landgericht München gegen Röhms ehemaligen Adjutanten Karl-Leon Dumoulin-Eckart, seinen Zubringer Peter Granninger und gegen zwei weitere Untergebene bzw. Freunde Röhms wegen der Teilnahme an bzw. der Beihilfe zu „widernatürlicher Unzucht“, die Röhm von 1931 bis 1934 mit rund zwanzig Heranwachsenden praktiziert hatte, finden sich verschiedene Zeugenaussagen, die bestätigen, dass Zehnter sich verschiedentlich mit Röhm und dessen heranwachsenden Bekannten homosexuell betätigte.

Als Heines bei der Reichstagswahl vom September 1930 ein Reichstagsmandat für die NSDAP gewinnen konnte und Röhm zum Ende des Jahres 1930 von Adolf Hitler zum Stabschef der SA ernannt wurde, begannen die politischen Gegner der NSDAP ihre Homosexualität als propagandistische Angriffsfläche zu nutzen, wobei auch Zehnter und sein Restaurant angegriffen wurden. Starke Beachtung fand beispielsweise ein am 14. April 1931 in der sozialdemokratischen Zeitung Münchener Post erschienener Artikel mit der Überschrift „Stammtisch 175“ (der § 175 des Strafgesetzbuches stellte damals homosexuelle Beziehungen unter Strafe), in dem „Heines, Röhm, Zentner [sic!] und wie sie alle heißen“ in einem fingierten Brief eines angeblichen früheren NSDAP-Mitgliedes öffentlich als homosexuell identifiziert wurden. Außerdem äußerte der Verfasser des Artikels seine Genugtuung darüber, dass er der „Clique vom Bratwurstglöckl“ den Rücken gekehrt habe.

Trotz seiner engen Assoziierung mit führenden NS-Politikern trat Zehnter erst zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.209.598).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/50121412

Der Mordfall Karl Zehnter Am Abend des 30. Juni 1934 wurde Zehnter im Zuge der Röhm-Affäre von mehreren SS-Leuten, die wahrscheinlich zur sogenannten Österreichischen Legion gehörtenHancock: Chief of Staff, Endnote 33 zu Kapitel 15. Unter Verweis eines Schreibens des Staatsanwalts Weiß an die 5. Strafkammer des Landgerichts München I vom 4. Juli 1956., aus seiner Wohnung geholt und mit einem Kraftwagen abtransportiert und noch am selben Abend erschossen aufgefunden.

Wie die Gendarmeriestation Schwabhausen der Staatsanwaltschaft beim Landgericht München II in einem Bericht vom selben Tag meldete, wurde Zehnter am Abend des 30. Juni zwischen 18.30 und 19.00 Uhr auf der Staatsstraße von Dachau nach Augsburg außerhalb von Stetten bei Längenmoos in einem Auto erschossen und die Leiche im Straßengraben zurückgelassen.

Der tote Zehnter wurde gegen 19 Uhr von einem örtlichen Gastwirt namens Göttler von Rummmelshausen an der Stelle seiner Ermordung im Straßengraben liegend entdeckt, als er zufällig an der entsprechenden Stelle mit seinem Motorrad vorbeifuhr. Er verständigte daraufhin den Stationsführer des Gendarmeriepostens Schwabhausen bei Dachau im Jahr 1934, den Gendarmeriekommissär Xaver Schrönghammer, und führte ihn zu der Stelle, an der der Tote lag. Schrönghammer bezeichnete diese in einem Protokoll mit „im südlichen Straßengraben“ der „Staatsstraße [Dachau nach Augsburg] bei Klm. 24, etwa 300 Meter innerhalb des Klm.Steines, in der Nähe des Waldstückes Lengermoos“. Der Tote lag auf dem Rücken, mit dem Kopf Richtung Stetten. Der Kommissär stellte am Hinterkopf des Toten zwei oder drei Schusswunden fest. Da er keine Austrittswunden bemerkte, ging er davon aus, das ihm Steckschüsse versetzt worden sein müssten.

Nach der initiale Tatbestandsaufnahme beauftragte Schrönghammer einen örtlichen Schweinehändler namens Max Meier aus Stetten bei Schwabhausen damit, die Leiche zu bewachen, während er, Schrönhammer, zu seiner Dienststelle zurückfuhr, um die zuständige Staatsanwaltschaft München II telefonisch über den Leichenfund zu verständigen. In der Zeit zwischen dem Weggang Schrönghammers und seiner Rückkehr zum Tatort erschienen dort drei SS-Männer mit einem Kraftwagen und zwangen Meier mit vorgehaltenen Schusswaffen, ihnen den Toten herauszugeben, verluden diesen in ihren Wagen und fuhren dann in Richtung Dachau davon. Der Vorfall wurde daraufhin von den Gendarmen in das Sicherheitsstörungsverzeichnis in Schwabhausen eingetragen und der Staatsanwaltschaft zur weiteren Bearbeitung überlassen.

Zehnters Leiche wurde von den SS-Leuten, die sie abgeholt hatten, derweil ins KZ Dachau gebracht und von dort am 3. Juli 1934 mit den Leichen einer Anzahl weiterer Personen, die vom 30. Juni bis 2. Juli im Lager oder seiner Nähe ermordet worden waren, in ein Krematorium transportiert und eingeäschert. Die Asche wurde seinen Angehörigen überlassen und im Familiengrab auf dem Westfriedhof beigesetzt.

Die aufgrund der Meldung der Gendarmerie in den ersten Julitagen anlaufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu Zehnters Tod kamen zu dem Ergebnis, dass es zweifelsfrei feststände, dass Zehnter von bewaffneten SS-Männern erschossen worden sei. Dies meldete der zuständige Oberstaatsanwalt dem Generalstaatsanwalt in München. Da man sich bei der Justizbehörde nicht sicher war, ob die Erschießung Zehnters zu den politischen Maßnahmen des 30. Juni gehörte und somit unter „Maßnahmen der Staatsnotwehr“ falle, wurde um eine Entscheidung des Bayerischen Justizministeriums über die weitere Verfahrensweise gebeten. Später wurden keine weiteren Ermittlungen angestellt, nachdem der Name Zehnter vom Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin auf eine Liste von 77 (später 83) Namen gesetzt wurde, deren Tötung Hitler nachträglich billigte und damit der staatsanwaltschaftlichen Untersuchung entzog.Lothar Gruchmann: Justiz im 3. Reich. 1933–1940, S. 438.

Offiziell beurkundet wurde Zehnters Tod beim Standesamt Prittlbach am 27. Juli 1934 mit der Sterbeurkunde Nr. 14/1934. In dieser wurde auf Veranlassung der Bayerischen Politischen Polizei wahrheitswidrig die Gemeinde Prittlbach, Werk Dachau (d. h. das KZ Dachau), als Sterbeort eingetragen.

Zehnters Restaurant wurde nach seinem Tod von seiner jüngeren Schwester Käthe und ihrem Ehemann Eduard Staub übernommen.

Die Deutschland-Berichte der Sopade gaben zeitgenössisch den folgenden Bericht von Zehnters Tod der weitgehend mit den (damals noch nicht öffentlich bekannten) Angaben der Staatsanwaltschaft übereinstimmt:

„Der Wirt des Bratwurstglöckls Zehnter ist mit noch einem Nazi, dessen Namen nicht zu ermitteln war, mit einem Kraftwagen auf der Straße nach Ginding geflüchtet. Sie wurden von der SS verfolgt. Das Auto wurde zum Halten gezwungen, die beiden Insassen herausgerissen und sofort auf der Straße niedergeknallt.“Deutschland-Bericht der Sopade, Bd. 1, S. 196.