Widerstand bezeichnet in der Psychotherapie das ablehnende Erleben und/oder Verhalten eines Patienten gegenüber der Behandlung, einem bestimmten Behandlungsaspekt oder der Person des Therapeuten. Der Begriff wurde von Sigmund Freud in die Psychotherapiedebatte eingeführt, die 1895 zwischen ihm und Josef Breuer begann. In den verschiedenen psychotherapeutischen Schulen wird die aufkommende Ablehnung des Patienten gegen die Behandlung zum Teil unterschiedlich bezeichnet, gedeutet und erklärt.
Widerstand in der Psychoanalyse In der Psychoanalyse gilt Widerstand als ein zentrales Konzept, seine Bearbeitung und Auflösung wird als einer der wichtigen Wirkfaktoren der psychoanalytischen Behandlung angesehen.Michael Ermann: Widerstand. In: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarb. u. erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-017244-9, S. 838, 239, 240. Freud verwendete den Begriff erstmals in den Studien über Hysterie (1895d). Er konzeptualisierte damit zunächst die Beobachtung, dass sich dem erwünschten Auftauchen der Erinnerung in der damals noch hypnotischen Therapie unbewusst eine Kraft entgegenstelle, die jener der ursprünglichen Verdrängung bei der Entstehung des Symptoms entspreche.Michael Ermann: Widerstand. In: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarb. u. erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-017244-9, S. 838, 239. Der Widerstand steht in enger Verbindung zu den Abwehrvorgängen, durch welche die neurotischen Symptome entstanden sind, ist aber nicht mit ihnen gleichzusetzen. Vielmehr handelt es sich um einen behandlungstechnischen Begriff, der eine Vielzahl von Phänomenen des Verhaltens und Erlebens bezeichnet, die in der Behandlung einen Zugang zum Unbewussten des Patienten behindern: „Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist Widerstand.“Sigmund Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge. GW II/III, S. 521. Mit der Zeit konzeptualisierte Freud das Verstehen und die allmähliche Deutung der Widerstände als ein Spezifikum der psychoanalytischen Behandlung.Jean Laplanche; J. B, Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, S. 622–626. Der Widerstand gehört danach ebenso regulär zur Behandlung wie die Übertragung. In den verschiedenen Formen können Widerstände in allen Phasen der Behandlung auftreten und ermöglichen es, dass in der aktuellen Behandlungssituation die individuelle Entstehung der Symptome nachvollzogen werden kann. Schon Freud unterschied verschiedene Formen des Widerstands, die sich aus unterschiedlichen Quellen, dem Ich, dem Es, dem Über-Ich und der therapeutischen Arbeit selbst speisen können.Michael Ermann: Widerstand. In: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarb. u. erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-017244-9, S. 838f, 240. Eine erste systematische Darstellung der Widerstands- und Abwehrformen erarbeitete 1936 Anna Freud.Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. 19. Auflage. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-596-42001-6. Eine umfassende Differenzierung der verschiedenen Formen, in denen sich Widerstände manifestieren können wie z. B. das Versäumen von Therapiestunden, das Zuspätkommen, das Ausbleiben von Träumen, das Agieren oder die Langeweile, beschrieb 1967 erstmals Ralph R. Greenson. Je nachdem welche Anzeichen auf einen Widerstand hindeuten, spricht man von Assoziationswiderstand, intellektueller Widerstand, Deutungswiderstand, Übertragungswiderstand, Über-Ich-Widerstand oder Charakterwiderstand. In der Art des Widerstandes zeigt sich die Ich-Stärke, also wie reif die Abwehrmechanismen sind, über die das Ich verfügt. So wird Agieren beispielsweise als Zeichen einer Ich-Schwäche interpretiert.
Formen des Widerstands, weitere Entwicklungen In einer Modifikation früherer Äußerungen unterschied Freud in Hemmung, Symptom und Angst (1926d) fünf Formen des Widerstands. Dabei ging er davon aus, dass mit der Zeit weitere Formen beschreibbar werden.Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. GW XIV, S. 189–193. Sie wurden von späteren Autoren mehrfach modifiziert und erweitert. Der Verdrängungswiderstand: Damit werden die Formen bezeichnet, bei denen das Ich sich gegen das Aufkommen der Erinnerung und der Verbalisierung von Material richtet. Der Widerstand, der im Zusammenhang eines sekundären Krankheitsgewinns auftreten kann: Darunter versteht Freud u. a. den ‚Vorteil‘, den ein Patient zu erzielen versucht, indem er danach strebt, die psychoanalytische Behandlung – und mit ihr den Analytiker – zum Zwecke seines Verlangens nach infantiler Befriedigung oder Erleichterung von Seiten der ihn liebevoll umsorgenden Menschen zu modifizieren.Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. GW XIV, S. 193. Der Übertragungswiderstand: Dabei wird der Behandlungsprozess durch die Übertragung der frühkindlich eingeprägten Bezugspersonen auf die Person des Analytikers behindert. Die Genesung anhand Diagnose und Therapie wird dabei sowohl durch eine allzu positive (erotisierte) Übertragung, als auch durch eine allzu negative, z. B. von Furcht oder Antipathie begleitete Übertragung erschwert – auch als Übertragungshassliebe bezeichnet.
Diese ersten drei Widerstände bezeichnet Freud als Ich-Widerstände.Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. GW XIV, S. 192.
Der Begriff Übertragungswiderstand vereinigt drei Aspekte: 1. den Widerstand gegen das Bewusstwerden der Übertragung als solcher, 2. den Widerstand in Form von positiver bzw. negativer Übertragung (Hassliebe) und 3. den Widerstand gegen die endgültige Auflösung der Übertragung.
Der Widerstand gegen die Auflösung der Übertragung ergibt sich daraus, dass der Patient, sobald ihm die bislang hinter der Übertragung verborgen gebliebene Persönlichkeit des Therapeuten ahnbar zu werden beginnt, auch mit der Aussicht konfrontiert wird, Abschied von dem ins Über-Ich verinnerlichten Objekt nehmen zu sollen, das bald nach seiner Geburt zum Gegenstand starker und stärkster Affekte wurde, sei das mit ihnen verbundene Begehren positiv oder negativ. Narzisstische Hassliebe gegenüber den emotionell versagenden wiewohl für das Kind überlebensnotwendigen, es außerdem triebfeindlich erziehenden und ins Über-Ich internalisierten Bezugspersonen binden nach Freud erhebliche Mengen an Libido, die das Ich des Betroffenen freisetzen muss, wenn es wirklich etwas zur Genesung beitragen will, respektive bewusst einsetzen für die verschiedenen, triebhaften Bedürfnisse des Es im Zusammenhang des Nachholens der seelisch-emotionellen Reife.
Gelingt dies, wird nicht nur einsehbar, was das Es eigentlich von seinem Ich-Bewusstsein will, sondern führt die Freisetzung der bisher in den narzisstisch-infantilen Ambitionen des Ichs sadomasochistisch fixierten Libidoquantitäten auch zu wirklichkeitsgetreueren Vorstellungen über die wahre Beschaffenheit der umgebenden Menschen, und zwar im Hinblick auf ihre Vorzüge nicht weniger als auf ihre Schwächen und Probleme. Diese Erkenntnisse werden nach und nach ebenfalls ins Über-Ich internalisiert, denn das ist die Funktion dieser Instanz oder Organs der Seele nach Freud. Das Über-Ich kann und soll Erfahrungen in sich aufnehmen (Phänomen der „Prägung“; neurosynaptischen Abspeicherung), um das Ich künftig im Sinne einer Befriedigung der Es-Bedürfnisse zu beraten. Die Übertragung wird somit im Kontext der Widerstandsanalyse betrachtet. Der Übertragungswiderstand bildet mit der Übertragungsneurose einen gemeinsamen Strang, bzw. die zwei Pole derselben Problematik.
Über-Ich-Widerstand: Dies sind Hemmungen, die aus Scham- und Schuldgefühlen resultieren, die dem Ich des moralisch-triebfeindlich erzogenen Über-Ichs herab einsuggeriert werden und daher den Fortschritt der Behandlung in Richtung der Befreiung des Es von seiner Verdrängtheit ins Unbewusste behindern. Die Versuche der Deutung von Träumen oder anderen Verhaltens werden wenigstens partiell abgelehnt vom Ich, sobald sie dort Scham- oder Schuldgefühle hervorrufen – ergänzt von Rationalisierungen, die die Vorzüge der Moralerziehung auch im Kontext der eher säkular ausgerichteten Gesellschaftssysteme anpreisen. Näheres zum allgemein gehaltenen Charakter solcher Rationalisierungen führt Freud aus in Die Zukunft einer Illusion (1927). Es-Widerstand: Widerstand gegenüber Gewohnheiten, Rationalisierungen und Funktionsweisen, deren illusorischer Gehalt in den Behandlungssitzungen diagnostisch aufgedeckt und die daher therapeutisch verändert oder ganz aufgegeben werden sollen. Fenichel unterschied 1945 zwei Arten von Ich-Widerständen: Der akute Widerstand: Der Patient richtet sich durch konkrete Verhaltensweisen wie Schweigen gegen die Aussagen oder Interpretationen des Analytikers. Weil diese Art Widerstand konkret ist (im Sinne einer Notfallmaßnahme), kann er angesprochen und dem Patienten leichter bewusst gemacht werden als der anschließend genannte Charakterwiderstand. Charakterwiderstand: Unabhängig von unmittelbaren Situationen drückt sich der Charakterwiderstand in der Übertragung aus. Glover (1995) unterscheidet zwischen offenkundigen und unauffälligen Widerständen: Offenkundige Widerstände zeigen sich in folgenden, nicht als Zufall erklärbaren Verhaltensweisen: „Verspätung, Versäumen von Stunden, Schweigen, Weitschweifigkeit, automatisches Ablehnen oder Missverstehen aller Äußerungen des Analytikers, gespielte Dummheit, ständige Zerstreutheit, Einschlafen und schließlich auch Abbruch der Behandlung“. Unauffällige Widerstände können sich beispielsweise in scheinbarer Zustimmung zu allem oder dem Anbieten von interessantem Material ohne emotionale Beteiligung zeigen. Erik H. Erikson prägte den Begriff Identitätswiderstand, womit die Furcht des Patienten angesprochen wird, der Analytiker ihm gegenüber könne den pathogenen, wiewohl wertgeschätzen „Kern“ seiner Identität gleichsam vernichten, indem er diesen durch seine eigenen Wert- und Glücksvorstellungen unterwandert, infiltriert oder zum Zusammenbruch bringt.
Die Erweiterung des Behandlungsspektrums der Psychoanalyse veränderte den Blick auf die Widerstandsphänomene. Viele neuere Autoren kommen zu dem Schluss, dass bei Patienten mit frühen Störungen wie Widerstand wirkende Formen auf Entwicklungsdefiziten beruhen können und eine andere Funktion haben. Sie können als reparativen Versuch zur Erhaltung der Objektbeziehung gesehen werden. Entsprechend sollen sie nicht gedeutet, sondern durch empathische Begleitung überwunden werden.Michael Ermann: Widerstand. In: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarb. u. erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 841.
Seit den 1950er Jahren finden sich Darstellungen darüber, dass nicht nur im Patienten, sondern auch im Analytiker Widerstände entstehen können, die als ein Phänomen der Gegenübertragung aufgedeckt werden müssen, um den therapeutischen Prozess nicht zu behindern. Außerdem kam im Zuge der interpersonellen Ansätze in der Psychoanalyse zunehmend in den Blick, wie auch Haltungen und Einstellungen des Analytikers bei der Entstehung von Widerständen mitwirken.Michael Ermann: Widerstand. In: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarb. u. erw. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 842.
Der Umgang mit dem Widerstand