mini|Georges Simenon, 1965

Georges Joseph Christian Simenon (* 12. Februar 1903Die offizielle Geburtsurkunde lautet auf den 12. Februar 1903, 23:30 Uhr. Nach Simenons Aussage sei er tatsächlich am 13. Februar um 0:10 Uhr geboren und das Datum später rückdatiert worden. Vgl. Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 30. in Lüttich; † 4. September 1989 in Lausanne) war ein belgischer Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem als Autor von insgesamt 75 Kriminalromanen um die Figur des Kommissars Maigret. Daneben verfasste Simenon über 100 weitere Romane und 150 Erzählungen unter seinem Namen sowie knapp 200 Groschenromane und mehr als 1000 Kurzgeschichten unter verschiedenen Pseudonymen. Er schrieb in französischer Sprache und verwendete bis zum Erfolg unter eigenem Namen hauptsächlich das Pseudonym Georges Sim.

Simenon begann seine schriftstellerische Laufbahn bereits mit knapp sechzehn Jahren als Journalist in seiner Heimatstadt Lüttich. In den 1920er Jahren entwickelte er sich in Paris zu einem äußerst produktiven Autor von Trivialliteratur. Die Romane um die Figur Maigret waren in den 1930er Jahren die ersten Werke, die Simenon unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, und führten zu seinem schriftstellerischen Durchbruch. Von da an schuf Simenon ein umfangreiches Werk aus Kriminalromanen und psychologischen Romanen, das ihn zu einem der meistübersetzten und meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts machte. Trotz seines großen kommerziellen Erfolgs und zahlreicher begeisterter Einzelstimmen war die Literaturkritik unschlüssig in seiner Einordnung. Auch mit den höheren literarischen Ambitionen seiner „Non-Maigret“-Romane überwand er nicht den Ruf eines Autors von Unterhaltungsliteratur.

Simenons Schreibstil zeichnet sich trotz des begrenzten Wortschatzes und des programmatischen Verzichts auf literarische Finessen durch hohe Anschaulichkeit und dichte Atmosphäre aus. Sein Werk handelt nach eigener Aussage vom „nackten Menschen“, dem Menschen, der hinter allen Masken zum Vorschein kommt. Dabei floss Simenons eigene Lebensgeschichte sowohl in die fiktionalen Werke als auch in mehrere Autobiografien ein. Sein Privatleben war unstet, die beiden Ehen wurden von zahlreichen Affären begleitet. Häufig auf Reisen, hatte er im Lauf seines Lebens 33 wechselnde Wohnsitze in Belgien, Frankreich, Kanada, den USA und der Schweiz.

Leben

Kindheit und Jugend

mini|Georges Simenons Geburtshaus in der Rue Léopold 26, wo er die ersten zwei Lebensjahre verbrachte

Georges Simenon wurde in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1903 in Lüttich geboren, laut offizieller Geburtsurkunde am 12. Februar um 23:30 Uhr. Nach Simenons eigener Aussage fand die Entbindung jedoch erst am Freitag, dem 13. Februar um 0:10 Uhr statt, und sein Vater habe auf Drängen der abergläubischen Mutter die Geburt auf dem Standesamt zurückdatiert. Diese Version wurde von den meisten seiner Biografen übernommen.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 30.

Georges’ Vater Désiré Simenon war Buchhalter bei einem Versicherungsunternehmen, seine Mutter Henriette Brüll hatte vor seiner Geburt als Hilfsverkäuferin in der Lütticher Filiale des Warenhauses À l’innovation gearbeitet. Simenon betonte später oft den Gegensatz der Herkunft seiner Eltern. Die Simenons waren ein in Lüttich alteingesessener, von Bauern und Arbeitern abstammender Familienverband mit starken familiären Bindungen. Trotz flämischer Wurzeln besaßen sie ein ausgeprägt wallonisches Selbstverständnis. Henriette Brüll hingegen war die jüngste Tochter eines Preußen und einer Niederländerin und galt in Belgien als Ausländerin. Nach dem Ruin und frühen Tod ihres Vaters war ihre Kindheit von Armut und dem Kampf ihrer Mutter um den Lebensunterhalt geprägt. Den spannungsvollen Gegensatz beider Milieus beschrieb Simenon mit den Worten: „Meinem Vater fehlte nichts, meiner Mutter fehlte alles. Das war der Unterschied zwischen ihnen“.Vgl. zum Abschnitt: Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 34–52, Zitat S. 52.

Während der heranwachsende Georges den in sich ruhenden und genügsamen Vater idealisierte und ihm nach eigenen Angaben später Charakterzüge Maigrets entlieh, war die Mutter immer in Sorge und fand nach Simenons Worten „das Unglück, wo niemand sonst es vermutet hätte“. Nach der Geburt seines drei Jahre jüngeren Bruders Christian fühlte sich Georges von ihr zurückgesetzt; die Beziehung der Geschwister war nicht sehr eng. Simenon erwähnte seinen Bruder in den späteren autobiografischen Schriften kaum.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 50–58, Zitat S. 50. Christian starb 1947 im Indochinakrieg, nachdem der ehemalige Anhänger des faschistischen Rexismus auf Anraten seines Bruders nach Kriegsende in der Fremdenlegion untergetaucht war.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 295–296. Das schwierige Verhältnis zur Mutter durchzog Simenons Leben und Werk. In Anlehnung an Balzac definierte er einen Schriftsteller als einen „Mann, der seine Mutter nicht mag“. Zu einer letzten Abrechnung wurde der nach ihrem Tod geschriebene Lettre à ma mère (Brief an meine Mutter).Stanley G. Eskin: Simenon. S. 41–42, Zitat S. 42.

mini|hochkant|Das Wohnhaus der Simenons von 1905 bis 1911 in der Rue Pasteur 3, heute Rue Georges Simenon 25

Bereits im Kindergarten, in den er seit Christians Geburt ging, lernte Georges Lesen und Schreiben. Von 1908 bis 1914Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 11. Andere Quellen geben 1909 als Jahr des Schuleintritts an. besuchte er die Grundschule des katholischen Institut Saint-André. Bei seinem Abschluss war er Klassenbester und Lieblingsschüler der Schulbrüder.Stanley G. Eskin: Simenon. S. 56–57. Der Ministrant fühlte sich zum Priesteramt berufen und erhielt von 1914 an ein Halbstipendium am Jesuitenkolleg Saint-Louis. Vor allem wurde er aber zu einem begeisterten Leser. Mit russischer Literatur machten ihn die oft osteuropäischen Untermieter vertraut, die seine Mutter seit 1911 beherbergte.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 63, 66. Sein Lieblingsautor wurde Gogol, gefolgt von Dostojewski, Tschechow und Joseph Conrad.Stanley G. Eskin: Simenon. S. 70. Bis zu zehn Bücher pro Woche lieh er aus der öffentlichen Bibliothek aus, las Balzac, Dumas, Stendhal, Flaubert und Chateaubriand, Cooper, Scott, Dickens, Stevenson und Shakespeare.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 73–74.

Die Sommerferien 1915 wurden zu einem Einschnitt in Simenons Leben. Der Zwölfjährige machte seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem drei Jahre älteren Mädchen. Um in ihrer Nähe zu bleiben, betrieb er einen Wechsel an das Jesuitenkolleg Saint-Servais, wo er von September 1915 an ebenfalls ein Halbstipendium erhielt. Zwar stellte sich bald heraus, dass seine Geliebte bereits einen älteren Freund hatte, doch der Schulwechsel zeigte Auswirkungen. Simenon verlor sein Interesse an der Religion, seine Leistungen an der stärker naturwissenschaftlich orientierten Schule ließen nach. Er fühlte sich dort als Außenseiter und Gefangener. In seinem Verlangen nach Freiheit trieb er sich bis spät in die Nacht herum, stritt mit der Mutter, beging kleinere Diebstähle und lernte zwei Dinge kennen, die einen großen Einfluss auf sein Leben entwickeln sollten: Alkohol und Prostituierte. In diese Zeit fielen auch Simenons erste Schreibversuche, wobei er bereits jenes Pseudonym verwendete, das ihn bis in die 1930er Jahre begleitete: Georges Sim.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 74–82.

Das Ende dieser Phase wachsender familiärer und schulischer Probleme markierte am 20. Juni 1918 ein Herzinfarkt Désiré Simenons. Die Diagnose lautete Angina Pectoris, dem Vater wurde eine Lebenserwartung von wenigen Jahren prognostiziert. Es war an Georges, mit fünfzehn Jahren in die Rolle des Ernährers der Familie zu wachsen. Auf der Stelle beendete er die Schule, ohne das laufende Schuljahr und die anstehenden Examen noch abzuschließen.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 83. Im autobiografisch gefärbten Roman Zum roten Esel schilderte er durch den Helden seine Gefühle: „Es war wirklich eine Befreiung! Sein Vater hatte ihn gerettet.“Zitiert nach: Nicole Geeraert: Georges Simenon. S. 27.

Journalist in Lüttich

Simenons erste Anstellungen währten nicht lange. Eine Konditorlehre brach er bereits nach 14 Tagen ab. Als Hilfsverkäufer einer Buchhandlung wurde er nach sechs Wochen entlassen, weil er dem Inhaber vor Kunden widersprochen hatte.Fenton Bresler: Georges Simenon. S. 54–55. Kurz vor Simenons 16. Geburtstag war es ein kurzfristiger Entschluss, der die Weichen für seine Zukunft stellte. Beim ziellosen Schlendern durch Lüttich wurde er auf die Redaktionsräume der Gazette de Liège aufmerksam, trat ein, bewarb sich und wurde angenommen. Der Chefredakteur Joseph Demarteau erkannte seine Begabung und förderte ihn trotz seiner gelegentlichen Eskapaden. Simenon beschrieb in einem Interview: „Noch eine Minute zuvor war ich nur ein Schuljunge. Ich trat über eine Schwelle […] und auf einmal gehörte mir die Welt.“Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 88–91. Zitat S. 90.

Der junge Journalist behielt das Pseudonym Georges Sim bei. Er gab und kleidete sich mit Regenmantel und Pfeife wie sein Vorbild, der junge Reporter Rouletabille aus den Kriminalgeschichten Gaston Leroux’. Nach der Übernahme der Rubrik Unfälle und Verbrechen erhielt Simenon bald seine eigene Kolumne, in der er als „M. le Coq“ in ironischem Ton von Hors du Poulailler (Außerhalb des Hühnerstalls) berichtete. Die Ausrichtung der Gazette war rechtskonservativ und katholisch, ohne dass der politisch indifferente Simenon dem große Bedeutung beimaß.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 88–92. So verfasste er auch eine Serie über Die jüdische Gefahr, distanzierte sich später allerdings von den antisemitischen Artikeln, die ihm aufgetragen worden seien.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 105–106. Der Biograf Stanley G. Eskin wies darauf hin, dass in Simenons Frühwerk zum Teil antisemitische Strömungen einflossen, spätere Arbeiten aber von solchen Tendenzen frei waren und Simenon gerade auch für die einfühlende Darstellung von Juden gelobt wurde.Stanley G. Eskin: Simenon. S. 80.

Bestärkt durch den Erfolg seiner Kolumne, die 1920 bereits täglich erschien, wandte sich Simenon der humoristischen Literatur zu. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in der Gazette sowie einigen anderen Zeitschriften und schrieb seinen ersten Roman Pont des Arches, der im Februar 1921 verlegt wurde, nachdem Simenon 300 Subskribenten geworben hatte.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 12, 107–108. Trotz seines beruflichen Erfolgs betrachtete sich Simenon als Enfant terrible der Redaktion, als Nonkonformisten und Rebellen.Stanley G. Eskin: Simenon. S. 81–83. Es zog ihn in Künstlerkreise, und im Juni 1919 trat er der Lütticher Künstler- und Anarchistengruppe La Caque um den Maler Luc Lafnet bei. Hier lernte er am Silvesterabend 1920 Régine Renchon kennen. Die Persönlichkeit der drei Jahre älteren Kunststudentin beeindruckte Simenon, obwohl er später behauptete, nie wirklich in Tigy – so wandelte er ihren Namen ab, da Régine ihm nicht gefiel – verliebt gewesen zu sein, sondern sich vor allem nach einer Partnerschaft gesehnt zu haben. Das Paar verlobte sich bald und plante ein gemeinsames Leben in Paris.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. S. 12, 123–125.