Das Programm Atomexplosionen für die Volkswirtschaft (), gelegentlich auch als Programm Nr. 7 bezeichnet, war ein sowjetisches Vorhaben, Nuklearwaffen für zivile Zwecke nutzbar zu machen. Dazu wurden unter anderem die von den Explosionen verursachten seismischen Wellen erforscht, in der Hoffnung umfangreiche Öl- und Gasvorkommen zu entdecken. Auch wurden Hohlräume gesprengt, um Gasspeicher zu erzeugen, es wurden mit 5 Explosionen brennende Gasquellen gelöscht, und man untersuchte den Einsatz von Atomexplosionen zur Erdbewegung sowie die grundsätzliche Ausbreitung von radioaktiver Strahlung bzw. Kontamination. Sowohl nach Dauer als auch nach Umfang war das Projekt größer als sein amerikanisches Pendant Project Plowshare.

Ablauf des Programms Von 1965 bis 1988 wurden unter dem Dach von Programm Nr. 7 insgesamt 121 Explosionen ziviler atomarer Sprengsätze ausgelöst. Die ersten Explosionen erfolgten auf dem Kernwaffentestgelände Semipalatinsk im Gebiet des heutigen Kasachstan. Dies waren Versuche für den Kanalbau sowie zum Erstellen von Wasserreservoirs. Es folgten auf dem ganzen Gebiet der UdSSR Untergrundexplosionen zum Erstellen von seismischen Tiefenprofilen zur Untersuchung des Erdinneren. Dabei konnten Tiefenprofile bis in eine Tiefe von 200 bis 300 km erstellt werden. Mit Untergrundexplosionen zur Verbesserung der Permeabilität konnte man die Erdöl- und Erdgasförderung erhöhen. Weiter erstellte man mit Untergrundexplosionen Kavernen für Erdgas-Untergrundspeicher sowie für Endlager für gefährliche Abfälle. Daneben wurden nach Blowouts brennende Erdgas- und Erdölquellen mit Nuklearsprengsätzen gelöscht. Zwei Sprengsätze in einem Bergwerk im Bergbaurevier Chibinen wurden zum Brechen von Erz gezündet. Eine Konzentration von Explosionen gab es in der Nähe des Dorfes Asgir, im Gebiet von Atyrau im heutigen Kasachstan. Insgesamt erfolgten dort 17 Untergrundexplosionen zur Erforschung von Transuranen und Isotopen im Steinsalz.

Unbeabsichtigte Auswirkungen und Langzeitfolgen

Zu unbeabsichtigten radioaktiven Kontaminationen kam es bei den Explosionen „Globus-1“ am 19. September 1971 (bei Kineschma im europäischen Russland mit einer Sprengkraft von 2,3 Kilotonnen TNT-Äquivalent), „Kraton-3“ am 24. August 1978 (im fernöstlichen Jakutien mit 22 Kilotonnen) sowie „Kristall“ am 29. August 1974 (bei Udatschny mit 1,7 Kilotonnen). Durch die 17 Untergrundexplosionen um Azgir in Kasachstan ist das Trinkwasser der Siedlungen mit 90Strontium belastet.Polygon.vlast.kz: Спасти Азгир In jüngerer Zeit erlangte darüber hinaus die Explosion „Kliwasch“ bei Junokomunariwsk in der Ukraine Bedeutung. Hier wurde am 16. September 1979 eine Kaverne gesprengt, welche durch den benachbarten Bergbau seit der Sprengung trocken gehalten wurde. 2018 entschied die Regierung der Volksrepublik Donezk, nachdem der anliegende Bergbau bereits 2002 eingestellt worden war, die Wasserhaltung ebenfalls einzustellen, und es droht der unkontrollierte Austritt von kontaminiertem Wasser in den Fluss Siwerskyj Donez.

Ende und Ausblick Das Programm, das bis in die späten 1980er Jahre lief und wohl – nach verschiedenen Darstellungen – den Schritt von „Test“ zu „reguläre Anwendung“ zumindest teilweise schon gegangen war, wurde mit dem Fall der UdSSR eingestellt und in keinem der Nachfolgestaaten wieder aufgenommen, auch wenn gerade in der russischen Föderation immer wieder Forderungen in diese Richtung aufkommen. Aufgrund zeitgenössischer Geheimhaltung, die teilweise bis heute besteht, und der Sprachbarriere sind in westlichen Quellen nur unzureichende Daten über Art, Umfang und Erfolg der einzelnen Explosionen verfügbar. Auch im Zuge der Ölkatastrophe um Deepwater Horizon 2010 wurde die Zündung einer taktischen Nuklearwaffe zum Stoppen des weiteren Austritts von Öl öffentlich diskutiert. Ein russischer Vorschlag, mit eigener Expertise und Equipment zur Seite zu stehen – Russland hatte in den 1970er und 1980er Jahren Gas- und Öllecks mit nuklearen Explosionen gestoppt –, wurde 2010 von vielen Boulevardmedien aufgegriffen, aber generell als nicht ernst zu nehmend interpretiert.

Chronologie der Versuche 1960er-Jahre Nummer Bezeichnung(russisch) Datum Region Sprengkraft (kT) Höhe über Grund (m) Bemerkung ⊙ 1 Tschagan() 15.01.1965 Kernwaffentestgelände Semipalatinsk 140 -175 Erzeugung von einem Reservoir. Bildete einen See mit 408 m Durchmesser und 100 m Tiefe. 35 Jahre nach der Explosion betrug die Äquivalentdosis rund um den Schagansee 0,08 μSv/Std (8 μR/Std). 2 Butan-1() 30.03.1965 Gratschewka-Erdölfeld, 15 km nordwestlich von Meleus 2,3 -1.375 Intensivierung der Erdöl- und Erdgasförderung durch Verbesserung der Permeabilität im Kalkstein. 2 Sprengsätze zu je 2,3 kT. 3 Butan-2() 06.10.1965 Gratschewka-Erdölfeld, 15 km nordwestlich von Meleus 7,6 -1.350 Intensivierung der Erdöl- und Erdgasförderung durch Verbesserung der Permeabilität im Kalkstein 4 Sary-Usen() 14.10.1965 Kernwaffentestgelände Semipalatinsk 1,1 -48 Mit Sary-Usen wollte man die Bildung eines Kraters unter kontrollierten Bedingungen testen. Bildete einen Krater mit 107 m Durchmesser und 31 m Tiefe der sich später mit Wasser füllte. Im Jahr 2000 betrug die Äquivalentdosis rund um den See 0,5 μSv/Std (50 μR/Std). 5 Halit/Asgir A-1() 22.04.1966 180 km nördlich von Astrachan 1,1 -165 Erzeugung einer Kaverne im Steinsalz. Bildete eine Kaverne mit 25 m Durchmesser. Unbeabsichtigte Freisetzung von Radioaktivität. Die Kaverne füllte sich 6 Tage später mit Grundwasser. 6 Urta-Bulak() 30.09.1966 Urta-Bulak-Erdgasfeld, 60 km südöstlich von Buxoro 30 -1.532 Erfolgreiches Löschen von einem Erdgas-Blowout der seit 1963 brannte. 7 Tawda() 6.10.1967 50 km südöstlich von Tawda 0,3 -175 Test zur Erzeugung eines Untergrundspeichers für Erdgas im Lehmboden. Die Kaverne konnte aber nicht verwendet werden. 8 Pamuk() 21.05.1968 Pamuk-Erdgasfeld, 55 km westlich von Qarshi 47 -2.440 Erfolgreiches Löschen von einem Gas-Blowout. 9 Halit/Asgir A-2() 01.07.1968 130 km südöstlich von Achtubinsk 27 -597 Erzeugung einer Kaverne im Steinsalz. Bildete eine Kaverne mit 64 m Durchmesser. Die Kaverne füllte sich mit Grundwasser. 10 Telkem-1() 21.09.1968 Kernwaffentestgelände Semipalatinsk 0,24 -31 Versuch für Kanalbau. Bildete einen Krater mit 80 m Durchmesser und 20 m Tiefe. 11 Telkem-2() 12.11.1968 Kernwaffentestgelände Semipalatinsk 0,24 (3×) -31 Versuch für Kanalbau; 3 Sprengsätze mit je 0,24 kT im Abstand von 40 m zueinander. Bildeten einen Krater mit 140 m Länge, 60–70 m Breite und 16 m Tiefe. 12 Grifon-1() 02.09.1969 Ossa-Erdölfeld, 7 km südwestlich von Ossa 7,6 -1.212 Intensivierung der Erdölförderung durch Verbesserung der Permeabilität. 13 Grifon-2() 08.09.1969 Ossa-Erdölfeld, 7 km südwestlich von Ossa 7,6 -1.208 Intensivierung der Erdölförderung durch Verbesserung der Permeabilität. 14 Stawropol/Tachta-Kugulta() 26.09.1969 Tachta-Kugulta-Erdgasfeld, 36 km nordwestlich von Ipatowo 10 -712 Intensivierung der Erdgasförderung durch Verbesserung der Permeabilität. 15 Sai-Utes-1/Nun 2-T/Mangyschlak-1() 06.12.1969 155 km südwestlich von Beineu 31 -407 Zweck unklar. Vermutlich Versuch zur Schaffung eines Reservoirs mit der Bildung eines Einsturztrichters ohne Verbindung zur Explosionskaverne; oder auch Testexplosion auf der Suche nach einem Testgelände für unterirdische Nuklearwaffentests. Quellen aus:Pavel Podvig: Russian Strategic Nuclear Forces. MIT Press, Vereinigte Staaten, 2004, ISBN 0-262-16202-4. S. 471–480.Digital.library.unt.edu: Milo D. J Nordyke: The Soviet Program for Peaceful Uses of Nuclear Explosions, 2000 (PDF; 11 MB)Scienceandglobalsecurity.org: Milo D. J Nordyke: The Soviet Program for Peaceful Uses of Nuclear Explosions, 1998 (PDF; 14 MB)Iaea.org: Milo D. J Nordyke: The Soviet program for peaceful uses of nuclear explosions, 1996Digital.library.unt.edu: Milo D. J Nordyke: Review of Soviet data on the peaceful uses of nuclear explosions (PDF; 1,4 MB)Npc.sarov.ru: ИСПЫТАНИЯ ЯДЕРНОГО ОРУЖИЯ И ЯДЕРНЫЕ ВЗРЫВЫ В МИРНЫХ ЦЕЛЯХ СССР 1949–1990 (Archivlink)Sphti.ru: Мирные ядерные взрывы в СССР (PDF; 7,0 MB)Johnstonsarchive.net: Database of nuclear tests, USSR/Russia: introductionFas.org: NUCLEAR WEAPONS TESTS AND PEACEFUL NUCLEAR EXPLOSIONS BY THE SOVJET UNIONStanford.edu: The Soviet Program for Peaceful Uses of Nuclear Explosions, 1981 (PDF; 0,3 MB)Google Maps: Ядерные объекты "россии" / russia nuclear mapClimateviewer.org: 2615 Nuclear Detonations and Test ExplosionsBiblioatom.ru: Ядерные испытания СССР. Мирные ядерные взрывы: обеспечение общей и радиационной безопасности при их проведении.Columbia.edu: Worldwide Nuclear ExplosionsNnc.kz: Вестник НЯЦ РК

1970er-Jahre