miniatur|hochkant=1.5|Aufmarsch im Rahmen der Entkulakisierung. Die Banner lauten: „Wir werden die Kulaken als Klasse liquidieren“ und „Alles für den Kampf gegen die Saboteure der Landwirtschaft“. Die Entkulakisierung ( raskulatschiwanije), gelegentlich auch Dekulakisierung oder Kulakendeportation, war eine politische Repressionskampagne in der Sowjetunion, die sich während der Diktatur Josef Stalins von 1929 bis 1933 gegen sogenannte Kulaken richtete. Verhaftungen, Enteignungen, Exekutionen und Massendeportationen kennzeichneten diese Politik.

Insbesondere als wohlhabend geltende bäuerliche Familien, aber auch so genannte Mittelbauern samt ihren Angehörigen sowie jene Landbewohner, welche die Politik der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) tatsächlich oder vermeintlich ablehnten, waren Ziel der gewaltsamen Unterdrückung. Rund 30.000 Personen wurden erschossen. Etwa 2,1 Millionen Menschen wurden in entfernte, unwirtliche Regionen deportiert – 1,8 Millionen davon von 1930 bis 1931.Zahlen nach Hildermeier, Stalinismus und Terror, S. 595 und Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 165. Weitere 2 bis 2,5 Millionen Personen wurden in ihrer Heimatregion auf schlechtere Böden zwangsumgesiedelt.Hildermeier, Stalinismus und Terror, S. 595. Experten schätzen, dass die Entkulakisierung durch Hunger, Krankheiten und Exekutionen 530.000 bis 600.000 Menschenleben kostete.Siehe hierzu Hildermeier, Die Sowjetunion, S. 38 f. Die Bauern reagierten insbesondere 1930 mit erheblichem Widerstand gegen die Gewaltkampagne des Staates. Zeitweise fürchteten Partei- und Staatsfunktionäre, der bäuerliche Widerstand könne sich zu einem landesweiten Aufstand ausweiten.

Die Entkulakisierung bedrohte die Bauernschaft durch physische Vernichtung, Deportation und Enteignung. Auf diese Weise sollte sie der Zwangskollektivierung zum Durchbruch verhelfen. Im Ergebnis unterwarfen Entkulakisierung und Kollektivierung die gesamte Bauernschaft der staatlichen Kontrolle und trugen wesentlich dazu bei, die tradierte ländliche Sozialverfassung radikal zu verändern. Zugleich legte die Entkulakisierung den Grundstein für die Ausweitung des Gulag-Systems.

Die Kombination von Entkulakisierung, Zwangskollektivierung und weiteren repressiven Maßnahmen führte in vielen Regionen der Sowjetunion, insbesondere in traditionellen agrarischen Überschussregionen, zum Zusammenbruch der Landwirtschaft. Dieser Kollaps war eine der Ursachen für den Holodomor, eine epochale Hungerkatastrophe mit etwa fünf bis sieben Millionen Toten in der Ukraine,Wolfgang Zank: Stille Vernichtung, Zeit Online, 3. Dezember 2008. und einer Hungersnot in anderen Teilen der Sowjetunion.

Hintergrund und Vorgeschichte Bauern und Bolschewiki Die Oktoberrevolution 1917 legitimierte mit dem Dekret über Grund und Boden die von den Bauern in Eigenregie vorgenommene Enteignung von Staats- und Gutsbesitz, Kirchen- und Klosterländereien sowie die durch die Dorfgemeinschaft Mir () vorgenommene Aufteilung dieses Landes nach dem Subsistenzprinzip. Bis zum Ende des Bürgerkriegs (1921) bedeutete dies jedoch nicht die Befreiung von Krieg und Zwang, da die Bauern für Verbände der Roten Armee, der Weißen Truppen oder für bäuerliche Aufstandsarmeen (siehe beispielsweise Bauernaufstand von Tambow) rekrutiert wurden. Zugleich litten sie unter den umfangreichen Zwangsrequirierungen landwirtschaftlicher Erzeugnisse, welche die Bolschewiki zur Absicherung ihrer Macht vornahmen. Bürgerkrieg, roter und weißer Terror, Aufstände, Requirierungen und die Vernachlässigung landwirtschaftlicher Aufgaben führten in Stadt und Land zu einer Hungersnot, die 1921/22 rund 30 Millionen Menschen betraf und fünf Millionen Menschenleben kostete.Zahl der Todesopfer nach Luks, Geschichte Russlands und der Sowjetunion, S. 160 sowie Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 140; Zahl der vom Hunger betroffenen bei Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 140. Zur Requirierungspolitik der Bolschewiki siehe Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 146 f.

Die Neue Ökonomische Politik (NEP) – „eine politische Hinhalteaktion für eine zukünftige ökonomische Revolution“Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, C.H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62184-0, S. 33. – läutete „eine ‚goldene Zeit‘ für Dorf und Landwirtschaft“Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 253. Zur Lage der Landwirtschaft in den Jahren der NEP siehe ebenda, S. 253–262, Davies, The socialist offensive, S. 4–38 sowie Viola, best sons, S. 19–23. ein und beruhigte die Spannungen zwischen Bolschewiki und Bauern, ohne sie jedoch gänzlich beseitigen zu können. Die politischen Machthaber ersetzten die Praxis der Requirierungen durch Natural- und später durch Geldsteuern. Ferner gestanden sie die Re-Etablierung von Marktmechanismen bei der Allokation agrarischer Produkte zu; ebenso bremsten sie ihre Initiativen ab, die Wirtschaftsgüter der Bauern, die damals 85 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten,Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 149. zu sozialisieren. Trotz ihrer anders gearteten ideologischen Vorstellungen waren die Bolschewiki gezwungen, die Ökonomie dieser Jahre halbstaatlich und halbkapitalistisch zu gestalten.Heinert, Feindbild ‚Kulak‘, S. 364.

Mit dem Abzug der bolschewistischen Requirierungskommandos und der Terroreinheiten der Tscheka aus den Dörfern zeigte sich, dass die Kommunisten außerhalb der Städte ohne jede Basis waren.Baberowski, Der rote Terror, S. 61. Das Sowjetregime blieb für die Mehrheit der Bauern eine auswärtige und fremde Macht.Davies, The socialist offensive, S. 54. Für die Parteifunktionäre wurde das Land eine gefährliche terra incognita mit einem Milieu, zu dem sie keinen Zugang hatten.Werth, Ein Staat gegen sein Volk, S. 150. Das „Dorf“ galt ihnen als Chiffre der Rückständigkeit, als Sinnbild des alten Russlands der „Ikonen und Kakerlaken“ (Trotzki).Baberowski, Der rote Terror, S. 123. Eine Reihe führender Funktionäre hatte einen ausgeprägten Hass auf Bauern. Zu ihnen gehörten Josef Stalin, Lasar Kaganowitsch, Grigori Ordschonikidse, Anastas Mikojan, Kliment Woroschilow und Wjatscheslaw Molotow.Baberowski, Der Feind ist überall, S. 669. Siehe auch Baberowski, Der rote Terror, S. 125.

Das Dorf selbst, häufig abgeschnitten von allen Kommunikationsmitteln und -wegen zur „Zivilisation“, war geprägt vom Gerücht, von Analphabetismus, von Glaube und Aberglaube, von Alkohol und Gewalt.Hierzu Baberowski, Der rote Terror, S. 62–66. Die Dorfgemeinschaft verwaltete sich selbst mit Hilfe der Dorfversammlung (сход/s’chod).Zu ihrer Bedeutung siehe Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 287 f. Die von den Kommunisten geförderte Institution des Dorfsowjet blieb dagegen praktisch ohne Bedeutung.Baberowski, Der rote Terror, S. 67 f. Die Revitalisierung der bäuerlichen Wirtschaftsweise durch die NEP konservierte auch die mit dieser Agrarökonomie einhergehenden Herrschaftsverhältnisse.Baberowski, Der rote Terror, S. 69. All das hatte nichts zu tun mit dem, was die Bolschewiki für „Fortschritt“ hielten. Mental, politisch, kulturell und ökonomisch verweigerte sich die Mehrheit der Bauern der neuen Staatsmacht und urbanen Lebensformen. Die Bolschewiki misstrauten darum den Bauern und hielten sie für potentielle Restauratoren des Kapitalismus.Heinert, Feindbild ‚Kulak‘, S. 364 f. Insbesondere Kulaken galten ihnen als Feinde.Fitzpatrick, Stalin’s Peasants, S. 29.

Struktur der Bauernschaft In den Jahren der NEP nahm der Anteil der Landbewohner an der Gesamtbevölkerung ab. 1924 lebten 83,7 % aller Sowjetbürger im Dorf, 1930 waren es 80,7 %. Die absolute Zahl der Dorfbewohner stieg jedoch; auch nach Abzug der Landflucht blieb ein Zuwachs von 4,2 Millionen Menschen. Zugleich war die Dorfbevölkerung jung. Eine Zählung von 1926 zeigte, dass über 50 % der Dorfbewohner keine 20 Jahre alt waren.Absolute und relative Zahlen nach Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 284.

Die marxistische Vorstellung von klar unterscheidbaren Klassen fand in den materiellen Verhältnissen auf dem Land keine Basis. Die Tradition der regelmäßigen Neuverteilung von Dorffeldern durch die russischen Dorfgemeinschaften an die Bauernhaushalte nach deren wechselndem Bedarf verhinderte eine Verstetigung der Besitzverhältnisse. Einzelgehöfte außerhalb der Dorfgemeinschaften, die erst seit den stolypinschen Agrarreformen existierten und zur Zeit der NEP zunahmen, fielen noch kaum ins Gewicht, ihre Bewohner waren zudem nicht immer wohlhabend.Siehe hierzu Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 287–292. Dorfbewohner übernahmen im Jahreslauf mehrere ökonomische und soziale Rollen: Sie waren im Sommer Bauern, im Winter Wanderarbeiter oder im Heimgewerbe tätig, je nach Jahreszeit Wanderhändler oder Tagelöhner während der Ernte. Die soziale Differenzierung hatte sich nicht zu „Klassen“ verfestigt.Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 290. Dennoch unterteilten die marxistischen Ökonomen und Statistiker der Sowjetunion mit ihrem weitgehenden DeutungsmonopolDas alternative Betrachtungsmodell der „neopopulistischen Schule der Agrarökonomie“ um Alexander Tschajanow ist kurz erläutert bei Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 293 und bei Fitzpatrick, Stalin’s Peasants, S. 29. Ausführlicher Gerd Spittler: (Abruf am 31. Oktober 2014). In: Alexander Tschajanow: Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft. Versuch einer Theorie der Familienwirtschaft im Landbau. Mit einer Einleitung von Gerd Spittler. Nachdruck der Ausgabe Berlin, Parey, 1923. Campus-Verlag, Frankfurt/M. [u. a.] 1987, ISBN 3-593-33846-7. die Dorfbewohner in soziale Großgruppen:

Zum einen gab es demnach die Gruppe der landlosen agrarischen Arbeitskräfte (batraki). Dazu gehörten Hirten, Tagelöhner oder Knechte. Viele Mitglieder dieses Personenkreises waren jung und schieden nach Eintritt in eine neue Lebensphase – oft nach der Heirat – aus dieser Gruppe aus. Als Arme wurden jene bezeichnet, deren Land nicht ausreichte, um eine Familie zu ernähren. Im Regelfall besaßen sie keine Zugtiere. Sie waren gezwungen, ihre Arbeitskraft außerhalb der eigenen Wirtschaft anzubieten – als Knechte, Tagelöhner oder Saisonarbeiter.Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 290 f. Zusammengenommen machten nach dem Bürgerkrieg die Landlosen und Armen rund 35 bis 40 % der Landbevölkerung aus.Fitzpatrick, Stalin’s Peasants, S. 30. Als eine weitere Gruppe wurden die Mittelbauern identifiziert. Sie stellten die große Masse der Landbewohner, ihr Anteil wurde nach Ende des Bürgerkriegs auf 55 bis 60 % taxiert. Der Mittelbauer war Besitzer einer Wirtschaft, die er mit eigener Kraft bestellte. Die Erträge waren nicht üppig, reichten aber zum Leben seiner Familie und zum Verkauf der geringfügigen Überschüsse. Seinen Apparat an Gerätschaften musste er gelegentlich ergänzen durch Ausleihe weiteren Inventars, und er verlieh auch selbst Gerät. Häufig verfügte er über einen geringen Viehbestand. Im Winter betätigten sich die Angehörigen auch dieser Großgruppe heimgewerblich. Sie stellten beispielsweise Bastschuhe, Textilien und Spielsachen her. Als Hauptproduzenten von Getreide waren die Mittelbauern wesentlich für die Versorgung der Städte verantwortlich und deshalb die Hauptadressaten der neuen ökonomischen Politik (NEP).Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917–1991, S. 291.