mini|Der Quetschehannes Die Biewerumer Quetschekerb ist ein Fest, welches seit mehr als Jahren alljährlich über vier Tage am ersten Wochenende im September in Sankt Goar-Biebernheim (ugs. Biewerum) gefeiert wird.
Zentrale Figuren dieser Kirmes (ugs. Kerb) sind der Quetschehannes, eine große, schwere Strohpuppe mit Frack, Zylinder, weißer Hose, schwarzen Stiefeln und einer Zigarre im Mund, der Kerwestrauß, ein an einer langen Holzstange befestigter Tannenkranz mit bunten Bändern geschmückt und der Kerwepräsident. Traditionelles Musikstück beim Umzug, im Festzelt und beim Frühschoppen ist der Kerwemarsch, eigentlich der Marsch der freiwilligen Jäger aus den Befreiungskriegen (1813).
Geschichte mini|Biebernheimer Zwetschenkirmes Die Biewerumer Quetschekerb entstand wahrscheinlich aus einem Erntefest, zu welchem die Bauern „den Zehnten“ ihrer Ernte abliefern mussten, d. h. der Zeitpunkt der Kerb war nicht abhängig von einem Patronats- oder Kirchweihfest. Die damaligen Lehnsherren bestimmten, was die Bauern abgeben mussten (Korn, Kartoffeln, Äpfel oder Pflaumen). Man einigte sich wohl über die Jahre auf Pflaumen (ugs. Quetsche, woher auch der Name der Kerb stammt) und legte den Zeitpunkt auf die Reifezeit der Pflaumen. Das Abliefern erfolgte im Rahmen eines Festzuges, dem voran ein mit Getreide und Früchten geschmückter Strauß getragen wurde. Heute erinnert der jetzige Kerwestrauß an diese Tradition und auch an die Besonderheit, dass dieser nicht fest in der Dorfmitte steht, sondern beim Umzug mitgeführt wird. Einer der Jugendlichen wurde als Sprecher bestimmt, um Grüße und gute Wünsche zu überbringen. Diese Stelle nimmt heute der Kerwepräsident ein. Als Belohnung stiftete der Lehnsherr dann Wein und Schnaps, der im Rahmen eines Festes konsumiert wurde.
mini|Der Kerwestrauß auf dem Wackenberg Der traditionelle Frühschoppen findet auf dem Wackenberg, einer mit Bäumen bestandenen Wiese über dem Rheintal, statt. Entstanden ist der Frühschoppen aus dem Versprechen einiger Biebernheimer Burschen, ihren auf der anderen Rheinseite in St. Goarshausen wohnenden Mädchen ein Ständchen zu bringen. Dies ist vom Wackenberg aus leicht möglich. Also zogen die Burschen mit Musik und Getränken auf den Wackenberg und lösten das Versprechen ein. Da es ihnen dort wohl sehr gut gefallen hat, wurde der Frühschoppen zukünftig dort gefeiert.
Die Hauptperson, der Quetschehannes, entstand erst vor etwas mehr als Jahren (er feierte seinen 125. Geburtstag 2007). Damals kam der Erzählung nach ein vom Hunsrück stammender, fahrender Händler namens Hannes oder Johannes zur Zeit der Kirmes ins Dorf und verkaufte Süßwaren. Diese waren damals etwas Besonderes und als Geschenk der Burschen für ihre Mädchen sehr beliebt. Seinen Gewinn setzte er wohl in Wein und/oder Bier und feierte recht lustig mit. So kam es, dass die Jugend ihn im angesäuselten Zustand auf die Schultern nahm und durchs Dorf trug. Als dieser dann 1882 starb, trauerte die Jugend diesem Ereignis heftig nach. Die Witwe Berz, damalige Gastwirtin im Gasthaus Wilbert, riet der Jugend, sich doch einfach einen Hannes zu bauen, was dann in Form einer Strohpuppe getan wurde und bis heute fortgeführt wird. Diese große und schwere Strohpuppe ist mit Frack, Zylinder, weißem Hemd, einer weißen Hose und Stiefeln bekleidet und hat die obligatorische Zigarre im Mund.
Der Hannes wird am Kirmes-Sonntag im Rahmen des Festumzuges mit Musik am Wohnhaus des Kirmespräsidenten abgeholt (...an der Statt, da er geboren ward..., wie es im Kirmeslied heißt) und dann durch das Dorf getragen. Im Festzelt und beim Frühschoppen befestigt man ihn an einem erhöhten Platz, damit er „seine“ Gemeinde im Blick hat. Montagabends wird er an die Stelle, wo er entstand, zurückgebracht und erschlagen. Am Dienstag drehte man früher noch seine Innereien (Stroh, Heu) durch eine auf einem fahrenden Wagen befindliche „Windmühle“ (trennt eigentlich die Spreu von Weizen) und verteilte sie auf den Straßen des Ortes.
Beteiligte Der Quetschehannes ist die Hauptperson und Patron der Kerb, in alten Zeitungsannoncen auch „Zwetschenpatron“ genannt. Der Kerwestrauß ist ein an einer langen Holzstange befestigter Tannenkranz, mit bunten Bändern (Kerwebändchen) geschmückt. Die Kerwebändchen fallen beim Stampfen des Straußes zu den Klängen des Kerwemarsches öfter mal ab und sind bei den Kleinen und Großen als Souvenir der Quetschekerb sehr beliebt.
Die Kerwejugend Zugucker bei der Straußjugend Diese Jugendlichen im Alter von 16 Jahren dürfen bei Straußbau zuschauen und lernen, damit sie es im folgenden Jahr können. Sie dürfen aber nicht in die Hannesbude.
Straußjugend Das sind die Jugendlichen im Alter von 17 Jahren. Diese treffen sich ab Mitte/Ende Juli in einer Scheune, einer Garage oder einem Keller (der „Straußbude“) und „bauen“ den Strauß zusammen. Hierzu gehören das Binden des Straußes, das Schneiden, Lochen und Binden der Papierbänder aus Glanzpapier und das Befestigen derselben am Strauß. Der Holzstamm wird ebenfalls mit bunten Bändern umwickelt. Während der Kirmestage tragen sie den Strauß (Schwerstarbeit) und stampfen ihn beim Erklingen des „Kerwemarsches“. Man erkennt sie an den unifarbenen T-Shirts mit entsprechendem Strauß-Aufdruck und Jahreszahl. Die Farbe der Shirts für Hannes- und Straußjugend sowie der Bänder am Strauß werden jedes Jahr neu festgelegt. Auch die Straußjugend darf noch nicht in die Hannesbude.
Aussetzer Diese gehören formell zur Kirmesjugend, aber ohne Aufgabe. Sie tragen während der Kirmes graue Shirts.
Zugucker bei der Hannesjugend Im Alter von 19 Jahren wird man „Zugucker“ beim Hannes, d. h. man darf die Hannesbude betreten und beim Hannesbau zuschauen.
Hannesjugend Mit 20 Jahren ist man in der Hannesjugend. Auch diese benötigt eine Scheune bzw. Garage oder einen Keller als „Hannesbude“. Ihnen obliegt das Anfertigen des „Quetschehannes“. Zur Hannesbude haben Jüngere keinen Zutritt. Auch die Hannesjugend trägt unifarbene Shirts mit Hannes-Aufdruck und Jahreszahl.
Der Kerwepräsident Die Hannesjugend wählt am Samstag des Wochenendes vor der Kirmes (ugs. Besäufnis oder Kerb antrinken bezeichnet) aus ihren Reihen den Kirmespräsidenten. Dieser trägt den Hannes beim Umzug und lenkt die Geschicke der Kirmes. Ihm allein obliegt auch das Rufen der Kirmesparole. Im Jahre 2001 war zum ersten Mal eine Kirmespräsidentin „an der Macht“. Zum Kerwepräsident gewählt zu werden ist eine hohe Auszeichnung, da man es – im Gegensatz zur Politik – nur einmal im Leben werden kann.
Die ehemaligen Präsidenten Diese erkennt man am blauen Poloshirt, auf welchem das Jahr ihrer Präsidentschaft und ggf. ihr Spitzname aufgedruckt sind.
Der Kirmes- oder Kerwewirt Die beiden Wirte des Ortsteils Biebernheim wechselten sich bei der Ausrichtung der Quetschekerb ab. Nach der Schließung des Gasthauses "Zur Linde" richtet der Wirt des Landgasthofs "Zum Rebstock" die Quetschekerb aus.
Die Kerwebibel mini|Ausschnitt aus der Kerwebibel 1947 Schon sehr früh hat es sich eingebürgert, Vorkommnisse, Klatsch und Tratsch, während der Kerb in einem dicken Buch (der Kerwebibel) niederzuschreiben (daher existieren noch einige sehr alte Exemplare). Dies erfolgt in Form einer Anklageschrift: Es gibt eine Anklage, eine Verteidigung und ein Urteil, den Quetschehannes betreffend. Da wird der Hannes formell angeklagt, daran schuld zu sein, dass z. B. das Bier zu warm und vielleicht die Preise für Getränke zu hoch waren. Zu seiner Verteidigung werden z. B. angeführt, dass er für Spaß und gutes Wetter während der Kerb gesorgt habe. Immer lautet das Urteil jedoch „schuldig“.
Die Vorkommnisse der aktuellen Kerb werden dienstags im Backes (dem Biebernheimer Backhaus) von der Hannesjugend niedergeschrieben und abends vor der Verbrennung des Quetschehannes am Scheiterhaufen öffentlich verlesen.
Die Stampf- und Ornamentplatte mini|Die Ornamentplatte Zum 125. Geburtstag vom Quetschehannes 2007 wurden auf dem Dorfplatz „An der Bach“ eine Stampfplatte und eine Ornamentplatte aus Metall in den Boden eingelassen. Die Stampfplatte hat den Zweck, Schäden am Straßenpflaster durch das heftige Aufstampfen des Kerwestraußes (wie in der Vergangenheit oft geschehen) zu verhindern.
Der Ablauf Ab Mitte/Ende Juli: die Buden Wie schon erwähnt, treffen sich Jugendliche ab Mitte/Ende Juli in den Buden, um den Strauß und den Hannes fertigzustellen.
Ein Wochenende vor der Kerb Samstags versammelt sich die Kerwejugend in den Buden. In der Hannesbude wird von der Hannesjugend in einem höchst demokratischen Verfahren und unter Zuhilfenahme von Bier bzw. Wein aus ihren Reihen der Kerwepräsident gewählt. Ist diese Wahl abgeschlossen, wird der neue Kerwepräsident ungeachtet der vorgerückten Stunde lautstark bekannt gegeben und von Jugendlichen der Hannesjugend auf den Schultern durchs Dorf zur Straußbude getragen, wo dann ausgelassen gefeiert wird.
Am Freitag vor der Kerb: das Kerb-Antrinken Die Kerwejugend versammelt sich in den Buden und genießt das u. a. von dem Kerwewirt und ggf. auch anderen Personen gestiftete Bier.
Am Kerwesamstag: der Festkommers Am Samstag des Kirmeswochenendes findet ab 20 Uhr der Festkommers im Festzelt mit Musik und Tanz statt. Eröffnet wird dieser durch die Übergabe des „Präsidentenamtes“ von dem alten an den neuen Kerwepräsidenten. Ein besonderes Ereignis ist „der erste Kerwemarsch für die Kerb“ um Mitternacht. Im Zelt steht allerdings nur der Strauß, da der Hannes erst sonntags die Bühne betritt.
Kirmessonntag mini|Kirmesumzug 2012 Der Sonntag beginnt mit einer Kranzniederlegung der Kirmesjugend am Ehrenmal. Seit dem 125. Geburtstag des Quetschehannes 2007 hat es sich eingebürgert, dass danach im Festzelt ein ökumenischer Gottesdienst stattfindet und im Anschluss daran der Frühschoppen genossen wird. Um 15 Uhr beginnt der große Festumzug durch Biebernheim mit Musikkapelle. Der erste Weg führt zum Haus des Kerwepräsidenten, von wo der Quetschehannes abgeholt wird „...an der Statt, da er geboren ward..“. Danach führt der Umzug durch das Dorf und sobald der Kerwemarsch erklingt, stampft die Straußjugend den Strauß und der Hannes tanzt auf den Schultern des Kerwepräsidenten in den Reihen der Kerwejugend um den Strauß. Der Umzug endet im Festzelt, wo dann Kaffee und Quetschekuchen und vielleicht auch schon das eine oder andere alkoholische Getränk seine Abnehmer finden. Der Hannes wird dort an einem erhöhten Platz fest gemacht, damit er seine Gemeinde im Blick hat. Abends ist dann wieder Musik und Tanz im Festzelt, wobei die Musiker natürlich oft den Kerwemarsch erklingen lassen. Dies ist dann das Zeichen für die Kerwejugend, unter viel Gejohle mit Hannes und Strauß auf der Tanzfläche zu erscheinen. Um Mitternacht werden der Hannes und der Strauß „schlafen gebracht“. Das Ende dieses Abends zieht sich, wie auch samstags, oft in die frühen Morgenstunden des folgenden Tages hinein.
Am Kerwemontag tagsüber: der traditionelle Frühschoppen