miniatur|Das goldene Liktorenbündel (fascio littorio) auf der schwarzen Parteifahne der Faschisten. Das „römische“ Bündel mit seitlichem Beil wurde 1923 bis 1943 genutzt miniatur|Das goldene Liktorenbündel auf der Kriegsflagge der faschistischen Sozialrepublik (RSI). Das „republikanische“ Bündel mit mittigem Beil (Hellebarde) wurde 1919–1923 und erneut 1943–1945 genutzt
Der Begriff italienischer Faschismus (, Eigenbezeichnung Fascismo, Faschismus) bezeichnet eine 1919 im Königreich Italien gegründete rechtsextreme politische Bewegung, deren politische Ideologie sowie deren diktatorische Herrschaftsformen im faschistischen Italien (1925–1943) und der faschistischen Sozialrepublik von Salò (1943–1945). Von 1921 bis 1945 wurden die Faschisten von ihrem „Duce“ (dt. Führer) Benito Mussolini angeführt.
Die Ursprünge der faschistischen Bewegung liegen in den am 23. März 1919 gegründeten Fasci italiani di combattimento (dt. Italienische Kampfbünde), die 1921 zum Partito Nazionale Fascista (kurz PNF, dt. Nationale Faschistische Partei) umgewandelt wurden. Nach dem sogenannten Marsch auf Rom 1922 bildeten die Faschisten eine Koalitionsregierung mit Konservativen und Nationalisten mit Mussolini als Ministerpräsidenten. Ab dem 3. Januar 1925 errichteten die Faschisten in Italien eine Einparteiendiktatur. Die Periode von 1922 bis 1943 wird in Italien als ventennio fascistaElisabetta Brighi: Foreign Policy, Domestic Politics and International Relations. The case of Italy. Routledge, Abingdon (Oxon)/New York 2013, Kapitel Italian foreign policy. The fascist ‘ventennio’ (1922–1943), S. 67–90. („die zwei Jahrzehnte des Faschismus“) oder ventennio nero („die zwei schwarzen Jahrzehnte“) bezeichnet.Claudio Fogu: «Italiani brava gente». The legacy of fascist historical culture on Italian politics of memory. In: Richard Ned Lebow u. a.: The Politics of Memory in Postwar Europe. Duke University Press, Durham (NC)/London 2006, S. 147–176, hier S. 147.
Die imperialistische Außenpolitik der Faschisten führte zu einer Reihe von militärischen Interventionen Italiens in Afrika (Libyen, Somaliland, Eritrea, Äthiopien) und auf dem Balkan (Korfu-Zwischenfall, Albanien, Griechenland, Jugoslawien). Darüber hinaus unterstützte das faschistische Italien 1936 bis 1939 militärisch massiv die Nationalisten Francisco Francos im Spanischen Bürgerkrieg (Corpo Truppe Volontarie) und beteiligte sich als Verbündeter des Dritten Reiches am Zweiten Weltkrieg (Westfeldzug, Afrikafeldzug, Ostafrikafeldzug, Krieg gegen die Sowjetunion).
Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 reduzierte sich infolge der alliierten Invasion das Einflussgebiet des italienischen Faschismus auf die vom Dritten Reich abhängige faschistische Sozialrepublik (informell auch Republik von Salò), in welcher der Partito Fascista Repubblicano (kurz PFR, dt. Republikanisch-Faschistische Partei) die Einparteiendiktatur fortführte. 1945 endete der Faschismus in Italien mit der Befreiung durch die Alliierten.
Der italienische Faschismus galt als Modell für ähnliche Bewegungen, Parteien und Organisationen in verschiedenen Staaten und Regionen Europas, auch für den in Deutschland im Jahr 1933 zur Macht gelangten und bis 1945 herrschenden Nationalsozialismus.
Aktuelle Einordnungen und Tendenzen der Forschung 179px 155px Die wichtigsten Ideologen des italienischen Faschismus:Links: Benito Mussolini (1930), Begründer und TheoretikerRechts: Giovanni Gentile (1930), bedeutendster Theoretiker mini|Benito Mussolini auf einem Propagandaplakat Die Literatur über den italienischen Faschismus hat eine außerordentliche Vielfalt konkurrierender, einander häufig in fundamentalen Fragen widersprechender Deutungen hervorgebracht. Eine allgemein akzeptierte Einordnung des Faschismus auch nur in seiner italienischen Variante gibt es nicht; die Reichweite der einzelnen Hypothesen beschränkt sich durchweg auf bestimmte historiographische Schulen. Der amerikanische Faschismusforscher Stanley G. Payne unterscheidet 13 verschiedene Lesarten, von denen zwölf den italienischen Faschismus als Teil einer Gattung politischer Regime und Bewegungen diskutieren, während eine den Faschismusbegriff nur für Italien gelten lässt.Siehe Stanley Payne: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung, Wien 2006, S. 537–560. Die zuletzt genannte Interpretationslinie war international immer eine Randposition, in der deutschsprachigen Forschung aber lange Zeit vorherrschend, wo (außerhalb der marxistischen Diskussion) nur wenige Historiker mit einem vergleichenden Faschismusbegriff gearbeitet haben, darunter etwa Wolfgang Schieder. Außerdem spielt der italienische Faschismus in verschiedenen politikwissenschaftlichen Modellen – klassisch etwa in den Debatten über Autoritarismus und Totalitarismus oder in einigen Modernisierungstheorien – eine Rolle, die ihrerseits wieder auf Fragestellungen der Geschichtswissenschaft ausstrahlen. Dabei werden die für die Politikwissenschaft typischen Merkmalskataloge und Definitionen von einigen Historikern als methodische Grundlage akzeptiert, während andere – insbesondere jene, die den wissenschaftlichen Wert der Totalitarismustheorie bezweifelnEine Kritik der Totalitarismustheorie durch einen führenden Faschismusforscher findet sich in Richard J. B. Bosworth: Explaining Auschwitz and Hiroshima. History Writing and the Second World War 1945–1990, London/New York 1993, passim. – die „barocken“Bosworth: Mussolini, London 2010, S. 263. Versuche, durch das Addieren formaler oder ideologischer Merkmale zu einer hinreichenden Bestimmung des Faschismus zu gelangen, mit Skepsis betrachten. Zudem wird die wissenschaftliche Debatte – nicht nur in Italien – bis in die jüngste Zeit mitunter sehr stark von geschichtspolitischen Überlegungen überformt: So führen die seit den 1980er Jahren andauernden Versuche konservativer italienischer Historiker und Politologen, den Faschismus „in die akzeptable Nationalgeschichte einzugemeinden oder ihm zumindest eine genauso große (und manchmal größere) Legitimität zuzubilligen als der ‚antifaschistischen‘ Republik“,Giuseppe Finaldi: Mussolini and Italian Fascism, Harlow 2008, S. 15. notwendig zu anderen Fragestellungen und Folgerungen als das Festhalten an dem Standpunkt, dass der Faschismus ein „zutiefst inhumanes, antidemokratisches und reaktionäres politisches Regime“Finaldi: Mussolini and Italian Fascism, S. 15. gewesen ist.
Nach dem Abflauen älterer Kontroversen (etwa über die Frage, ob der Faschismus als „modern“ oder „antimodern“ einzuordnen istSiehe dazu zusammenfassend Philip Morgan: Fascism in Europe, 1919–1945, Routledge, London/New York 2003, S. 190–194.) hat sich in den letzten Jahrzehnten in erster Linie die grundsätzlich unterschiedliche Bewertung der Selbstzeugnisse des Faschismus als Trennungslinie in der Forschung erwiesen. Diese Auseinandersetzungen wurden durch den sogenannten linguistic turn, der in den 1990er Jahren große Teile der Geschichtswissenschaft erfasste, zugespitzt, haben aber ältere Wurzeln. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob Ideen und Ideologien oder aber gesellschaftliche Verhältnisse bzw. Herrschafts- und Abhängigkeitsstrukturen im Zentrum der Analyse zu stehen haben. In der neueren Literatur zum italienischen Faschismus konkurrieren Ansätze, die die Rhetorik, die ideologischen Dokumente, Rituale und öffentlichen Erklärungen des Regimes – etwa hinsichtlich seines „totalitären“ und „revolutionären“ Charakters – in den Mittelpunkt des Interesses rücken, mit solchen, die den faschistischen „Propagandastaat“Richard J. B. Bosworth: Mussolini’s Italy. Life under the Dictatorship 1915–1945, London 2006, S. 6. in eine umfassende politische Sozialgeschichte einbetten und es ablehnen, die „Rhetorik des Regimes zu betrachten und von da aus zu Schlüssen über Regime, Volk, Konsens oder was auch immer“ zu kommen.
Die erstgenannte Richtung wurde zuletzt vor allem von Historikern vertreten, die den Faschismus als „politische Religion“ auffassen, darunter führend von Emilio Gentile und Roger Griffin. Die wesentlichen Beiträge dieser Schule erscheinen seit 2000 in der Zeitschrift Totalitarian Movements and Political Religions (seit 2011 Politics, Religion & Ideology). Obwohl dieser Ansatz von namhaften Historikern abgelehnt wird, haben Griffin und Gentile mehrfach den Anspruch erhoben, einen „neuen Konsens“ der Forschung formuliert zu haben. Sie betrachten den Faschismus als ideologisch angetriebenen, revolutionären „palingenetischen Ultranationalismus“ und bescheinigen ihm eine zumindest versuchte „anthropologische Revolution“.Zuletzt in deutscher Sprache Griffin, Roger: Palingenetischer Ultranationalismus. Die Geburtswehen einer neuen Faschismusdeutung, in: Thomas Schlemmer, Hans Woller (Hrsg.): Der Faschismus in Europa. Wege der Forschung, München 2014, S. 17–33. Siehe auch den Beitrag von Gentile im gleichen Band, Emilio Gentile: Der „neue Mensch“ des Faschismus. Reflexionen über ein totalitäres Experiment, S. 89–106. Diese Historiker sehen in dem vom faschistischen Regime beschworenen „Totalitarismus“ keine rhetorische Fiktion, sondern eine zumindest partielle Wirklichkeit eigenen Rechts. Zu vergleichbaren Ergebnissen für den Bereich der „faschistischen Kultur“ kommen die Arbeiten, die sich seit den 90er Jahren aus Ansätzen der cultural studies entwickelt haben, ohne jedoch immer direkt an die Überlegungen zu den politischen Religionen anzuschließen.
Methodik und Ergebnisse der Griffin/Gentile-Schule sowie der poststrukturalistischen „Diskursanalyse“ wurden von Vertretern einer politischen Sozialgeschichte des italienischen Faschismus wiederholt kritisiert. Hierbei hat sich insbesondere der australische Historiker Richard Bosworth profiliert, der mehrere maßgebliche Arbeiten zum italienischen Faschismus vorgelegt und 1998 erstmals auf die „seltsame Allianz“Richard J. B. Bosworth: The Italian Dictatorship. Problems and perspectives in the interpretation of Mussolini and Fascism, London 1998, S. 127. zwischen der konservativen, selbstbewusst „anti-antifaschistischen“ italienischen Historikergruppe um Renzo De Felice und Emilio Gentile und ideengeschichtlich arbeitenden Faschismusforschern poststrukturalistischer Provenienz hingewiesen hat. Im Zentrum von Bosworths Kritik stand wiederholt die weitgehende Akzeptanz und „wörtliche“Bosworth: Italian Dictatorship, S. 21. Auslegung der ideologischen, in sich selber zutiefst widersprüchlichen Selbstzeugnisse des Faschismus, durch die, so Bosworth, diese Historiker im Extremfall „nur leichtgläubig das berichten, was der Faschismus verlautbarte, statt kritisch zu untersuchen, was das wirklich bedeutete.“Bosworth: Italian Dictatorship, S. 27. Bosworth konstatiert vor dem Hintergrund seiner eigenen Forschungen dagegen einen „gähnenden Abgrund zwischen dem, was nach faschistischer Lesart zählte, und dem, worauf es wirklich ankam.“ Er kritisiert die „kulturalistischen“ Ansätze nicht zuletzt als bewussten Versuch, den sozialen und politischen Inhalt des Faschismus auszublenden:
„Eine andere Implikation dieser ‚kulturalistischen‘ Annäherung an Mussolinis Regime war, dass der Faschismus am besten als klassenübergreifendes Phänomen zu verstehen sei. Faschistische Kultur, Faschismus als ‚politische Religion‘ – das war die Quadratur des Kreises gegen die traditionellen marxistischen Behauptungen, dass der Faschismus eine Klassenrealität und ein Klasseninteresse repräsentierte, und dass, in Horkheimers berühmten Worten, der, der ‚vom Kapitalismus nicht reden will, vom Faschismus schweigen soll‘.“Bosworth: Italian Dictatorship, S. 24.
John F. Pollard, der zum Verhältnis des faschistischen Regimes zur Kirche geforscht hat, betonte 2005 gegen Griffin/Gentile den instrumentellen Charakter gerade der „religiösen“ Aspekte des Regimes: