Suling, auch seruling (indonesisch „Flöte“), bezeichnet mehrheitlich längs geblasene Flöten und einige Querflöten aus Bambus, die im Malaiischen Archipel von Malaysia und Indonesien bis zu den südlichen Philippinen gespielt werden. Eine Längsflöte mit Außenkernspalte ist das einzige Blasinstrument im gamelan von Java und Bali und gehört in Westjava zu mehreren kammermusikalischen Ensembles. In einigen Regionen Nordsumatras ist die suling eine kurze Querflöte, in Aceh wird eine dünne, suleng genannte Längsflöte gespielt. Mehrere, überwiegend lange Längsflötentypen der Minangkabau in Westsumatra heißen saluang. In Südsulawesi kommen quer geblasene suling vor. In Malaysia sind die suling-Typen ebenfalls überwiegend Querflöten, die suling von Mindanao sind den javanischen Längsflöten ähnlich. mini|hochkant=1.5|Javanische suling mit Außenkernspalte (Bandflöte, englisch ring flute). Links: äußerer Windkanal und Schneidenkante durch Ring überdeckt.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Lange suling in einem javanischen gamelan. Aufnahme des Musikethnologen und gamelan-Spielers Ernst Heins, 1966 Bambusflöten sind in Südostasien weit verbreitet und kommen in zahlreichen Varianten bis in die Musik Neuguineas vor. Allein die Universität der Philippinen besitzt eine Sammlung von mehreren Dutzend verschiedenen Bambusflöten des Landes, zu denen die vielen einheimischen Sprachgruppen über 50 Namen geprägt haben; neben suling unter anderem paldong, palendag, kalaleng, lagtuban, lantoy, ongiyong, plawta, taladi, tappang, tongale und bansi.José Maceda: In Search of a Source of Pentatonic Hemitonic and Anhemitonic Scales in Southeast Asia. In: Acta Musicologica, Band 62, Fasc. 2/3, Mai–Dezember 1990, S. 192–223, hier S. 196 Zur höfischen Musik und Volksmusik von Kambodscha und Thailand gehört die längs geblasene Bambusflöte khlui mit Kernspalt.
In Indonesien ist der vermutlich häufigste Flötentyp die längsgeblasene Bambusflöte mit Außenkernspalte (Bandflöte), die neben Java und Bali auch in Sulawesi üblich ist. Mehrheitlich zum selben Typ gehört die saluang in Sumatra. In Sulawesi, Sumatra und anderen Inseln kommen daneben auch Kernspaltflöten mit innerem Kernspalt vor. Lediglich regional verbreitet sind Nasenflöten und Panflöten, letztere im Norden Myanmars, in Thailand,Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. Georg Reimer, Berlin 1915, 2. Aufl. 1923, S. 145 Westjava, Flores, Timor und Neuguinea. Querflöten sind wenig bekannt, sie werden hauptsächlich von den Toraja in Südsulawesi und von Batak-Gruppen in Nordsumatra gespielt.Philip Yampolsky: Indonesia. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2001, S. 287
In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten prägten indische Händler und Missionare einen bis heute spürbaren Einfluss auf die Kultur Südostasiens. Der indische Einfluss auf das mittelalterliche Reich der Khmer im heutigen Kambodscha und das Sailendra-Reich auf Java ist für den Bereich der Musik nur an relativ wenigen Musikinstrumenten erkennbar, die auf Reliefs in Angkor und am Borobudur (8. Jahrhundert) abgebildet sind. Hierzu zählen in Angkor die verschwundene Bogenharfe pin (von Sanskrit bin, vina), die Stabzither kse diev, das Schneckenhorn saing (von shankh) und Sanduhrtrommeln. Auffällig ist das heute fast völlige Fehlen von Querflöten, die an mittelalterlichen indischen Tempeln häufig abgebildet sind und in der indischen Musik einen bedeutenden Platz einnehmen (Sanskrit vamsha, bekannt als bansuri).Roger Blench: EURASEAA, Bougon, 26. September 2006, S. 3–6 In der hindu-javanischen Periode (bis zum 15. Jahrhundert) wurden an zahlreichen javanischen Tempelreliefs Querflöten abgebildet. In der damaligen Literatur tragen diese Flöten aus Indien stammende Namen wie wangsi, bangsi und wenu. Das Wort suling ist erstmals 923 literarisch belegt, wobei unklar ist, ob eine Querflöte oder eine Längsflöte gemeint war.Jaap Kunst, 1973, S. 237
Einige auf den Philippinen vorkommende Querflöten stammen aus der spanischen Kolonialzeit und eine weitere Querflöte auf der ostindonesischen Insel Ambon ist ebenfalls ein Produkt der Christianisierung.Roger Blench: Draft, 15. Oktober 2009, S. 10 Ein gemeinsamer Ursprung der in einer Vielzahl von Formen und Spielweisen vorkommenden Flöten, deren Namen suling oder ähnlich lautet, ist nicht auszumachen.
Bambusflöten werden in Südostasien in der höfischen und der dörflichen Unterhaltungsmusik sowie in der Zeremonialmusik gespielt. Zur höfischen Musik gehören vor allem Metallophone und Gongs aus Bronze. Musikinstrumente aus Bambus werden dagegen vorzugsweise in ländlichen Gebieten hergestellt und gespielt. Zu ihnen zählen idiochorde Röhrenzithern (wie die sasando), Stampfrohre, Schlitztrommeln, Gefäßrasseln, Gleitrasseln (wie das angklung), das westjavanische Röhrenxylophon calung, Klappern, Maultrommeln und Rohrblattinstrumente.José Maceda: A Search for an Old and a New Music in Southeast Asia. In: Acta Musicologica, Band 51, Fasc. 1, Januar–Juni 1979, S. 160–168, hier S. 163
Bauform und Spielweise Zentral- und Ostjava mini|Außenkernspaltflöte, auch Bandflöte, ring flute, mit dem von der Anblaskante abgezogenen Rotangring. Aufnahme vor 1910. Die javanische und balinesische suling ist eine am unteren Ende offene Längsflöte, die zu den Außenkernspaltflöten zählt. Das obere Ende ist durch einen Knoten (Nodium, indonesisch ros) verschlossen. An diesem Knoten wird an der Außenseite ein schmaler Splitter und am unmittelbar anschließenden Rohr eine fünf Millimeter lange, rechteckige Öffnung ausgeschnitten. Die dem Knoten gegenüberliegende Kante der Öffnung wird an der Innenseite angeschrägt. Ein über den ausgeschnittenen Streifen und die Öffnung gezogener Ring aus Bambusfasern oder Rotang lenkt die Blasluft nach dem Prinzip der Bandflöten durch die Spalte an der unteren Kante der Öffnung vorbei in die Röhre.Bandflöte suling, Sunda. Dia- und Lehrmitteldatenbank, Universität Wien (Foto der Anblaskante einer Bandflöte) Das Tonerzeugungsprinzip der Bandflöte kommt auch bei der burmesischen Bambusflöte palwei vor und ähnelt demjenigen der seltenen Doppelquerflöten (in Indien surpava).Vgl. Kunz Dittmer: Zur Entstehung der Kern-Spaltflöte. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 75, 1950, S. 83–89
Die javanischen suling sind nach der Tonart (meist sléndro oder pélog) und nach der Spielweise, in der sie verwendet werden, gestimmt und benannt. In Zentral- und Ostjava ist die suling 45 bis 52 Zentimeter lang und besitzt einen Durchmesser von 1,55 Zentimetern. Die suling sléndro kommt mit vier bis fünf Fingerlöchern aus, die suling pélog hat um das ehemalige Fürstentum Surakarta und weiter östlich fünf Fingerlöcher sowie um Yogyakarta und westlich sechs Fingerlöcher. Steht keine suling sléndro zur Verfügung, kann das zweite und fünfte Loch einer suling pélog mit sechs Fingerlöchern geschlossen werden. Hierdurch lässt sich bei entsprechender Übung der Tonvorrat einer sléndro-Stimmung erzeugen. Ein dritter Typ der suling auf Java ist die suling reog, welche in einem kleinen Ensemble die Reog genannten Tanzspiele mit Masken begleitet. Die suling reog ist kürzer und dicker als die anderen Flöten und besitzt drei Fingerlöcher.Jaap Kunst, 1973, S. 234, 237 Eine ebenfalls suling genannte Querflöte mit sechs Fingerlöchern wurde nur in der Musik der zentral- und ostjavanischen Militärkapellen (prajurit-Musik) an den Fürstenhöfen gespielt, in Yogyakarta zusammen mit dem seltenen, konischen Einfachrohrblattinstrument puwi-puwi.Jaap Kunst, 1973, S. 239
Gamelan bezeichnet eine Vielzahl von Ensembles der höfischen Musik der Städte sowie der städtischen und dörflichen rituellen Musik, in denen generell Buckelgongs aus Bronze, Metallophone, Trommeln, Saiteninstrumente, Xylophone, Gesangsstimme und als einziges Blasinstrument eine Flöte vorkommen können. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist auf Java in der höfischen Unterhaltungsmusik die Kombination eines in sléndro und eines in pélog gestimmten gamelan üblich. Ein gamelan sléndro-pélog (oder gamelan seprangkat), das einen kompletten Instrumentensatz in beiden Tonarten enthält, besitzt also mindestens zwei Exemplare in jeder Größe eines Instrumententyps. Die in Zentraljava außer den Schlaginstrumenten und der Zither celempung mitwirkenden Melodieinstrumente, die einen Dauerton produzieren, sind einzig die zweisaitige Stachelgeige rebab (namensverwandt mit der orientalischen rabāb) und die suling.Margaret J. Kartomi: Gamelan, § I: Southeast Asia. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 2. Oxford University Press, Oxford / New York 2014, S. 380, 382
Eine andere Einteilung der Instrumente erfolgt nach der Klangqualität in laut klingende Instrumente aus Bronze (Metallophone saron und slenthem, Gongreihe bonang) und in eine zweite Gruppe, die aus leise klingenden Instrumenten besteht. Hierzu gehören neben Gesangsstimmen das Metallophon gender, das Trogxylophon gambang, die celempung, die rebab und die suling. Die laut klingenden Orchester, die auch Doppelrohrblattinstrumente (In Westjava tarompet, in Zentral- und Ostjava selompret) verwenden, spielen im Freien bei Prozessionen und magischen Zeremonien, die leise klingenden Orchester spielen bevorzugt innen. Jede dieser beiden Instrumentengruppen sind manchmal mit den Gesangsstimmen in einem großen gamelan im Zusammenklang hörbar, ansonsten spielt im Wechsel jede Gruppe für sich. Den Anfang und Ende einer Komposition, den Basisrhythmus und Tempoänderungen im Verlauf des Spiels bestimmen die Fasstrommeln kendang. Die lauten Schlaginstrumente sorgen für den sich zyklisch wiederholenden, rhythmischen und melodischen Rahmen und produzieren die Hauptmelodie (balungan, „Gerippe“, melodisches Gerüst, das in einer einzelnen Melodielinie im Oktavabstand von mehreren Metallophonen gespielt wird), während suling, rebab und Gesangsstimmen mit ihrer Fähigkeit, anhaltende Töne zu produzieren, die Hauptmelodie umspielen und den linear-musikalischen Fluss der Zeit gewährleisten.Henry Spiller: Focus: Gamelan Music of Indonesia. Taylor & Francis, Abingdon 2008, S. 71 Die Hauptmelodie bildet das zentrale Ordnungsprinzip der javanischen Musik allgemein; sie wird schichtweise durch die melodischen Ergänzungen anderer Instrumente zu einem heterophonen Gesamtklang aufgebaut. Dieses ausschmückende musikalische Element, bei dem eine gewisse Freiheit zur Improvisation besteht, heißt garap (wörtlich „arbeiten“) als Gegensatz zu balungan. Die suling zählt zu den garap-Instrumenten.Marc Perlman: The Social Meanings of Modal Practices: Status, Gender, History, and Pathet in Central Javanese Music. In: Ethnomusicology, Band 42, Nr. 1, Winter 1998, S. 45–80, hier S. 49, 74 Sie spielt gewisse melodische Phrasen, die rhythmisch in die von der Buckelgongreihe kenong und den großen Hängegongs vorgegebenen, musikalischen Hauptereignissen eingebettet sind.Henry Spiller, 2008, S. 85