Der Anton Dohrn Seamount (auch Anton-Dohrn-Kuppe genannt, ) ist ein Guyot (Tiefseekuppe) im Norden des Rockall-Trogs im Nordost-Atlantik westlich der Hebriden. Entdeckt wurde die Erhebung am 22. September 1958 vom Vermessungsschiff Gauß im Rahmen des Polarfront-Programms während des Internationalen Geophysikalischen Jahres (1957/58) und am 18./19. April 1959 vom Fischerei-Forschungsschiff FFS Anton Dohrn erstmals detailliert vermessen, nach dem sie auch benannt wurde. Das Schiff selbst trug den Namen des deutschen Zoologen Anton Dohrn (1840–1909), des Gründers der Zoologischen Station Neapel. Der Seamount liegt etwa 150 km östlich von Rockall bei etwa 57° 30′ N, 11° 00′ W in der ausschließlichen Wirtschaftszone des Vereinigten Königreichs. Er ist einer von drei großen Seamounts in schottischen Gewässern – neben der Rosemary Bank und dem Hebrides Terrace Seamount.

Der Fuß des Seamounts liegt etwa 2.100 Meter unter dem Meeresspiegel, der höchste Punkt etwa 600 Meter. Sein Durchmesser beträgt etwa 40 Kilometer. Das Gipfelplateau des Seamounts ist von einer etwa 100 Meter dicken Schicht aus Sedimentablagerungen bedeckt. Vor 70 bis 40 Millionen Jahren traten regelmäßige vulkanische Aktivitäten auf.O’Connor, Stofferes, Wijbrans, Shannon and Morrissey (2000). , Nature 408, 954–958.

Ein ausgeprägter Konturitgraben (moat) umgibt den gesamten Seamount und vertieft sich von rund 2195 m im Nordwesten auf rund 2300 m im Südosten.

Geologie

Der Anton-Dohrn-Seamount besteht überwiegend aus basaltischer Lava und Tuffstein, die einen vulkanischen Kern mit niedrigen seismischen Geschwindigkeiten (3,69 km/s) bilden und bis in Tiefen von über 1500 m unter dem Gipfelplateau reichen. Das Plateau selbst ist eine ausgedehnte Erosionsfläche bei rund 800 m unter dem Meeresspiegel, die von einer dünnen (~100 m) Sedimentschicht bedeckt wird.E. J. W. Jones, Ruth Siddall, Matthew F. Thirlwall, Peter Neil Chroston, Adrian J. Lloyd (1994): Anton Dohrn Seamount and the evolution of the Rockall Trough. In: Journal of the Geological Society. Band 151 (1994), Ausgabe 3, S. 231–244. Das Vorhandensein oberkretazischer Sedimente und die Nd- und Pb-Isotopenverhältnisse der Basalte deuten darauf hin, dass der Seamount mit einer prä-Island-Plume-Phase des Vulkanismus in Verbindung steht – einer Magmatismusphase, die der Hauptentwicklung des Island-Hotspots vorausging.M. S. Stoker, K. Hitchen (2003): The Rockall-Porcupine Margin. In: Jürgen Mienert, Philip Weaver (Hrsg.): European Margin Sediment Dynamics. Springer, New York, 2003, S. 161–172. ISBN 978-3-540-42393-5.

Der Guyot-Charakter – ein flaches, abradiertes Gipfelplateau – lässt darauf schließen, dass der Seamount einst bis nahe an den Meeresspiegel oder darüber hinaus ragte und anschließend durch Wellenerosion und thermische Subsidenz auf seine heutige Tiefe absank.

Ozeanographie

Der Anton-Dohrn-Seamount liegt im Zentrum des nördlichen Rockallgrabens und bildet ein markantes topographisches Hindernis für die Durchströmung des Grabens. Die Anton-Dohrn-Sektion – ein hydrographischer Standardschnitt von Barra Head über den Seamount nach Rockall – wurde seit 1975 regelmäßig befahren und liefert eine der längsten ozeanographischen Zeitreihen des subpolaren Nordostatlantiks.N. Penny Holliday, Raymond T. Pollard, Jane F Read, Harry Leach (2000): Water mass properties and fluxes in the Rockall Trough, 1975–1998. In: Deep-Sea Research I. Band 47 (2000), Ausgabe 7, S. 1303–1332. DOI:10.1016/S0967-0637(99)00109-0.

Die Umströmung des Seamounts begünstigt wahrscheinlich die Bildung eines Taylor-Säulen-Systems – einer geschlossenen, rezirkulierenden Strömungsstruktur über dem Gipfel –, das Nährstoffe und Plankton über dem Seamount konzentrieren und so eine erhöhte Primärproduktion ermöglichen kann.David A. Booth (1988): Eddies in the Rockall Trough. In: Oceanologica Acta. Band 11 (1988), Ausgabe 3, S. 213–219. PDF.Martin White, Igor Bashmachnikov, Javier Arístegui, Ana Martins (2008): Physical processes and seamount productivity. In: Tony J. Pitcher, Telmo Morato, Paul J. B. Hart, Malcolm R. Clark, Nigel Haggan, Ricardo S. Santos (Hrsg.): Seamounts: Ecology, Fisheries and Conservation. Blackwell, Hoboken, New Jersey, 2008, S. 62–84. DOI:10.1002/9780470691953.ch4. Zyklonale Wirbelablösungen vom Seamount könnten zusätzlich zum Transport von Biomasse in die Umgebung beitragen.

Ökologie

Davies et al. (2015) kartierten in einer umfassenden Studie auf der Nordwest- und der Südostflanke des Seamounts 13 benthische Biotope in Tiefen von 530 bis über 2000 m und identifizierten zehn davon als Vulnerable Marine Ecosystems (VME):Jaime S. Davies, Heather A. Stewart, Bhavani E. Narayanaswamy, Colin Jacobs, John Spicer, Neil Golding, Kerry L. Howell (2015): Benthic assemblages of the Anton Dohrn Seamount (NE Atlantic): Defining deep-sea biotopes to support habitat mapping and management efforts with a focus on vulnerable marine ecosystems. In: PLOS ONE. Band 10 (2015), e0124815. DOI:10.1371/journal.pone.0124815.

Kaltwasserkorallenriffe: Lebende Desmophyllum pertusum- (Lophelia pertusa-)Dickichte wurden auf dem Gipfel bei 747–791 m dokumentiert. Das Solenosmilia variabilis-Riff bildet zwei getrennte Biotope auf der Nordwest- und Südostflanke in Tiefen von 1267 bis 1763 m – eines der ausgedehntesten bekannten Vorkommen dieser tieflebenden Art im Nordostatlantik.

Korallengärten: Stylasterid-Korallengärten auf Kieselsubstrat bei 810 m; Bambuskorallen- und Schwarzkorallen-Gärten (Lepidisis sp., Parantipathes sp., Keratoisis sp.) auf Felssubstrat in 1542–1770 m; gemischte Korallengärten mit Solenosmilia variabilis, Anthomastus grandiflorus und Bambuskorallen in 1076–1598 m. Becherkorallenfelder (Caryophyllia sp.) mit Xenophyophoren und Seefedern auf Kiesel- und Weichsubstrat in 1367–1768 m.

Xenophyophoren-Aggregationen: Syringammina fragilissima dominiert zwei Biotope – eines auf gemischtem Substrat bei 1076–1544 m (mit Schlangensternen (Ophiuroidea) und Schwämmen) und eines auf sandig-kiesigem Substrat bei 1714–1770 m.

Serpulidaehabitate auf dem Gipfel bei 813–1016 m, assoziiert mit inkrustierenden Schwämmen und Seegurken (Holothuroidea).

Der Anton-Dohrn-Seamount wurde als das am besten vernetzte Meeresschutzgebiet im britisch-irischen MPA-Netzwerk identifiziert: Modellierungen der Larvenverdriftung von Desmophyllum pertusum zeigten, dass er sowohl der leistungsfähigste Lieferant als auch der beste Retainer von Larven ist.Rebecca E. Ross, W. Alex M. Nimmo-Smith, Kerry L. Howell (2017): Towards 'ecological coherence': Assessing larval dispersal within a network of existing Marine Protected Areas. In: Deep-Sea Research I. Band 126 (2017), S. 128–138. DOI:10.1016/j.dsr.2017.06.004.

Schutz

Der Anton-Dohrn-Seamount ist als Anton Dohrn Seamount SAC (Special Area of Conservation) unter britischem Recht geschützt, mit dem Ziel, die Kaltwasserkorallenriffe, Korallengärten, Schwammaggregate und Xenophyophoren-Gemeinschaften zu erhalten. Er liegt zudem innerhalb des West of Scotland Deep-Sea Marine Reserve (MPA).

Einzelnachweise

Weblinks WWF-Report:

Kategorie:Unterseeischer Berg Kategorie:Geographie (Atlantischer Ozean)