Die Belagerung von Rhodos war eine von 305 bis 304 v. Chr. andauernde militärische Auseinandersetzung auf der Insel Rhodos.
Als Konfrontation im vierten Diadochenkrieg gehört die Belagerung zu den historischen Ereignissen im Zeitalter der Diadochen, das auf den Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. folgte. Die weit unterlegenen Rhodier verteidigten ihre Stadt gegen einen Angriff des Demetrios Poliorketes („der Städtebelagerer“). Das Ausbleiben ihrer Erstürmung trotz der Durchbrechung ihrer drei Mauern nahmen sie zum Anlass, den Koloss von Rhodos zu errichten, eines der sieben Weltwunder.
Hintergrund
Seit dem Tod Alexanders im Jahr 323 v. Chr. befanden sich dessen Generäle, „Nachfolger“ (Diadochen) genannt, in einem unablässigen Kampf um die Vorherrschaft in dessen Weltreich. Die makedonische Königsdynastie war in sich zerstritten, die Könige Philipp III. Arrhidaios und Alexander IV. Aigos waren geistig behindert oder unmündig und deshalb regierungsunfähig. In diesen von mannigfaltigen Koalitionen geprägten Kriegen, die nur von kurzen Friedensphasen unterbrochen wurden, stritten in ihrer Frühphase die Anhänger eines auf Einheit und Erhalt bedachten Alexanderreichs gegen die Vertreter partikularistischer Interessen, welche das Reich zu ihren Gunsten aufzuteilen beabsichtigten.
Nach drei Diadochenkriegen hatten sich bis zum Jahr 311 v. Chr. fünf Diadochen eigene Herrschaftsgebiete im Raum des Alexanderreichs eingerichtet, die sie nach der Ausrottung der alten Königsfamilie faktisch als selbstständige Herrscher regierten. Dies waren Kassander in Makedonien, Ptolemaios in Ägypten, Lysimachos in Thrakien, Seleukos in Mesopotamien und schließlich Antigonos Monophthalmos, der die Regionen Kleinasien, Syrien und Palästina beherrschte. Unter den Diadochen ragte Antigonos heraus, weil er der einzig Verbliebene war, welcher einen Erhalt des Alexanderreichs anstrebte unter seiner eigenen Königsherrschaft. Im dritten Diadochenkrieg hatte Antigonos versucht, seinen Anspruch gegen die übrigen Diadochen durchzusetzen, scheiterte aber nach langwierigen ergebnislosen Kämpfen, weshalb sich die Kriegsparteien im sogenannten „Diadochenfrieden“ 311 v. Chr. auf eine allgemeine Waffenruhe einigten.
Der Frieden erwies sich allerdings als wenig standfest, als vor allem Ptolemaios ab dem Jahr 309 v. Chr. im Ägäisraum aktiv wurde und mehrere Küstenstädte Kleinasiens, die zu Antigonos gehörten, angriff. Die Folge war der Ausbruch des vierten Diadochenkrieges, der in den Konstellationen des dritten geführt wurde, also Antigonos gegen alle anderen Diadochen.
Rhodos und die Diadochen
Rhodos stand ursprünglich unter dem Einfluss des persischen Großreichs der Achämeniden und war deren Statthalter (Satrapen) von Karien tributpflichtig. Zu Beginn des Alexanderzugs 334 v. Chr. standen Stadt und Insel folglich auf der Seite des persischen Großkönigs. Nachdem sich aber nach der Schlacht bei Issos 332 v. Chr. eine dauerhafte Herrschaft Alexanders über Kleinasien abzeichnete sandte die Stadt zehn Kriegsschiffe zur Belagerung von Tyros als Zeichen der Unterwerfung, die Alexander bereitwillig annahm. Die Stadt musste eine makedonische Garnison aufnehmen, was faktisch einem Verzicht auf Unabhängigkeit und damit die Selbstbestimmung über eigene Handelseinkünfte bedeutete.Arrian, Anabasis 2, 20, 2; Curtius Rufus 4, 5, 9; Justin 11, 11, 1. Auf die Nachricht vom Tod Alexanders 323 v. Chr. wurde die Besatzung sogleich vertrieben und somit die faktische Unabhängigkeit von Rhodos begründet. Zugleich war man darauf bedacht, sich nicht in den lamischen Krieg gegen Makedonien hineinziehen zu lassen, trotz Bündnisangeboten seitens Athens, womit die Rhodier sich mit dem Sieger Antipatros in ein gutes Einvernehmen stellen und zugleich ihre Unabhängigkeit bewahren konnten.
Diodor beschrieb Rhodos als die am besten regierte Stadt der griechischen Poleiswelt zu jener Zeit, die durch freundschaftliche Beziehungen zu allen Herrschern und einem starken maritimen Engagement, besonders in der Piratenbekämpfung, zu einem hohen Grad an wirtschaftlichem Wohlstand gelangte. Besondere Sympathien hätten die Rhodier dabei wegen des lukrativen Handels zum Herrscher von Ägypten, Ptolemaios, gehegt.Diodor 20, 81, 1–4. Tatsächlich führte die Stadt seit ihrer Unabhängigkeit eine Politik des ständigen Lavierens innerhalb der Machtkämpfe der Diadochen. Vor allem war man dabei bedacht stets in einem guten Einvernehmen mit dem jeweiligen Herrscher der Provinz Karien zu stehen, dem kleinasiatischen Hinterland („rhodische Peraia“) und zugleich das Sprungbrett auf die Insel. Nach dem ersten Diadochenkrieg war man folglich mit dem Satrapen Asandros gegen die Fraktion der „Perdikkaner“ verbündet und wehrte im Spätjahr 320 v. Chr. einen Landungsversuch des Admirals Attalos ab, der ein Schwager des getöteten Regenten Perdikkas war.Arrian, Tà metà Aléxandron FGrHist 156 F11 §39. Zwar gelang den „Perdikkanern“ der Durchzug durch Karien, in der Schlacht von Kretopolis 319 v. Chr. wurden sie von Antigonos Monophthalmos aber vernichtend geschlagen. Dieser avancierte für das folgende Jahrzehnt zur zentralen Bezugsperson für die rhodische Außen- und Wirtschaftspolitik.
Zu Beginn des dritten Diadochenkriegs wurde Asandros durch Antigonos beseitigt, der somit Karien wie auch ganz Kleinasien seiner direkten Herrschaft unterwarf. Er schickte sogleich Abgesandte zu den Ägäisinseln und auf den Peloponnes um Alliierte für den Kampf gegen seine Feinde zu werben, darunter auch nach Rhodos.Diodor 19, 57, 4. Für den folgenden Krieg muss Rhodos faktisch als verbündet mit Antigonos betrachtet werden, auch wenn es stets darauf bedacht war, sich nicht direkt an den Kampfhandlungen zu beteiligen. Aber in seinen Werften ließ Antigonos einen großen Teil seiner Flotte bestellen, die seit 313 v. Chr. in der Ägäis operierte und deren Inseln zum Nesiotenbund zusammenschloss, als deren Hegemon Antigonos nun auch die Herrschaft in der Ägäis übernahm. Rhodos selbst war nicht Mitglied dieses Bundes, aber mit der zunehmenden geostrategischen Macht des Antigonos erhöhte sich auch seine Abhängigkeit von ihm. Einzig das ptolemäische Ägypten konnte noch als Alternativmacht gelten, besonders nachdem es 313 v. Chr. die Herrschaft auf Zypern übernommen hatte. Aber einstweilen musste man auf die antigonidischen Interessen Rücksicht nehmen, was 312 v. Chr. in einen förmlichen Bündnisvertrag (symmachia) mündete, indem sich Rhodos mit zehn voll ausgerüsteten Schiffen zur Beteiligung am Zug zur „Befreiung der Griechen“ des Antigonos-Neffen Ptolemaios verpflichtete.Diodor 19, 77, 3. Der Krieg endete bereits 311 v. Chr. im „Diadochenfrieden“, indem sich die Kriegsparteien in ihren Machtstellungen anerkannten.
Rhodos im Konflikt mit Antigonos
Weiter reichende Bestimmungen des Vertrags von 312 v. Chr. sind nicht überliefert, allerdings ist es nicht unwahrscheinlich, dass Antigonos die Waffenhilfe der Rhodier für den Griechenlandfeldzug nicht als eine einmalige Gefälligkeit, sondern als allgemeine Verpflichtung zur Waffenhilfe ihm gegenüber betrachtete. Rhodos seinerseits dürfte mit dem „Diadochenfrieden“ den militärischen Pakt mit Antigonos als erfüllt und beendet angesehen haben, andernfalls wären die folgenden Konflikte mit Antigonos kaum zu erklären. In den Jahren 310/309 v. Chr. zeigte Ptolemaios von Ägypten mit seiner Flotte Präsenz in der Ägäis, suchte dort eigene Positionen zu gewinnen, was freilich nur auf Kosten von Antigonos zu bewerkstelligen war. In dieser Zeit lief der gleichnamige Antigonos-Neffe mit seiner gesamten Flotten- und Heeresmacht zu ihm über, worauf die antigonidische Position in Griechenland zusammenbrach. Als Ptolemaios dann auch noch einige Angriffe auf kleinasiatische Küstenstädte führte, war der vierte Diadochenkrieg im Gang. Durch die Entsendung seines Sohnes Demetrios Poliorketes im Jahr 307 v. Chr. konnte Antigonos seinen alten Besitzstand in Griechenland wiedergewinnen und darüber hinaus vermehren, besonders durch den Einzug seines Sohnes in Athen. Im Frühjahr 306 v. Chr. gab er Demetrios schließlich den Befehl, mit ganzer Flottenmacht gegen Ptolemaios zu ziehen, mit Zypern als erstem Angriffsziel.
Von Karien kommend legte Demetrios mit seiner Flotte im Hafen der Rhodier an, um ihre materielle und personelle Unterstützung einzuholen. Die aber lehnten jede Beteiligung am Feldzug ab und begründeten dies mit ihrer allgemein neutralen Haltung, zu der sie durch ihre Verträge mit den Diadochen verpflichtet waren. Unverrichteter Dinge setzte Demetrios seine Fahrt fort und noch während er die Schlacht von Salamis schlug entsandte Antigonos eine Delegation, welche die Rhodier erneut zur Waffenhilfe gegen Ptolemaios aufforderte, die aber ebenso zurückgewiesen wurde.Diodor 20, 46, 6. Die Beweggründe für diese Verweigerungshaltung gehen aus den historischen Überlieferungen nicht eindeutig hervor. Mit den Verträgen auf die sich die Rhodier beriefen war vermutlich der „Diadochenfrieden“ gemeint, der eine Autonomie der griechischen Städte beinhaltete und der von allen Vertragspartnern und Poleis als umfassende Friedensordnung aufgefasst wurde. Bis in die moderne Forschung hinein wurde außerdem eine ökonomische Abhängigkeit zu Ägypten als ausschlaggebend für die rhodischen Motive angegeben, die allerdings quellenmäßig nicht zu untermauern ist. Tatsächlich pflegte Rhodos auch ausgezeichnete Handelsbeziehungen zu den Häfen der syrischen und kleinasiatischen Küste und natürlich zu den griechischen Städten, Gebiete also die von den Antigoniden beherrscht wurden.Siehe dazu Wiemer S. 95–96. Der Inselstaat befand sich in der außerordentlich komfortablen Position eines Hauptumschlagplatzes des Warenverkehrs zwischen Orient und Okzident, wobei es gegenüber Ägypten sogar eine Monopolstellung einnahm und daher gerade für Ptolemaios faktisch alternativlos für seine eigene ökonomische Potenz war. Von dieser Seite aus hatte man also keine ernstzunehmende Bedrohung zu erwarten, trotz der politischen Nähe zu Antigonos. Und gegenüber diesen mochte der Inselstaat sich ein Beispiel an Byzantion genommen haben, das sich im dritten Diadochenkrieg ebenfalls standhaft geweigert hatte, seine Neutralität ihm zugunsten aufzugeben, ohne dass daraus irgendwelche Nachteile erwachsen wären.Diodor 19, 77, 7; siehe dazu Wiemer S. 81.
Wer in Ägypten also regierte, konnte vom wirtschaftlichen Standpunkt aus für Rhodos egal sein, nur ein Sieg des Antigonos und die damit verbundene Bildung eines asiatischen Großreichs, ähnlich dem persisch-achämenidischen, hätte unweigerlich in die politische Abhängigkeit zu ihm geführt, was letztlich ausschlaggebend für die Verweigerungshaltung gewesen sein dürfte.Historikerfragment (wahrscheinlich Zenon von Rhodos) zum „Jahr der Könige“, P. Köln VI 247 = FGrHist 523. Die Rhodier begrüßten die Königserhebung des Ptolemaios 305 v. Chr. in Reaktion auf die des Antigonos, da sie in ihm einen beschützenden Hegemon gegenüber einer antigonidischen Großmacht sahen. Siehe dazu G. A. Lehmann: Das neue Kölner Historiker-Fragment (P. Köln Nr. 247) und die χρονιϰὴ ϲύνταξιϲ des Zenon von Rhodos (FGrHist 523), in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik Bd. 72 (1988), S. 1–17. Die Hoffnung trotzdem einer Strafexpedition entgehen zu können, wie zuvor Byzantion, stellte sich allerdings als Fehlkalkulation heraus.
Kriegsausbruch und diplomatisches Ringen