Wilhelm Vortmeyer (* 11. September 1866 in Harlinghausen, jetzt Stadtteil von Preußisch Oldendorf; † 5. Oktober 1931 in Preußisch Oldendorf) war ein deutscher Landwirt, Unternehmer und Fabrikant sowie Kommunalpolitiker und Stadtvorsteher.
Herkunft Wilhelm Vortmeyer wurde als jüngstes von vier Kindern in Harlinghausen geboren und als Heinrich Wilhelm Große Vortmeyer in das Taufregister der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Preußisch Oldendorf eingetragen. Seine Eltern entstammen einflussreichen Bauerngeschlechtern mit Höfen in den Bauerschaften Engershausen väterlicherseits und Getmold mütterlicherseits. Sein Großvater Christian Friedrich Niemeier war Anerbe in Engershausen gewesen und hatte in die Harlinghauser Stätte Harlinghausen 19, Große Vortmeyer, eingeheiratet. Wilhelm Vortmeyers Großmutter ist Clare Elisabeth Nölker aus Sehlingdorf im Landkreis Melle.
Wilhelm Vortmeyer war zunächst Landwirt; im Jahre 1900 überließ ihm sein Vater Colon Christian Heinrich Große Vortmeyer den Hof zur Bewirtschaftung, dieser starb Ende 1904. Inzwischen war Sohn Wilhelm seit 1903 gewählter Gemeindevertreter bis 1921 in seinem Heimatdorf Harlinghausen, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins sowie zunächst Brandmeister der 1907 gegründeten Freiwilligen Feuerwehr Harlinghausen.
Technische Neuerungen der Zeit nutzte er begeistert: sie reichten von der Nähmaschine, die er selbst vorführen musste, damit sie im Haushalt angenommen wurde, bis zum ersten Flitzepee in Harlinghausen, dem Veloziped; später besaß er das erste Automobil in Oldendorf – einen offenen Chrysler.
Der Unternehmer Die Entwicklung von Amt und Stadt Preußisch Oldendorf zu Lebzeiten von Wilhelm Vortmeyer ist durch ihn wesentlich mitgeprägt worden. Die Geschichte der Margarinefabrik im ersten Drittel des 19. Jhs. verdeutlicht zugleich die Wirtschaftsgeschichte dieses Raumes.Erich Tischer: Chronik der Firma Vortmeyer. Stadt Preußisch Oldendorf – Archiv.
Margarinefabrik Die Landwirte Wilhelm Vortmeyer aus Harlinghausen und Heinrich Hüsemann aus Engershausen gründeten am 15. April 1904 die Firma Westf. Margarine- und Pflanzenbutterwerke H. Hüsemann & Comp. mit Sitz in Preußisch Oldendorf. Noch vor Ende des Jahres 1904 trat der Privatier und Gendarm a. D. Theodor Köllmann der Gesellschaft bei.
Hieraus hat sich die heutige VORTELLA Lebensmittelwerk W. Vortmeyer GmbH, einer der beständigsten Industriebetriebe der Stadt Preußisch Oldendorf entwickelt.
Die Gesellschaft Das erste kleine Fabrikgebäude wurde auf einem Hüsemann gehörenden Grundstück nördlich unmittelbar angrenzend an den Bahnhof der Wittlager Kreisbahn AG errichtet und mit der unabdingbaren maschinellen Ausstattung insbesondere der Kirne versehen, darin findet der Mischprozess zwischen der fettigen Hauptkomponente und der wässrigen Phase statt.Getrennte Phasen sind zunächst erforderlich, damit ernährungsphysiologisch wichtige wasser- oder fettlösliche Stoffe wie Vitamine sowie der unverzichtbare Emulgator eingebracht werden können. Nach der Mischung in der Kirne wird die Margarinemasse einem primären Kristallisationsprozess im Rohrkühler unterzogen, an den sich die Reifung anschließt. Damit meint man die bei kontrollierter Temperatur und Dauer erfolgende Einstellung größerer oder kleinerer Kristalle für die gewünschte Konsistenz. Hieraus wird deutlich, dass der Weg zum Verbraucher für eine optimale Qualität mit Ausschlag gebend ist – eine in der Anfangszeit nicht leicht einzuhaltende Bedingung. Für ein einfaches Schema des Herstellungsprozesses s. Weblinks. Kirnen bedeutet landschaftlich-rheinisch Buttern, niederdeutsch kernen, karnen, vgl. mundartlich de Botterkarn: die Butterkarre oder -kaare für Butterfass. Man stößt zum Kern, dem Rahm, der Milch vor. Demnach deutet der Begriff Kirnen ursprünglich zwar auf Buttern hin, was aber durch Trennen geschieht, nicht durch Mischen. Am 15. Oktober waren die ersten 500 kg Margarine hergestellt und anfangs – wie damals bei ButterArme Leute konnten sich bestenfalls Kratzbutter aus ausverkauften Fässern leisten. Margarine durfte zur Unterscheidung von Butter bis in die fünfziger Jahre nur in Kübeln oder in Würfelform angeboten werden. Die späteren Margarinebecher als „kleine Kübel“ umgingen diese Verordnung. – in Kübeln oder Fässern aus Blasheim zügig versandt. Das im Jahre 1851 gegründete, nahebei gelegene Rettungshaus für Knaben Pollertshof hatte jahrelang dringend benötigte Einnahmen durch Kistennageln, die ausgerechnet mitten im Ersten Weltkrieg nach Einstellung der Margarineproduktion ausblieben.Ulrich Rottschäfer, Erweckung und Diakonie in Minden-Ravensberg. S. 224. Hausfrauen ließen zu der Zeit im Einzelhandel Mengen nach Wunsch abwiegen, Würfel zu 250 g oder 500 g in Pergamentpapier kamen ebenfalls in den Handel besonders ab 1910, als eine halbautomatische Verpackungsmaschine angeschafft war. Der Versand erfolgte mit Fuhrwerken zu Stationen der Deutschen Reichsbahn nach Holzhausen oder Bohmte, bei größeren Mengen unmittelbar mit Eisenbahnwaggons vom eigenen Gleisanschluss. Auf dem Schienenweg wurden Rohstoffe in Fässern, später in Kesselwagen angeliefert. Im Jahre 1905 wird der Fabrik ein zweites Gebäude mit Büroraum angefügt, und ein moderner Lastenaufzug befördert nun die Fässer hinauf in die Schmelze. Zuvor war die erste 20-PS-Lanz-Lokomobile angeschafft worden. Seit 1906 betreute Fritz Detering, einer der Pioniere, den stetig wachsendenSchon 1913 wird eine 50-PS-Lokomobile der Petermann-Werke, Warendorf (später bekannt durch Dreschmaschinen). Für deren Betrieb war eine Ausbildung als Kesselwärter notwendig, die Maschinist Detering in Technikum Lage erwarb. 1927 wird ein stationärer Dampfkessel angeschafft. Maschinenpark während der gut 51 Jahre seiner Tätigkeit bis 1957.
Die Marke Renne erhielt eine Silberne Medaille auf einer Ausstellung in Leipzig im Jahre 1905. Diese reine Pflanzenmargarine mit Markenzeichen Springende Pferde erzielte 1909 in Herne auf der Bäckerei- und Konditorei-Ausstellung die Goldmedaille. Vortmeyer selbst war mit seiner Tochter anwesend; die spätere Firmenchefin bereitete sich im siebzehnten Lebensjahr bereits auf ihre zukünftige Position in der Firma vor und erlebt einen geschäftlichen Durchbruch.
Nachdem Rindertalg durch den Rohstoff Pflanzenöl ersetztDer in Petershagen geborene Chemiker Wilhelm Normann entdeckte 1901 einen Weg zum streichfähigen Fett durch katalytische Hydrierung: Fetthärtung. werden konnte, war eine zusätzliche Nahrungsquelle erschlossen und Margarineherstellung in großem Maßstab möglich geworden; zahlreiche Margarinefabriken entstanden um die Jahrhundertwende auf dieser neuen Basis. Anfangs war Margarineherstellung noch eng mit Molkereiprodukten verknüpft gewesen.
Die spätere Firmenbezeichnung Preußisch Oldendorfer Süßrahm-Margarinewerke und Dampfmolkerei W. Vortmeyer verdeutlicht den Wunsch einer wirksamen VermarktungDie Klagen der Bäuerinnen in der Umgebung, die genug von der schweren Arbeit des Butterns hatten, waren es, die 1904 in Pr. Oldendorf zur Gründung der Molkerei Vortmeyer führten. So formuliert im Jahre 1994 nach einem – vermutlich verkürzenden – Pressebericht Annemarie Gnegel, geb. Stramann, einen Nebeneffekt. Zu der Zeit übte sie gemeinsam mit ihrem Bruder Wilhelm Stramann die Geschäftsführung aus. Die Enkelin des Gründers Vortmeyer trifft damit sicher dessen Bestreben Routinearbeiten zu vermeiden. Westfalenblatt Nr. 99 vom 29. April 1994. des heimischen landwirtschaftlichen Produkts Milch in Großstädten und dem Ruhrgebiet. – Die Bevölkerungszunahme durch die Industrialisierung im Bereich Technik erforderte eine zeitgemäß industrialisierte Produktion im Bereich Ernährung. – Zu dem Zweck war im Jahre 1903 eine Genossenschaftsmolkerei von mehreren Bauern Oldendorfs und Umgebung angedacht worden. Zusammen mit der 1900 erfolgten Eisenbahnanbindung ermöglichte die im selben Jahr gegründete Ein- und Verkaufs-Genossenschaft eGmbH bereits den Absatz von Schlachtvieh und beispielsweise Kartoffeln in das aufstrebende Industriegebiet an der Ruhr. Als Anfang März 1904 diese zusätzliche Initiative scheiterte, wurde der Gedanke durch die Bauern Hüsemann und Vortmeyer aus Oldendorfs Nachbardörfern umgehend im April durch Gründung ihrer Gesellschaft in die Tat umgesetzt – im Verbund mit einer Margarineproduktion. Tatsächlich sicherte während des Ersten Weltkriegs die Molkerei allein die Fortführung wenigstens dieses Teilbetriebes; täglich fünf Pferdefuhrwerke holten die Milch von Bauern ab.
Im Jahre 1909 wurde der spätere Prokurist Otto Tischer zur Mitarbeit gewonnen, er brachte die durch seine Tätigkeit in der Margarinefabrik Wilhelm Edel in Schüttorf erworbenen wertvollen Erfahrungen ein. Nachdem Köllmanns im Jahre 1910 geäußerte Absicht einer Seifenfabrikation nicht entsprochen wurde, schied er 1913 unter Auszahlung seines Anteils als Gesellschafter aus; sein dem Betrieb östlich benachbartes Wohngrundstück wurde erworben und stand für zukünftige Erweiterungen der Margarinefabrik zur Verfügung.
Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die sehr schwere Aufbauperiode des Vertriebs durch einen Außendienst gemeistert; die Firma stand mit rund 2.000 Kunden recht gut da. Der herbe Rückschlag kam mit der Einstellung der Produktion von Margarine aus Personal- und Rohstoffmangel im zweiten Kriegsjahr sowie verordneter Zwangsbewirtschaftung.Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 eilen zunächst sechs inzwischen langgediente Spitzenkräfte zu den Fahnen. Von den 1914 beschäftigten Arbeitern kehrten nach Kriegsende nur fünf in die Firma zurück. Wilhelm Vortmeyer hatte die eigenständige Führung seiner Harlinghauser Landwirtschaft 1913 durch Verpachtung aufgegeben, um selbst und mit weiterem Kapital dem Betrieb dienen zu können; er übernimmt die Verantwortung des Buttermeisters. – Bei der 25-Jahr-Feier dankte er der Firma Homann, Dissen, für die großzügige Einweisung in die Praxis der Margarineherstellung bei Gründung seiner eigenen Fabrikation. – Er kümmert sich um die mit Reisen verbundene Rohstoffbeschaffung und den Verkauf. Mitte 1915 war Buchhalter Hugo Hornberg, der bekannte spätere Oldendorfer Auktionator, zum Kriegsdienst eingezogen worden, nun musste Gesellschafter Heinrich Hüsemann unmittelbar tätig sich einbringen und Kassenführung sowie Finanzen verwalten. – Er war Rendant des Oldendorfer Spar- und Darlehnskassenvereins e.G. seit dem Gründungsjahr 1887 dieser Genossenschaft; Wilhelm Vortmeyer gehörte von 1907 bis 1918 dem Verwaltungsrat an. – Zwischen beiden Gesellschaftern wurde im Jahre 1917 ein Vergleich geschlossen: Hüsemann werde aus der Gesellschaft ausscheiden, sobald die getroffenen Vereinbarungen nach dem Kriege abgewickelt seien. Heinrich Hüsemann wurde 60-jährig jedoch Mitte 1917 durch Tod abberufen und der Erbe Heinrich Hüsemann jun. trat bis 1920 an seine Stelle.
Der Alleininhaber Als inzwischen alleiniger Inhaber wählte Wilhelm Vortmeyer 1921 die oben genannte, damals unter Betonung der Begriffe Süßrahm-Margarine und Dampfmolkerei gängige Firmierung.Eine weitere Firmenbezeichnung dieser Zeit und der Region sei nach einer Werbung im Kalender für Minden-Ravensberg von 1925 zitiert: Herforder Westfälische Süßrahm-Margarine-Pflanzenbutter-Raffinationswerke H. Meyer-Lippinghausen. Diese Margarinefabrik wurde nach 90 Jahren im Jahre 1984 abgerissen, es verblieb der Uhrenturm.