Hungersnöte in China waren aufgrund der klimatischen Bedingungen seit Jahrtausenden eine periodische Erscheinung in der Geschichte des Landes. Sie wurden durch Dürren und Überschwemmungen verursacht. Der Kampf der Chinesen gegen diese Naturkatastrophen nimmt in der Geschichte Chinas einen großen Raum ein. Es war eine wesentliche Aufgabe des Kaisers, mit den Möglichkeiten der Zentralgewalt lokal auftretende Hungersnöte abzumildern. Diese Aufgabe nahm einen beträchtlichen Teil der Kapazitäten der chinesischen Regierung in Anspruch. Gestützt auf inneren Frieden und ertragreiche Landwirtschaft verdoppelte sich jedoch die Bevölkerungszahl vom Jahr 1760 bis 1860 von 200 Mio. auf 400 Mio. Menschen. Bei den knappen Anbauflächen für Getreide gelang es der Landwirtschaft ab Beginn des 19. Jahrhunderts immer weniger, die immer weiter wachsende Bevölkerung zu ernähren.Thomas Heberer: Wenn der Drache sich erhebt. Signal-Verlag Baden-Baden, 1988. China wurde zum „Land der Hungersnöte“ und die Zentralgewalt des Kaisers zerfiel.The Association for Asian Studies AAS Annual Meeting, 26. März 2009. Für die 100 Jahre der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Zahl der Hungertoten auf 100 Millionen geschätzt.Yonggang Xie: Analysis of Famines in China. (PDF). Die Zahl ist aber wegen nicht existierender Bevölkerungsstatistiken sehr unsicher. Die vielleicht größte, aber auch letzte Hungersnot in China gab es während des Großen Sprungs nach vorn in den Jahren 1959 bis 1961.

Geschichte Hungersnöte im alten China In China waren Hungersnöte ein jahrtausendealtes, ständiges Problem. Von der Shang- und Tang-Dynastie (16.–11. Jahrhundert v. Chr.) bis zur Gründung des neuen China beschrieben die Chronisten die regelmäßig immer wieder auftretenden Katastrophen. Aufgrund der Lage Chinas gab und gibt es immer wieder Gebiete, in denen der Regen ausbleibt. Besonders im Nordwesten Chinas gab es immer wieder Hungersnöte, während Zentralchina klimatisch deutlich stabiler ist.

In den 2000 Jahren von 108 v. Chr. bis 1911 werden in der chinesischen Geschichtsschreibung 1828 Hungersnöte aufgelistet. Für die Zeit von 1470 bis 1990 werden 40 Jahre mit schweren Überschwemmungen und 134 Jahre mit schweren Dürren gezählt.Walter Mallory: China – Land of Famine.

Aufgabe der Kaiser Chinas war es, Hungergebiete, die sich selbst nicht mehr weiterhelfen konnten, zu unterstützen, notfalls auch Lebensmittel aus anderen Gebieten herzutransportieren und zu verteilen. Das Ansehen eines Kaisers hing davon ab, wie ihm dies gelang. Nationale Hungerkatastrophen traten auf, wenn die Dürregebiete zu groß wurden, besonders wenn gleichzeitig größere Gebiete von über die Ufer tretenden Flüssen überschwemmt wurden und dadurch zusätzlich Ernteausfälle auftraten oder wenn die Zentralregierung ihrer Aufgabe nicht ausreichend nachkam. Konnte ein Kaiser Hungersnöte nicht verhindern, verlor er an Ansehen und Legitimation. Es hieß, dass er das Mandat des Himmels verloren habe.Yonggang Xie: Analysis of Famines in China. (PDF).

Bevölkerungswachstum Bis Mitte des 17. Jahrhunderts war die Bevölkerungszahl Chinas mit etwas über 100 Millionen recht konstant, dies war ein Viertel der Weltbevölkerung. Im 18. Jahrhundert gab es dann eine starke Bevölkerungszunahme. Lebten im Jahr 1750 ca. 200 Millionen Menschen in China, waren es um 1850 schon ca. 400 Millionen. Kamen um 1750 auf den Kopf der Bevölkerung ca. 26 Ar Land, waren es um 1850 lediglich noch 12 Ar. Aufgrund der geringen Anbaufläche pro Einwohner wurde die Ernährung der Bevölkerung zu einem ständigen Kampf.TERRA Russland und China, Zwei Weltmächte im Wandel. Klett Verlag (PDF; 1,2 MB). Weite Teile der Bevölkerung lebten bereits in guten Zeiten unterhalb des Existenzminimums. Sobald eine Ernte einmal nicht gut war, änderte sich die Ernährungslage der Bevölkerung von „gerade noch ausreichend“ zu „Hungersnot“.Eduardo Ferreyra: Fearfull Famines of the Past. mitosyfraudes.org.

Viele Menschen, die nicht mehr ernährt werden konnten, wanderten in klimatisch ungünstigere Gebiete aus. Im 18. Jahrhundert wanderten sie trotz Einwanderungsverbots in die Mandschurei oder sie besiedelten die großen Flussläufe aufwärts. Die süd- und südwestlichen Provinzen wurden bis auf die Hügelkämme hinauf hanchinesisch besiedelt. In diesem Prozess ging der zuvor noch bedeutende Waldbestand fast völlig verloren. Die Übernutzung und die Abholzung führten zu schweren ökologischen Schäden und China wurde das Land mit der massivsten Bodenerosion und den gewaltigsten Überschwemmungen der modernen Epoche. Darüber hinaus wurde eine weitere Ausdehnung der Ackerfläche bei weiterem Anwachsen der Bevölkerung immer schwieriger. Im 19. Jahrhundert verschärfte sich der Bevölkerungsdruck weiter. Wanderungswellen reichten bis nach Tibet und Xinjiang.Wolfgang Taubmann: Bevölkerungsentwicklung in China. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2007.

Einwohnerzahl Chinas in Millionen 0500 1000 1500 1600 1700 1800 1900 2000 60 80 110 110 140 300 500 1300

Die Zeit von 1740 bis 1820 Die Zeit der Qing-Dynastie von 1740 bis 1820 gilt als „das goldene Zeitalter der Vermeidung von Hungersnöten“. Der Staat unternahm zu dieser Zeit, sowohl auf der Ebene der Zentralregierung wie auch auf den Ebenen der Provinzregierungen und der Stadt- und Gemeindeebene, große Anstrengungen, die Folgen von Dürren und Überschwemmungen abzumildern.

Bereits die Kaiser der früheren Zeit setzten in Gegenden mit großen Ernteausfällen die Steuer auf die Ernteerträge aus und es wurden Getreidespeicher für die Vorräte für schlechte Jahre errichtet. Unter den Qing-Kaisern wurde das System der Getreidespeicher weiter ausgebaut. Jede Provinz wurde zur Vorratshaltung von Getreide verpflichtet. Im Falle von Ernteausfällen wurden in den betroffenen Gebieten zuerst die Steuern gestrichen und die lokalen Getreidevorräte der Provinz verteilt. In klimatisch problematischen Gebieten war der für Ernteausfälle vorgehaltene Getreidevorrat bis zu 8 % einer jährlichen Ernte. Sollte dies nicht ausreichen, war der Staat gefordert, aus anderen Landesteilen Getreide aufzukaufen, in die Hungersgebiete zu transportieren und dort zu verteilen. Um Spekulationen mit Getreide zu vermeiden, wurde der Getreidepreis vom Staat festgelegt. Die von der Zentrale verteilten Getreidemengen konnten die von der lokalen Regierung weit übersteigen. Bei der Hungersnot von Zhili (1743/44) waren die Getreidelieferungen der Zentralregierung das 7,5-fache der lokalen Vorräte. Es gelang der damaligen Regierung, zwei Millionen Menschen acht Monate lang durch weit hergebrachtes Getreide zu ernähren.Ulrich Gutmair: El Nino, das Emoire und der Hunger. .

Darüber hinaus gab es noch weitere Maßnahmen zur Linderung von Hungersnöten. So konnte der Staat Getreidetransporte von dritter Seite unterstützen, es konnten „Suppenküchen“ eingerichtet werden und Projekte für Arbeitsbeschaffung konnten aufgelegt werden, um Abwanderung aus den betroffenen Gebieten zu verhindern.

Dieses System verlangte starken Einfluss der Zentralregierung in ganz China. Es musste kontrolliert werden, dass jede Provinz ihren eigenen Aufgaben in der Getreidespeicherung nachkam, es mussten die Verkehrswege, besonders der Kaiserkanal als Hauptverkehrsader, funktionsfähig gehalten werden und die Zentralregierung musste rechtzeitig erkennen, wie sich die Getreideernte in den verschiedenen Landesteilen entwickelte. Die Ausgaben der Zentralregierung für dieses System waren beträchtlich. Die Regierung in Peking gab 7 Prozent des Haushalts für die Vermeidung von Hungersnöten aus.Carol H. Shiue: The Political Economy of Famine Relief in China, 1740–1820. spot.colorado.edu (PDF; 2,1 MB).

Das 19. Jahrhundert Hungersnöte sind zwar ein fester Bestandteil der chinesischen Geschichte, aber während des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Situation durch die Auflösung der Staatsgewalt, durch Kriege und Aufstände.

In der Qing-Dynastie gab es eine eigene Bürokratie, die sich der Vermeidung von Hungersnöten widmete. Wesentliche Aufgaben waren das Anlegen von Vorräten, Erhaltung der Transportwege (z. B. den Kaiserkanal), die Sicherung der Deiche, Transport und Verteilung der Lebensmittelvorräte und Durchsetzung der festgelegten Preise. Durch die Auflösung der Zentralgewalt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte der Staat diesen Aufgaben immer weniger gerecht werden. Die Deiche wurden ungenügend gewartet und der Kaiserkanal versandete. Im Jahr 1855 trat der Gelbe Fluss über die Ufer und verlagerte sein Flussbett. Die Mündung kehrte von der Provinz Juansu nach Schantung zurück, wo sie bereits bis 1128 war.shandong-china.de Gewässer der Provinz Shandong. . Der Gelbe Fluss floss nun unbefestigt durch West-Schantung, was die Katastrophenanfälligkeit Nordchinas erhöhte. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor der Zerstörung ihrer Ernten durch Überschwemmungen. Die allgemeine Armut wuchs durch den Verlust von Absatzmärkten für heimische Produkte, vor allem Baumwollgarn, infolge des Eindringens westlicher Produkte nach China. Die gegen die europäischen Eindringlinge verlorenen Kriege und die aus der Verarmung der Bevölkerung folgenden Aufstände (z. B. Taiping-Aufstand) führten zu einer mangelnden Durchsetzungs- und Kontrollfähigkeit des Staates. Bandentum und Überfälle durch Räuber breiteten sich in etlichen Provinzen aus und durch die Versandung des Großen Kanals wurde der Lebensmitteltransport aus Zentralchina in den Norden deutlich teurer.Iwo Amelung: Die „Boxer“ und ihr Mythos. dhm.de. Die Hungersnot von 1867 bis 1868 konnte von der Regierung noch abgemildert werden, aber die Hungersnot von 1877 bis 1879 im Norden Chinas war eine Katastrophe mit über zehn Millionen Toten. Auch der Boxeraufstand im Jahr 1900 wurde durch eine Hungersnot von 1898 bis 1900Karl Josef Rivinius SVD: . und der Sturz der Monarchie durch die Dürre von 1906 und die Überschwemmung von 1911, als der Jangtse über die Ufer trat, mit ausgelöst.

China nach der Kaiserzeit In den Jahren 1911 bis 1949 gab es keine Zentralgewalt mehr, sondern nur noch Kriegsparteien und Warlords. Es gab keine staatliche Unterstützung der Bevölkerung gegen Umweltkatastrophen mehr, sondern Zerstörung und Ausplünderung durch die verschiedensten Armeen bei gleichzeitigem weiteren Bevölkerungswachstum und geringen Ackerflächen. Es war nicht nur eine Zeit des Krieges, sondern auch eine Zeit der um sich greifenden großen Hungersnöte.

Thomas Heberer beschreibt die Misere der damaligen Zeit an dem folgenden Beispiel von Sichuan in den 1930er Jahren:

China, mit mehr als 20 Prozent der Weltbevölkerung, aber nur 7 Prozent der Ackerfläche der Erde, schaffte es nicht mehr, mit den damaligen Möglichkeiten die Bevölkerung zu ernähren.

Die Situation der Menschen in der damaligen Zeit beschreibt Heberer durch ein Zitat zweier amerikanischer Journalisten aus den 1940er Jahren:

Die letzte große Hungersnot vor der Gründung der Volksrepublik China war 1943 in Henan mit geschätzten 5 Millionen Toten. Es folgten 1946 bis 1948 kleinere Hungersnöte.Politik und Unterricht, 1998.

Nach der Gründung der Volksrepublik China gab es ein Jahrzehnt deutlicher Besserung, aber von 1959 bis 1961 gab es eine Hungersnot während der Kampagne des Großen Sprungs nach vorn. Die Hungerkatastrophe war eine der schlimmsten, aber auch die letzte Hungersnot in China. Im Jahr 1981 wurden noch einmal die Nahrungsmittel knapp, eine Hungersnot konnte aber vermieden werden.Hunger in China. In: Die Zeit, Nr. 14/1981. Heute ist in China der Hunger, trotz weiterhin auftretender Dürren, kein akutes Problem mehr..Bericht der Welthungerhilfe. .

Große Hungersnöte von 1900 bis 1950