mini|Selbstporträt, um 1600, Öl auf Leinwand, 33,5 × 39,7 cm, Residenzgalerie Salzburg mini|Federico Barocci: Madonna del Popolo (Madonna des Volkes), 1575–1579, Öl auf Holz, 359 × 252 cm, Uffizien, Florenz

Federico Barocci, genannt il Fiori (da Urbino) (Vorname auch: Federigo; Nachname auch: Baroccio oder Barozzi; * ca. 1535 in Urbino;Peter Assmann: Barocci, Federico, in: Allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker [Saur], Bd. 7, Saur/De Gruyter, München/Berlin, 1993, S. 116 ff. Hier nach der Onlineversion, S. 1 (von 12) † 30. September 1612 ebenda) war ein italienischer Maler, Zeichner und Grafiker zwischen Manierismus und Barock. Er galt vielen als der größte Künstler seiner Zeit und hinterließ ein hochgradig originelles Werk.Federico Barocci in: Oxford Reference (englisch; Abruf am 1. April)S. 513, in:

Leben und Wirken Ausbildung und frühe Werke Sein Geburtsdatum ist bisher nicht bekannt. Auf Giovanni Pietro Bellori geht das Geburtsjahr von 1528 zurück, das in der älteren Literatur häufig zu finden ist. Heutzutage geht man jedoch davon aus, dass er um 1535 geboren wurde, da Baroccis größter Mäzen, der Herzog von Urbino Francesco Maria II. della Rovere, im Jahr 1612 in seinem Tagebuch notierte, der Maler sei am 30. September mit 77 Jahren verstorben.

Federico Barocci war ein Enkel des bedeutenden aus Mailand stammenden Bildhauers und Architekten Ambrogio Barocci, gen. Ambrogio da Milano, der u. a. an der Ausstattung des Palazzo Ducale von Urbino mitgewirkt hatte. Seine erste zeichnerische Ausbildung erhielt Federico in der Werkstatt seines Vaters Ambrogio di Federico Barocci, der von Beruf Uhrmacher und Gemmenschneider war und auch Astrolabien herstellte.Christel Thiem: Barocci-Studien: Elf in einer Privatsammlung entdeckte Pastell- und Kreidezeichnungen von Federico Barocci, Jahrbuch der Berliner Museen, Bd. 50 (2008), Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, S. 35–52 (https://www.jstor.org/stable/25674410) Malerische Grundkenntnisse erhielt er zunächst von Francesco Mensocchi aus Forlì,Peter Assmann: Barocci, Federico, in: Allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker [Saur], Bd. 7, Saur/De Gruyter, München/Berlin, 1993, S. 116 ff. Hier nach der Onlineversion, S. 1 (von 12) dann bei dem venezianischen Maler Battista Franco, genannt Semolei (1498–1561), einem Verehrer von Michelangelo. Anschließend ging Barocci nach Pesaro zu seinem Onkel, dem Architekten Bartolomeo Genga (1518–1558), der ihn in die Künste der Geometrie und Perspektive einwies. In Pesaro hatte der junge Barocci außerdem die Möglichkeit in der Kunstsammlung der Herzöge von Urbino Werke von Tizian und anderer Maler zu studieren.

mini|links|hochkant=0.8|Ruhe auf der Flucht nach Ägypten (oder Kirschenmadonna), 1570–1573, Öl auf Leinwand, Musei Vaticani, Rom

Zurück in Urbino erhielt er seinen ersten Auftrag, eine nicht erhaltene Hl. Margherita für das Oratorium der Compagnia del Corpus Domini, für die er im Januar 1556 eine Bezahlung erhielt. Als sein erstes erhaltenes Gemälde gilt die Heilige Cäcilie inmitten anderer Heiliger für den Dom von Urbino.

In der Folge ging Barocci nach Rom, um vor Ort die Werke Raffaels (seines Landsmannes) und anderer bedeutender Künstler zu studieren und zu kopieren, wie es üblich war. In Rom wohnte er bei einem anderen Onkel, welcher als Hausmeister für den Kardinal Giulio della Rovere (1533–1578), den Bruder des späteren Herzogs von Urbino Francesco Maria II., arbeitete. Der Kardinal war von den Fähigkeiten des jungen Künstlers so beeindruckt, dass er mehrere Bilder bei ihm bestellt haben soll, von denen jedoch nichts erhalten ist.

Bereits 1557 kehrte Barocci nach Urbino zurück, wo er wiederum für den Dom das Martyrium des hl. Sebastian (um 1557–1558) malte. In diesem Bild zeigt sich bereits ein Einfluss Correggios, der in einigen Werken der 1560er Jahre sogar noch deutlicher zutage treten sollte. Es ist nicht bekannt, wie und wo er mit Werken des Meisters aus Parma bekannt wurde, aber Bellori behauptete später, Barocci habe Zeichnungen und Pastelle Correggios gesehen, die ein anderer Maler von Parma nach Urbino gebracht habe.S. 511, in:

Die Krankheit 1560 reiste er zum zweiten Mal nach Rom, wo er in der Werkstatt der Brüder Taddeo und Federico Zuccari nachgewiesen ist, die zu den Hauptvertretern des römischen Manierismus gehörten. Zwischen 1561 und 1563 arbeitete er gemeinsam mit Federico Zuccari im Auftrag von Papst Pius IV. an den Freskendekorationen im neu errichteten Casino und im Belvedere in den Vatikanischen Gärten. Die von ihm gemalten „Vier Tugenden“ zeigen seine außergewöhnliche Begabung, die ihn aus der Fülle zeitgleicher römischer Maler hervorhebt.

mini|Kreuzabnahme, 1567–1569, Öl auf Leinwand, 412 × 232 cm, Dom von Perugia

Im Verlauf dieser Arbeiten erkrankte er schwer. Laut Bellori hatte Barocci selber den Verdacht, dass er von neidischen Kollegen vergiftet worden sei, was durchaus vorgekommen sein soll. Auf Rat der Ärzte kehrte er nach Urbino zurück, es brauchte jedoch etwa 2 Jahre, bis er soweit genesen war, dass er wieder arbeiten konnte. Als Konsequenz seiner tragischen Erkrankung, von der er sich nie mehr ganz erholte, zog er sich bis an sein Lebensende völlig in das relativ abgeschiedene Urbino zurück, unterbrochen nur von wenigen kurzen Aufenthalten an anderen Orten. Er malte auch nie mehr ein Fresko.

Obwohl sein Gesundheitszustand gebrechlich blieb, so dass er nur wenige Stunden am Tage und nur langsam arbeiten konnte, und obwohl sein Wesen von seinen Zeitgenossen als mürrisch und hypochondrisch beschrieben wurde, erfreute er sich, dank seiner allgemein anerkannten großen Kunst und seiner herzoglichen Gönner, eines hohen Ansehens. Barocci erhielt zahlreiche Aufträge von geistlichen und weltlichen Würdenträgern, vor allem für Kirchen- und Andachtsbilder. Allen Versuchen vom spanischen König, dem Herzog der Toskana oder von Kaiser Rudolf II. ihn an ihren Hof zu holen, erteilte Barocci eine Absage:S. 512, in: Den Rest seines Lebens blieb er in Urbino und entwickelte hier seinen eigenen unverwechselbaren Malstil.

Das erste Gemälde, das er nach seiner Krankheit schuf, war die sogenannte Madonna di San Giovanni (1565–1566), die er als Votivbild dem Kapuzinerkloster von Urbino geschenkt haben soll; sie befindet sich heute in der Galleria nazionale delle Marche von Urbino, ebenso wie die Madonna di San Simone von 1567 und eine Kreuzigung (ca. 1566) für den Grafen P. Bonarelli, die ursprünglich für die Chiesa del Crocefisso miracoloso in Urbino entstand. Besonders die beiden genannten Madonnenbilder sind in der Weichheit der Malerei und Lieblichkeit der Figuren deutlich von Correggio beeinflusst, ohne jedoch eine Kopie zu sein.

Die Reifezeit mini|hochkant=0.8|Madonna della gatta (Madonna mit der Katze), um 1573–1574, Öl auf Leinwand, 112,7 × 92,7 cm, National Gallery, London

Das Collegio della Mercanzia von Perugia bestellte 1567 für ihre Kapelle im Dom von Perugia bei Barocci eine Kreuzabnahme, die der Künstler 1569 ablieferte (siehe Abb. oben). Dieses dramatisch bewegte Bild stellt einen frühen Höhepunkt seines Schaffens dar und wird als Beginn seiner Reifezeit betrachtet, da er hier endgültig zu seinem eigenen Personalstil gefunden hat. Es ist auch das erste Werk Baroccis, für das seine ungewöhnlich sorgfältige Vorbereitung mithilfe Dutzender Vorzeichnungen und Skizzen dokumentiert ist, wie es von da an typisch für ihn werden sollte. Das Gemälde wurde häufig kopiert und hatte eine regelrechte Vorbildwirkung bis weit ins 17. Jahrhundert hinein.Peter Assmann: Barocci, Federico, in: Allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker [Saur], Bd. 7, Saur/De Gruyter, München/Berlin, 1993, S. 116 ff. Hier nach der Onlineversion, S. 3 (von 12) Walter Friedlaender meinte, es lasse in Komposition und Farbigkeit fast schon an die barocke Malerei eines Rubens oder van Dyck denken.

1570 erhielt er seinen ersten Auftrag von den Herzögen von Urbino für ein Andachtsbild mit der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, die auch als Kirschenmadonna (1570/73) berühmt wurde (Abb. oben links). Barocci fertigte drei eigenhändige Versionen von dieser Komposition, von denen die Urfassung für Guidobaldo II. della Rovere verloren ist; eine zweite (schlecht erhaltene) Version entstand für Antonio Brancaleoni und befindet sich in der Kirche Santo Stefano de Finocleto in Piobbico; die dritte Version, die heute in der Pinacoteca Vaticana in Rom zu sehen ist, malte Barocci ursprünglich für die Sagrestia del Gesù in Perugia und sandte sie 1573 seinem Freund Simonetto Anastagi.Alessandra Giannotti, Claudio Pizzirusso (Hrsg.): Federico Barocci – L’Incanto del colore. Una lezione per due secoli, Cinisello Balsamo / Milano: Silvana Editoriale S.p.A., 2009, S. 282ff. Die Kirschenmadonna war das erste Gemälde Baroccis, das durch Kupferstiche u. a. von Cornelis Cort, berühmt und allein dadurch zum Vorbild vieler Kopien wurde.Alessandra Giannotti, Claudio Pizzirusso (Hrsg.): Federico Barocci – L’Incanto del colore. Una lezione per due secoli, Cinisello Balsamo / Milano: Silvana Editoriale S.p.A., 2009, S. 389.

mini|links|Grablegung Jesu, signiert und datiert 1582 (und überarbeitet 1606), Öl auf Leinwand, 295 × 187 cm, Confraternita del Santissimo Sacramento e Croce, Senigallia

Um 1573–1574 malte er für den Grafen Antonio Brancaleoni die als Madonna del gatto (Madonna mit dem Kater) berühmte Darstellung der Heiligen Familie mit dem Johannesknaben, die sich heute in der Londoner National Gallery befindet. Dabei gelang ihm eine scheinbar lockere Momentaufnahme einer Familienszene von besonders liebevoller und fröhlicher Innigkeit.

Zu seinen Hauptwerken zählt auch die farblich exquisite Madonna del Popolo („Madonna des Volkes“) in den Uffizien (Florenz, siehe Abb. ganz oben), die ursprünglich zwischen 1575 und 1579 für einen Altar einer Laienbruderschaft in der Kirche Santa Maria della Pieve in Arezzo entstand. Zu dieser komplexen und vielfigurigen Komposition, die oft als „protobarock“ (d. h. den Barock vorbereitend) bezeichnet wurde, sind mindestens 80 vorbereitende Studien erhalten, unter anderem in Museen in Berlin, Florenz und London. Ausnahmsweise brachte Barocci selber das kostbare und riesige Gemälde nach Arezzo und begab sich dann nach Florenz, wo ihm Francesco de’ Medici eine Stelle als Hofmaler anbot, die Barocci dankend ablehnte.

Von 1579 bis 1582 arbeitete er an der Grablegung (1582) für die Kirche Santa Croce in Senigallia, die er ebenfalls persönlich ablieferte. Auch dieses Bild ist ein Meisterwerk, das durchschlagenden Erfolg hatte und häufig kopiert wurde. Barocci selber unterzog das Gemälde bereits 1606 einer Restaurierung, wobei er das Kolorit etwas veränderte.Peter Assmann: Barocci, Federico, in: Allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker [Saur], Bd. 7, Saur/De Gruyter, München/Berlin, 1993, S. 116 ff. Hier nach der Onlineversion, S. 3–4 (von 12)

Zu seinen bedeutendsten Aufträgen aus den 1580er Jahren gehörte, neben Altarbildern für Ravenna und Pesaro, die zwischen 1580 und 1584 entstandene Verkündigung für die Kapelle des Herzogs Francesco Maria II. in Loreto (heute: Pinacoteca Vaticana, Rom; Kopie im Statens Museum for Kunst, Kopenhagen). Die Komposition verwendete er in erweiterter Form später nochmal für eine Verkündigung (vor 1596) in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Assisi.