Ein Paraffinom der Brust und ein Silikonom sind spezielle Formen eines sklerosierenden Lipogranuloms im Bereich der Brust. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist die weibliche Brust betroffen. Beide Erkrankungen haben ausschließlich exogene Ursachen und weisen unbehandelt eine ausgesprochen schlechte Prognose auf.
Verursacht wird das Paraffinom, wie auch das Silikonom, durch eine Fremdkörperreaktion, die durch die Injektion von verflüssigten oder flüssigen Paraffinen, beziehungsweise Silikonölen, in das Parenchym der Brust zum Zweck der Brustvergrößerung oder Brustrekonstruktion entsteht.
Epidemiologie und Ätiologie miniatur|Ein Silikonom in der linken Brust einer 59-jährigen Patientin. Es wurde durch einen Riss im Silikon-Transplantat der Patientin verursacht, das sie zwei Jahre zuvor für die Brustrekonstruktion nach einer Mastektomie erhielt. miniatur|Das gerissene Implantat mit quervernetztem Silikon, das das Silikonom der oben abgebildeten Patientin verursachte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in Europa die Injektion von Paraffinen oder auch Mineralölen unter die Haut der Brust eine verbreitete Technik zur Brustvergrößerung. Nachdem viele Jahre später die unerwünschten Nebenwirkungen allmählich bekannt wurden, verschwand diese Methode in Westeuropa weitgehend. Verwendet wurden meist niedrigschmelzende Paraffine, wie beispielsweise Vaseline.F. D. Weidman: The danger of liquid petrolatum in parenteral injections. In: J Am Med Assoc 80, 1923, S. 1761–1763. In einigen fernöstlichen Ländern war diese Methode hingegen noch bis in die 1970er Jahre hinein weiter verbreitetC. Markopoulos u. a.: Paraffinomas of the breast or oleogranulomatous mastitis-a rare entity. In: The Breast 15, 2006, S. 540–543. PMID 16545569 und wird dort auch im 21. Jahrhundert noch vereinzelt durch „Hinterhofärzte“ angeboten.B. Erguvan-Dogan und W. T. Yang: Direct injection of paraffin into the breast: mammographic, sonographic, and MRI features of early complications. In: AJR Am J Roentgenol 186, 2006, S. 888–894. PMID 16498126K. T. Wong u. a.: Paraffinoma in anterior abdominal wall mimicking liposarcoma. In: Br J Radiol 76, 2003, S. 264–267. PMID 12711647 Einige Paraffinome sind auch die Folge von „Eigenbehandlungen“, wie beispielsweise die Selbstinjektion von Getriebeöl in beide Brüste.G. F. D'Costa u. a.: Self inflicted, bilateral oleogranuloma of the breast: Report of a bizarre case. In: Indian Journal of Pathology and Microbiology 50, 2007, S. 373–375. PMID 17883079
Ab den 1950er Jahren wurden Injektionen von linearen (nicht quervernetzten) Silikonölen – ebenfalls zum Zweck der Brustvergrößerung – populär. Allerdings können auch diese Substanzen, wenn sie frei in die Brust appliziert werden, zu einer Fremdkörperreaktion in Form eines Lipogranuloms führen,W. S. Symmers: Silicone mastitis in ‘topless’ waitresses and some other varieties of foreign-body mastitis. In: BMJ 3, 1968, S. 19–22. PMID 5690841 das in solchen Fällen »Silikonom« genannt wird. Bis 1965 war diese Form der Brustaugmentation, bei der lineare Silikonöle, wie beispielsweise Polydimethylsiloxan zum Einsatz kamen, weit verbreitet.
Ein Silikonom kann auch entstehen, wenn Silikonöl aus einem Brustimplantat, das lineare Silikonöle enthält, austritt. Bei den quervernetzten Silikonölen, die 1993 eingeführt wurden, sind Silikonome durch Risse der Implantathülle eine sehr seltene Komplikation.G. J. Kaufman u. a.: Silicone migration to the contralateral axillary lymph nodes and breast after highly cohesive silicone gel implant failure: a case report. In: Cases J 2, 2009, 6420. PMID 20181154 Gleiches gilt für die bezüglich eines möglichen Risses deutlich sichereren Doppellumen-ImplantateH. P. Frey u. a.: Silikonome und rheumatische Symptomatik – eine bekannte und eine fragliche Komplikation von Silikonimplantaten. In: Handchir Mikrochir Plast Chir 24, 1992, S. 171–117. PMID 1516851, bei denen das Silikongel von einem zusätzlichen Mantel mit Kochsalzlösung umgeben ist.S. Diekmann u. a.: Digitale Vollfeldmammographie nach Brustaugmentation. In: Der Radiologe 42, 2002, S. 275–279. Es sind dennoch auch Fälle von Silikonomen bei Rissen von Implantaten mit quervernetzten Silikonen bekannt.A. Lahiri und R. Waters: Locoregional silicone spread after high cohesive gel silicone implant rupture. In: J Plast Reconstr Aesthet Surg 59, 2006, S. 885–856. PMID 16876092
Berichte über Paraffinome in männlichen Brüsten sind außerordentlich selten.P. Basse und B. Alsbjørn: Paraffinoma of the male breast. In: Acta Chir Plast 33, 1991, S. 163–165. PMID 1722603
Pathologie → siehe Hauptartikel Lipogranulom und Fremdkörperreaktion
Die subkutane Injektion von nicht-resorbierbaren Flüssigkeiten in die Brust – aber auch generell in andere Bereiche des Körpers – kann zu einer Fremdkörperreaktion führen, die die Bildung eines Fremdkörpergranuloms zur Folge hat. Ein Fremdkörpergranulom ist ein nicht-infektiöses Granulom. Dies ist eine knotenartige Gewebeneubildung, die aus Epitheloidzellen, mononukleären Zellen oder Riesenzellen besteht, die sich um den Fremdkörper legen und diesen einkapseln.R. Büttner und C. Thomas: Allgemeine Pathologie. Schattauer Verlag, 2003, ISBN 3-794-52229-X Lipidgranulome entstehen als Folge einer unspezifischen Immunantwort des Organismus.
Bis zur Bildung eines klinisch relevanten Paraffinoms, beziehungsweise Silikonoms, in der Brust können vom Zeitpunkt der Injektion gerechnet mehrere Jahrzehnte vergehen. So ließ sich beispielsweise eine Berlinerin 1907 in Mailand ihre Brüste durch die Injektion von Paraffin vergrößern. Mit dem kosmetischen Ergebnis, straffe weiche Brüste ohne Knoten, war die Patientin etwa zehn Jahre sehr zufrieden. Danach bildeten sich kleine schmerzlose harte Knoten, die im Laufe der nächsten Jahre größer wurden. Fast 20 Jahre nach der Injektion klagte sie über Schmerzen und hatte in der linken Brust einen hühnereigroßen und in der rechten einen haselnussgroßen Knoten.G. Körbler: Ein Beitrag zur Kenntnis des Paraffinoms der Brustdrüse nach kosmetischen Injektionen. In: Klinische Wochenschrift 6, 1927, S. 652–653. In einer Studie mit acht Patientinnen lag die durchschnittliche Dauer von der Paraffininjektion bis zum Auftreten von Symptomen bei 24 Jahren. Das Zeitintervall betrug 11 bis 30 Jahre.
Klinisches Bild Das Paraffinom, beziehungsweise Silikonom, entwickelt sich in den meisten Fällen in dem Bereich, in dem die Substanz ursprünglich injiziert wurde. Durch die Migrationseigenschaften der Fremdkörper (insbesondere des Silikonöls) können sich die Lipogranulome allerdings auch an anderen Stellen des Körpers, wie beispielsweise an der StirnW. Meigel u. a.: Siliconom. In: Z Hautkr 64, 1989, S. 815–816. PMID 2683442, der Bauchwand, der Leistenregion, an den BeinenL. Sagi u. a.: Silicone breast implant rupture presenting as bilateral leg nodules. In: Clinical and Experimental Dermatology, 34, 2009, S. e99–101. PMID 19438562, den LymphknotenB. Gebauer u. a.: Silikongranulome in intrathorakalem Lymphknoten nach Ruptur einer Silikon-Doppelkammerprothese. In: Fortschr Röntgenstr 176, 2004, S. 1331–1332. PMID 15346272 oder in der Lunge (intrapulmonal)A. Dragu u. a.: Intrapulmonary and cutaneous siliconomas after silent silicone breast implant failure. In: Breast J 15, 2009, S. 496–499. PMID 19624416, bilden.
Ein Teil der Lipogranulome neigt zum ulzerieren.A. Rintala: Ulcerating paraffinoma. In: Ann Chir Gynaecol 65, 1976, S. 356–360. PMID 795359
miniatur|hochkant|a) Sonogramm (Ultraschallaufnahme) der Brust einer Patientin mit einem Silikonom (weißes Dreieck) und einem durch das Silikonom induzierten malignen Tumor (schwarzes Dreieck). b) Mikroskopaufnahme eines histologischen Präparates der entfernten Geschwulst in HE-Färbung. miniatur|hochkant|a) Schnitt durch die der Patientin entfernte Geschwulst, bestehend aus Silikonom, Karzinom und umgebendem gesundem Gewebe. b) Schematische Darstellung der Bereiche des Silikonoms und drei Karzinomen. miniatur|hochkant|Mikroskopaufnahmen histologischer Präparate der entfernten Geschwulst mit HE-Färbung. a) Das Karzinom, ein invasives mikropapilläres Karzinom (IMPC), und b) das Silikonom mit einer Vielzahl von Vakuolen, Fetttröpfchen (Silikonöl), Makrophagen und Fremdkörperriesenzellen. Aus der permanenten Entzündung des umliegenden Gewebes durch das Paraffinom kann sich nach etwa ein bis zwei Dekaden ein maligner Tumor (eine Krebsgeschwulst) entwickeln.W. S. Ho u. a.: Management of paraffinoma of the breast: 10 years' experience. In: Br J Plast Surg 54, 2001, S. 232–234. PMID 11254416 Dieses Phänomen wurde als Spätfolge von Paraffininjektionen in die Brust bereits in den 1920er Jahren beschriebenG. Schmorl: Paraffingranulome. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde Dresden. Referiert in Münchner Medizinische Wochenschrift, 215, 1922.E. Rose: Gefährliche Spätfolgen von Paraffininjektionen. In: Bruns’ Beiträge zur klinischen Chirurgie 123, 1925, S. 244–263., ist aber noch nicht endgültig bewiesen. Statistisch gesehen sind dazu die Fallzahlen zu gering.H. J. Kang u. a.: Breast Paraffinoma Coexisting Breast Cancer. In: J Breast Cancer 9, 2006, S. 65–68. (Volltext in Koreanisch, Abstract in Englisch) Auch im Fall von Silikonomen besteht der Verdacht, dass sich daraus langfristig Karzinome entwickeln können.G. A. Timberlake und G. R. Looney: Adenocarcinoma of the breast associated with silicone injections. In: Journal of Surgical Oncology 32, 1986, S. 79–81. PMID 3014228C. M. Lewis: Inflammatory carcinoma of the breast following silicone injections. In: Plast Reconstr Surg 66, 1980, S. 134–136. PMID 7190311L. Morgenstern u. a.: Relation of free silicone to human breast carcinoma. In: Arch Surg 120, 1985, S. 573–577. PMID 2985027G. A. Timberlake und G. R. Looney: Adenocarcinoma of the breast associated with silicone injections. In: J Surg Oncol 32, 1986, S. 79–81. PMID 3014228P. J. van Diest, W. H. Beekman, J. J. Hage: Pathology of silicone leakage from breast implants. In: Journal of clinical pathology. Band 51, Nummer 7, Juli 1998, S. 493–497, PMID 9797723, (Review).Y. Tanaka u. a.: Invasive micropapillary carcinomas arising 42 years after augmentation mammoplasty: A case report and literature review. In: World Journal of Surgical Oncology 6, 2008, 33. PMID 18341700
Diagnose Die Diagnose eines Silikonoms oder Paraffinoms der Brust ist ausgesprochen schwierig. In vielen Fällen wird in der Erstdiagnose ein Karzinom vermutet, das ein sehr ähnliches Erscheinungsbild hat. Die sehr geringe Häufigkeit der Erkrankung und die im Vergleich dazu wesentlich höhere Häufigkeit von Brustkrebs sind für die Differentialdiagnose erschwerend. Auch die Anamnese ist in vielen Fällen keine Hilfe für die Diagnosestellung, da die meisten Patientinnen Jahrzehnte nach der Injektion des Paraffins beziehungsweise Silikons keinen kausalen Zusammenhang mehr zwischen Injektion und Erkrankung sehen. Von den bildgebenden Verfahren ist die Magnetresonanztomographie (MRT) der Sonografie und der Mammografie überlegen und ermöglicht die Unterscheidung zwischen maligner Neoplasie (Brustkrebs) und Lipogranulom.J. Wang u. a.: Magnetic resonance imaging characteristics of paraffinomas and siliconomas after mammoplasty. In: J Formos Med Assoc 101, 2002, S. 117–123. PMID 12099202 Die MRT liefert zudem wichtige Informationen für die Planung des operativen Eingriffes und die notwendige vollständige Entfernung des Lipogranuloms.P. L. Khong u. a.: In: AJR Am J Roentgenol 173, 1999, S. 929–932. PMID 10511150
Diagnostische Sicherheit kann eine Biopsie gewährleisten, da erhebliche histologische Unterschiede zwischen Lipogranulom und Karzinom bestehen.
Therapie miniatur|Eine einseitige Mastektomie