Die Straßenkinder in Rumänien () umfassen mehrere Generationen verstoßener Kinder aus der Zeit der realsozialistischen Gewaltherrschaft in Rumänien, Waisenkinder oder Ausreißer im Alter von drei bis siebzehn Jahren. Sie leben – teilweise auch in größeren Gruppen – auf den Straßen und in der Kanalisation zahlreicher Städte des Landes. Einmal auf der Straße kommen sie nur selten von ihr weg.

Über ihre landesweite Zahl besteht Uneinigkeit in der Literatur. Schätzungen zufolge waren es 2000: 3.200 Kinder 2003: 1.900 Kinder 2004: 1.300 Kinderec.europa.eu (PDF-Datei; 216 kB), European Commission DG Employment, Social Affairs and Equal Opportunities, Bill Edgar: Nationale Strategie zur Vorbeugung und Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Der Weg zur festen Bleibe – Synthese Bericht, Norwegen 2006, Seite 16: Rumänien.

Andere Quellen gehen von rund 9.000 Kindern im Jahr 2018,Strassenkinder in Rumänien. In: Kinder- und Jugendhilfe für Rumänien e. V., Heidelberg, aktualisiert am 15. April 2018. 5.000 Kindern im Jahr 2005, 20.000 Kindern im Jahr 2001, oder 30.000 Kindern (ohne Jahreszahl), oder gar 100.000 in den Jahren 1997 und 2008Public Broadcasting Service, European Journal, Erin Condit: Romanian Street Children. 9. Oktober 2008 (englisch). aus. Straßenkinder besitzen selten Dokumente oder einen Ausweis, was eine genaue Erhebung erschwert.

Ihre Existenz war bereits vor der Rumänischen Revolution im Jahr 1989 bekannt, jedoch wurde das Problem in seinen ganzen Ausmaßen von den damaligen staatlichen Organen der Öffentlichkeit vorenthalten. Das Phänomen kam in den 1990er und den frühen 2000er Jahren zu seinem Höhepunkt; seither geht die Anzahl der Straßenkinder laut einigen Quellen zurück, andere sprechen davon, dass „die Obdachlosigkeit und damit auch die Zahl der Straßenkinder und -jugendlichen weiter dramatisch zunimmt“.tlaxcala.es, Artikel aus România Liberă, Hans-Jürgen Falkenhagen, Brigitte Queck: Rumänien: Wahlmanipulation bei der Stichwahl zum Präsidentenamt vorprogrammiert. 30. November 2009.

Hilfe gibt es vorwiegend von nationalen und internationalen christlichen Gruppen sowie von Streetworkern.

Ursachen Obdachlosigkeit ist in Rumänien erst seit kurzem Gegenstand der Forschung. Studien weisen landesweit eine Zahl von 15.000 Obdachlosen aus, wobei die Organisation Ärzte ohne Grenzen allein in den Straßen von Bukarest bei circa zwei Millionen Einwohnern um die 5000 Betroffene vermutet.

mini|Die Altersstruktur Rumäniens weist die geburtenstärksten Bevölkerungszahlen in den Jahrgängen 1975–1979 auf. Die Straßenkinder in Rumänien sind sowohl das Resultat der relativen Armut der Bevölkerung Rumäniens als auch seiner kommunistischen Vergangenheit. Nicolae Ceaușescu hatte die Vision, das rumänische Volk bis zur Jahrtausendwende auf 30 Millionen anwachsen zu lassen. Bereits im Oktober 1966 wurde das Dekret 770 erlassen, mit dem die Empfängnisverhütung verboten und Abtreibungen mit Freiheitsstrafen streng bestraft wurden. Frauen fanden zwar Wege zur illegalen Abtreibung, allerdings nur unter schwersten Bedingungen, die u. a. in dem Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage thematisiert wurden. Unter dieser Bevölkerungspolitik verdoppelte sich bereits ein Jahr später die Geburtenziffer., Westend Productions, Arte, 2004, 1:07:39; ausführlich siehe Gail Kligman: The Politics of Duplicity. Controlling Reproduction in Ceausescu’s Romania. Berkeley: University of California Press 1998, (online-Vorschau). Obwohl das Programm anfänglich von massiver finanzieller Förderung für Kindergärten und Schulen begleitet wurde, erwiesen sich diese sozialpolitischen Maßnahmen im Laufe der Jahre als unzureichend. Die resultierenden sozialen Probleme sind heute noch groß.

Viele werdende Mütter versuchten, mit Drähten oder Medikamenten einen Abort einzuleiten. In der Folge kam es häufig zu Geburten behinderter Kinder. Diese wurden daraufhin in Sozialwaisenhäuser wie zum Beispiel das Kinderheim Cighid nahe der Stadt Oradea abgeschoben, wo neben behinderten Kindern unter anderem auch ungewollte Kinder eingeliefert wurden. Hier wurden die Irecuperabili (deutsch die Unwiederbringlichen) unter unwürdigsten Bedingungen wie Vieh gehalten.Rumäniens vergessene Kinder: In der Heimat der wunden Seelen – Nach der Ceausescu-Diktatur dürfen sie wieder leben. In: Der Tagesspiegel. 7. September 2000 (tagesspiegel.de).

40 Prozent der Menschen lebten unterhalb der Armutsgrenze, und insbesondere kinderreiche Familien waren vielfach der Zerrüttung ausgesetzt. In der Folge konnten zahlreiche Eltern nicht mehr für ihre Kinder aufkommen und gaben sie an Waisenhäuser ab, oder „warfen sie raus“. Die überfüllten Waisenhäuser konnten den Strom der verwaisten Kinder nicht aufnehmen. Es gab einige Fälle, in denen verzweifelte Eltern ihre Kinder töteten. In den Waisenhäusern bediente sich auch die Geheimpolizei Securitate für ihren Nachwuchs.

Nach der Revolution 1989 stieg die Zahl der nun legalen Schwangerschaftsabbrüche kurzfristig massiv an und erreichte 1990 gar eine Quote von 300 Abbrüchen auf 100 Geburten. Noch heute lassen Mütter bei ungewollten Schwangerschaften oftmals ihre Babys gleich nach der Geburt im Krankenhaus zurück. In manchen Kliniken werden Gebärende zur Erleichterung von potentiellen späteren Ermittlungen inzwischen fotografiert, für den Fall „dass sie ohne ihr Baby klammheimlich das Weite suchen“.schmetterling.de, Von Brâncuși bis Straßenkinder, Politik, Kultur, Gesellschaft – Wissenswertes über ein Land voller Gegensätze. 1997 lebten eine Million Kinder in staatlichen Heimen.Christian Schmidt-Haeuer: Die Kinder vom Bahnhof Bukarest. Ein Volk hat seine Waisen verstoßen. In: Die Zeit. 31/1997 (zeit.de).

Schätzungsweise 60.000 Kinder flüchteten aus einem Familienalltag, in dem oft Alkohol, Gewalt und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung waren.dradio.de, Deutschlandfunk, Keno Verseck: Der Kanal, der Lack und der Tod. Die vergessenen Straßenkinder Rumäniens, 26. November 2005. 2001 waren 30 Prozent der rumänischen Frauen Gewalthandlungen ihrer Ehe- oder Lebenspartner ausgesetzt.ots.at, Prets: Diskriminierung von Frauen in Rumänien scharf verurteilt, Presseaussendung der SPÖ, März 2001. Noch 2006 zeigte eine Studie der UNICEF Romania, dass 73 % der rumänischen Eltern ihre Kinder körperlich misshandelten. Mehr als eine Million rumänischer Kinder lebte in Armut, 350.000 davon in extremer Armut. Armut unter Roma-Kindern war drei Mal höher als unter den Kindern der Mehrheitsbevölkerung, und 27.000 rumänische Kinder lebten in diesem Jahr nicht in elterlicher Obhut, sondern in Institutionen oder anderen vom Staat anerkannten Einrichtungen.

Durch andere Faktoren wie das Arbeiten von Eltern im Ausland entstand noch ein anders geartetes Problem alleinstehender rumänischer Kinder. Zwischen 16 und 18 Prozent der rumänischen Kinder zwischen 10 und 14 Jahren entbehren aus diesem Grund eines Elternteils: 80.000 den Vater 55.000 die Mutter 35.000 beide Eltern

Ein Teil dieser Kinder wird durch Verwandte oder Nachbarn im Rahmen der Möglichkeiten und mit unterschiedlichem Einsatz sozial begleitet. Materiell geht es den hinterlassenen Kindern oft besser als ihren Altersgenossen, da die meisten Eltern regelmäßig Geld überweisen. Trotzdem neigen die Kinder zu Depressionen und Alkoholmissbrauch und geraten nicht selten mit dem Gesetz in Konflikt. 2008 stieg auch die Rate der diesbezüglichen Selbstmorde von Jugendlichen an. Nach offiziellen Schätzungen arbeiten 14 Prozent der Gesamtbevölkerung im Ausland, nicht selten illegal. Die meisten davon sind junge Erwachsene, viele davon Eltern.verein-papageno.ch (PDF; 1,5 MB), Martin Bauer: Eltern als Geldlieferanten, Ostern 2008.

Situation Viele der Straßenkinder leben in der Kanalisation in der Nähe von Fernheizungsrohren, in U-Bahn-Stationen, an Bahnhöfen oder auf Baustellen. Ihre Kleidung wird nicht selten durch Stricke zusammengehalten; die Kinder sind oft sehr dreckig und es fehlt ihnen Schuhwerk. Für die Körperhygiene steht oft nur etwas Wasser aus Limonadenflaschen zur Verfügung. Viele haben Tuberkulose und werden infolge mangelnder Hygiene von Läusen und Flöhen geplagt, viele leiden an Fußpilz. Vor allem die Älteren können Geschlechtskrankheiten wie Syphilis aufweisen und laufen Gefahr, sich mit AIDS oder Hepatitis zu infizieren.

Das Schnüffeln der billigen Straßendroge „Aurolac“ aus Plastiktüten ist unter den Kindern weit verbreitet. Aurolac ist der Name einer rumänischen Marke eines synthetischen silber- oder goldfarbenen Verdünnungsmittels, das nach dem Inhalieren eine leichte halluzinogene Wirkung hat und die Kinder so ihre Ängste, Sorgen und den Hunger für einige Momente vergessen lässt. Diese Methode verursacht bei anhaltendem Gebrauch Herz- und Hirnerkrankungen und schädigt die Atemwege.ifsoz.org, Praktikum bei den Straßenkindern in Timișoara – Copii de strada – Hintergrund, Programm, Eindrücke, März 2001.banaterzeitung.com, Banater Zeitung, Raluca Nelepcu und Olivian Ieremiciu: Wie der Traum zum Alptraum wird. Legale Drogen mit gefährlichen Nebenwirkungen, 11. Februar 2010. Unter dem Einfluss der Dämpfe legen die Kinder auch gelegentlich selbstverletzendes Verhalten an den Tag, indem sie sich zum Beispiel mit Scherben Schnittwunden an den Armen zufügen.taz.de, die tageszeitung, Keno Verseck: Ganz, ganz unten, 6. Januar 2007.

Es ist schwer, zu den Straßenkindern Kontakt aufzunehmen. Sie bilden eine eigene, wenn auch raue Familie, die zusammenhält. Die Größeren „achten“ meist auf die Kleineren, es herrscht aber auch oftmals das Gesetz des Stärkeren und es bestehen starke Hierarchien,, WiGeo München e. V., Karl Hennermann, Johannes Rehner: Österreich – Ungarn – Rumänien. Bericht zur Exkursion vom 18. März bis 6. April 2003, WRU-Berichte, Heft 24, Materialien und Forschungsberichte aus dem Institut für Wirtschaftsgeographie der Universität München, Abschnitt 21: Das Straßenkinderprojekt St. Andrei in Bukarest, 2004. in denen die älteren Kinder das Betteln und Stehlen der Jüngeren organisieren.news.bbc.co.uk, BBC, Glenda Cooper: Romania’s blighted street children. 17. September 2004 (englisch). Betteln und Kleinkriminalität sind an der Tagesordnung. An vielen innerstädtischen Verkehrsampeln stürzen Straßenkinder auf die wartenden Autos zu und putzen die Scheiben in der Hoffnung auf etwas Geld, wobei sie sich häufig bekreuzigen., Shirin Hooshmandi, Ingrid Teodor: Straßenkinder in Bukarest. August 2009.

Hilfe und Unterstützung werden oft nicht angenommen, da in Institutionen immer Regeln und Verpflichtungen herrschen, die befolgt werden müssen. Die Straßenkinder hegen wohl den Wunsch auf ein „besseres Leben“, wollen aber „frei sein“ und haben Schwierigkeiten, sich an ein Minimum an Regeln zu halten. Sie tauchen vorwiegend bei Schlechtwetter und im Winter an Hilfsstellen auf, um wenigstens eine warme Mahlzeit und einen sicheren Schlafplatz zu bekommen. Die meisten von ihnen kehren danach wieder auf die Straße zurück. Wenn sie, wie die meisten, keine Ausweispapiere haben, ist es ihnen nicht erlaubt, eine reguläre Schule zu besuchen. Hilfsorganisationen haben keine Illusionen, weder über die Bandbreite und Größe ihrer Aufgabe noch über ihre zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten.