mini|hochkant=1.3|Flügelmodell D-274 aus der Steinway-Fabrik Hamburg
D-274 (oder D) ist der Modellname des größten Konzertflügels von Steinway & Sons.Larry Fine: The Piano Book: Buying & Owning a New or Used Piano. 3. Ausgabe. Brookside Press, Boston 1994, ISBN 0-9617512-5-8. Er wurde in der heutigen Version erstmals 1884 gebaut und hat in der modernen Bauart eine Länge von 274 cm und ein Gewicht von 500 kg.
Design Die meisten kritischen Designelemente des D-274 wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und haben sich seither nur wenig geändert. Hierunter fallen die Mechanik der Klaviatur und die Auslegung der Saitenlängen, die von Henry Steinway Jr., einem Sohn des Unternehmensgründers Henry E. Steinway, entwickelt worden waren; das laminierte Gehäuse aus Holz, der gegossene Eisenrahmen und auch die Hammerausrüstung, die sämtlich auf Patente von C. F. Theodore Steinway zurückgehen, eines weiteren Sohnes des Firmengründers; sodann einige Elemente des Gehäuses, zuerst gebaut von Albert Steinway, ebenso eines Sohnes Henrys; und der Resonanzboden, gebaut nach einem Patent des jüngeren Familienmitgliedes Paul Bilhuber.Today’s Pianos Have Prelude In Yesterday’s; Steinway Family Legacy Pervades Factory in Queens. In: The New York Times, 19. Juli 2003; abgerufen am 24. März 2010.
Geographischer Ursprung und besondere Instrumente mini|Steinway D-274 aus Hamburg
Steinway fertigt den D-274 in zwei Fabriken, eine in Queens (New York City) und die andere in Hamburg. Die New Yorker und Hamburger D-274 unterscheiden sich äußerlich sichtbar in mehreren Gestaltungsmerkmalen, u. a. in der Form des Klaviaturgehäuseabschlusses sowie in der Form der Tastenklappe und des Notenpultes. Ebenfalls unterschieden sich bis 2014 Lyra und Flügelbeine. 2014 wurde die New Yorker Variante der Hamburger Ausführung angeglichen. Im Inneren des Instrumentes sind es die Hamburger Innenzarge mit sichtbarer Holzstruktur unter klarem Polyester, einige Schrauben des Gussrahmens, die Mechanikteile und Hammerköpfe, welche sich unterscheiden. Die amerikanischen Instrumente tragen zumeist ein seidenmattes Schwarz, die Flügel aus Hamburg eine hochglänzende Polyester-Oberfläche, den sogenannten „Klavierlack“.Frederick Allen: In: American Heritage. Fall 1993; abgerufen am 22. März 2010. In den letzten Jahren erfolgten einige Angleichungen der New Yorker Modelle an Hamburger Standards, sowohl hinsichtlich der Verarbeitungsqualität als auch einiger Designmerkmale; so werden auch New Yorker-D-Flügel inzwischen serienmäßig mit großen, zweifach gebremsten Konzertflügelrollen und entsprechend angepassten Flügelbeinen gefertigt. Die Fabrikation in New York wurde 2013/14 für die Variante mit optionalem Polyester-Finish eingerichtet.
Unterschiede in der Klangcharakteristik und der Spielart der Instrumente führen oft dazu, dass Künstler entweder ein Instrument aus Queens oder eines aus Hamburg bevorzugen; Vladimir Horowitz zum Beispiel bevorzugte einen New Yorker D-274, während Marc-André Hamelin, Alfred Brendel, Arcadi Volodos, Mitsuko Uchida, Burkard Schliessmann und Artur Rubinstein das Hamburger Produkt bevorzugten. Sergei Rachmaninoff kaufte drei D-274, sämtlich New Yorker Instrumente, für seine Wohnungen in den Vereinigten Staaten, aber er ließ sich einen Hamburger D-274 in seiner Schweizer Villa installieren. Der Unterschied zwischen den New Yorker und Hamburger D-Modellen ist heutzutage weniger bemerkenswert als die individuellen anschlagstechnischen und klanglichen Unterschiede zwischen den einzelnen Instrumenten – unabhängig vom Produktionsstandort. Der Pianist Emanuel Ax sagt: „Die Unterschiede haben mehr mit den individuellen Instrumenten und weniger mit dem Herstellort zu tun.“Steinways with German Accents ... In: The New York Times, 27. August 2003; abgerufen am 25. März 2010.
Verschiedene Künstler waren bekannt dafür, dass sie eine besondere Nähe zu einem einzelnen D-274-Instrument entwickelten. Beispiele sind die folgenden: Sergei Rachmaninoff zeichnete alle seine Einspielungen für Victor in New York auf den D-274 der Seriennummern 147.681 und 194.597 auf.Max Harrison: Rachmaninoff: Life, Works, Recordings. Continuum, London 2005, ISBN 0-8264-9312-2; books.google.com Als die Zenph Studios es sich zur Aufgabe machten, mittels moderner Playback-Techniken diese Aufnahmen zu digitalisieren, wählte das Unternehmen einen D-274 von 1909 aus, die Nr. 133.291, als stützendes Instrument. Das restaurierte Klavier ist an prominenter Stelle auf der Website von Steinway zu sehen.Zenph Studios site; abgerufen am 18. März 2010. Vladimir Horowitz favorisierte einen D-274, den er "Beauty" nannte. Dieser Flügel war ein Geschenk von Steinway zu seiner Hochzeit. Horowitz war der erste Pianist, der im Wesentlichen nur auf seinem eigenen Flügel konzertierte. Als das Instrument so verschlissen war, dass es nicht mehr gewartet und gestimmt werden konnte, beauftragte er den Klavierbauer Joseph Pramberger, es komplett neu aufzubauen. Riverside Music Website; abgerufen am 18. März 2010. Die Spielmechanik des heutzutage berühmten Horowitz-Flügels ist extrem leichtgängig eingestellt, was den Pianisten einiges an Eingewöhnung abverlangt. Das Instrument wurde nach dem Tode Horowitz’ von seiner Witwe dem Hersteller zurückgegeben und bereist heute zu Werbezwecken den mit Steinway vertraglich verbundenen Klavierhandel. Glenn Gould behielt eine sehr bekannte Präferenz für den D-274 mit der Konzertflügel-Nummer CD 318-C, den er 1946 in einem Versandlager in Toronto in verschlissenem Zustand, bereit zur Rücksendung an die Fabrik vorfand. Er beauftragte den Techniker Verne Edquist, das Instrument zu restaurieren, und ließ es zu jedem Konzert transportieren, bei dem er spielte. Der Flügel überstand während eines Transportes 1971 sogar einen Gussplattenriss, als Gould ein Konzert mit dem Orchester in Cleveland spielte. Jahrelang versuchte Edquist den Schaden zu reparieren, und, da ihm das nicht gelang, brachte ihm dies sehr viel Ärger mit Glenn Gould ein.Brian Bethune: In: The Encyclopedia of Music in Canada. reprinted from Maclean’s 23. Juni 2008; abgerufen am 18. März 2010. Der Flügel mit der Nummer CD 318-C (Konzertprogramm-Bezeichnung von Steinway, die Seriennummer ist eine andere) existiert weiterhin in beschädigtem Zustand, er wird in Ottawa an der Library and Archives Canada aufbewahrt, eine Institution, die auch das Glenn-Gould-Archiv beherbergt.Kevin Bazzana, Geoffrey Payzant, John Beckwith: Gould, Glenn. In: The Encyclopedia of Music in Canada; abgerufen am 21. März 2010. Die Pianistin Olga Samaroff kaufte eigens einen D-274, um die Firmenpolitik zu umgehen, die ihr das Aufnehmen von Musik mittels eines kleineren Instrumentes abverlangte. Auf diesem Instrument spielte sie ihre Aufnahmen der späten akustischen Ära für Victor ein, nachdem sie sich eigens in Seal Harbour, Maine, eine Wohnung beschafft hatte, die groß genug für den Konzertflügel war.Olga Samaroff-Stokowski: An American Musician’s Story. W.W. Norton and Co., New York 1939.
Spezielle Ausgaben und Rekordpreise In den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts, dem Zeitalter der pneumatisch gesteuerten Selbstspielklaviere, lieferte Steinway neben zehntausenden meist kleinerer Flügel (O- und M-Größe) auch insgesamt zehn D-Flügel mit verlängerten Gehäusen an Firmen wie die Aeolian Company, die American Piano Company, Hupfeld und Welte, welche ihre Selbstspielsysteme installierten und die Instrumente dann in Eigenregie vertrieben. Diese auf dem verlängerten D-Modell basierenden Reproduktionsklaviere sind mit 290 cm die größten, wenn auch nicht schwersten Flügel, die Steinway je in Serie fertigte; deren Länge wurde erst 80 Jahre später vom Konzertflügelmodell F308 des italienischen Herstellers Fazioli übertroffen.
Steinway baute immer wieder Instrumente des Typs D-274 mit kunsthandwerklich gestalteten Gehäusen (Art Case), welche auffällige Designmerkmale wie Schnitzwerk oder Abweichungen vom üblichen Farbschema aufweisen. Steinway & Sons Official Website; abgerufen am 12. März 2010. Steinway & Sons Official Website; abgerufen am 12. März 2010., Steinway & Sons Official Website; abgerufen am 12. März 2010. auf der Webseite des Tallahassee Antique Car Museums; abgerufen am 13. März 2010.
mini|Steinway D Nr. 300.000 im Weißen Haus
Bislang prestigeträchtigster Steinway D ist wohl der am 10. Dezember 1938 von Theodore Steinway an den Präsidenten der Vereinigten Staaten Franklin D. Roosevelt übergebene Flügel im Weißen Haus mit der Seriennummer 300.000, dessen Gehäuse die D-typische Länge um etwa 18 cm übertrifft.A Piano Is Born, Needing Practice; Full Grandness of K0862 May Take Several Concerts to Achieve. In: The New York Times; abgerufen am 12. März 2010.Steinway & Sons – 150 Years. S. 65. Das Art-Case-Design stammt von dem New Yorker Architekten Eric Gugler, unter Mitwirkung des befreundeten Roosevelt. Die Flügelbeine – in Anlehnung an das Große Siegel der Vereinigten Staaten beziehungsweise das Dienstsiegel und die Standarte des US-Präsidenten in Gestalt des Weißkopfseeadlers – schuf der britisch-amerikanische Bildhauer Albert Stewart, die Blattgoldeinlagen der amerikanische Wandmaler Dunbar Beck. 1979 wurde das Instrument bei Steinway New York überholt. Es stand bis 1989 im East Room und seitdem im Großen Foyer als imposantester von zahlreichen Flügeln im Weißen Haus.A Piano Is Born, Needing Practice; Full Grandness of K0862 May Take Several Concerts to Achieve. In: The New York Times; abgerufen am 12. März 2010.Steinway & Sons – 150 Years. S. 65. Dieses Foto von Zhen-Huan Lu wurde 2002 für die White House Holiday Greeting Card verwendet. Dieser „Staatsflügel“ ersetzte den 1903 anlässlich des 50. Firmenjubiläums produzierten und Präsident Theodore Roosevelt übergebenen Golden Steinway D-274 mit der Seriennummer 100.000, welcher heute im Smithsonian in Washington, D.C. ausgestellt ist.
mini|Steinway D von Alma-Tadema
Der weltweit bislang teuerste, jemals bei einer Auktion versteigerte Flügel ist der von dem niederländisch-britischen Maler Sir Lawrence Alma-TademaLawrence Alma-Tadema and the modern city of ancient Rome. (Critical Essay). In: Gale. 1. März 2002. (Ausschnitt) gestaltete, 1883–1887 im New Yorker Werk für den späteren Präsidenten (1889–1902) des Metropolitan Museum of Art in New York City, Henry Gurdon Marquand, gebaute D-274 mit der Seriennummer 54.538. Dieser erzielte bei Christie’s in London 1997 einen Preis von umgerechnet 1,2 Millionen US-Dollar. Steinway & Sons Website; abgerufen am 13. März 2010. Mit diesem Rekord brach Steinway seinen eigenen vorigen Rekorderlös von 390.000 $.Eight Keys to Buying a Piano – A guide to selecting the perfect instrument. S. 10. 2002 stellte Steinway eine Kopie dieses Modells mit der Seriennummer 554.538 fertig. Das Original mit zwei zugehörigen Flügelbänken ist heute Teil der Sammlung des Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown (Massachusetts). Website des Clark Art Institute; abgerufen am 14. März 2010.
Der in der Herstellung bislang teuerste D-Flügel ist das 2007–2010 in Hamburg für den chinesischen Unternehmer, Kunstsammler und Musikliebhaber Guo Qingxiang angefertigte „Art Case“-Modell „Sound of Harmony“. Das Gehäuse einschließlich Innenzarge, Deckel, Notenständer, Tastenklappe sowie die zugehörige Doppelflügelbank dieses Unikats zeigen Fasanen-Motive des chinesischen Künstlers Shi Qi in aufwendiger Intarsientechnik aus tausenden, teils winzigen Stücken von nahezu vierzig Furnierholzarten aus aller Welt. Flügel und Sitzbank haben gedrechselte Zwillingsbeine.
Lang Lang trat in der Show Wetten, dass..? mit einem hochglanzroten D-274 auf – in chinesischer Glücksfarbe.Show Wetten, dass..? mit Thomas Gottschalk. YouTube, gesehen am 13. August 2010.
Geschichte