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Der Kulturbund der DDR (unter diesem Namen von 1974 bis 1990) war eine kulturelle Massenorganisation in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Er hieß zuvor Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands (1945 bis 1958) bzw. Deutscher Kulturbund (1958 bis 1974).
mini|Friedenskundgebung des Kulturbundes in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin (1948) Der Kulturbund wurde am 8. August 1945 von Johannes R. Becher und anderen Intellektuellen mit Genehmigung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) im britischen Sektor von Berlin gegründet, als eine interzonale, plurale und überparteiliche Sammlungsbewegung für intellektuell Interessierte aller Art auf der Basis von Antifaschismus und Humanismus und mit dem Ziel „nationaler Wiedergeburt“ und der „Wiedergewinnung des Vertrauens und der Achtung der Welt“.Gerd Dietrich: Kulturbund. In: Gerd-Rüdiger Stephan u. a. (Hrsg.): Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch. Dietz, Berlin 2002, ISBN 3-320-01988-0, S. 537 ff. Ab 1949 wurden dem Kulturbund durch Verordnung der Deutschen Verwaltung für Volksbildung diverse kleinere kulturelle Vereine angeschlossen.
Später diente der Kulturbund der DDR-Staatspartei SED zur Schaffung einer sozialistischen Kultur in der Gesellschaft. Als Bestandteil der Nationalen Front war der Kulturbund auch als zeitweilig kleinste Fraktion in der Volkskammer der DDR vertreten. Zahlreiche Schriftsteller gehörten dem Kulturbund an, darunter Adam Scharrer, Willi Bredel, Fritz Erpenbeck, Bernhard Kellermann, Victor Klemperer, Anna Seghers, Bodo Uhse, Ehm Welk, Christa Wolf, Arnold Zweig. Erster Präsident war Johannes R. Becher.
Zu den wichtigen kulturellen Aktivitäten des Kulturbunds gehörten die mit dem Staatlichen Kunsthandel der DDR bis 1989 jährlich ausgerichteten Ahrenshooper Grafikauktionen.
Geschichte bis 1949 (Berlin und SBZ) Vorläufer in der Emigration Im März 1939 gründeten deutsche Emigranten in Großbritannien und in Schweden den Freien Deutschen Kulturbund, der als Vorläufer des Kulturbundes der DDR angesehen werden kann.Jürgen Kuczynski: Memoiren. Köln 1983, S. 300–302.
Planungen innerhalb der KPD 1944/45 Die Idee für den Kulturbund nahm im Herbst 1944 konkretere Formen an, als die KPD-Führung in Moskau ein Aktionsprogramm entwickelte, zu dem auch ein ausführlicher Abschnitt „Kulturpolitik und Volksbildung“ gehörte. Der expressionistische Dichter und Kommunist Johannes R. Becher, damals dort im Exil und im Zentralkomitee der KPD, leitete die Kulturkommission und plante bereits im September 1944, im Nachkriegsdeutschland einen Verband für Kulturschaffende einzurichten. Dieser sollte sich nicht KPD-nah, sondern nach allen Seiten offen präsentieren und der Umerziehung von Intellektuellen und Künstlern im Sinne eines sozialistischen Menschenbilds dienen. Vorbild waren ähnliche Zusammenschlüsse in Exilländern wie England oder Schweden.Magdalena Heider: Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. In: Martin Broszat, Hermann Weber (Hrsg.): SBZ-Handbuch: Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1993, ISBN 3-486-55262-7, S. 714 f.
Nach seiner Rückkehr ins zerstörte Berlin stellte Becher bei der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) den Antrag auf die Zulassung eines „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Er erhielt am 25. Juli 1945 die Zulassung für Berlin, am 31. Juli 1945 für die Sowjetische Besatzungszone – das Gebiet der späteren DDR.
Gründung mini|Feier zum ersten Jahrestag 1946: In der ersten Reihe Max Pechstein (links), Arthur Werner (rechts) und Herbert Ihering (2. von rechts)
Am 4. Juli 1945 traten die Initiatoren, allen voran Becher, erstmals vor die Öffentlichkeit – bei einer Kundgebung im Großen Sendesaal des Berliner Rundfunks. Das Interesse war groß: Etwa 1500 Teilnehmer begaben sich in das Haus des Rundfunks in der Masurenallee. Johannes R. Becher, Bernhard Kellermann, Eduard Spranger und andereKommunističeskaja Partija Sovetskogo Sojuza (Hrsg.): Manifest und Ansprachen von Bernhard Kellermann, Eduard Spranger u. a. Gehalten bei d. Gründungskundgebung des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands am 4. Juli 1945 im Haus d. Berliner Rundfunks. Aufbau-Verlag, Berlin 1945. hielten Reden und schrieben dem Kulturbund die Funktion eines „geistigen und kulturellen Parlaments unseres Landes“ zu. Er solle als „nationale Einheitsfront der deutschen Geistesarbeiter“ für die „Vernichtung der Naziideologie auf allen Lebens- und Wissensgebieten“ und die „moralischen Gesundung“ des deutschen Volkes kämpfen.
Zwei Monate später, am 8. August 1945, fand in den Räumen der Kammer der Kulturschaffenden in der Schlüterstraße, dem ehemaligen Sitz der Reichsfilmkammer, die Gründungskonferenz statt. Becher wurde einstimmig zum Präsidenten, der Schriftsteller Bernhard Kellermann, der Maler Karl Hofer und – am 12. Februar 1946 – der Altphilologe Johannes Stroux zu Vizepräsidenten gewählt.Gerd Dietrich: Kulturbund. In: Gerd-Rüdiger Stephan u. a. (Hrsg.): Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch. Dietz, Berlin 2002, ISBN 3-320-01988-0, S. 533.Dem ersten Präsidialrat gehörten ferner folgende Akademiker an: Walter F. Schirmer, Max Vasmer, Holtzmann, Hofmann und Robert Havemann. An Schriftstellern kamen außer Becher und Kellermann Herbert Ihering, Paul Wiegler und Theodor Bohner. Aus Film und Theater: Paul Wegener, Eduard von Winterstein, Karlheinz Martin und Ernst Legal. Bildende Kunst: Hofer und Renée Sintenis. Musikwissenschaft: Bernhard Bennedik. Den Posten des Generalsekretärs nahm der Journalist Heinz Willmann ein.Willmann ist auch Autor der ersten Verbandspublikation „Zwei Jahre Kulturbund“, erschienen im Selbstverlag 1947. Die Fakten zum Gründungspersonal des Kulturbunds sind diesem Buch entnommen. Ehrenpräsident des Kulturbundes wurde Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann.
Parteioffen, antifaschistisch mini|hochkant|Titelblatt der Broschüre anlässlich des zweijährigen Bestehens (1947)
Wie von Becher schon in Moskau geplant, floss die KPD-Nähe des Präsidiums nicht in die Agenda vom Sommer 1945 ein. Im Gegenteil – das Gründungsmanifest gab sich offensiv parteineutral: „Der Kulturbund […] ist eine unabhängige und überparteiliche Bewegung. Als solche wurde er gegründet, nur als eine solche kann er bestehen, seine Aufgaben erfüllen und hat er eine Zukunft. Somit ist es ein Akt der Selbstbehauptung, wenn wir uns gegen jeden Eingriff seitens einer Partei aufs entschiedenste wehren. Es wäre die Selbstauflösung“, schrieb Becher in der Zeitung „Sonntag“.Sonntag. Berlin, Ausgabe 10, 1947. Er bezog sich damit indirekt auf Anfeindungen des Kulturbunds durch die politische Rechte, die die Mitglieder des Kulturbunds „als ‚sogenannte‘ Kulturschaffende“, also als schlecht getarnte Parteisoldaten der KPD diffamierten. Becher konterte: „Als unverdächtig gilt in diesen Kreisen nur derjenige, der eine gewissenlose antibolschewistische Hetze betreibt und mit dem Gedanken eines neuen Kriegs spielt.“
Der erste von sieben Leitsätzen des Gründungsmanifests lautete:
Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit war primäres erklärtes Ziel. Entsprechend begrüßte der Präsidialrat des Kulturbunds den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher; er ging ihm aber nicht weit genug: „Wir können nicht begreifen, daß Angeklagte freigesprochen wurden, die in entscheidendem Maße die Schuld an der Machtergreifung durch eine Verbrecherclique tragen. […] Die Freisprüche legen die Befürchtung nahe, gewisse Kreise im Ausland wollten nur die oberste Schicht der Nazis unschädlich machen.“ Als Mindestmaßnahme forderte der Kulturbund eine Enteignung dieser Verbrecher.
Zweites erklärtes Ziel in der Entstehungsphase des Kulturbunds war die „Erziehung unseres Volkes und seiner Jugend“.
Schon ab 1945 veranstaltete der Kulturbund in der sowjetischen Besatzungszone eine bedeutende Zahl von Kunstausstellungen, z. B. im November und Dezember 1945 in Schwerin die Jahresschau 1945 der Kunstschaffenden aus Mecklenburg-Vorpommern, im Dezember 1945 bis Januar 1946 in Berlin die Ausstellung Bildender Künstler, im September 1945 in Chemnitz Chemnitzer Künstler stellen aus und von März bis Juni 1946 in Dresden die Kunstausstellung Sächsische Künstler. Im Motto zur Chemnitzer Ausstellung hieß es: „Das Volk an die Kunst heranzuführen ist die große Aufgabe des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, noch wichtiger aber ist es, den Künstler an das Volk zu führen.“Katalog der Ausstellung in der Chemnitzer Kaufstätte Merkur
Heinrich Deiters und Heinrich Schacht arbeiteten dazu ein „Pädagogisches Manifest“ aus. Unter den Mitgliedern sei, so die Autoren, die Zahl der Lehrer zu gering: immerhin 20,8 % in der Mark Brandenburg, aber nur 7,8 % in Mecklenburg-Vorpommern:
Von Dezember 1945 bis Januar 1946 veranstaltete der Kulturbund in Berlin die mutmaßlich erste größere Ausstellung bildender Künstler.
Innere Struktur mini|Friedenskundgebung des Kulturbundes 1948, im Vordergrund von links nach rechts: Julius Hay, Bertolt Brecht, Ernst Legal und Alexander AbuschDie Kundgebung fand am 24. Oktober 1948 in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin statt und stand unter dem Motto „Verteidigung des Friedens ist Verteidigung der Kultur“.
Vom 20. bis 21. Mai 1947 fand in Berlin der 1. Bundeskongress statt. Die Gruppen des Kulturbunds waren jetzt nach dem „Wohnprinzip“ organisiert, „eine zwanglose Geselligkeit wird allerorts angestrebt. Diesem Bestreben dienen auch die Klubhäuser, die es in Berlin und in anderen Städten gibt.“ Allein in Berlin organisierten sich unter dem Dach des Kulturbunds 40 Gruppen. Viele trafen sich im „Klub der Kulturschaffenden“. Dort war im Februar auch der Leiter der SMAD, Marschall Sokolowski, zu Gast und betonte, begleitet von Mitgliedern des Beethoven-Quartetts und russischen Volksliedern, seine Solidarität mit den Ideen des Kulturbunds.
Der Sekretär des Kulturbunds bedauerte in seiner Schrift zum zweijährigen Bestehen des Kulturbunds eine einseitige Konzentration auf den Osten: Die Treffen fänden „vor allem in der sowjetischen Zone“ statt, „während in den anderen Zonen die geeigneten Möglichkeiten schwerer zu finden sind.“ Es gab Wahlverfahren für die Vorstände innerhalb der einzelnen Gruppen sowie für die Landes- und Bundesleitung. Der Kulturbund hatte eine eigene „ideologische Abteilung“ unter der Leitung des 1946 aus dem Exil in Mexiko zurückgekehrten Schriftstellers Alexander Abusch. Abusch leitete auch die regelmäßigen Sendungen des Kulturbunds im Berliner Sender, die vor allem aus Streitgesprächen bestanden, zum Beispiel über Verfassungsfragen und die „studentische Jugend“. Bei Letzterer sei eine Politikverdrossenheit zu bemerken, dafür ein umso stärkerer Drang nach naturwissenschaftlichen Studien, schrieb Willmann 1947.
Zeitschrift „Aufbau“