Die Böhmisch-Oberlausitzer Kaiserstraße war eine Altstraße im Straßennetz des Heiligen Römischen Reichs und verlief von Prag nach Bautzen.
Bezeichnungen und Verlauf In der älteren Literatur und auf alten Kartenwerken der Oberlausitz erscheint gelegentlich die Bezeichnung „Kaiserstraße“ oder auch „Krönungs- und Huldigungsstraße“, die damit auf eine alte und bedeutende Straße hindeutet, die einst das Oberlausitzer Bergland durchzog. Diese historische Landstraße „bezeichnet den von Böhmen aus über Budissin (Bautzen) nach Hoyerswerda und Cottbus und von da nach Frankfurt an der Oder oder Berlin zu nehmenden Weg in solcher geraden Richtung, dass jede andere, die man von Rumburg aus nach Cottbus einschlagen wolle, eine weitere Tour in sich fassen würde“.Walter Heinich: Die Kaiserstraße. Ein Beitrag zur Verkehrsgeschichte der Oberlausitz. In: Bautzener Geschichtshefte (BGH). Nr. VII/2, Bautzen 1929.
Verlauf im heutigen Tschechien Von Prag ausgehend folgte die Kaiserstraße weitestgehend dem Verlauf der heutigen Fernstraße von Prag nach Rumburk (→ Silnice I/9) ohne die neuerlichen Ortsumgehungen. Nördlich von Rumburk Richtung der Grenze ist die Straße heute als Bezirksstraße (Silnice II/263) klassifiziert. Ab Georgswalde (heute ) vollzog die Kaiserstraße einen Knick in nordwestliche Richtung und folgte dem Tal des Ritterbachs (), einem linken Nebenbach der Spree, bis zur tschechisch-deutschen Staatsgrenze. Jener Grenzübergang besteht heute nur noch als Wanderweg. Der Abschnitt der Kaiserstraße zwischen Alt-Georgswalde () und Neuspremberg wurde bis 1945 „Diebesstraße“, bezeichnet.MB25 Nr. 4953, Jahr 1937 Diese makabre Bezeichnung geht wahrscheinlich auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als die heimische Textilproduktion starken Konjunkturschwankungen unterworfen war, so dass das Weberelend wie in Schlesien auch in den Bergdörfern der Oberlausitz existierte und das Schmugglerwesen entlang der sächsisch-böhmischen Grenze aufblühte.
Verlauf im heutigen Deutschland Von Neuspremberg führte die Kaiserstraße weiter im ehemaligen „Viehweg“ unterhalb des Hutzelberges (346 m) in das Dorf Spremberg hinein, ging zwischen der alten Schule des Ortes, nahe der Dorfkirche Spremberg, und dem Kretscham als Furt durch die Spree und verlief weiter am rechten, damals windungsreichen Spreeufer entlang und zog sich am Spremberger „Heidelberg“ in Richtung nach Neuoppach hin. Die heutige langgezogene „Talstraße“ in Neusalza-Spremberg wäre demnach als Nachfolgerin einer Teilstrecke der Kaiserstraße anzusehen. Durch das Dorf Oppach überquerte sie die niedrigste Stelle von etwa 390 m den Höhenrücken zwischen Pickaer Berg (486 m) und Bieleboh (499 m) bei Oberoppach und Wurbis nach Weigsdorf-Köblitz und Halbendorf/Gebirge. Anschließend verlief sie durch die Ortschaften Suppo, Eulowitz, Großpostwitz und Hainitz, weiter westlich des Drohmberges (432 m) bei Rascha, um schließlich über Ebendörfel und Oberkaina Bautzen zu erreichen.
Jedenfalls kann der Teil der heutigen Fernverkehrsstraße B 96 Neusalza-Spremberg – Oppach – Bautzen mit Recht als der Nachfolger der mittelalterlichen Kaiserstraße, die in Prag begann, angesehen werden. „Die Geschichte der […] F 96 führt somit zurück bis zu diesem alten Landweg von Böhmen nach Bautzen und ist mindestens so alt wie die einstige politische Zugehörigkeit der Oberlausitz zum Königreich Böhmen“.
Entstehung, Zweck und Geschichte Da das Territorium der Oberlausitz, zunächst nach den Milzenern „Gau Milsca“, später „Budissiner Land“ genannt, von 1076 bis 1253 und dann wieder von 1319 bis 1469 zum Königreich Böhmen gehörte, wird die „Kaiserstraße“, die „nach damaligen Begriffen also im Walde so breit abgeholzt (war), dass ein Reiter mit quer gehaltener Lanze reiten konnte“Walter Heinich: Spremberg. Versuch zu einer Ortsgeschichte des Kirchdorfes Spremberg in der sächsischen Oberlausitz. Spremberg 1918. als „Kurierstraße“ und kaum als Handelsstraße fungiert haben. Denn sie stellte im Mittelalter die kürzeste Verbindung zwischen der böhmischen Residenz Prag und der Metropole des böhmischen Nebenlandes Oberlausitz dar. Auf ihr wurde durch reitende Boten der königliche Kurierdienst zwischen der Prager Burg und dem Burggrafen, später Landvogt, in Bautzen und umgekehrt abgewickelt. Anderen Mitteilungen zufolge ist der prunkvolle Straßenname darauf zurückzuführen, dass auf ihr die böhmischen Könige, zuletzt der spätere römisch-deutsche Kaiser Karl IV. (1316–1378), im Jahre 1347 zur Erbhuldigung der Lausitzer Stände nach Bautzen zogen, wie der Fund einer kufischen Goldmünze bei der Grundsteinlegung der alten Spremberger Kirche 1839 in der Nähe der erwähnten Spreefurt (die Spree war damals noch nicht reguliert) hindeutet. Die Böhmisch-Oberlausitzer Kaiserstraße, deren Entstehung im Dunkel des Mittelalters liegt, kann durchaus bereits unter der Herrschaft des Böhmenkönigs Vratislav II. (1061–1092) oder seines Schwiegersohnes Wiprecht von Groitzsch (um 1050–1124), angelegt worden sein, der die Oberlausitz als Mitgift seiner Gemahlin, der Königstochter Judith, zu Lehen erhalten hatte. Bei seinen kolonisatorischen Bestrebungen hatte sich Wiprecht von Groitzsch, der Bautzen 1084 zu seiner zeitweiligen Residenz auserkor, dauernden Angriffen der mächtigen Grafen von Wettin zu erwehren. Als neuer böhmischer Herrscher der Oberlausitz in Bautzen benötigte er demzufolge eine schnelle und sichere Verbindung in die böhmische Hauptstadt. Da etwa zur gleichen Zeit die bäuerliche Landnahme und Kolonisation im Rahmen der sogenannten feudalen deutschen Ostexpansion bzw. -kolonisation im sorbischen Eroberungsgebiet einsetzte, die durch Wiprecht von Groitzsch begünstigt wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kaiserstraße als bedeutende Nord-Süd-Verbindung des Bautzener Landes mit Böhmen darüber hinaus „Siedlungsleitlinie“ war. Denn entlang dieses Straßenverlaufs, dem heutigen Abschnitt der B 96 im Oberlausitzer Bergland finden sich die Orte, die damals als Waldhufendörfer unter der Leitung sogenannter Lokatoren (Siedlungsmeister) durch Rodung angelegt wurden und die wohl auf Wiprecht von Groitzsch zurückgehen, aber urkundlich erst viel später erscheinen, so z. B. Spremberg (1242, 1272), Friedersdorf (1272), Beiersdorf (1272), Ebersbach (1306), Oppach (1336), Taubenheim (1345). Wie neueste Forschungen erwiesen haben, sind diese Orte wie weitere in Richtung Bautzen bereits weit vor bzw. um 1200 entstanden.
Außerdem kann geschlussfolgert werden, dass die Kaiserstraße im 13. Jahrhundert eine Art „topografische Basis“ für die erste Landesvermessung der Oberlausitz darstellte, die durch unklare Besitz- und Grenzverhältnisse in Verbindung mit Machtüberschneidungen im betreffenden Gebiet notwendig geworden war. Deshalb wurden in den Jahren 1213 und 1228 bis 1242 etappenweise durch königlich-böhmische und bischöflich-meißnische Beamte als Landvermesser neue Grenzfestlegungen getroffen, die in einem wichtigen Dokument, der Oberlausitzer Grenzurkunde vom 7. Mai 1241, bestätigt wurden. Damit waren die Grenzen der nebeneinander liegenden böhmischen und meißnischen Burgwarde endgültig fixiert worden.
In dem von den Deutschen unterworfenen sorbischen Gebiet hatte bereits vor der erwähnten böhmischen Belehnung des Milzenerlandes 1076 schon der Bischof von Meißen 1007 von König Heinrich II. (973–1024) Grundrechte verliehen bekommen, so dass Differenzen zwischen den Vasallen gar nicht ausbleiben konnten. „Durch diese Jahrhunderte [11. bis 13. Jahrhundert] zieht sich … die Rivalität der weltlichen und geistlichen Grundherrn im Gau Milsca um die Lehnshoheit in den von ihnen beanspruchten Gebietsteilen. Einen gewissen Abschluss dieser Kämpfe stellt die berühmte Grenzurkunde vom Jahre 1241 dar“Alfred Meiche: Die Oberlausitzer Grenzurkunde vom Jahre 1241 … In: Neues Lausitzisches Magazin (NLM), Band 84, Görlitz 1908, Band 85, Görlitz 1909. Merkwürdig ist allerdings, dass die Oberlausitzer Bergdörfer Cunewalde, Beiersdorf, Spremberg und Friedersdorf im Land Budissin, die jedoch dem Bischof von Meißen zinspflichtig waren und eine eigene bischöfliche Enklave inmitten der böhmischen Oberlausitz bildeten, in dieser Grenzurkunde nicht genannt werden. Dieser Umstand lässt sich wahrscheinlich nur so erklären, „dass das Besitzrecht der Bischöfe dort durch die landvogteiliche Obergerichtsbarkeit beschränkt war, wie es bei der Lage des kleinen Güterkomplexes mitten in einem königlichen Burgward (Böhmens) … ganz begreiflich ist“. Diese Dörfer wurden somit nicht als Grenzorte betrachtet. Die Kaiserstraße hatte staatsrechtlich gesehen als Transitstraße drei politisch verschiedene mittelalterliche Territorien verbunden.
Von militärischer und strategischer Bedeutung im Mittelalter
Obwohl als Handelsstraße damals kaum und für den Fernverkehr so gut wie gar nicht von Bedeutung, ist kleinerer Warenverkehr auf der Kaiserstraße zwischen Rumburg und Bautzen und in die anliegenden Bergdörfer nicht ausgeschlossen, der vor und nach 1400 – der Zeit des historischen Niedergangs des Rittertums – Wegelagerer und Raubritter anzog, wie Bautzener Urkunden belegen, und die sich in und bei Spremberg eingenistet hatten. Wegen ihrer vorteilhaften strategischen Lage kann die Kaiserstraße während der feudalen Auseinandersetzungen um den Besitz der Oberlausitz im Mittelalter und anscheinend auch für militärische Operationen der Hussitenbewegung, die Böhmen von 1415 bis 1437 erfasst hatte, als Heerstraße und Nachschubbasis von Bedeutung gewesen sein. In ihrem Kampf gegen Kirche und Kaiser, die geistlichen und weltlichen Feudalherren Böhmens und der Lausitz und deren verbündeten Oberlausitzer Sechsstädtebund, dem Bautzen, Görlitz, Zittau, Löbau, Kamenz und Lauban angehörten, drangen die Hussiten seit 1427 in die Oberlausitz vor. Im Sommer 1429 erfolgte ein neuer hussitischer Vorstoß von Rumburg aus in das Oberlausitzer Bergland und das Zittauer Gebirge, um sich auf Bautzen, Löbau und Zittau zu konzentrieren. Nachdem Georgswalde überrannt und die Orte Ebersbach und Neugersdorf anscheinend zerstört wurden, müssen hussitische Heerscharen danach Spremberg durchzogen und dessen damals bedeutende Kirche niedergebrannt haben, wie eine Inschrift „Anno 1432“ bezeugte, die sich an der Nordwand befand. Von Spremberg aus müssen die Hussiten auf der Kaiserstraße über Oppach, dessen Herrenhof niedergebrannt wurde, entlang nach Bautzen marschiert sein, dass von ihnen im Oktober 1429 und Februar 1431 erfolglos belagert wurde, aber die kleinere Sechsstadt Löbau musste sich ihnen ergeben.
Die Entwicklung zur Handels- und Zollstraße