mini|Das 1526 als Aegidianum gegründete Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg gilt als das älteste Gymnasium im deutschsprachigen Raum. mini|Das Gymnasium am Münsterplatz in Basel ist das älteste deutsch­sprachige Gymnasium der Schweiz.

Ein Gymnasium (Plural Gymnasien), teilweise auch Lyzeum (Plural Lyzeen) genannt, ist eine weiterführende Schule des sekundären Bildungsbereichs, die zur Hochschulreife führt. Der Beginn und die Länge der gymnasialen Ausbildung hängt vom jeweiligen Schulsystem ab. Ein Schüler eines Gymnasiums wird Gymnasiast (bzw. Lyzeist) genannt. Im Ergebnis führt der Abschluss des Gymnasiums zur allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung, die als Abitur oder Matura bezeichnet wird.

Wortherkunft mini|Die Skulptur Jüngling von Gottfried Gruner vor dem Heilbronner Theodor-Heuss-Gymnasium verdeutlicht die Wortherkunft. Gymnasium ist die latinisierte Form des griechischen Wortes . Im antiken Griechenland war ein Gymnásion ein Ort der körperlichen und geistigen Ertüchtigung für die männliche Jugend, wobei das Körperliche im Vordergrund stand. In den Gymnasien wurde nackt trainiert, was noch in der Herkunft des Wortes von (nackt) aufscheint. Die Einrichtung eines solchen Gymnasiums ist auf den Fünfkämpfer Ikkos von Tarent (Taras) zurückzuführen, der als bester Trainer seiner Zeit zum γυμνάστης (Gymnástēs) aufgestiegen war.Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 30. Außerdem war ein Gymnasium eine Einrichtung, wie sie z. B. in Alexandria zu finden war, in der man sich philosophisch und wissenschaftlich betätigen konnte.

Das Wort Lyzeum leitet sich vom der Antike, einem dem Apollon Lykeios geweihten Hain bei Athen her, in dem das berühmte Gymnasion des Aristoteles beheimatet war. Daher greift man später auf den Namen zurück, wenn man Schulen meint, die der „schöngeistigen“ Erziehung (d. h. der höheren Bildung) dienen. Der Name findet sich insbesondere in Österreich und Süddeutschland für Latein- und Gelehrtenschulen.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts nennt man die höhere Mädchenschule Lyzeum und unterscheidet sie so vom Gymnasium der Knaben, das ja auch auf sportliche Ertüchtigung im Sinne des Mottos Mens sana in corpore sano zielte, während Mädchensport bis in die 1910er Jahre (allein schon wegen der Kleiderordnung und der geltenden Vorstellung von züchtigem Auftreten) undenkbar war. Der Begriff findet sich daher im Namen vieler Mädchengymnasien. Ebenso wurden römisch-katholische Schulen, aber auch Anstalten für das katholisch-theologische und das philosophische Studium, Lyzeen genannt (siehe Lyzeum (Hochschule)).

Im romanischen und slawischen Sprachraum kennt man diese Unterscheidung zwischen Lyzeum und Gymnasium nicht. Franz. , ital. , span. , port. , rum. , russ. , serb. , türk. , finn. steht allgemein entweder für den deutschen Begriff Gymnasium im heutigen Sinne oder aber für einen Teil davon, je nach Land Sekundarstufe I bzw. II. Das neugriech. und das poln. (seit den 1990er Jahren) ebenso wie das französische lycée bezeichnen das Oberstufengymnasium, die Sekundarstufe II, während bzw. poln. die (Gesamt-)Schule für die Sekundarstufe I meint. Im Tschechischen ist dagegen das die allgemeinbildende Oberstufenschule, die zur Hochschulreife führt.

Im angelsächsischen Raum und in den angelsächsisch beeinflussten Bildungssystemen weltweit ist der Ausdruck Gymnasium für eine Bildungseinrichtung ungebräuchlich. Er findet sich hier nur vereinzelt als Schulname, wenn auf eine klassisch-humanistische Ausrichtung hingedeutet werden soll. Im Allgemeinen bedeutet das Wort gymnasium (bzw. kurz gym) im angelsächsischen Sprachgebrauch „Turnhalle“, „Trainingsraum“ oder „Fitnessstudio“. Im Französischen bedeutet gymnase ebenfalls „Turnhalle“, „Sporthalle“. Eine Ausnahme bildet die französische Schweiz, wo der Begriff gymnase dieselbe Bedeutung hat wie im Deutschen.

Historisches Entwicklung der Gymnasien im deutschsprachigen Raum mini|Das Rutheneum seit 1608 Gera mini|Akademisches Gymnasium in Graz (Steiermark), gegründet am 12. November 1573 durch Erzherzog Karl II. von Innerösterreich als Jesuitenkollegium,Ferdinand Tremel: 400 Jahre Akademisches Gymnasium in Graz. In: 400 Jahre Akademisches Gymnasium in Graz 1573–1973. Festschrift. Verlag des Akademischen Gymnasiums in Graz, Graz 1973, S. 16. Frontansicht Die Anfänge des gelehrten Unterrichts in der Neuzeit waren im Mittelalter Klosterschulen und Stadtschulen. Dabei handelte es sich meist um kirchliche Einrichtungen, die vor allem der Ausbildung angehender Priester dienten. In protestantischen Gebieten wurden diese Schulen nach der Reformation im 16. Jahrhundert häufig zu Lateinschulen umbenannt und umgestaltet, wobei die Schulaufsicht von der Kirche auf den jeweiligen Landesfürsten oder in Reichsstädten auf die Räte der Stadt überging. Hauptziel der Schulausbildung blieb weiterhin der Erwerb lateinischer und teilweise auch griechischer Sprachkenntnisse zur Bibellektüre. Die Bezeichnung Gymnasium wurde sowohl für protestantische (Philipp Melanchthon) wie auch für katholische (Jesuitenschule) gelehrte Schulen, die zum Studium qualifizieren sollten, in der frühen Neuzeit üblich. Viele Gymnasien waren auch direkt mit einer Hohen Schule verbunden, an der ein Studium möglich war. Sie wurden Gymnasium academicum, oder Gymnasium illustre oder wie z. B in Regensburg um 1500 Gymnasium poeticum genannt. Im Barock begann eine erste Blütezeit der Gymnasien, beispielsweise in Straßburg unter Johannes Sturm, in der Klosterschule Ilfeld durch Michael Neander (Pädagoge) oder im schlesischen Goldberg durch Valentin Friedland.Hildegard Stumpf: Die wichtigsten Pädagogen, S. 16, marix-Verlag, Wiesbaden, 2015 Erst im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden zunehmend auch Deutsch, moderne Fremdsprachen (überwiegend Französisch) und Naturwissenschaften Unterrichtsfächer.

Im Habsburgerreich wurden durch diverse Schulreformen 1735, 1752 und schließlich 1764 der Lehrplan der Gymnasien reformiert und der staatliche Einfluss ausgeweitet. So sollte das humanistische Gymnasium zum Beispiel nur sechs Klassen aufweisen, wobei Griechisch an die Universität verlegt wurde. Schließlich wurde 1770 von der k.-k. Studienhofkommission eine Zusammenstellung der an Gymnasien gebrauchten Lehrbücher gedruckt.

Eine vorläufige Stärkung erhielt der klassische Unterricht in Preußen nach 1800 durch den Neuhumanismus und Wilhelm von Humboldt. Im Königreich Preußen wurde mit einem Erlass vom 12. November 1812 Gymnasium eine amtliche einheitliche Bezeichnung für unmittelbar zur Universität entlassende Schulen. Der Erlass ging auf eine Initiative Wilhelm von Humboldts zurück, die ein einheitliches höheres Niveau sichern sollte. In den deutschsprachigen Landen gab es ab diesem Zeitpunkt immer wieder Reformen sowohl der höheren Schulen selbst als auch ihrer Verwaltung.

Gymnasiale Klassen für Mädchen wurden in Deutschland erst Ende des 19. Jahrhunderts zugelassen. Das erste Mädchengymnasium auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands wurde vom Verein Frauenbildungsreform unter Leitung von Hedwig Kettler 1893 in Karlsruhe gegründet.Ulrike Rückert: Gründerin der ersten deutschen Mädchengymnasien. Kalenderblatt, Deutschlandradio Kultur, 5. Januar 2012. Eine Wende erfolgte im Deutschen Kaiserreich Ende des 19. Jahrhunderts durch Forderungen nach Bildung in Naturwissenschaften und modernen Fremdsprachen infolge des Welthandels und des Beginns der Moderne. In Deutschland führten seit 1900 das humanistische Gymnasium, das Realgymnasium und die Oberrealschule zum gleichberechtigten Abitur. In der Weimarer Republik ergänzte die Richertsche Gymnasialreform dies durch die Deutsche Oberschule. Für die Mädchengymnasien in Preußen war das Jahr 1908 entscheidend, in dem sich der Staat dazu verpflichtete, sich auch um die höhere Mädchenbildung zu sorgen und damit den Frauen einen umfassenden universitären Zugang zu ermöglichen.Angelika Schaser: Frauenbewegung in Deutschland 1848–1933. Darmstadt 2006, S. 24–37.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wehrmacht durch Offiziersanwärter erheblich aufgerüstet, indem per Erlass vom 30. November 1936 die höhere Schulzeit verkürzt wurde.Rolf-Dieter Müller, Hans Erich Volkmann: Die Wehrmacht. Oldenbourg-Verlag, 1999, S. 447. An Jungengymnasien mussten die 12. Klassen bereits im März 1937 die Reifeprüfung ablegen, die 13. Klassen verließen dafür ohne schriftliche Prüfung die höhere Schule. An Mädchenschulen wurde erst ab Ostern 1940 die schriftliche Abiturprüfung nach der 12. Klasse eingeführt.

Mit der Teilung Deutschlands 1948/49 spaltete sich die weitere Entwicklung: In der Bundesrepublik Deutschland wurde das neunjährige Gymnasium der Weimarer Republik wiederhergestellt, in der DDR wurde die Schulform als vierjährige Oberschule weitergeführt und nach der Schulreform 1959 durch die Erweiterte Oberschule (EOS) ersetzt.

„Aus dem Dritten Reich ging das bundesrepublikanische Gymnasium in bemerkenswerter personeller Kontinuität hervor.“Andreas Dorschel: Schafft die Pädagogik ab! In: Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2005, S. 16. Entnazifizierungsverfahren hatten für Gymnasiallehrer selten gravierende Konsequenzen; auch die belasteten unter ihnen galten als unentbehrlich. „Aus einem Rassekundler, der 1936 das Ende des Zuflusses ‚von Judenblut in den deutschen Volkskörper‘ propagiert hatte, konnte ohne allzu große Umstände 1955 ein geachtetes Mitglied der Fachkommission Biologie für die Gymnasien Baden-Württembergs werden.“

In der Bundesrepublik Deutschland scheiterte nach 1945 der Versuch, das Gymnasium "als kleine Ausleseschule zu erhalten, [...] nahezu auf ganzer Linie. Von der Stätte der Elitebildung wandelte sich das Gymnasium seit Anfang der sechziger Jahre zum Ort der Qualifizierung möglichst vieler Schüler. Der Preis lag auf der Hand; denn ein Abschluss, den viele erlangen, ist nahezu unvermeidlich von geringerem Wert als einer, der wenigen vorbehalten bleibt."Andreas Dorschel, 'Schafft die Pädagogik ab! Torsten Gass-Bolms Geschichte des westdeutschen Gymnasiums', Süddeutsche Zeitung Nr. 146 (28. Juni 2005), S. 16. Laut dem aktuellen Bildungsbericht (2026) wechseln 45 % der Kinder nach der Grundschule auf das Gymnasium. Der frühere Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, kritisierte 2026, dass die Gymnasien „die neuen Hauptschulen“ seien und zu viele Schüler „eigentlich nicht fürs Gymnasium geeignet“ seien.Bildungsmisere: „Gymnasien sind die neuen Hauptschulen“ - Ex-Präsident des Lehrerverbandes kritisiert Schulsystem, welt.de vom 23. März 2026

Struktur von Gymnasien Vollgymnasium In Deutschland war ein voll ausgebautes Gymnasium, welches das Abitur anbot, ein Vollgymnasium oder eine Vollanstalt. Ein Gymnasium ohne Oberstufe hieß Progymnasium. Ein Aufbaugymnasium umfasst nur die oberen Klassen und baut z. B. auf einem mittleren Schulabschluss auf.

Fachrichtungen (Zweige)

Nach den Fachprofilen unterscheidet man traditionell das humanistische Gymnasium (HG) mit dem Schwerpunkt bei den alten Sprachen (Latein, Altgriechisch), neusprachliche Gymnasium (NG) oder auch sprachliche Gymnasium (SG) mit dem Schwerpunkt bei den neuen Sprachen – siehe auch zweisprachiger Unterricht; manchmal auch je nach erster Fremdsprache mit NGE (Englisch), NGL (Latein) oder NGF (Französisch) abgekürzt. mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium (MNG), in Österreich Realgymnasium, in Bayern seit 2003 naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium (NTG), da Mathematik in allen Fachprofilen gleich intensiv unterrichtet wird.