Als Pflegeprozess wird in der professionellen Gesundheits- und Krankenpflege eine systematische Arbeitsmethode zur Erfassung, Planung, Durchführung und Evaluierung pflegerischer Maßnahmen bezeichnet. Diese, auch Pflegeregelkreis genannte Methode, basiert auf der Annahme, dass Pflege ein dynamischer Problemlösungs- und Beziehungsprozess ist, der u. a. über Rückkopplungsprozesse zu steuern ist. Je nach Modell umfasst der Prozess vier bis sechs Phasen, die logisch aufeinander aufbauen und sich gegenseitig beeinflussen. Die Phasen des Pflegeprozesses werden in der gesetzlich vorgeschriebenen Pflegedokumentation abgebildet.

Der Pflegeprozess wurde erstmals um 1950 von Lydia Hall noch etwas ungenau, und anschließend von der Pflegetheoretikerin Ida Jean Orlando 1961 (Pflegeprozesstheorie) konkreter beschrieben.J. J. Fitzpatrick, M. Wallace (Hrsg.): Encyclopedia of Nursing Research. Springer Publishing Company, New York 2006, S. 409. 1967 stellten Helen Yura und Mary B. Walsh aus den Vereinigten Staaten den Pflegeprozess ebenfalls vor. Ihre theoretischen Arbeiten stützten sich auf pflegetheoretische Ansätze sowie auf Erkenntnisse aus der Systemtheorie, der Kybernetik und der Entscheidungstheorie. 1974 wurde der Pflegeprozess als Bestandteil der pflegerischen Arbeit (der Pflege) von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgeschrieben und gilt als eine der wenigen weltweit etablierten Arbeitstechniken in der professionellen Pflege. In Deutschland wurde der Pflegeprozess 1985 in die Krankenpflegeausbildung aufgenommen. In Österreich wurde der Pflegeprozess 1997 als Bestandteil beruflichen Handelns in das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz integriert, 2003 folgte Deutschland mit der Festschreibung des Pflegeprozesses als Unterrichtsinhalt in der Altenpflegeausbildung.Anlage 1 zu § 1 Abs. 1 Gliederungspunkt A. 1.2. Altenpflege-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung vom 26. November 2002, BGBl. I, S. 4418, 4423. Die Erstellung des Pflegeprozesses stellt laut Pflegeberufegesetz vom 1. Januar 2020 eine vorbehaltene Tätigkeit für examinierte Pflegekräfte dar. In der Schweiz wurde der Pflegeprozess seit den 1990er Jahren festgeschrieben, er ist fester Bestandteil der Ausbildungscurricula und wird in allen Pflegebereichen verwendet. Im Jahr 2015 veröffentlichte der schweizerische Verein für Pflegewissenschaft einen Expertenbericht, der erstmals eine neue Version des Pflegeprozesses, den Advanced Nursing Process, empfahl und der seither international breite Verwendung findet.

Definition und Zielsetzung Der Definition des Pflegeprozesses liegt die Annahme zugrunde, dass Pflege auf der Entwicklung einer Beziehung zwischen Gepflegtem und Pflegendem basiert. Die an diesem Beziehungsprozess Beteiligten verfolgen ein gemeinsames Ziel, nämlich die auf den Pflegeempfänger ausgerichtete Problemlösung oder die Kompensation nicht zu lösender Probleme durch die Pflege. Die Entwicklung gemeinsamer Ziele und Lösungsstrategien wird als Problemlösungsprozess bezeichnet. Der Pflegeprozess soll diese beiden pflegerischen Prozesse strukturieren und eine organisierte und ganzheitlich orientierte, individuelle Pflege ermöglichen. Er wird als eine Reihe von logischen, voneinander abhängigen und auf ein Ziel ausgerichteten Überlegungs-, Entscheidungs- und Handlungsschritten definiert, die im Sinne eines zyklischen Regelkreises einen Rückkopplungseffekt in Form der Neuanpassung und Beurteilung enthalten.Verena Fiechter, Martha Meier: Pflegeplanung. Recom, 1998, ISBN 3-89752-063-X, S. 31.Monika Krohwinkel: Der Pflegeprozeß am Beispiel von Apoplexiekranken: Eine Studie zur Erfassung und Entwicklung Ganzheitlich-Rehabilitierender Prozeßpflege. Nomos Verlagsgesellschaft, 1993, S. 28.

Der an den Problemen, Ressourcen und Fähigkeiten eines individuellen Pflegebedürftigen orientierte Pflegeprozess soll die Sicherheit des Gepflegten gewährleisten und ihn sowie seine Angehörigen in die Pflege einbeziehen. Durch Anwendung des Pflegeprozesses soll die fachliche Kontinuität des Pflegeverlaufs sichergestellt und dafür gesorgt werden, dass die notwendigen Informationen für alle Beteiligten verfügbar sind. Der Pflegeprozess soll die Pflege objektiv beurteilbar machen und so ihre Qualität sicherstellen. Zudem sollen durch die Dokumentation des Prozesses zwei Dinge sichergestellt werden: Einerseits die erbrachten Leistungen transparent und nachvollziehbar darstellen, andererseits die Pflegequalität auch im juristischen Sinne der Beweissicherung belegbar machen.Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e. V. (Hrsg.): Grundsatzstellungnahme Pflegeprozess und Dokumentation - Handlungsempfehlungen zur Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Pflege. April 2005. Online verfügbar unter: (PDF; 1,7 MB)

Historische Entwicklung des Pflegeprozesses In den 1950er Jahren kamen im Rahmen der pflegetheoretischen Entwicklung in den Vereinigten Staaten Fragen nach einer Definition der Pflege, ihrem eigentlichen Wesen und ihrer Struktur auf. Diese Fragestellungen entstanden aus einer Reihe unterschiedlicher Ansätze, unter anderem den wissenschaftlichen Aspekt der Pflege zu betonen. Das Rollenbild der Pflege sollte verändert und professionalisiert werden. Physische und psychosoziale Probleme des Pflegeempfängers sollten besser erkannt werden, um bei ihrer Bewältigung helfen zu können.Karin Wittneben, 1991, zitiert in Maria Mischo-Kelling, Henning Zeidler: Innere Medizin und Krankenpflege. 2. überarb. Auflage. Urban und Schwarzenberg, München 1992, ISBN 3-541-13892-0, S. 2–6. Daraus entwickelte sich die Vorstellung, Pflege als einen Prozess zu betrachten. Es manifestierte sich die Forderung, Pflege zu planen und überprüfbar durchzuführen.Maria Mischo-Kelling, Henning Zeidler: Innere Medizin und Krankenpflege. 2. überarb. Auflage. Urban und Schwarzenberg, München 1992, ISBN 3-541-13892-0, S. 2–6.

In der Folge erschienen eine Reihe von Arbeiten und Überlegungen zur Planung und Struktur einiger Teilaspekte systematischer Pflege; Helen Yura und Mary B. Walsh nennen hier insbesondere die Arbeiten von Hildegard Peplau, Lydia Hall, Dorothee Johnson und Ida Jean Orlando.Afaf Ibrahim Meleis, 1985, zitiert in Maria Mischo-Kelling, Henning Zeidler: Innere Medizin und Krankenpflege. 2. überarb. Auflage. Urban und Schwarzenberg, München 1992, ISBN 3-541-13892-0, S. 2. Letztere veröffentlichte als eine der Mitbegründerinnen des Prozessgedankens 1961 das Buch The Dynamic Nurse-Patient Relationship: Function, Process and Principles of Professional Nursing Practice,Ida Jean Orlando: The dynamic nurse-patient relationship: function, process, and principles. Putnam, 1961. in dem sie die Elemente des Pflegeprozesses beschrieb und die Bedeutung der Beteiligung des Gepflegten am Pflegeprozess hervorhob.Ann Marriner-Tomey: Pflegetheoretikerinnen und ihr Werk. Recom, 1992, ISBN 3-315-00082-4, S. 346. Yura und Walsh veröffentlichten 1967 das erste umfassende Werk zum Pflegeprozess: The Nursing Process: Assessing, Planning, Implementing, Evaluating.Helen Yura, Mary B. Walsh: The Nursing Process: Assessing, Planning, Implementing, Evaluating. Appleton-Century-Crofts, 1967. Als Grundlagen gaben die Autorinnen neben pflegetheoretischen Erkenntnissen die Systemtheorie, Kybernetik und Entscheidungstheorie an. Die Methode verbreitete sich in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten, das von Yura und Walsh beschriebene vierphasige Modell wurde in leicht modifizierter Form 1974 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übernommen und als Bestandteil beruflicher Tätigkeit in der Pflege festgeschrieben.P. Ashworth, A. Björn, G. Dechanoz, L. Delmotte, E. Farmer, A. Kordas u. a. In: World Health Organisation, Regional Office for Europe (Hrsg.): People’s needs for nursing care: a European study. Kopenhagen 1987, S. 35–37.

Im deutschsprachigen Raum stellte Liliane Juchli den Pflegeprozess basierend auf Virginia Hendersons Theorie in ihrem didaktischen StandardwerkLiliane Juchli: Krankenpflege - Praxis und Theorie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker. bekannt unter dem Begriff „Die Juchli“, seit 1997 Thiemes Pflege: das Lehrbuch für Pflegende in Ausbildung. 11. Auflage. Thieme Verlag, 2009, ISBN 978-3-13-500011-4. erstmals in der deutschsprachigen Pflege vor. Im Jahre 1981 griffen die Schweizerinnen Verena Fiechter und Martha Meier das Konzept auf und entwickelten daraus ein sechsphasiges Modell, das sie als erste deutschsprachige Monographie zum Pflegeprozess (Pflegeplanung: Eine Anleitung für die Praxis) veröffentlichten.Verena Fiechter, Martha Meier: Pflegeplanung: Eine Anleitung für die Praxis. ROCOM, 1981. Der herkömmliche Pflegeprozess stieß wegen fehlenden, international gültigen Inhalten jedoch zunehmend auf Kritik. Um die Forschungslücke zum herkömmlichen Pflegeprozesses zu schließen, entwickelten Müller Staub et al. den Advanced Nursing Process. Der Begriff advanced bedeutet: fortgeschritten, weiterentwickelt, vertieft, basierend auf wissenschaftlich definierten Konzepten. Die Definition lautet: „Der Advanced Nursing Process besteht aus definierten, validierten Konzepten. Er umfasst Assessment, Pflegediagnosen, Pflegeinterventionen und Pflegeergebnisse, die auf wissenschaftlich fundierten Pflegeklassifikationen beruhen“.

Im Deutschsprachigen wird ebenfalls die englische Bezeichnung Advanced Nursing Process verwendet, da sie sich international durchgesetzt hat. Sie sollte immer voll ausgeschrieben werden, um Verwechslungen mit Advanced Nursing Practice (ANP) zu vermeiden. Des Weiteren wurde der Advanced Nursing Process in Englisch und Französisch publiziert.

Bereits im Jahr 1985 wurden im deutschen Krankenpflegegesetz die einzelnen Bestandteile des Pflegeprozesses als Ausbildungsziele für Krankenpflegekräfte aufgenommen. Mit der Einführung der Gemeinsamen Grundsätze und Maßstäbe zur Qualität und Qualitätssicherung nach des Elften Buches Sozialgesetzbuches wurde 1996 die Anwendung des Pflegeprozesses und der entsprechenden Pflegedokumentation in allen deutschen Pflegeeinrichtungen verbindlich. In Österreich wurde der Pflegeprozess 1997 gesetzlich im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz verankert und wird dort analog zum medizinischen Prozess als eigenverantwortliche Tätigkeit der Diplompflegekräfte mit Anordnungs- und Durchführungsverantwortung definiert.Erläutert in Gertrude Allmer: Die rechtliche Interaktion zwischen dem medizinischen Prozess und dem Pflegeprozess. In: V. Kozon, N. Fortner: Bildung und Professionalisierung in der Pflege - Gegenwart und Perspektiven der Pflege. ÖGVP, 1999. Die fachgerechte und sachkundige Anwendung des Pflegeprozesses durch Pflegefachkräfte wurde in Deutschland 2003 unter dem Begriff Geplante Pflege im Altenpflegegesetz§ 3 Satz 2 Nr. 1 APflG und 2004 im Krankenpflegegesetz§ 3 Abs. 2 KrPflG zur Pflicht.

Pflegeprozessmodelle Ein Pflegeprozessmodell stellt ein abstrahiertes Verfahren zur Problemlösung dar und stellt ein analytisches Handlungsmodell zur Verfügung, welches erst durch eine konkrete Pflegesituation prozesshaft und berufsspezifisch wird. Verbreitet sind Modelle mit vier, fünf oder sechs Phasen, die verwendeten Begriffe für die einzelnen Phasen sind nicht einheitlich.

Vierphasiges Modell mini|hochkant=1.5|Graphische Darstellung des vierphasigen Pflegeprozessmodells