Ein literaturwissenschaftlicher Kommentar (auch philologischer Kommentar, oder, in eindeutigem Zusammenhang, kurz Kommentar) ist die Sammlung von Anmerkungen zu einem literarischen Text, welche das Verständnis des Textes erleichtern beziehungsweise ermöglichen sollen. Ein Kommentar stellt heute in der Regel Entstehungs-, Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte des Textes dar und beinhaltet einen Überblickskommentar sowie, im sogenannten Stellenkommentar, Erläuterungen von Namen, Begriffen, Fremdwörtern, und Zitaten.Vgl. Norbert Oellers: Kommentar. In: Fricke, Harald u. a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd. 2, S. 302–303 Diese Erläuterungen werden in der Regel im Rahmen von kritischen Editionen innerhalb des Apparats veröffentlicht,Vgl. Bodo Plachta: Apparat. In: FRICKE2000, Bd. 1, S. 109–111 es gibt aber auch separate Erläuterungsbände.
Begriffs- und Sachgeschichte Antike und Mittelalter Die lange Tradition des philologischen Kommentars hängt mit der Entwicklung der Philologie überhaupt zusammen. Wie Literaturwissenschaft und Philologie in der Tradition der theologischen Hermeneutik und Exegese stehen, so gilt dies insbesondere auch für die literaturwissenschaftliche Kommentierung.
Bereits im Altertum gab es Kommentare, das heißt erläuternde Schriften, zu religiösen, philosophischen, astronomischen, medizinischen und auch literarischen Texten. Das Wort „Kommentar“ geht zurück auf lateinisch commentarius, abgeleitet von lateinisch commentus („das ins Gedächtnis gerufene“), dem Partizip Perfekt von comminisci („sich etwas ins Gedächtnis rufen“),Vgl. Kommentar. In: Pfeifer, Wolfgang (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin: Akademie Verlag 1989, S. 884 als Lehnübersetzung von gleichbedeutendem altgriechischem ὑπόμνημα (hypómnēma). Hypomnema ist im altgriechischen zunächst eine unspezifische Bezeichnung für Prosatexte.Ludwig Fladerer: Art. Kommentar. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 21, Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart 2006, Sp. 275–276.
Noch in römischer Zeit bezeichnen commentarius liber („Kommentarbuch“), commentarium volumen („Kommentarband“) eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Schriften.Für diesen Abschnitt vgl. Ralph Häfner: Kommentar1. In: FRICKE2000, Bd. 2 S. 298–302Vgl. auch Nikolaus Wegman: Kommentar, philologischer. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. 4. Auflage, Stuttgart und Weimar: J.B. Metzler 2008, S. 364–365Vgl. auch Rainer Hess: Literaturkritik. In: Hess, Rainer u. a. (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten (LWR). 4. Auflage, Tübingen und Basel: A. Francke 2003, S. 161–168, insbesondere den Abschnitt 1b auf S. 162–163 Ein Beispiel dafür, welche Bedeutung das Wort commentarius je nach Kontext annehmen konnte, ist die Verwendung durch Cicero: Cicero bezeichnet damit amtliche Schriftstücke, aber auch wissenschaftliche Abhandlungen und die Sammlung von Denkwürdigkeiten zur Unterstützung des Gedächtnisses. In dieses letztere Bedeutungsfeld der Denkschriften sind auch Cäsars „commentarii de bello gallico“ einzuordnen.
Standen anfangs vor allem Gesetzestexte und heilige Schriften im Fokus der wissenschaftlichen Kommentierung, setzt sich im dritten Jahrhundert nach Christus, seit den alexandrinischen Philologen die Bezeichnung commentarius allgemein für Inhaltsangaben, Bedeutungserklärungen und Auslegungen älterer poetischer, politischer, philosophischer, rhetorischer oder allgemein wissenschaftlicher Texte durch. Kommentare zu literarischen oder philosophischen Werken wurden als Untersuchung, Traktat, Essay, oder Quaestio veröffentlicht. Dabei spielte es in der Antike und der Renaissance keine Rolle, ob der Kommentar eigenständig, oder im Rahmen einer Edition des Textes publiziert wurde. Vergleichbar mit dem heutigen Stellenkommentar ist die Glosse, welche seit der Antike als Kommentierungsform zu autoritativen Texten, insbesondere zur Bibel, Erklärungen bzw. Übersetzungen von Einzelworten liefert.Vgl. Nikolaus Henkel: Glosse1. In: FRICKE2000, Bd. 1, S. 727–728 Das Scholion dagegen erläutert den Text in sprachlicher, semantischer, stilistischer, rhetorischer, metrischer und poetologischer Hinsicht. Die Schulen von Antiochia und Alexandria konkurrierten in Fragen der biblischen Hermeneutik. Die Kommentare etwa Basilius des Großen, Gregors von Nazianz, des später als Nestorianer verurteilten Theodors von Mopsuestia oder des Johannes Chrysostomus orientierten sich überwiegend am sprachlichen, historischen und moralischen Sinn. Einflussreich durch die Anwendung der allegorischen Auslegungsmethode wurden aber die gelehrten Bibelkommentare des Clemens von Alexandria und des Origenes. Letztlich setzte sich die allegorische Methode und die Lehre vom vierfachen Schriftsinn durch. Vielfältige Bezeichnungen werden in Antike und Mittelalter für Kommentare der christlichen Bibelexegese verwendet, z. B.: commentarius (-um), glossa (-ula), elucidatio (-arium), enaratio, explanatio, explicatio, expositio. In Byzanz: Katene. Bibelkommentare finden sich ferner unter unspezifischen Titeln wie dialogus, disputatio, epistola, homilia, liber, postilla, quaestio, sermo, tractatus mit jeweiligem Hinweis auf die erläuterten biblischen Bücher. Dazu treten die Kommentare zu den Sentenzen des Petrus Lombardus sowie eine umfangreiche Kommentarliteratur zu den einzelnen Büchern des Kirchenrechts, etwa des Decretum Gratiani, des Liber Extra und des Liber Sextus. Die Kommentarliteratur macht einen erheblichen Teil der lateinischen Literatur des Mittelalters und der Neuzeit aus. Unter den Kommentatoren befinden sich bedeutendste Wissenschaftler und Theologen wie Ambrosius von Mailand, Hieronymus, Augustinus von Hippo, Hilarius von Poitiers, Cassiodorus, Gregor der Große, Beda Venerabilis, Hrabanus Maurus, Bernhard von Clairvaux, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Johannes Duns Scotus, um nur einige der wichtigsten zu benennen.
Renaissance In der humanistischen Philologie der RenaissanceFür diesen Absatz vgl. August Buck: Einführung. In: Der Kommentar in der Renaissance. Hg. v. August Buck und Otto Herding. Boppard: Harald Boldt 1975, S. 7–19Vgl. auch Bodo Guthmüller: Kommentar. Allgemein. In: Manfred Landfester (Hrsg.): Der Neue Pauly. Stuttgart und Weimar: J.B. Metzler 2000, Bd. 14, Sp. 1055–1057 entstanden im Zuge der Rückbesinnung auf die Antike viele Kommentare zu antiken Schriften, insbesondere zu Texten des Aristoteles, des Cicero, des Ovid und des Vergil. Daneben gewinnt in der Renaissance der volkssprachliche, das heißt: nichtlateinische Kommentar zu den Schriften der großen Nationalautoren an Bedeutung. Zwar ist die Mehrzahl der während der Renaissance verfassten Kommentare in der universellen Wissenschaftssprache Latein abgefasst, besonders die Kommentare zu antiken Texten. Als man aber der volkssprachlichen Dichtung, insbesondere der Göttlichen Komödie Dantes, den gleichen künstlerischen Rang einräumte, begann man, auch in der Volkssprache zu kommentieren. Die lateinischen und die volkssprachlichen Kommentare unterscheiden sich grundlegend voneinander, weil sie auf ein unterschiedliches Publikum abzielen. Dafür ist die Kommentierung des Lob der Torheit des Erasmus von Rotterdam ein Beispiel: Der deutschsprachige Kommentar von Sebastian Franck richtet sich an ein Lesepublikum, das Latein nicht versteht, also an ein humanistisch nicht gebildetes Publikum. Er bezieht sich daher oftmals auf zeitgenössische Erfahrungen, hält sich mit Bemerkungen zur sprachlichen Gestaltung weitgehend zurück und verlegt den Schwerpunkt der Kommentierung vielmehr auf die Deutung der moralischen Ebene des Textes.
In der Renaissance wurden vor allem einzelne Textstellen oder ganze Passagen ausgedeutet.Für den folgenden Absatz vgl. auch Aline Loicq: Commentaire. In: Aron, Paul u. a. (Hrsg.): Le dictionnaire du Littéraire. Paris: Presses Universitaires de France 2002, S. 108–109 Die Formenvielfalt der Kommentare ist im Humanismus am größten. Zahlreiche verschiedene, zum Teil nicht klar voneinander abzugrenzende Begriffe für Kommentare bezeugen dies: Interpretatio („Auslegung“), Ennarratio („Erörterung“), Expositio („Darlegung“), Explicatio („Erklärung“), Adnotationes („Anmerkungen“), Glossae, Scholia. Die sachlichen Anmerkungen der humanistischen Kommentare geben über mythologische Erklärungen hinaus oftmals philosophische, naturwissenschaftliche, historische, geographische und astrologische Erläuterungen. Neben diesem enzyklopädischen Anspruch beruht eine Besonderheit der humanistischen Kommentare darin, dass sie den antiken Text oftmals recht persönlich mit der eigenen Lebensrealität, mit den eigenen Erfahrungen des Kommentators verknüpfen: Unterschieden wurden der kurze Kommentar (commentarius brevis, commentarius contractus), der vorrangig der sachlichen Erläuterung dient, und der lange Kommentar (commentarius diffusus), in dem der Kommentator eigenes Wissen und eigene Erfahrungen beiträgt sowie moderne Beispiele und Beobachtungen der zeitgenössischen Gesellschaft zur Erläuterung heranzieht. Diese literarische Kommentierung begann zunächst vor allem als wertende Literaturkritik. In dieser Tradition steht noch heute der journalistische Literaturkommentar, der vor allem eine Wertung enthält. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bemühten sich Kommentatoren um eine rationale Interpretation des Textes.
Neuzeit Im 19. Jahrhundert zielte der Kommentar zunehmend auf wissenschaftliche Interpretation ab. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Kommentar bewusst aus den textkritischen Editionen ausgegliedert. Damit sollte der unterschiedliche Status von Textkritik und Kommentar ausgedrückt werden: Der Textkritik wurde ein höheres Maß an Wissenschaftlichkeit bescheinigt, wohingegen der Kommentar, auch aufgrund seiner beschränkten Gültigkeitsdauer, als zweifelhafter angesehen wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Kommentar einer grundsätzlichen wissenschaftlichen Kritik unterzogen. Es verbreitete sich die Auffassung, dass ein Kommentar einen bestimmten Adressatenkreis ansprechen müsse, und dass die Kommentierungsweise sich an den Kenntnissen und Unkenntnissen dieses Leserkreises zu orientieren habe.Georg Witkowski: Textkritik und Editionstechnik neuerer Schriftwerke. Ein methodologischer Versuch. Leipzig: Haessel 1924, S. 134 Die wissenschaftliche Kritik am Kommentar führte dazu, dass der Kommentar, entgegen der langen europäischen Tradition wissenschaftlicher Kommentare, zum Teil gar als unwissenschaftlich verworfen wurde – man hielt die Arbeit des Kommentators für einen subjektiven Eingriff in den Text, der den als objektiv angesehenen Inhalt des Texts verfälsche und die Interpretationen durch eine willkürliche Vorentscheidung des Kommentators verenge. Erst seit den 1970er Jahren, nachdem verstärkt eine methodische Reflexion über die wissenschaftlichen Grundlagen des Kommentierens einsetzte, gilt der Kommentar in der germanistischen Literaturwissenschaft als anerkannter Gegenstand wissenschaftlicher Editionen. Seitdem erscheinen Kommentare oftmals im Rahmen von textkritischen Editionen, in Studienausgaben und in kommentierten historisch-kritischen Ausgaben als Anmerkungsteil. Es haben sich aber auch separate Kommentarreihen erhalten, wie etwa Reclams Erläuterungen und Dokumente oder der historisch-kritische Nietzsche-Kommentar.
Aufgaben und Inhalt des Kommentars Der literaturwissenschaftliche Kommentar soll dem Leser die Erschließung des Textes ermöglichen. Es wird heute nicht als seine Aufgabe angesehen, eine Interpretation des Textes zu liefern.Vgl. Bodo Plachta: Texterschließung durch Erläuterung und Kommentar. In: ders.: Editionswissenschaft. Stuttgart: Reclam 1997 (RUB 17603), S. 122–129 Für die Texterschließung sollte der Kommentar möglichst alle Informationen angeben, die relevant dafür sind, den Text in seinem Kontext und in seiner Geformtheit zu verstehen.