mini|hochkant|Marienfigur im Marpinger Härtelwald mini|Katharina Hubertus, Susanna Leist und Margaretha Kunz Bei den Marienerscheinungen in Marpingen handelt es sich um Berichte der drei achtjährigen Mädchen Katharina Hubertus, Susanna Leist und Margaretha Kunz, ihnen sei im Härtelwald des heute saarländischen Dorfes Marpingen mehrfach die Jungfrau Maria erschienen. Die erste Erscheinung wollten die Mädchen am 3. Juli 1876, die letzte am 3. September 1877 gehabt haben.

Die Berichte über Marienerscheinungen, die von den Kindern später mehrfach widerrufen wurden und von der römisch-katholischen Kirche nicht anerkannt werden, zogen bereits nach wenigen Tagen Tausende von Pilgern an. Bald waren auch andere Menschen, Kinder und Erwachsene, davon überzeugt, die Erscheinung gesehen zu haben, oder berichteten davon, auf wundersame Weise von Erkrankungen geheilt worden zu sein. Die Menschenansammlungen erregten die Aufmerksamkeit der Behörden, die daraufhin am 13. Juli 1876 mit Hilfe des Militärs die betende und singende Pilgerschar am Erscheinungsort auflöste. Vor dem Hintergrund des Kulturkampfes zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der römisch-katholischen Kirche kam es in der Folge zu Verhaftungen, der Sperrung des Härtelwaldes und zur Einweisung der drei Kinder in eine Besserungsanstalt.

Die Marienerscheinungen in Marpingen erregten europaweit Aufmerksamkeit. Der Ort wurde von Anhängern als „deutsches Lourdes“ bezeichnet und beschäftigte Gerichte im Rheinland sowie den preußischen Landtag in Berlin.

Die Marienerscheinungen in Marpingen Marpingen und die Diözese Trier in der Zeit des Kulturkampfes mini|hochkant|Der Trierer Bischof Matthias Eberhard mini|links|Jakob Neureuter im Jahr 1894, Pfarrer von Marpingen in den Jahren 1864 bis 1895 (Stiftung Marpinger Kulturbesitz) Marpingen durchlief im 19. Jahrhundert wie viele andere ländliche Gemeinden starke Umbrüche. Das Fürstentum Lichtenberg, zu dem Marpingen gehörte, war 1834 von Herzog Ernst I. an das protestantisch geprägte Preußen verkauft worden. Das Dorf zählte im Jahre 1875 1.622 Einwohner, die nahezu alle römisch-katholisch waren. Die Hälfte der Einwohner waren Bergarbeiter.Blackbourn, S. 83, 93 Der Wechsel von einer weitgehend bäuerlich geprägten Gemeinschaft zu einem Dorf, in dem der Großteil der arbeitenden männlichen Bevölkerung während der Woche in den Zechen Altenwald, Maybach, Itzenplitz und Dechen arbeitete und dort in Schlafhäusern unterkam, vollzog sich innerhalb einer Generation.Hugh McLeod: Secularisation in Western Europe, 1848–1914; European Studies Series; New York 2000; ISBN 0-312-23511-9; S. 210 Die Depressionsphase nach dem Gründerkrach 1873, die sogenannte Gründerkrise, bedeutete für diese Bergarbeiter sozialen Abstieg. Es kam zu Entlassungen und Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichzeitiger Lohnkürzung, so dass die Familien kaum noch von dem Gehalt eines Bergarbeiters leben konnten.Oberhauser, S. 168

Bereits vor den Marienerscheinungen im Jahre 1876/1877 hatte Marpingen unter den Folgen des Kulturkampfes zwischen dem preußischen Staat und der römisch-katholischen Kirche zu leiden. Der Trierer Bischof Matthias Eberhard war am 6. März 1874 als zweiter preußischer Bischof verhaftet und anschließend zu einer Geldstrafe von 130.000 Goldmark und neun Monaten Haft verurteilt worden.Blackbourn, S. 128 Er starb am 30. Mai 1876, sechs Monate nach seiner Haftentlassung. Zum Zeitpunkt seines Todes waren 250 Priester der Diözese vor Gericht gestellt worden und 230 von 731 Pfarreien der Diözese vakant.Blackbourn, S. 129 Von diesen Auswirkungen der Maigesetze blieb die Gemeinde Marpingen verschont, da ihr Gemeindepfarrer Jakob Neureuter bereits seit 1864 im Amt war. In der Nachbargemeinde Namborn führte die Berufung des Pfarrers Jakob Isbert im Jahre 1873 jedoch zum sogenannten „Fall Namborn“.Blackbourn, S. 133

David Blackbourn führt aus, dass sich für katholische Gemeinden dieser Zeit ein durchdringendes Gefühl der Verlassenheit und Verzweiflung erkennen ließe. Viele sehnten sich nach einem göttlichen Eingreifen gegen ihre irdische Drangsal, und vor dem Hintergrund des Wiederauflebens der Marienfrömmigkeit heftete sich die Hoffnung vieler Katholiken an die Jungfrau Maria.Blackbourn, S. 139

In Marpingen pilgerten seit alter Zeit Dorfbewohner und Bewohner des Umlandes mit der Bitte um eine gute Ernte und um Wettersegen zum sogenannten „Maieborn“. Der „Maieborn“ sprudelte nach der Schneeschmelze vor Beginn der Feldbestellung stark und versiegte üblicherweise im Herbst nach dem Ende der jährlichen Anbauepoche. Die Quelle wurde mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht und ihr zu Ehren eine marianische Kultstätte eingerichtet. Diese Wallfahrtsstätte ist allerdings nicht mit der angeblichen Erscheinungsstätte der Jahre 1876/1877 (sowie 1999) im Marpinger Härtelwald zu verwechseln.Barbara Daentler: Marpingen. In: Remigius Bäumer, Leo Scheffczyk (Hrsg.): Marienlexikon, hrsg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. St. Ottilien 1992, Band 4, S. 355.

Als Anfang Februar 1874 der Erzbischof von Posen und Gnesen, Mieczysław Halka Ledóchowski, verhaftet wurde, rief der deutsche Episkopat die Katholiken dazu auf, die Jungfrau Maria um Fürbitte anzurufen. Auch Bischof Eberhard pilgerte nach seiner Haftentlassung zum Marienwallfahrtsort Eberhards-Clausen und bezeichnete die Jungfrau Maria als „unseren Schutz und Schirm“. Damit spielte er auf das an Maria gerichtete Fürbittengebet „Unter Deinen Schutz und Schirm“ an. Dass dieses Gebet regelmäßig gesprochen werde, war eine der Botschaften von Marpingen.Blackbourn, S. 140 Charakteristisch für diese Jahre war ein gehäuftes Auftreten von Marienerscheinungen, die zu lokaler Verehrung führten, auch wenn in vielen Fällen die katholische Kirche dies wegen mangelnder Glaubwürdigkeit der Erscheinungen zu unterbinden suchte.Blackbourn, S. 141–143

Die Marienerscheinungen mini|hochkant|Schriftliche Erklärung zur Marienerscheinung:Margretha Kunz.geboren den 7 Mai 18688 Jahr alt. Ich habe am 3 Juli die Muttergottes gesehn. Margaretha Kunz, Katharina Hubertus und Susanna Leist waren zum Zeitpunkt, zu dem sie erstmals von einer Marienerscheinung berichteten, acht Jahre alt. Alle drei stammten aus ärmeren Verhältnissen, allerdings besaß Susanna Leists Vater Kühe, Wiesen und Scheunen. Margaretha Kunz war die jüngste von zehn Geschwistern, ihr Vater war bei einem Unglück ums Leben gekommen, bevor sie geboren wurde. Die Schulden, die der Vater hinterlassen hatte, zwangen die Familie dazu, ihre Mühle zu verkaufen. Margaretha Kunz wurde später übereinstimmend von ihren Zeitgenossen als das klügste unter den drei Mädchen bezeichnet.Blackbourn, S. 147

Die Mädchen waren am 3. Juli 1876, einen Tag nach dem Fest Mariä Heimsuchung, im Wald, um Heidelbeeren zu pflücken, als Susanna Leist aufschrie und die anderen Mädchen auf eine weiße Frau aufmerksam machte.Oberhauser, S. 166 Die Reaktion der Eltern auf die Berichte der Mädchen waren unterschiedlich, aber durchgängig von Skepsis geprägt.

Unterstützung fanden die Mädchen, als sich ihre Berichte über Erscheinungen fortsetzten. Katharinas Vater begleitete bereits am 5. Juli gemeinsam mit zwei weiteren Männern die Mädchen zum Erscheinungsort. Nachdem er zur Überzeugung gelangt war, dass die Mädchen nicht vorsätzlich logen, war er von der Richtigkeit ihres Berichtes überzeugt. Er war einer der ersten, die gegenüber Pfarrer Jakob Neureuter die Errichtung einer Kapelle vorschlugen, und berichtete später, dass er am 3. August 1876 das Singen und Beten der Engel hörte, das die Erscheinung begleitet habe.Blackbourn, S. 153 Der Bericht der Mädchen stieß auf große Resonanz unter den Einwohnern Marpingens. Bereits am 5. Juli suchten über hundert von ihnen den Erscheinungsort im Härtelwald auf. Sie hielten dort Nachtwachen und schmückten den Erscheinungsort mit Blumen und einem Kreuz. Die zwanzigjährige Margaretha Kunz wies in ihrem Widerruf darauf hin, dass sie wegen dieses einsetzenden Kultes sehr bald „nicht mehr zurück konnte“, das heißt von ihrem Bericht abrücken konnte.Blackbourn, S. 165 Ebenfalls am 5. Juli ereignete sich die erste angebliche Heilung. Der unter starkem Rheumatismus leidende ehemalige Bergarbeiter Nikolaus Recktenwald berichtete von einem mächtigen Kraftstrom und einem Gefühl der Heilung, nachdem die Kinder seine Hand angeblich an den Fuß der Jungfrau geführt hatten.Blackbourn, S. 166f. Zwei weitere angebliche Heilungen desselben Tages beeinflussten die Meinung im Dorf über die Wahrhaftigkeit der Erscheinung. Entscheidender für den Meinungsumschwung war jedoch der Bericht von vier jeweils etwa vierzigjährigen Männern und der siebzehnjährigen Anna Hahn, sie hätten die Jungfrau ebenfalls gesehen. Anna Hahn wurde bei ihrer Erscheinung ohnmächtig, die nach der Quellenlage offenbar von Ehrfurcht überwältigten Männer berichteten von einer strahlenden und mit einem Diadem gekrönten Jungfrau, die auf dem Arm das Christuskind trug.Blackbourn, S. 167 David Blackbourn nennt es eines der frappierendsten Merkmale der Marpinger Marienerscheinungen, dass die Erscheinung keine erkennbare Spaltung des Dorfes bewirkte. Unter den mehr als 1.600 Einwohnern gab es lediglich acht Skeptiker. Die repressiven Maßnahmen seitens des preußischen Staates führten dabei eher zu einem verstärkten Zusammenhalt, bei dem den Nachforschungen Ortsfremder mit einer Mauer des Schweigens begegnet wurde.Blackbourn, S. 174–179

Formung der Erzählung Margaretha Kunz widerrief wie die anderen beiden Mädchen später ihren Bericht. Das geschah unter einer Art Zwang, nachdem die Mädchen in ein Heim eingeliefert worden waren; deswegen traf es unter Anhängern der Erscheinung auf wenig Resonanz, zumal die Mädchen zum Teil ihre Eingeständnisse später widerriefen. Als Zwanzigjährige hat die zu dem Zeitpunkt als Klostergehilfin arbeitende Margaretha Kunz, die kurz danach als Novizin ins Kloster eintrat, erneut bestätigt, dass es sich bei den Behauptungen der Visionen um – in ihren Worten – „eine einzige große Lüge“ gehandelt habe.Blackbourn, S. 154 Ihre Aussage als junge Erwachsene unterstreicht, wie sehr sich der Bericht unter dem Einfluss ihrer Mitbürger an das vorherrschende Bild über eine Marienerscheinung anpasste, das vor allem von den Marienerscheinungen in Lourdes beeinflusst war.

Großen Einfluss auf den Bericht der Marpinger Kinder hatte in den ersten Tagen Susanna Leists Mutter. Sie forderte die Mädchen noch am 3. Juli auf, am nächsten Tag erneut in den Wald zu gehen, zu beten und die Erscheinung zu fragen, wer sie sei. Würde die Gestalt antworten, sie wäre die Unbefleckte Empfängnis, würde es sich um die Mutter Gottes handeln.Blackbourn, S. 150–153 Dies spielt direkt auf einen entscheidenden Punkt der Marienerscheinungen in Lourdes an: Bernadette Soubirous war von dem Pfarrer Dominique Peyramale, der die Echtheit ihrer Vision bezweifelte, beauftragt worden, die Frau zu fragen, wer sie sei. Die Erscheinung antwortete auf diese Frage in Mundart „Que soy era Immaculada Concepciou“ („Ich bin die unbefleckte Empfängnis“). Papst Pius IX. hatte vier Jahre zuvor das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet. Dass Bernadette Soubirous mit ihrer mangelhaften Bildung von diesem Dogma gehört haben konnte, schien Pfarrer Peyramale wenig wahrscheinlich.