Joseph Heinrich Garnier (* 13. Juli 1802 in Rastatt; † um 1855Wolfgang Strähl: Briefe eines Schweizers aus Paris 1835–1836; neue Dokumente zur Geschichte der frühproletarischen Kultur und Bewegung, herausgegeben von Jacques Grandjonc, Waltraud Seidel-Höppner und Michael Werner, Topos Verlag, Vaduz 1988, S. 558, ISBN 3-289-00380-9) war ein deutscher Journalist und Publizist des Vormärz.
Leben
Studienjahre und Pariser Zeit
Der Gastwirtssohn schrieb sich 1818 als Mathematikstudent an der Universität Heidelberg ein. Der weitere Studienverlauf ist unklar, doch scheint er nach verschiedenen Quellen philologische und juristische Vorlesungen besucht zu haben und legte 1822 in Rastatt das Staatsexamen für das Lehramt ab. Eine staatliche Anstellung erhielt er nicht. Er arbeitete als Sprachlehrer in Freiburg und ging Ende 1828Antonius van der Linde: Kaspar Hauser – eine neugeschichtliche Legende, Limbarth, Wiesbaden 1887, Band 2, S. 123 nach Paris. Von 1830 bis 1832 unterhielt Garnier eine umfangreiche Korrespondenz mit Karl von Rotteck und schrieb für die seit 1830 in Stuttgart von Rotteck herausgegebenen Allgemeinen Politischen Annalen, neue Folge und den Freiburger Freisinnigen. Für die Pariser Zeitung Le Globe berichtete Garnier über die politischen Zustände in Deutschland. Über die Julirevolution von 1830 äußerte er sich gegenüber Rotteck: „Paris war buchstäblich drei Tage ohne irgendeine Obrigkeit, und Kerls in Lumpen bewachten die Schätze; jeder Lumpenkerl von Paris ist hunderttausendmal besser als ein ---, und ich werde es mir sehr zur Ehre schätzen, wenn man mich hierfür zum Pöbel rechnet.“Rüdiger von Treskow: Erlauchter Vertheidiger der Menschenrechte! Die Korrespondenzen Karl von Rottecks, Band 1, Freiburg i. Br. / Würzburg 1990, S. 145f.
Von seinem Heidelberger Studienfreund Joseph Savoye wurde er im Februar 1832 zum Beitritt in den Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse bewegt, der Pariser Filiale des Deutschen Preß- und Vaterlandsvereins. Garnier unterhielt zu diesem Zeitpunkt bereits eine regelmäßige Korrespondenz mit der von Johann Georg August Wirth herausgegebenen liberal – demokratischen Zeitung Deutsche Tribüne.Hans-Joachim Ruckhäberle (Hrsg.): Frühproletarische Literatur. Die Flugschriften der deutschen Handwerksgesellenvereine in Paris 1832–1839, Königstein / Ts. 1977, S. 69 Zum provisorischen, zehnköpfigen Ausschuss des Vereins zählten neben Garnier auch der Handlungsgehilfe Hermann Wolfrum, sowie Ludwig Börne und Heinrich Heine.Hans-Joachim Ruckhäberle (Hrsg.): Frühproletarische Literatur. Die Flugschriften der deutschen Handwerksgesellenvereine in Paris 1832–1839, Königstein / Ts. 1977, S. 13 Garnier sah sich als Republikaner: „Wir brauchen keine Könige, durch unseren Muth werden wir die Franzosen wieder aufwecken, die uns beistehen werden! Wir wollen Gleichheit, und die Deutschen sollen keine Sklaven mehr seyn.“Hans-Joachim Ruckhäberle (Hrsg.): Frühproletarische Literatur. Die Flugschriften der deutschen Handwerksgesellenvereine in Paris 1832–1839, Königstein / Ts. 1977, S. 15f. Nach der Umbenennung des Pressvereins in den Deutschen Volksverein gehörte Garnier zusammen mit Wolfrum zum Führungskomitee.Schieder, S. 15 ff.
Heinrich Heine, der auf Distanz zu den deutschen Revolutionären in Paris gegangen war, äußerte sich mehrfach über Garniers „Medisance“ (franz. üble Nachrede), den „rüstigsten Umtriebler“, der „alle demagogischen Talente im höchsten Grade besaß. Ein Mensch von vielem Geiste, auch vielen Kenntnissen und großer Beredsamkeit. Aber ein Intrigant.“ Er gestand ihm zu, „in den Stürmen einer deutschen Revolution hätte Garnier gewiss eine Rolle gespielt; da aber das Stück nicht aufgeführt wurde, ging es ihm schlecht.“Düsseldorfer Heine Ausgabe, Bd.11, Ludwig Börne – Eine Denkschrift, S. 68ff., S. 86f. Heine hielt Garnier für einen treuen Anhänger von Ludwig Börne und so überrascht dessen Charakteristik Garniers: „Gewöhnlicher Mensch und Kopf. Mag ein mauvais sujet sein. […] Wird von allen seinen Bekannten für einen Verräter gehalten. Wolfrum, sein Vertrauter, der von allen seinen Umtrieben wußte und sie z.T. leitete erklärte ihn selbst dafür.“Inge Rippmann: Börne-Index, 1. Halbband, Berlin, New York, 1985, S. 211 Für Börnes Biografin Inge Rippmann scheint seine ablehnende Haltung gegenüber autoritär geführten Geheimbünden das vernichtende Urteil mitbestimmt zu haben. Garnier hatte nämlich innerhalb des Deutschen Volksvereins mit acht Handwerksgesellen im Frühjahr 1833 einen Geheimbund namens Sühnungsbund gegründet, der den organisatorischen Vorschlägen von Giuseppe Mazzini entsprach, aber auch Verbindungen zur Charbonnerie und zu La Fayette besaß. Aus dem Sühnungsbund sollte später der Bund der Geächteten hervorgehen.Schieder S. 24
Der republikanische Publizist und Schriftsteller Friedrich SeyboldArthur Schielinsky: Zensur im Vormärz. Der Prozeß gegen den württembergischen Schriftsteller Friedrich Seybold im Jahre 1832, Frankfurt 1983, ISBN 3-8204-7786-1 kontrastierte in seinen Erinnerungen aus Paris. Im Jahre 1831 einen mit antijüdischen Klischees bedachten Korrespondenten der Augsburger Allgemeine Zeitung mit einem „christlichen deutschen Liberalen“, der ebenfalls korrespondiere „und im Englischen, Deutschen und Französischen Unterricht“ gebe. Friedrich Seybold: Olla Potrida, Stuttgart 1834, S. 156ff. Verkürzter Nachdruck der 1832 publizierten Erinnerungen aus Paris. Vergleiche auch Rutger Booß: Ansichten der Revolution. Paris-Berichte deutscher Schriftsteller, Berlin 1977, S. 76f. Mit ihm war Garnier gemeint, denn er hatte 1831 mit Seybold am Montmartre in einer gemeinsamen Wohnung gelebt.Rüdiger von Treskow: Erlauchter Vertheidiger der Menschenrechte! Die Korrespondenzen Karl von Rottecks, Band 1, Freiburg i. Br. / Würzburg 1990, S. 144, Anmerkung 11 Seybold veröffentlichte 1834, nur wenige Monate nach Garnier, anonym eine ähnlich folgenreiche Kaspar-Hauser-Schrift mit dem Titel Kaspar Hauser oder der Findling. Romantisch dargestellt von xxx.
Garniers Kaspar-Hauser-Pamphlet
Garnier reiste nach Deutschland, um politische Kontakte zu vertiefen, und wurde am 5. April 1833 in Karlsruhe verhaftet, zwei Tage nach dem sogenannten Frankfurter Wachensturm. Das badische Hofgericht in Rastatt sprach ihn frei, die Bundeszentralbehörde in Frankfurt setzte jedoch eine Sistierung des Urteils durch und so wurde er weiter festgehalten. Seine monatelange Isolierung, während der den nächsten Angehörigen weder ein Verhaftungsgrund angegeben, noch das Recht ihn zu sprechen gewährt wurde, führte in der Zweiten Kammer zu einer Grundsatzdebatte um die persönliche Freiheit des Bürgers und um die Trennung von Judikative und Exekutive,Verhandlungen der Ständeversammlung des Großherzogtums Baden im Jahr 1833. Enthaltend die Protokolle der zweiten Kammer mit deren Beilagen von ihr selbst amtlich herausgegeben. Drittes Heft. Karlsruhe 1833, nachdem Karl von Rotteck eine Petition der Mutter Garniers vor der Kammer vorgetragen hatte.Rüdiger von Teskow: Erlauchter Vertheidiger der Menschenrechte! Die Korrespondenzen Karl von Rottecks, Band 2, Freiburg i. Br. / Würzburg 1992, S. 261 Siehe auch von Treskow, Band 1, S. 145 (weitere Quellenangaben) Er ist im Schwarzen Buch der Frankfurter Bundeszentralbehörde (Eintrag Nr. 489) festgehalten. digitalisiert im Bundesarchiv.
Trotz des noch laufenden Gerichtsverfahrens wurde Garnier unter Auflagen aus der Haft entlassen, setzte sich im Oktober 1833 nach Frankreich ab und bekam von den dortigen Behörden Wissembourg im Elsass als Aufenthaltsort zugewiesen, denn nach Paris durfte er nicht zurück. Im März 1834 veröffentlichte er in StraßburgAntje Gerlach: Deutsche Literatur im Schweizer Exil, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1975, ISBN 978-3-465-01042-5, S. 257 „Einige Beiträge zur Geschichte Caspar Hausers, nebst einer dramaturgischen Einführung.“ Das Pamphlet war von dem Buchdrucker G. L. Schuler angenommen worden, der viele Texte deutscher Flüchtlinge druckte. Der Vertrieb aller bei Schuler verlegten Schriften wurde im September 1834 in Deutschland verboten.Peter Fasel: Revolte und Judenmord: Hartwig von Hundt-Radowsky (1780 - 1835), Berlin 2010, S. 248 In seiner Broschüre griff Garnier namentlich Personen der badischen Ministerialbürokratie an, u. a. den für das Schulwesen zuständigen Geheimrat Johann Evangelist Engesser (1778–1867), der Garniers staatliche Anstellung als Lehrer abgelehnt hatte. Zudem brachte er den badischen Diplomaten Johann Heinrich David von Hennenhofer mit dem Tod von Kaspar Hauser in Verbindung, den man gerüchteweise für einen badischen Thronfolger hielt. Die angebliche Verwicklung Hennenhofers in den spekulativen Prinzenmythos, vielfach kolportiert und phantasievoll ausgeschmückt, hatte in Garniers Pamphlet seinen Ausgangspunkt.
In englischer Übersetzung, nahezu komplett und von einem ausführlichen Brief Garniers an den Herausgeber begleitet, wurde die Broschüre 1847 in dem von William Howitt herausgegebenen Journal of Literature and Popular Progress erneut veröffentlicht Howitt's Journal of Literature and Popular Progress, Vol.I., 1847, ab S. 257 in Fortsetzungen und von dem amerikanischen The Eclectic Magazine noch im selben Jahr übernommen. The Eclectic Magazine of Foreign Literature, Science, and Art. May to August, New York 1847, S. 505–519 In seinem Brief bittet Garnier um Howitts Zusammenarbeit bei der Herausgabe eines neuen Kaspar-Hauser-Buches, das alles enthalten solle, „that is known until now to the public, and also to me.“ Garnier gibt sich überzeugt, dass die badische Großherzogin Stephanie Kaspar Hausers Mutter sei und spinnt weitere verschwörungstheoretische Vermutungen, in die er auch Amschel Mayer von Rothschild, einen nichtgenannten badischen Botschafter und den zeitgenössischen Skandal um den jüdischen Bankier Moritz von Haber Leonhard Müller: Verlauf und Hintergründe des ‘Haber-Skandals’ mit einbezieht. Das Buch ist nie erschienen, doch das handschriftliche Originalkonzept, von Garnier gesammelte und kommentierte Dokumente (darunter Briefe von Ernst Dieffenbach) befinden sich im Nachlass Georg Feins, der im Staatsarchiv Wolfenbüttel aufbewahrt wird.Findbuch zum Bestand Nachlaß des Demokraten Georg Fein (1803–1869) sowie Familie Fein (1737–) ca. 1772–1924. Bearbeitet von Dieter Lent (=Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung. Inventare und kleinere Schriften des Staatsarchivs in Wolfenbüttel, Heft 6), Wolfenbüttel 1991, S. 169f. ISBN 3-927495-02-6
London
Garnier ließ sich 1834 in London nieder, wo er mit mäßigem Erfolg als Publizist, Journalist und Übersetzer arbeitete. Er initiierte einen Deutschen Leseverein und gab im Sommer 1834 die nur vier Ausgaben umfassende Zeitschrift Deutsches Leben, Kunst und Poesie heraus, in der er in der ersten Nummer Heinrich Heines Buch der Lieder rezensierte und in der zweiten Nummer vom 5. September wiederum die Kaspar-Hauser-Frage kommentierte. Außerdem schrieb er 1835 das Vorwort zum Gedichtband Die Möwe von Harro Harring und veröffentlichte anonym Der Berliner Congress von 1838. Ein Fragment.Der Berliner Congress von 1838. Ein Fragment, London 1838, Bis zum Bruch mit der Redaktion im Jahre 1843 lieferte Garnier von England aus Korrespondenzberichte für die Augsburger Allgemeine Zeitung.