Die Tscherkessen in der Türkei (kabardinisch und adygeisch Адыгэхэр Тырку/Adyghexer Tyrku, ) stellen mit etwa 2 Millionen Personen (2,8 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung)Ülkü Bilgin: Azınlık hakları ve Türkiye. Kitap Yayınevi, Istanbul 2007; S. 85. ISBN 975-6051-80-9 (türkisch) eine der größten ethnischen Minderheiten in der Türkei dar. Zu den Tscherkessen werden in der Türkei auch die eng verwandten Ethnien Abasinen (10.000Ethnologue: Abasinen (englisch)), Tschetschenen (100.000 (türkisch)) und Abchasen (39.000Ethnologue: Abchasen (englisch)) gezählt. Die heutigen Tscherkessen in der Türkei sind Nachkommen einer kaukasischen Bevölkerung, die vertrieben wurde, geflohen ist oder einwanderte. Die große Mehrheit von ihnen wurde assimiliert und nur knapp die Hälfte beherrscht noch eine der tscherkessischen Sprachen, überwiegend Kabardinisch (550.000 Sprecher) und an zweiter Stelle Adygeisch (275.000 Sprecher). Die Tscherkessen in der Türkei sind nahezu ausschließlich sunnitische Muslime hanafitischer Richtung.
Emische und etische Definitionen und ethnische Identität mini|Mögliche oder umstrittene Genealogie zwischen den „tscherkessischen“ Sprachen oder Dialekten Adygeisch (Adyghe)/Kabardinisch einerseits und Abchasisch (Abkhaz)/Abasinisch (Abaza) sowie Ubychisch (Ubykh) andererseits Die Tscherkessen und verwandte Gruppen in der Türkei bildeten ihre Gruppenidentität nach Abstammungsgruppe und Sprachzugehörigkeit. Auf Ebene des „Stammes“ wurde zudem bevorzugt Endogamie praktiziert. Eine weitere bindende Kraft kann der gemeinsamen Erinnerung an das Exil zugeschrieben werden. Ihre gemeinsame Geschichte der Vertreibung aus derselben Kaukasusregion scheint bei der Bildung kultureller Organisationen mehr Einfluss gehabt zu haben als die Sprache, besonders indem sich die Gemeinschaften als solche bedroht wahrgenommen und zu einer breiter definierten Gruppe zusammengeschlossen haben. Die Sprache als Kriterium der ethnischen Zugehörigkeit wurde im türkischen Exil besonders im urbanen Bereich durch den Einfluss von Massenmedien und türkischem Bildungswesen zunehmend ausgehebelt. Teilweise kam es zu einer internen Assimilation einer der Gruppen durch eine andere, insbesondere der Ubychen, die mehrheitlich die Sprache der tscherkessischen Majorität übernahmen Die Auflage von 2002 ist ein unveränderter Reprint der Erstauflage und deren eigene Sprache inzwischen ausgestorben ist.
Als klar definierte Gruppen können die (teils nur noch ursprünglichen) Sprecher der adygeischen Sprache (Adıġèbze), der abchasischen Sprache (Abhāz) und der ubychischen Sprache (Ubıḫ) voneinander unterschieden werden. Diese Gruppen können auch als zwei Gruppen aufgefasst werden, namentlich erstens die „Tscherkessen“ (türkisch: Çerkes oder Çerkez, Plural: Çerkes oder Çerkezler) und zweitens die „Abchasen“, „Abasen“Die abasinische Sprache wird in der Fachliteratur manchmal als eigenständige Sprache innerhalb dieser zweiten Gruppe angesehen, manchmal aber auch lediglich als ein Dialekt des Abchasischen. (Quelle: ) und „Ubychen“ (türkisch: Abaza und Ubıh). Diesen (von außen verwendeten, also etischen) Fremdbezeichnungen entsprechen als (emische) Eigenbezeichnungen in der ersten Gruppe die Bezeichnung Adıġe und in der zweiten Gruppe die Bezeichnungen Aapswa oder Apsua (deutsch: Abchasen) und Ubıḫ. Allerdings werden diese beiden Gruppen oft miteinander vermischt und leben auch in einem vermischten Verbreitungsgebiet in der Türkei.
Es ist umstritten, ob diese Hauptkategorien als eigenständige Völker oder lediglich als Volksstämme betrachtet werden sollten. Alle drei Hauptgruppen (also ursprüngliche Sprecher der adygeischen, der abchasischen und der ubychischen Sprache) werden selbst wissenschaftlich zuweilen zusammen behandelt, da sie etisch als „Tscherkessen“ (im weiteren Sinne) wahrgenommen und ihnen daher von den osmanischen Behörden oft gemeinsame Siedlungen zugeteilt wurden. Im Folgenden wird daher nach emischer und etischer Perspektive unterschieden.
Etische Perspektiven Eine enggefasste Definition des Begriffes „Tscherkessen“ in der Türkei wird insbesondere von einigen Wissenschaftlern verwendet, die mit dem Terminus allein die Vertreter der adıghe-sprechenden Gruppen ansprechen.
Im modernen amtlichen und umgangssprachlichen Gebrauch in der Türkei fasst die Bezeichnung „Tscherkessen“ in einem sehr weitgehaltenen Sinne fast alle ethnischen Gruppen zusammen, die ab 1850 aus dem Nordkaukasus in die heutige Türkei immigriert sind. Diese Definition spricht damit über die eigentlichen Tscherkessen hinaus auch die Tschetschenen, Osseten, Lesgier, Karatschaier und Dagestaner an und führt somit zu einer unscharfen Begrifflichkeit. Dieser sprachlichen Beschränkung der tscherkessischen Identität entspricht eine Tendenz in der etischen Wahrnehmung, dass alle Tscherkessen und verwandten Gruppen zusammen mit anderen kaukasischen Gruppen (z. B. den Tschetschenen) eine einzige und in sich einheitliche Gruppe darstellen. Diese ungenaue Begriffsbildung geht auf die Öffentlichkeitsarbeit kaukasischer Vereine ab 1951 zurück, die eine Vereinigung der von den verschiedenen Kaukasusvölkern abstammenden Immigranten anstrebten, um auf diese Weise die Anzahl der Tscherkessen zu erhöhen und somit ihre Assimilation an die ethnischen Türken zu verhindern. Die damit verbundene politische Ideologie wurde allerdings selbst unter den Kaukasiern nicht begrüßt und hinterließ als negative Folge die Unklarheit des Begriffes „Tscherkessen“. mini|Grabstein von Tevfik Esenç. Die Beschriftung besagt: vubih dilini ölümsüz leştiren bu dili yazıp konuşabilen son vubıh (deutsch etwa: „Er verewigte die ubychische Sprache, die er schreiben und sprechen konnte, als letzter Ubyche.“) – Mit dem Tod dieses letzten noch bekannten und daher von einem kleinen Kreis kaukasischer Linguisten und aktivistischer tscherkessischer Intellektueller zelebrierten Muttersprachlers der Ubychischen Sprache (im Jahr 1992 in Istanbul) ging eine der letzten tatsächlich lebenden Affinitäten zu den vertriebenen Völkern des Nordwestkaukasus und der Schwarzmeerküste verloren (lediglich einzelne Linguisten konnten sich noch weiter auf Ubychisch verständigen), auch wenn die Idee von Tscherkessien in der heute im Nahen Osten verstreuten Diaspora weiterexistiert. Özbek (1989) schlug statt derart enger und weitgefasster Verwendungen des Begriffes „Tscherkessen“ vor, als „Tscherkessen“ nur sowohl die Vertreter der adıghe-sprechenden als auch der abkhaz-sprechenden ethnischen Gruppen anzusprechen, einschließlich der ursprünglich ubychisch sprechenden Gruppe, die ihre Sprache im türkischen Exil aus freien Stücken aufgegeben und die adıghe-Sprache der tscherkessischen Mehrheit übernommen hatte.
Die Abchasen in der Türkei sprechen die Adıghe (also eigentlichen Tscherkessen) in der Regel spezifisch als Adıga an.
Emische Perspektiven Sowohl der adygeischen Sprache als auch der abchasischen Sprache ist das Wort „Tscherkesse“ fremd. Sprecher beider Sprachen verwenden den Begriff „Tscherkesse“ als Selbstbezeichnung entsprechend nur gegenüber Sprechern anderer Sprachen.
Gegenüber den Adıghe (also eigentlichen Tscherkessen) verwenden die Abchasen als Selbstbezeichnung Apsua oder Ashiwe, wenn sie nicht die türkische Bezeichnung Abaza wählen. Auf der Uzun Yayla-Hochebene bei Kayseri sprachen die Abchasen bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast geschlossen die sehr nahe mit dem Adygeischen verwandte kabardinische Sprache (ehemals als Dialekt des Adygeischen aufgefasst) und identifizierten sich offen mit dem Tscherkessentum. Tschetschenen und Dagestaner bezeichneten sich dagegen laut Özbek (1989) nicht als „Tscherkessen“.
Entwicklungen zur Identität Mit Ausnahme der Kaukasischen Vereine und ihrer Mitglieder sind die meisten Tscherkessen integraler Bestandteil der politischen Auseinandersetzungen innerhalb des türkischen Volkes und nahezu die Gesamtheit der Tscherkessen betrachtet sich heute als Bestandteil der türkischen Bevölkerung, allerdings nicht als Angehörige der ethnischen Türken. In den 1980er Jahren begann ein Jahrzehnte anhaltendes ethnisches Wiederaufleben der tscherkessischen Diaspora, was in der Türkei insbesondere im urbanen Raum deutlich sichtbar wird und sich dort als Tendenz auch in Form einer steigenden Anzahl ethnischer Vereine (türk.: dernek, Plural: dernekler) bemerkbar macht. DOI des Beitrags: doi:10.31826/9781463225797-015 Auch wenn ein gewisses Identitätsgefühl unter den Tscherkessen erhalten geblieben ist und viele heutige Türken Stammesbezeichnungen wie Abaza oder Şapsug als Teil ihrer ererbten Identität für sich reklamieren, haben sich tatsächlich wirksame kulturelle Affinitäten zum kulturellen tscherkessischen Erbe abgeschwächt. Zwar hielten sich zum Beispiel in den tscherkessischen Dörfern Ostanatoliens aufgrund der selbst auferlegten Segregation die eigene ethnische Sprache und Kultur noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch wechselte auch diese Landbevölkerung, die bis etwa 1980 noch zu 95 Prozent die Adygeische Sprache gesprochen haben soll, bereits 10 Jahre später infolge von Kulturwandel und Urbanisierung vorwiegend zur Türkischen Sprache über. Assimiliationsdruck und -geschwindigkeit variieren in der Gegenwart für die Tscherkessen in der Türkei als ethnische Gruppe sehr. Im urbanen Raum geht ihre Assimilation mit und gegen ihren Willen von statten, während im ruralen Raum und dort insbesondere bei konzentriert tscherkessischer Besiedlung eine geringere Assimilation zu verzeichnen ist. Durch die Gründung und Arbeit Kaukasischer Vereine streben Tscherkessen die Erhaltung ihrer ethnischen Identität an. Die dort praktizierte Lehre von tscherkessischer Geschichte, Kultur, Sprache, Tanz, sowie ihrer Sitten und Gebräuche ließ eine Intelligenzija entstehen, die sich für ihre Identität starkmacht und dieses Bewusstsein auch in die Dörfer trägt.
Geschichtlicher Hintergrund Verbindungen mit dem Osmanischen Reich Im späten 15. Jahrhundert gerieten die Tscherkessen in den Einflussbereich des Khanats der Krim und des Osmanischen Reiches und die Oberschicht der Tscherkessen begann mit der Konversion zum Islam, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits auf die Mehrheit der tscherkessischen Bevölkerung erstreckte. Erste Online-Veröffentlichung: 2020. Printausgabe: Band IV, Nummer 7, 15. Dezember 1990, S. 816–819. Hier: Abschnitt "i.The People" von Beatrice Manz. Dort mit Verweis auf: J. von Klaproth: Reise in den Kaukasus und nach Georgien unternommen in den Jahren 1807 und 1808, in 2 Bänden, Halle & Berlin, 1812, Band I, S. 557–603, Kap. 26–27, hier S. 567–569. Insbesondere ab dem 17. Jahrhundert spielten Tscherkessen im Osmanischen Reich als Sklaven im osmanischen ḳul-System eine bedeutende Rolle und erreichten oftmals hohe Staatsämter. Obwohl die Tscherkessen in die herrschenden Klassen des Osmanischen Reichs und der Krim einheirateten, bewahrten sie ihre Unabhängigkeit. Erste Online-Veröffentlichung: 2020. Printausgabe: Band IV, Nummer 7, 15. Dezember 1990, S. 816–819. Hier: Abschnitt "i.The People" von Beatrice Manz. Dort mit Verweis auf: H. Inalcik: Cerkes iii (Ottoman Period), in: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Band II, S. 24–25. Erste Online-Veröffentlichung: 2012, Erste Printausgabe: ISBN 978-90-04-16121-4, 1960–2007. Hier: Abschnitt "iii. (Ottoman period)" von Halil İnalcık.