Othmar „Otto“ Wundsam (* 23. Oktober 1922 in Wien; † 27. Dezember 2014 ebenda) war ein österreichischer Zeitzeuge der NS-Zeit. Er war am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt und überlebte die Inhaftierung in mehreren Konzentrationslagern sowie einen Todesmarsch. Später war er bei der Weitergabe der Erinnerung an den Nationalsozialismus an die nächste Generation engagiert. Außerdem betätigte er sich als Künstler, wobei er sich insbesondere mit seinen Erlebnissen aus dem Krieg und der KZ-Haft auseinandersetzte.

Leben Kindheit und Jugend, Berufsausbildung Othmar Wundsam stammte aus einer Arbeiterfamilie und wuchs im „roten Wien“ in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Alter von zwei Jahren kam er mit seinen Eltern und seiner zwei Jahre älteren Schwester Hilde in das dörflich strukturierte Kagran, das damals zum 21. Wiener Gemeindebezirk Floridsdorf gehörte (heute überwiegend zum 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt). Er lebte zunächst zusammen mit seiner Familie bei seinen Großeltern, die dort ein preiswertes Grundstück zur Bebauung in Eigenleistung erworben hatten. Später bekamen seine Eltern in Kagran eine Wohnung in einem Gemeindebau. Seine Eltern waren beide aktive Sozialdemokraten; seine Mutter arbeitete im Bildungsreferat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), und sein Vater war als Eisenbahner ebenfalls überzeugter Sozialdemokrat.Brigitte Halbmayr: „Die erste Prägung war also: Kein Krieg!“ Hilde Zimmermann (geborene Wundsam). In: Helga Amesberger u. a.: Lebensgeschichten. Wien 2001, S. 257–263. mini|Soldaten des Bundesheeres während der Februarkämpfe 1934 vor der Staatsoper in Wien Bis 1934 verbrachte Othmar Wundsam zusammen mit seiner Schwester viel Zeit bei den Kinderfreunden als auch den Roten Falken. Seine Eltern wurden dann arbeitslos und waren am Österreichischen Bürgerkrieg im Februar 1934 zwischen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit deren Schutzbund und dem austrofaschistischen Ständestaat mit dessen Bundesheer und Heimwehr aktiv beteiligt: Sein Vater war beim Schutzbund und wurde als Sanitäter in Floridsdorf eingesetzt, seine Mutter versorgte verwundete Straßenbahner. Die Gemeindebauten in Kagran wurden wie in vielen anderen Orten als „rote Festungen“ beschossen, und die Familie verlor durch Beschlagnahmung einen Großteil ihres Hab und Gutes. Seine Eltern wurden verhaftet, seine Mutter kam für zwei Monate ins Gefängnis, der Vater für sechs Monate in das Anhaltelager Wöllersdorf. Der 12-Jährige und seine 14-jährige Schwester blieben alleine zurück und wurden durch internationale Hilfsaktionen versorgt, wie von den Quäkern und der Roten Hilfe.Monika Horsky (Hrsg.): Man muss darüber reden. Schüler fragen KZ-Häftlinge. Ephelant-Verlag, Wien 1988 (= Band 2 von Dokumente, Berichte, Analysen), ISBN 3-900766-01-0, S. 209: Biographien. (Kurzbiografie von Hilde Zimmermann). mini|Nach dem „Anschluss“ Österreichs: Adolf Hitlers Wagenkolonne am Wiener Praterstern (15. März 1938) Die Ehe seiner Eltern wurde 1936 geschieden. Seit dem Verbot der Roten Falken 1934 trafen sich die Jugendlichen weiterhin und nannten sich Junguranier. Um eine spätere Berufsanstellung zu erleichtern, legte Othmar Wundsam ein katholisches Religionsbekenntnis ab, wobei er sich für die Altkatholische Kirche entschied. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 wurde der Austrofaschismus durch den Nationalsozialismus abgelöst. Wundsam wurde Mitglied der Kommunistischen Partei (KPÖ) und beteiligte sich an illegalen Aktionen gegen das NS-Regime. Nach Schulabschluss begann er eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. 1939 wurden er und seine Schwester verhaftet, nachdem die Polizei bei einer Hausdurchsuchung ein Flugblatt mit kommunistischen Parolen gefunden hatte. Wie von den Geschwistern verabredet, übernahm er als damals 17-Jähriger die Verantwortung und wurde für neun Monate eingesperrt, während seine Schwester nach acht Tagen wieder freikam. Aus dem Gefängnis kehrte er mit einer Lungenentzündung nach Hause zurück. Nach seiner Haftentlassung setzte er seine Ausbildung fort und schloss diese 1941 ab.

Kriegszeit, Verhaftung und Verurteilung mini|links|Hinrichtung von Partisanen durch deutsche Soldaten (hier 1943 in der Sowjetunion) Während des Zweiten Weltkriegs wurde Othmar Wundsam unmittelbar nach Abschluss seiner Lehre 1941 zur Wehrmacht eingezogen und als Funker eingesetzt. Seine bei der Mutter in Kagran lebende Schwester Hilde, die seit 1941 Bildhauerei an der Wiener Frauenakademie studierte, beteiligte sich weiterhin an illegalen Aktionen, agierte aber insbesondere seit der Verhaftung im Jahr 1939 vorsichtiger. Wundsam erlebte als Soldat die Gräuel des Krieges in Osteuropa, worüber er bei Fronturlauben auch mit seiner Schwester sprach und ihr unter anderem berichtete, dass „die Deutschen, wenn sie Partisanen erwischen, auch die Frauen aufhängen“. Seine Schwester fühlte sich angesichts der Schilderungen zum Handeln verpflichtet und nahm daher Kontakt zu Personen auf, die im organisierten Widerstand tätig waren. So organisierte sie Anfang Januar 1944 den Unterschlupf für einen aus Bayern stammenden NKWD-Fallschirmagenten, der, über England aus der Sowjetunion kommend, zusammen mit einem weiteren Agenten den Widerstand in Österreich unterstützen und vernetzen sollte.Brigitte Halbmayr: „Das war eine Selbstverständlichkeit, dass wir da geholfen haben.“ Die Fallschirmagenten Albert Huttary und Josef Zettler und ihre UnterstützerInnen – ein Fallbeispiel. In: Christine Schindler (Red.), Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand – Widerstand im Militär. Münster 2009, S. 176–204.Biographie von Josef Zettler im Handbuch Wer war wer in der DDR?

Othmar Wundsams Schwester Hilde und seine Mutter Anna Wundsam übernahmen gemeinsam mit Hildes Freundin Pauline Hochmeister (später nach Heirat Pauline Leibel) und deren Mutter Gisela Hochmeister die Aufgabe, den Agenten abwechselnd in ihren Wohnungen zu verstecken. Seine Schwester war mit der früheren Nachbarstochter aus Kagran seit frühesten Jahren befreundet, wie auch die Eltern waren die beiden jungen Frauen durch ihre politischen Überzeugungen – die auch Othmar Wundsam teilte – eng verbunden. Der aus Bayern stammende NKWD-Agent, Josef Zettler („Sepp“), kam zunächst bei der in Wien-Stadlau wohnenden Familie Hochmeister unter, dann bei Mutter und Tochter Wundsam. Als die Frauen vor einem Spitzel gewarnt wurden, war es bereits zu spät und alle Beteiligten wurden am 30. März 1944 verhaftet. Auch Othmar Wundsam, der gerade Heimaturlaub hatte und die illegale Unterbringung des Agenten deckte, wurde festgenommen. Zettler wurde bei der Familie Wundsam aus dem Bett heraus verhaftet und dabei brutal behandelt.

Die unmittelbar Beteiligten kamen in Gestapo-Haft und wurden in der Folge in der Wiener Staatspolizeileitstelle, die im vormaligen Hotel Metropol am Morzinplatz untergebracht war, mehrmals verhört. Die Frauen versuchten, mit einer vorher verabredeten Geschichte ihre Tat herunterzuspielen, mussten jedoch bald erkennen, dass die Gestapo ihnen schon länger auf der Spur war und von dem Agenten und dessen Mission wusste. So wurden auch der zusammen mit Zettler in Wien eingesetzte, weitere Fallschirmagent Albert Huttary und dessen Unterstützer am gleichen Tage verhaftet. Zettler und Huttary wurden durch körperliche Misshandlungen und Drohungen dazu gezwungen, zum Schein Funkkontakte mit ihren Verbindungsstellen aufzunehmen. Die Frauen blieben von Gewaltanwendungen seitens der Wiener Gestapo weitgehend verschont. Othmar Wundsam kam als Wehrmachtsangehöriger in Untersuchungshaft und wurde nach mehrmonatiger Verhandlung im Oktober 1944 von einem Militärgericht wegen „kriegsverräterischer Beihilfe zur Feindbegünstigung“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, die er nach dem Krieg abzusitzen hätte. Außerdem wurde er für vorerst „wehrunwürdig“ erklärt und der Gestapo unterstellt, die ihn in der Folge in verschiedene Konzentrationslager deportierte.

→ Zum weiteren Schicksal der vier Frauen, Hilde und Anna Wundsam sowie Pauline und Gisela Hochmeister, sowie von Josef Zettler, die alle die Haft- und Kriegszeit überlebten, siehe das Kapitel: Das weitere Schicksal der Frauen und von Josef Zettler

KZ-Häftling und Todesmarsch mini|links|Überlebende des KZs Mauthausen, kurz nach der Befreiung im Mai 1945 Othmar Wundsam kam kurz nach der Urteilsbegründung im Oktober 1944 zunächst in das bei Weimar gelegene KZ Buchenwald, das als Arbeitslager betrieben wurde. Von dort wurde er in das vormalige Außenlager des KZs Buchenwald, das Konzentrationslager Mittelbau bei Nordhausen in Thüringen deportiert, wo er unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten musste. Später kam er ins Außenkommando Hohlstedt. Als die alliierten Truppen immer näher rückten, wurde er zusammen mit anderen Häftlingen mit einem Todesmarsch-Transport zum KZ Mauthausen gebracht, das sich in den Donau- und Alpenreichsgauen befand (damalige Propagandabezeichnung für Österreich). Dieser „Transport“ gehörte zu den „entsetzlichsten Erlebnissen“ Othmar Wundsams.

Er kam dann in das Nebenlager Steyr-Münichholz, das im April 1945 völlig überfüllt war, da mehrere Todesmärsche aus dem KZ Wiener Neustadt über Steyr geführt wurden. In dem Nebenlager herrschten katastrophale Zustände. Wundsam wog aufgrund der völlig unzureichenden Ernährung, der zwangsweise geleisteten Schwerstarbeit und der Strapazen des Todesmarsches nur noch 38 Kilogramm und entging nur knapp einem Abtransport in das Hauptlager zur Tötung. Schließlich wurde er schwer krank befreit, als die US-amerikanischen Truppen am 5. Mai 1945 das Lager erreichten.

Nachkriegszeit, Heirat und Berufstätigkeit Nach Wien zurückgekehrt, lebte Othmar Wundsam einige Jahre gemeinsam mit seiner Schwester Hilde, die zusammen mit seiner Mutter die Inhaftierung in dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überlebt hatten, und deren Freundinnen – alle KZ-Überlebende – in einem Haus. Sie mussten jedoch bald erkennen, dass die Ideale aus der Rote-Falken-Zeit sich nicht verwirklichen ließen: Es gab bereits eine neue Regierung und zusätzlich Besatzungsmächte, die Menschen waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt und wollten von einer Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit nichts wissen, sondern verdrängten diese. Wundsam gab seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Hoffnungen jedoch nicht auf und engagierte sich weiterhin solidarisch in seinem Umfeld, auch als Mitglied der wieder zugelassenen Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ).

Wundsam begann zunächst 1945 eine künstlerische Ausbildung an der Wiener Akademie der bildenden Künste, unter anderem bei Gerda Matejka-Felden, Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl. Nach Heirat schied er an der Akademie aus und wurde berufstätig, um seine Familie zu ernähren. Von 1947 bis zur Pensionierung war er bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) beschäftigt. 1948 wurde eine Tochter geboren.

Späteres Leben, künstlerische Betätigung Wundsam setzte sich für Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit über die Gräuel des Krieges und den Nationalsozialismus ein, wie in Zeitzeugengesprächen mit Schülern und Jugendlichen. Als ehemaliger KZ-Häftling beteiligte er sich an Veranstaltungen und Gedenkfeiern, wie bei der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora Freundeskreis e. V. und der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen bzw. bei deren Nachfolgeorganisation seit 1997, dem Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ). Zudem unterstützte er die Aktivitäten seiner 2002 verstorbenen Schwester Hilde Zimmermann (geb. Wundsam) in der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR, seit 2005: Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen – ÖLGRF).