Wolfgang Beinert (* 4. März 1933 in Breslau, Provinz Schlesien) ist ein deutscher römisch-katholischer Priester, Theologe und Dogmatiker. Er war Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte an den Universitäten Bochum (1972–1978) und Regensburg (1978–1998). Beinert ist auch mit Beiträgen zur Mariologie und Ökumenik hervorgetreten. Als akademischer Schüler und langjähriger Weggefährte Joseph Ratzingers und als Beobachter und Kommentator von Selbst- und Fremdwahrnehmung der katholischen Kirche ist Beinert ein über den innerkirchlichen Bereich hinaus geschätzter Gesprächspartner im öffentlichen Diskurs.

Leben Familiärer Hintergrund Wolfgang Beinert war das älteste Kind der Eheleute Josef Beinert und Veronika geb. Heinisch. Er wuchs mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Joachim in Breslau auf. Josef Beinert war Zollbeamter (zuletzt Oberzollinspektor) und wurde 1943 nach Graz, dann nach Krainburg (Kranj) versetzt. Nach dem Besuch der Grundschule wechselte Wolfgang Beinert 1943 auf das humanistische Matthias-Gymnasium, doch litt der Unterricht unter den Kriegseinschränkungen. Den Katholizismus seiner Familie beschreibt Beinert als etwas Selbstverständliches, was auch durch die NS-Ideologie nicht in Frage gestellt worden sei. Da die Hitlerjugend in Breslau am Sonntagmorgen große Aufmärsche veranstaltete, an denen der Zehnjährige teilnehmen musste, besuchte er die Frühmesse, um der Sonntagspflicht zu genügen. Josef Engelbert, Pfarrherr zu St. Michaelis, wurde mit seinen Kindermessen für Beinert eine Art geistliche Vaterfigur.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 16–48. Im Januar 1945, gerade als Breslau zur „Festung“ erklärt worden war, floh Veronika Beinert mit den beiden Kindern in die Oberpfalz. Das Gefühl der Heimatlosigkeit, Mangel am Lebensnotwendigen und Ablehnung durch Einheimische prägten die nächsten Monate. Da der Vater 1946 eine Anstellung bei der Oberfinanzdirektion Nürnberg fand, zog Familie Beinert in die schwer zerstörte Großstadt, die Wolfgang Beinert nun als neue Heimatstadt schätzen lernte.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 48–72. Als der Schulbetrieb stockend wieder anlief, besuchte Wolfgang Beinert das Humanistische Gymnasium Fürth, wo er 1952 die Abiturprüfung ablegte. Er war als Gymnasiast, wie schon in Breslau, Ministrant und trat als Siebzehnjähriger der Marianischen Kongregation bei. Der Jesuit Georg Deichstetter wurde sein geistlicher Begleiter. Als er auf dem Weg zu Abiturientenexerzitien an einer gregorianischen Vesper der Priesteramtskandidaten im Bamberger Dom teilnahm, entschloss er sich, Priester zu werden.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 106–108.

Studium, Promotion, Habilitation Im Oktober 1952 trat Beinert ins Priesterseminar Bamberg ein.Wolfgang Beinert: Zu Ende springen. Eine theologisch-biographische Reflexion auf das II. Vaticanum. In: ET-Studies, Jg. 16 (2025), S. 3–10, hier S. 4. Regens war Johannes Lenhardt, Spiritual der Jesuit Theo Wild. Im Wintersemester 1952/53 begann er mit dem Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Bamberg. Die kirchliche Studienordnung sah in den ersten Semestern vor allem philosophische Lehrveranstaltungen vor. Im Herbst 1953 wurde er als Alumnus der Erzdiözese Bamberg nach Rom entsandt, um als Angehöriger des Collegium Germanicum sein Studium der Philosophie und Katholischen Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana fortzusetzen.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 109–117. Beinert zufolge fand in seinen Studienjahren unter den Dozenten der Gregoriana ein Generationenwechsel statt: „Die jüngeren Professoren … dozierten im wahrsten Sinne unter den Augen des Heiligen Offiziums mit dem strengen Kardinal Alfredo Ottaviani auf der Brücke. Doch mit beherzter Klarheit suchten sie einen ziemlich offenen Dialog mit modernen Strömungen, z. B. philosophisch mit dem Existenzialismus, theologisch mit der historisch-kritischen Bibelexegese. Auch der ökumenische Gedanke fand Eingang in die Gregoriana.“Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 161. Das habe zu der schizophrenen Situation geführt, dass die Studenten mehrfach den Antimodernisteneid zu leisten hatten (Beinert selbst neunmal), bei dem sie vieles verdammten, was gerade im Hörsaal unterrichtet worden war; man entledigte sich des Rituals mit großer Geschwindigkeit und unterschrieb danach, den Eid geleistet zu haben.

Beinerts Interesse an einer Dogmatik mit ökumenischer Ausrichtung wurde am Anfang seiner römischen Studienzeit durch einen Vortrag von Thomas Sartory geweckt. Mit dem Ökumeniker der Gregoriana, Jan L. Witte, vereinbarte er das Thema seiner ekklesiologischen Dissertation: Um das dritte Kirchenattribut. Die Katholizität der Kirche im Verständnis der evangelisch-lutherischen und der römisch-katholischen Theologie der Gegenwart. Am 10. Oktober 1959 wurde Beinert vom späteren Kardinal Luigi Traglia in Sant’Ignazio zum Priester geweiht und feierte am folgenden Tag seine Primiz in Santa Balbina.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 196–210. Das Lizentiatenexamen folgte im Juni 1960, im Herbst begann Beinert mit den Vorarbeiten für die Dissertation. Das Zweite Vatikanische Konzil war bereits angekündigt, die Vermutungen gingen dahin, dass die Konzilsdokumente eine Bekräftigung bekannter neuscholastischer Positionen bringen würden. Die ersten Schemata, die bekannt wurden, gingen auch in diese Richtung. Für Beinerts Promotionsthema konnte es schwierig werden, wenn sein Dozent in Fundamentaltheologie, Sebastian Tromp, zum Zweitgutachter bestellt wurde. Tromp war dann aber in der Vorbereitung der Konzilstexte führend tätig und wurde an der Gregoriana durch Francis Sullivan ersetzt.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 218 f. Die 1963 verteidigte Arbeit Beinerts wurde mit Summa cum laude bewertet und mit einer päpstlichen Medaille belohnt – unmittelbar danach, am 1. Juni 1963, trat er eine Stelle als Kaplan in der Pfarrei Ebrach an.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 221–224. Im Folgejahr wechselte er nach Markt Schnaittach und dann nach Nürnberg (Pfarrei Herz Jesu).

Im Frühsommer 1966 sprach Beinert bei Joseph Ratzinger vor, der die Dogmatikprofessur an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen innehatte, und bat ihn, seine Habilitation zu betreuen. Ratzinger war einverstanden und gab ihm das Thema vor: Die Kirche, Gottes Heil in der Welt. Die Lehre von der Kirche nach den Schriften des Rupert von Deutz, Honorius Augustodunensis und Gerhoch von Reichersberg. Ein Beitrag zur Ekklesiologie des 12. Jahrhunderts. Die drei Autoren des 12. Jahrhunderts vertraten eine als Monastik bezeichnete Alternative zur zeitgenössischen Scholastik, die mit stark biblischem Bezug an Traditionen der Alten Kirche anknüpfte. Gegenüber der Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Neuscholastik war ihre Wiederentdeckung ein interessantes Korrektiv.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 299 f. Beinert zog nach Tübingen und stand in engem Kontakt mit Ratzinger: einerseits beeindruckte ihn, bei fast täglicher Konzelebration, wie Ratzinger Liturgie feierte („die unprätentiöse Frömmigkeit, die fast heitere Disziplin der Gesten, der warme Duktus des Sprechens“), andererseits das Erlebnis seiner „funkelnden Kollegien“, zu denen Studenten von weither anreisten.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 306.

Nach Beinerts Einschätzung war die Erfahrung der Studentenrevolution für den bis dahin offenen und modernen Dogmatiker Ratzinger eine Lebenswende. „Ratzinger ist immer ein zarter, geradezu fragiler Mensch gewesen, zurückhaltend, leise, vornehm. Schon die lauten Pöbeleien der Achtundsechziger mussten ihn bis in den Seelengrund erschrecken.“Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 314. Beinert wurde 1967 Assistent an der Fakultät, direkt dem Dekan unterstellt, und bot Einführungsveranstaltungen für alle systematischen Fächer an. Als Ratzinger zum Wintersemester 1969/70 einen Ruf an die von Studentenunruhen wenig berührte Universität Regensburg annahm, wurde dem bekannten Tübinger Dogmatiker eine zweite Assistentenstelle zugestanden. So kam Beinert als „ganz normaler Lehrstuhlmitarbeiter“ nach Regensburg.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 320.

Ordinarius für Dogmatik in Bochum und Regensburg Im Jahr 1971 habilitierte sich Beinert in Regensburg und war einige Monate Universitätsdozent, bevor er 1972 einen Ruf als Wissenschaftlicher Rat und Professor an die Ruhr-Universität Bochum erhielt. Er zog mit seiner verwitweten Mutter nach Weitmar.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 342–345. Während seiner Bochumer Zeit feierte er regelmäßig die Messe in der Heimkehrer-Dankeskirche. Er gehörte zu einem von dem Görlitzer Pfarrer Paul Schimke angeregten deutsch-deutsch-polnischen Theologenkreis.

Von 1978 bis zu seiner Emeritierung 1998 war Beinert Ordinarius für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg. Er zog mit seiner Mutter nach Pentling, einen Vorort von Regensburg, wo er auch in der Pfarrseelsorge tätig war. Allerdings war Beinert nicht, wie oft angegeben, Nachfolger Joseph Ratzingers, sondern Johann Auers. In dieser Zeit gab er das Lexikon der Katholischen Dogmatik heraus, das 1987 erstmals erschien.Wolfgang Beinert (Hrsg.): Lexikon der katholischen Dogmatik. Herder, Freiburg im Breisgau 1997, Vorwort. Pentling war die Gemeinde, die Ratzinger als seine Heimat betrachtete. Der persönliche Kontakt mit seinem ehemaligen Assistenten Beinert diente ihm zum guten Teil dazu, über die Menschen in Pentling informiert zu bleiben.Wolfgang Beinert: Dem Ursprung Zukunft geben. Autobiografische Skizzen. Pustet, Regensburg 2022, S. 541.