mini|Titelblatt der Erstausgabe des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches
Das Allgemeine Deutsche Kommersbuch (ADK, auch Lahrer Kommersbuch oder Lahrerbibel) ist das bekannteste Kommersbuch (Liederbuch für den Gebrauch auf der studentischen Kneipe) in Deutschland. Es erschien erstmals 1858 und erreichte im Jahre 2021 seine 167. Auflage. Es ist im deutschen Sprachraum das am häufigsten aufgelegte Liederbuch. In seiner neuesten, stark erweiterten Ausgabe enthält es wieder über 700 Lieder, darunter hauptsächlich Studenten- und Volkslieder.
Das ADK wird eigens für den Besteller von Hand gebunden und entsprechend den Wünschen des Bestellers ausgestattet, etwa in Leder gebunden, mit Biernägeln versehen, mit dem Zirkel der Verbindung und mit Farbschnitt versehen. Die dadurch entstehenden verschiedenen Ausgaben werden zur Unterscheidung traditionell durchbuchstabiert.
Das ADK erschien bis zum Jahr 1999 beim Verlag Moritz Schauenburg in Lahr. Seit dem Jahr 2000 wird es im Morstadt Verlag in Kehl verlegt.
Vorgeschichte
mini|links|Titelblatt der Studentenlieder von 1781 (Nachdruck)
Ursprünglich wurde studentisches Liedgut nur mündlich oder handschriftlich weitergegeben. Die älteste bekannte Sammlung ist die Niederrheinische Liederhandschrift (1574). Das erste gedruckte, rein studentische Liederbuch stammt von Christian Wilhelm Kindleben. Er gab die Studentenlieder 1781 in Halle heraus. Die heute gebräuchliche Fassung von Gaudeamus igitur wurde darin das erste Mal gedruckt. Kindleben hatte mit dem Buch jedoch keinen Erfolg. Es enthielt für die Zeit zu viel Anstößiges, sodass es konfisziert und Kindleben aus Halle ausgewiesen wurde.
Im Geist der Befreiungskriege und mit der Gründung der Urburschenschaft 1815 verbreiteten sich Kommersbücher immer mehr. Ferdinand August Serig druckte 1825 die bewusst burschenschaftlich gehaltene Auswahl deutscher Lieder von Daniel Runge, die bald zum Standardwerk wurde. Ab der 4. Auflage von 1836 gab es jedoch kaum noch Änderungen und der „Serig“ verlor wieder an Bedeutung.
Der Mediziner Hermann Schauenburg publizierte 1843 zusammen mit Rudolf Löwenstein und Justus Wilhelm Lyra das Buch Deutsche Lieder nebst ihren Melodien in Leipzig bei Robert Friese.Stadt Aachener Zeitung, Nr. 267, Montag, 25. September, 1843, S. 4, Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 18. April 2024) Durch den Erfolg dieses sogenannten „Leipziger Commersbuches“ wurde der „Serig“ endgültig verdrängt.
Geschichte
Nach einigen Jahren konnte Hermann Schauenburg überredet werden, ein neues Kommersbuch auf der Grundlage der Deutschen Lieder zu schaffen. Sein Bruder Moritz Schauenburg hatte in Lahr die Druckerei Geiger von seinem Schwiegervater übernommen und daraus seinen eigenen Verlag aufgebaut. Nach einigen medizinischen Schriften Hermann Schauenburgs wurde auch das Kommersbuch dort gedruckt. Für die musikalische Redaktion wurden die Komponisten und Musikpädagogen Friedrich Silcher und Friedrich Erk, der Bruder des Volksliedforschers Ludwig Erk, gewonnen.
mini|Signatur in einer Erstausgabe: „Wolfgang von Goethe Jena 17. August 1858“
Die Deutschen Lieder wurden nicht einfach neu aufgelegt, sondern alle deutschen Universitäten wurden angeschrieben, um herauszufinden, welches die beliebtesten Lieder unter den Studenten waren.Allgemeines Deutsches Commersbuch, 16. Auflage, Verlag Moritz Schauenburg, Lahr, Vorwort o. S. Um sich der Zeit anpassen zu können, wurde das Buch in zwei Teile unterteilt. Der Hauptteil sollte vorerst unverändert bleiben und enthielt in drei Abschnitten die wichtigsten Vaterlands-, Studenten- und Volkslieder. Der Anhang enthielt auch in der 1. Auflage schon 73 Lieder. Einerseits waren das Vorschläge, die erst im Verlag eintrafen, als der Hauptteil schon gesetzt war – andererseits weniger bekannte oder regionale Lieder, die in den Antworten der Universitäten seltener genannt wurden. Mit dieser Unterteilung sparte man Aufwand und Kosten und konnte trotzdem auf die Wünsche der Studierenden eingehen, indem nur der Anhang für neue Auflagen neu gesetzt werden musste.Allgemeines Deutsches Commersbuch. 4. Auflage. Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1859, S. 397. Mit wenigen Ausnahmen blieb das bis zur 24. Auflage im Jahr 1881 so. Der Anhang war zu diesem Zeitpunkt fast so groß wie der Hauptteil (305 bzw. 318 Lieder). Das Ergebnis wurde 1858 zum 300-jährigen Bestehen der Universität Jena als das Allgemeine Deutsche Commersbuch veröffentlicht. Der Erfolg war so groß, dass innerhalb eines Jahres die 4. erweiterte Auflage erschien.Karlsruher Tagblatt, No. 83, Freitag, 25. März, 1859, S. 6, Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 7. April 2024) In dieser bitten die Verleger um Geduld, da zur Zeit des Drucks bereits fast die gesamte Auflage vorbestellt war und kündigen die 5. Auflage als unveränderter Nachdruck an.Allgemeines Deutsches Commersbuch. 4. Auflage. Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1859, S. 478.
Für die 6. Auflage wurden die Rechte an Joseph Victor Scheffels Lieder aus dem Engeren erworben. Der Verlag veranstaltete einen Wettbewerb samt Jury, um passende Vertonungen für die Lieder zu schaffen und gleichzeitig die exklusiven Rechte daran zu bekommen.Heidelberger Zeitung Nr. 43, Mittwoch, 20. Februar 1861, S. 3, Vermischte Nachrichten Heidelberger historische Bestände – digital (abgerufen am 7. April 2024) Die Auswertung von über 400 Kompositionen dauerte mehrere Monate. Unter den Preisträgern war V. E. Becker mit seiner Melodie zu Wohlauf, die Luft geht frisch und rein.Karlsruher Zeitung No. 141, Dienstag, 18. Juni, 1861, S. 3 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 7. April 2024)
Ludwig Eichrodt übernahm mit der 13. Auflage die Leitung, nachdem er vorher schon beratend für den Verlag tätig war.Allgemeines Deutsches Commersbuch, 16. Auflage, Verlag Moritz Schauenburg, Lahr, S. 616
Während die 20. Auflage herauskam, wurden die Rechte an Vinzenz Lachners Melodien zu Scheffels Liedern erworben. Zu den bereits vorhandenen Melodien wurden Einlegeblätter mit der alternativen Version gedruckt, die kostenlos separat angefordert werden konnten, falls sie noch nicht beigelegt waren.Börsenblatt für den deutschen Buchhandel No. 250, Freitag, 27. Oktober, 1876, S. 19 Börsenblatt digital (abgerufen am 7. April 2024) Ab der 21. Auflage wurden sie mit eingebundenAllgemeines Deutsches Commersbuch. 23. Auflage. Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1879, S. 564. und auf dem Deckblatt beworben.
Zur 25. Auflage 1882 ordnete Eichrodt den gesamten Inhalt neu. Aus dem alten Hauptteil wurden 52 Lieder (teilweise vorerst) nicht übernommen, aus dem Anhang 25. Dafür kamen 163 Lieder neu dazu. Obwohl im Jahr darauf die 26. Auflage herausgegeben wurde, scheint die Nachfrage nach der Jubiläumsausgabe so groß gewesen zu sein, dass bis 1885 noch die sogenannten 2., 3. und 4. Abdrucke der 25. Auflage erschienen. Inhaltlich entsprachen sie allerdings der 26. Auflage von 1883, die noch einmal um 6 Lieder erweitert worden war. Danach wurde eine weitere 26. Auflage (1886) herausgegeben, die wiederum überarbeitet und um 5 PreisdichtungenBerliner Börsen-Zeitung No. 135, Morgenausgabe, Sonnabend, 21. März, 1885, S. 9 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 7. April 2024) und -kompositionen (u. a. von Otto Lob)Karlsruher Zeitung, No. 249, Donnerstag, 22. Oktober 1885, S. 3 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 18. April 2024) erweitert worden war. Sie war Teil der Festgabe des Verlags zu den Feierlichkeiten der Heidelberger Universität zu ihrem 500-jährigen Bestehen.Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg 43. Jahrgang, No. 15, Mittwoch, 20. Januar, 1886, S. 3 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 7. April 2024) Vom Titelbild abgesehen blieb der Inhalt des Kommersbuches bis zur 50. Auflage (ca. 1895) unverändert.
Ab 1893 führte Eduard Heyck das Allgemeine Deutsche Kommersbuch bis in die Zeit des Nationalsozialismus weiter. Zur 51. Auflage überarbeitete er das ganze Kommersbuch und fügte auf dem Titelblatt die Anmerkung Neue Bearbeitung hinzu. Unter Heyck erlebte das ADK seine größten Erfolge. Im Durchschnitt erschienen 3 Auflagen pro Jahr, sodass bald einzelne Auflagen zusammengefasst wurden. Die erste war die 55.–58. Auflage. Nur die 75. und 100. Jubiläumsauflage wurden noch einzeln gedruckt. Zu letzterer stellte Heyck fest, dass nach über 50 Jahren seit der Erstausgabe die frühen Auflagen kaum noch zu finden waren. Um etwas Dauerhafteres zu schaffen, wurde zusätzlich zur normalen Ausgabe eine Geschenkausgabe herausgegeben.Dresdner Nachrichten No. 169, Abend-Ausgabe, Sonnabend, 20. Juni, 1914, S. 2 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 7. April 2024) Die Lachner’schen Melodien wurden wieder entfernt. Lediglich die alternative Melodie zu Alt Heidelberg, du feine wurde noch bis zur 144.–150. Auflage mit abgedruckt und das von Lachner vertonte Reicht mir das alte Burschenband neu aufgenommen. Auch ein Wettbewerb um neue Kompositionen wurde ausgerufen.Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Nr. 225, 41. Jahrgang, Abend-Ausgabe, Freitag 3. Mai 1912, S. 3 Deutsches Zeitungsportal (abgerufen am 18. April 2024)
Im Dritten Reich wurden Studentenverbindungen verboten (siehe Geschichte der Studentenverbindungen). Heyck versah das Lahrer Kommersbuch nach der Machtergreifung mit dem Anhang Der Sieg ist erstritten – Lieder der neuen Zeit (siehe unter Anhang). Das Lied Sieg Heil mit der für den Anhang titelgebenden ersten Zeile stammt von seinem Sohn Hans Heyck. Eine weitere Auflage des Kommersbuches wurde vorbereitet, in der die neuen Lieder regulär aufgenommen werden sollten.Fortunatus - Blätter für das Studententum, Nr. 13, W./S. 1933/34, Verlagsbuchhandlung von Moritz Schauenburg K.G., Lahr in Baden, S. 4. Dazu kam es jedoch nicht mehr, denn die Gleichschaltung ließ sich nicht aufhalten. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund druckte seine eigenen Liederbücher und für 20 Jahre erschien kein Allgemeines Deutsches Kommersbuch mehr.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieben Verbindungen unter dem Alliierten Kontrollrat verboten und es gab vorerst keinen Bedarf für eine Neuauflage des ADK. Erst als sich ab 1947 (noch verbotenerweise) die ersten alten Verbindungen neu gründeten, das generelle Verbot 1950 und die Verbote von Korporationen durch die Universitäten in den 1950er Jahren für unrechtmäßig erklärt wurden, gab es auch wieder Interesse an studentischen Liederbüchern. Der neue Herausgeber Walter Haas mühte sich jahrelang redlich, um 1953 die 151. Auflage zu präsentieren. Die Umstände machten es ihm jedoch nicht einfach. Er schreibt im Vorwort:
Fremdes Verlagsrecht engte den beherzten Griff nach wertvollem Liedgut unserer Zeit ein.Allgemeines Deutsches Kommersbuch. 151. Auflage. Verlag Moritz Schauenburg, Lahr 1953, Vorwort o. S.
So entstand nach 340 gestrichenen und nur 82 neuen Liedern, sowie vielen gestrichenen Strophen die dünnste Auflage seit der 5. von 1859. Nach 100 Jahren gab man 1958 mit der 154.–155. Auflage die Frakturschrift auf. Erdmann Werner Böhme beriet Haas ab 1956 in musikalischen Belangen und führte das ADK ab 1965 weiter. Die nachfolgenden Auflagen brachten wenig Änderung und kaum Neues. Das Lahrer Kommersbuch blieb ein Schatten seiner selbst.