mini|Buchlayout Mein fremder Alltag ist der erste Gedichtband des Dichters Gino Chiellino, der unter dem Namen Carmine Chiellino seine literaturwissenschaftlichen Werke herausgibt.

Inhalt Der Band erschien 1984 in Kiel und besteht aus zwei Teilen, die Gedichte der Jahre 1977–1979 und 1980–1983 beinhalten und das Entstehungsdatum als Überschrift tragen. Der erste Teil umfasst 42 Gedichte und einen mit Intermezzo betitelten Abschnitt, der wiederum aus vier Gedichten besteht und ein neues Leben zum Thema hat. Er ist somit nicht nur ein Zwischenspiel, sondern markiert den künstlerischen Übergang des lyrischen Ichs von einer Pendelsituation zur bewussten Hinwendung zu einer zukunftsweisenden Sprache. Die Gedichte des zweiten Teiles (33 an der Zahl) zeugen von politischem Kampfgeist, der sich gängigen Meinungen zu den Themen Auswanderung, Integration und Einwanderung widersetzt und eigene Thesen formuliert.

Die Gedichte sind überwiegend in freien Versen verfasst und werden vom Rhythmus der Sprache getragen. Die Engführung der Sprache und die Nähe zur Biographie des Autors und zu den historischen Begebenheiten sorgen dafür, dass die Werke von einer besonderen Authentizität durchdrungen sind und eine stechende gesellschaftskritische Relevanz enthalten. Aus diesem Band sind Gedichte wie „Bahnhof“, „Verstummung“ und „Sklavensprache“ zu Zitat-Klassikern geworden und haben längst den Weg in die Schulbücher gefunden.

Der erste Teil des Gedichtbandes mit dem Titel „1977–1979“ setzt mit dem Gedicht „Gastarbeiter“ (S. 8) ein, das einen möglichen Grund der Auswanderung des lyrischen Ichs thematisiert. Allerdings ist der Titel eine Fremdbezeichnung, mit der das lyrische Ich eine Warnung an den Gesprächspartner „Du“ ausspricht. Es warnt das „Du“ davor, den Staaten zu trauen, die am Austausch von Arbeitskräften beteiligt sind (in diesem Fall Deutschland und Italien). Der eigentlich positive Begriff „Freiheit“ entpuppt sich als fragwürdiges Konzept, da er für die Auswanderer zwar eine Möglichkeit bedeutet, aber von den wirklichen Profiteuren der Auswanderung als „Freiheit von etwas“ interpretiert wird. Die Führungsschichten der beiden Länder würden diesen Freiheitsbegriff dafür benutzen, sich von jeglicher Verantwortung gegenüber dem „Volk“ frei zu machen. Hierdurch seien bestimmte Schichten der Bevölkerung zur Auswanderung gezwungen, da ihnen ein menschenwürdiges Leben vor Ort verunmöglicht werde. Der Autor bezeichnet sie deshalb als „Vertriebene“ (vgl. die Gedichte „Sehnsucht II“, S. 47 und „Die neuen Denkmäler meines Landes“, S. 23). Der Begriff der Freiheit ist in der Aufnahmegesellschaft als das Recht auf Arbeit zu verstehen, was sich aber als eine falsche Zukunftsvision entpuppt, weil die Gastarbeiter den einheimischen Arbeitern rechtlich nicht gleichgestellt werden (vgl. auch „Veränderung“, S. 13).

Die Auswanderung wird in den darauf folgenden Gedichten dennoch als Zeichen der persönlichen Autonomie dargestellt, ohne dass die Anklage an die Obrigkeit ausgespart wäre. Das lyrische Ich wirft dem Auswanderungsland vor, sich des „Überschusses“ an Arbeitskraft zu entledigen, während das Einwanderungsland nur darauf bedacht ist, den Bedarf an ungelernten Arbeitskräften zu decken. Die historische Gelegenheit bleibe ungenutzt, politische und rechtliche Rahmenbedingungen nach europäischen Richtlinien zu schaffen.

Die durch linke Ideologie angehauchten Gedichte sind aber keine kommunistische Propaganda. Im Gedicht „Es war ein Fehler“ zum Beispiel werden eindeutig die eigenen Verwandten und Freunde als die Nutznießer der Auswanderung entlarvt. Zwischen ihnen und den Politikern des Auswanderungslandes besteht kein wesentlicher Unterschied:

Als wir wegfuhren kauften uns die Verwandten das Land das Geschäft ab […] als wir wegfuhren strichen sie uns aus den Wahllisten […] sie dachten: jetzt wo sie weg sind wird es uns besser gehen. (Mein fremder Alltag, S. 20)

Zum Thema „Aufbruch“ gehört komplementär die „Ankunft“ in ein anderes Land und natürlich in eine andere Sprache. Das Gedicht „Bahnhofstr. 27“ (S. 9) spricht von der Möglichkeit einer Ankunft, die durch körperliche Reaktionen des lyrischen Ichs sichtbar und spürbar sind. Das Ich knüpft einerseits an das vorhandene Körpergedächtnis an und versucht andererseits eine neue Sprache für neue Erfahrungen zu finden. Es beschreibt die kleinste Regung seines Körpers detailgetreue und minimalistisch. Vom Körpergedächtnis erzählen auch die Gedichte „Sehnsucht I“ (S. 11), „Bahnhof“ (S. 14–15), „Verstummung“ (S. 36) und „Sehnsucht II“ (S. 47). Hier ist das lyrische Ich um eine Anknüpfung an das bereits Vorhandene bemüht. Im Gedicht „Sehnsucht I“ (S. 11) behauptet das Ich, er habe Hunger. Er kauft aber nur Birnen, Trauben und eine Honigmelone. Die Auswahl der Obstsorten macht deutlich, dass es sich nicht um körperlichen Hunger geht, sondern um die Sehnsucht nach einer Gegend, wo diese Obstsorten wachsen, und nach einer Jahreszeit, in der sowohl Birnen, Trauben und Melonen reifen (vgl. „Die Sehnsucht der Sehnsucht nach der Sehnsucht“ in: Chiellino: Ich in Dresden. Eine Poetikdozentur, Dresden, 2003, S. 21–23).

Das Gedicht „Verstummung“ (S. 36) verarbeitet das kulturelle Gedächtnis der deutschen Sprache. Mit dem intertextuellen Hinweis auf Paul Celan wird ein kritischer Dialog mit dem Dichter in das Gedicht eingebaut. Celan war maßgeblich daran beteiligt, für die „Fremde“ eine neue Sprache bzw. neue Ausdrücke zu finden. Chiellinos lyrisches Ich stellt aber fest, dass Celans Körpergedächtnis sich mit seinem eigenen nicht deckt. Das Ich bei Chiellino betont stets, dass die Auswanderung eine autonome Entscheidung des Migranten ist. Die Zeile „ich habe sie [die eigene Sprache] aufgegeben“ ist grammatisch gesehen aktiv und zeigt dadurch, dass das Ich ein Lebensprojekt hat. Die Auswanderung ist eine selbstbestimmte Entscheidung, die mit Souveränität verfolgt wird, obwohl das Ziel des Projektes noch nicht formuliert werden kann. Aber es ist als „trotzige[] Anhänglichkeit“ an beide Sprachen und Kulturen definiert (vgl. Cyrus Atabay: „In einem persischen Landhaus“).

Weitere Themen des Gedichtbandes sind: die Erkenntnis der eigenen Situation (vgl. „Veränderung“, S. 13) und die kritische Betrachtung der Frage, ob man sich mit einem Platz am Rande der Gesellschaft zufriedengeben darf. Chiellino geht Fragen der Loyalität und der Zugehörigkeit nach, vermeidet aber eine eindeutige Antwort bewusst. Alte Loyalitäten an das Auswanderungsland werden hinterfragt und die Frage der Zugehörigkeit zum Einwanderungsland wird auch kritisch formuliert. Vor allem die Erwartungen der Gesellschaft, in die sich der Eingewanderte integrieren soll, werden kritisch reflektiert.

Im Gedicht „Bahnhof“ (S. 14–15) sind der Zugbahnhof und der Dorfplatz gleichgestellt und repräsentieren somit eine Art Zuhause bzw. eine scheinbare Idylle. Im zweiten Teil des Gedichtes findet aber keine Kommunikation statt – das lyrische Ich lauscht den Zügen, ist also passiv. Somit wird der Bahnhof ein Symbol für eine Existenz am Rande der Gesellschaft. Im darauf folgenden Gedicht „Die Frage“ (S. 16) ist seine Existenz ein „Warten“, das im Gegensatz zu seinem Lebensprojekt steht, weil es durch die Auswanderung die Stagnation am Geburtsort brechen wollte. Dennoch ist das Warten nicht immer negativ besetzt. Das Warten und das Leben am Rande einer Gesellschaft gibt dem Ich die Möglichkeit über alte Zugehörigkeiten und Loyalitäten nachzudenken. So wird z. B. in „An einem Freund“ (S. 21) die Nostalgie einerseits als wertvolle Zugehörigkeit dargestellt, die das Subjekt vor der Einsamkeit rettet, aber auch eine Randexistenz bedeutet: beide Elemente werden als „strapazierte Erinnerungen“ bezeichnet.

Die alte Zugehörigkeit wird in der „These Nr. 6“ des Gedichts „Integration, ein Gedanke in sieben Thesen“ positiv bewertet (S. 90). Das lyrische Ich sucht in einem tragischen Moment nicht die Auseinandersetzung und den Kampf, sondern eine bekannte und deshalb sichere Umgebung. Somit wird deutlich, dass die Hinterfragung bestehender Loyalitäten und alter Zugehörigkeiten keine vollständige Brechung mit diesen darstellt, sondern als Gegenstand der Verhandlungen zu lesen ist.

Im Gedicht „Integration I“ (S. 38) sind Mechanismen und Widersprüche der Solidarität unter den Arbeitern und nationalen Minderheiten angesprochen. Ein Mann lebt in einer kalten und karg eingerichteten Kellerwohnung und denkt an die Müllmänner. Da in seinem Leben die Ästhetik fehlt, klammert er sich an die Solidarität, die er mit den Müllmännern hat. Dieses Gefühl stiftet in ihm eine Art Gemeinschaft beziehungsweise Zugehörigkeit. Es ist allerdings trügerisch, da seine Randexistenz nicht mal von der Gegenwart einer weiblichen Figur aufgelöst werden kann. Die Frau ist für das Ich das Symbol für „Integration“, d. h. sie ist eine Deutsche. Das Ich bleibt in Isolation, weil ihn die Solidarität zu den Müllmännern davon ablenkt, Zugehörigkeit bei der Frau zu suchen – es befindet sich in einer Sackgasse und deshalb stellt es fest: „Hier sterben die Gedanken aus“.

Den Widerstand gegen eine erzwungene Solidarität thematisiert das Gedicht „Isolation“ (S. 26). Zwei „Gastarbeiter“ treffen sich beim Spazierengehen, gehen aber wortlos aneinander vorbei. Die Zufälligkeit der Begegnung und die Tatsache, dass sie sich als „Gastarbeiter“ erkennen, sollte eine Solidarität hervorrufen. Sie sollten sich begrüßen und sich als Schicksalsgenossen betrachten. Chiellinos Gedicht widerlegt aber diese Annahmen. Eine gegenseitige Sympathie ist zwar vorhanden, sie reicht aber nicht aus für eine Freundschaft. Die Figuren behalten ihre Individualität und gehen aneinander vorbei. Dass der Titel dennoch nicht „Individualität“ lautet, sondern „Isolation“, liegt in der Entstehungszeit des Gedichtes. Die Solidarität unter den Arbeitern war in den 1970er Jahren ein wichtiges politisches Ziel.

Einige der Gedichte sind sichtlich aus alltäglichen und historischen Begebenheiten entstanden: „Kein ausführlicher Bericht!“ (S. 67) spricht vom Schock über den Unfalltod eines Kindes; „Hommage á Schwarzenbach“ (S. 50), „Die große Anfrage zur Lage der Ausländer in der BRD“ (S. 62) und „Friedliche Landnahme“ (S. 73) beziehen sich auf politische, gesellschaftliche Ereignisse; und die Gedichte „Treue“ (S. 27), „Arbeitslos“ (S. 41–44) und „Süd-Italien 26. November 1980“ (S. 61) thematisieren die Situation der Eingewanderten in Deutschland.

Die letzte Zeile des Gedichts „Kein ausführlicher Bericht!“ ist überraschend (S. 67), weil es behauptet, das Kind werde in einem „fremden Friedhof“ liegen, bis die Eltern das Geld für die Rückreise der Familie gespart haben. Kinder sind in der interkulturellen Literatur Symbole für Investition in die eigene Zukunft. Dass der Friedhof „verfremdet“ wird, liegt an dem Paradox, dass das Kind mit dem „Leben verabredet“ war. Eine Investition in den Tod ist ein unlösbares Paradoxon, das nur durch den Abbruch des elterlichen Lebensprojektes und den Rückzug ins erste Land gemildert werden kann.