mini|Bibergeil mini|Getrocknete Kastorsäcke; Deutsches Apothekenmuseum, Heidelberger Schloss mini|Beutelsystem des Bibers, dunkel die großen Castorbeutel, darunter die kleineren Ölsäcke Das BibergeilBibergeil: von Biber, und von mittelhochdeutsch geil, geile, Hoden. Vgl. Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin/New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 242.; und Joseph Hyrtl: Die alten deutschen Kunstworte der Anatomie. Braumüller, Wien 1884; Neudruck Fritsch, München 1966, S. 58 f.; sowie Nabil Osman (Hrsg.): Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft. C. H. Beck, München 1971 und (7., unveränderte Auflage) 1993, S. 99 f. (Geburtsgeile, Geile: Hoden bzw. Eierstöcke) oder CastoreumCastoreum: über lateinisch castoreus (‚vom Biber stammend, Biber-‘) und wie griechisch kastórion von griechisch-lateinisch castor, ‚Biber‘, zu gleichbedeutend griechisch κάστωρ/kástōr; die weitere Etymologie des auch bei Frauenleiden früher eingesetzten Arzneimittels ist umstritten. Kretschmer folgend wird das Wort auf den Eigennamen Kastor (gedeutet als ‚der Ausgezeichnete‘, von κέκασμαι/kékasmai, ‚sich auszeichnen‘) zurückgeführt, vgl. Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch. 3 Bände, Heidelberg 1960–1972; Neudruck ebenda 1973 (= Indogermanische Bibliothek. Reihe II), Band 1, S. 799 und 811. Beekes und van Beek lehnen die Gleichsetzung von κάστωρ ‚Biber‘ mit dem Namen Κάστωρ (für den Frauen rettenden Gott) ab und sehen in ersterem stattdessen ein nicht weiter spezifiziertes Lehnwort oder ein indogermanisches Erbwort, vgl. Robert Beekes und Lucien van Beek: Etymological Dictionary of Greek, in: Leiden Indo-European Etymological Dictionary Series, Band 10/1, Leiden und Boston 2010, S. 655 f. ist eine stark riechende, harzartige Substanz, die sich in den paarig zusammenhängenden und keulenförmigen Castorbeuteln unter dem Schambein von Bibern (Castor) ansammelt und vor allem der chemischen Reviermarkierung dient. Es besteht überwiegend aus im Körper der Biber gebildeten Stoffwechselprodukten, darunter sekundären Metaboliten des Urins, und wird bei der Duftmarkierung mit Urin aus den Castorbeuteln ausgespült. Bibergeil kann zu einer gleichnamigen pulverförmigen Drogenmasse verarbeitet werden.Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 117.
Bildung von Bibergeil und Bibergeilfett Die als Bibergeil bezeichnete Stoffmischung sammelt sich in den paarig zusammenhängenden Castorbeuteln unter dem Schambein von Bibern (Castor) und besteht überwiegend aus Stoffwechselprodukten, darunter sekundären Metaboliten des Urins. Es wird bei der Duftmarkierung mit Urin aus den Castorbeuteln ausgespült.B. V. Burger: Mammalian semiochemicals. In: Topics in Current Chemistry. Band 240, 2004, S. 231–278. doi:10.1007/b98318, online (PDF; 582 kB), auf indiana.edu, abgerufen am 11. Februar 2017.
Die Castorbeutel sind keine Drüsen, sondern mit nichtsekretorischem Epithel ausgekleidete Taschen, sodass sie keine Sekrete bilden können.W. Blaschek, R. Hänsel, K. Keller u. a.: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. 5. Auflage. Folgeband 2: Drogen A–K, Springer, 1998, ISBN 3-540-61618-7, S. 300.Duden: Die Rechtschreibung. 17. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1973, ISBN 3-411-00911-X, S. 174: Drüsenabsonderung des Bibers. Die Castorbeutel sind auch unter verschiedenen anderen Bezeichnungen bekannt: Geildrüsen, Geilsäcke, Kastorsäcke, Präputialsäcke, Bibergeile, oder auch Geilen.
Der Biber hat noch zwei andere, kleinere echte holokrine Drüsen (Analdrüsen oder Perianaldrüsen)F. Rosell, Lixing Sun: Use of anal gland secretion to distinguish the two beaver species Castor canadensis and C. fiber. In: Wildlife Biology. 5(2), 1999, S. 119–124, doi:10.2981/wlb.1999.015., online (PDF; 2,5 MB), bei ScholarWorks @ Central Washington University, abgerufen am 6. Juni 2018. (PDF), bei Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, abgerufen am 5. Juni 2018. (PDF; 1,6 MB) mit Bilddarstellung der Biberdrüsen, bei Université de Neuchâtel, abgerufen am 5. Juni 2018.W. L. Braekman (Hrsg.): Zestiende-Eeuwese Veterinaire Literatuur uit de Nederlanden. Brüssel 1987 (= Scripta: Mediaeval and Renaissance texts and studies. Band 20, S. 148)., aus denen das Bibergeilfett (Axungia castorei)Vergleiche auch Hermann Stannius: Lehrbuch der vergleichenden Anatomie der Wirbelthiere. Veit & Comp., Berlin 1846, S. 373 mit Anm. 18 (Ölsäcke); . erhalten wird; es ist schmierig, mit schwächerem, etwas fettigem Geruch.Herrmann Julius Meyer: Neues Konversations-Lexikon. Dritter Band, Zweite Auflage, Bibliograph. Inst., 1862, S. 402 f. Dem Analdrüsensekret wurde eine Funktion ähnlich dem Sekret der Bürzeldrüse bei Wasservögeln bei der Wasserabweisung des Fells zugeschrieben. Untersuchungen am Eurasischen Biber fanden Bestandteile des Analdrüsensekrets jedoch nur sehr selten im Fell abseits der Analregion, möglicherweise spielt stattdessen Squalen eine wesentliche Rolle für dessen wasserabweisende Eigenschaften. Diese Sekrete sind nach Geschlechtern gefärbt; gräulich, mit einer pastenartigen Konsistenz bei Weibchen und gelblich-braun und flüssig bei Männchen.Róisín Campbell-Palmer, Derek Gow, Robert Needham u. a.: The Eurasian Beaver. Pelagic Pub., 2015, ISBN 978-1-78427-034-6, S. 12 f. In den Vereinigten Staaten werden diese kleineren Beutel auch als Ölsteine bezeichnet.Gary E. Moulton, Thomas W. Dunlay: The Journals of the Lewis and Clark Expedition. Band 6. University of Nebraska Press, 1990, 2001, ISBN 0-8032-2893-7, S. 197. Die beiden verschiedenen Biberbeutel werden von verschiedenen Autoren generell auch, irreführend, als After- oder Analdrüsen oder einfach als Ölsäcke bezeichnet.
Biologische Funktion Der Biber nutzt das moschusähnliche und talgartige, aber nicht fettige, eher gummiharzige, bräunliche und stark stechend riechendeDer Sprach-Brockhaus. Eberhard Brockhaus, Wiesbaden 1949, S. 75: starkriechende Abscheidung des Bibers. Duftgemisch für seine Duftmarkierung und zum Markieren seiner Reviergrenzen.Johann Christian Traugott Schlegel, Johann Christian Wiegleb: Deutsches Apothekerbuch. Erster Theil, 4. Auflage, Ettinger, 1804, S. 395 f.
Anders als ursprünglich angenommen wird Bibelgeil und auch das Analdrüsensekret nicht zur Fellpflege und -fettung verwendet.Frank Rosell: Do Eurasian beavers smear their pelage with castoreum and anal gland secretion? Journal of Chemical Ecology 28 (8), August 2002, S. 1697-701, , PMID 12371821. Die Unterscheidung von einzelnen Indiduuen und Familienmitgliedern erfolgt vor allem durch den Geruch des Reviers und dem Analdrüsensekret.L. Sun, D. Mullter-Schwarze: Anal gland secretion codes for family membership in the beaver. Behavioral Ecology and Sociobiology 44(3), 1998, S. 199–208, .
Chemische Zusammensetzung 24 der zahlreichen im Bibergeil enthaltenen aromatischen Verbindungen konnten mittlerweile auf ihre Pheromonwirkung untersucht werden. In einer Freilandstudie wurden diese bekannte Bestandteile des Bibergeils einzeln auf ihre verhaltensauslösende Wirkung untersucht, vier davon lösten zuverlässig unmittelbare Reaktionen aus, fünf weitere führten zu schwächeren beziehungsweise verzögerten Reaktionen.D. Müller-Schwarze, P. W. Houlihan: Pheromonal activity of single castoreum constituents in beaver, Castor canadensis. In: Journal of Chemical Ecology. 17. Jahrgang, Nr. 4, April 1991, Springer, Niederlande, doi:10.1007/BF00994195. Am stärksten an dieser Wirkung beteiligt sind die folgenden vier Substanzen, jeweils zwei Phenole und Ketone: 4-Ethylphenol Brenzcatechin Acetophenon (Acetylbenzol) 3-Hydroxyacetophenon
Daneben wurden noch fünf weitere Inhaltsstoffe identifiziert, die einen geringeren Anteil an der Wirkung ausmachen: 4-Methylbrenzcatechin 4-Methoxyacetophenon 2-Hydroxy-5-methoxybenzoesäure 3-Hydroxybenzoesäure Salicylaldehyd
Nutzung Die beiden 25 bis 250 Gramm schweren,P. H. List, L. Hörhammer (Hrsg.): Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. 4. Auflage, 3. Band: Chemikalien und Drogen (Am–Ch), Springer, 1972, ISBN 978-3-642-80563-9 (Reprint), S. 764. etwa hühnereigroßen, bis ins 16. Jahrhundert oder länger für Hoden (hier lateinisch testiculi castoriOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 169.) oder auch manchmal in Neufrankreich für NierenJohann Heinrich Dierbach: Die Arzneimittel des Hippokrates oder Versuch einer systematischen Aufzählung der in allen hippokratischen Schriften vorkommenden Medikamente. Heidelberg 1824, S. 229 f. („kastorios orchis“)Gordon M. Sayre: Les Sauvages Americains. Univ. of Noth Carolina Press, 1997, ISBN 0-8078-2346-5, S. 223 f. gehaltenen Beutel (irreführend Präputialdrüsen) des Bibers, die sich bei beiden Geschlechtern zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen befinden und von einer braunschwarzen runzligen Haut umgeben sind, werden/wurden dem getöteten Tier entnommen und rauchgetrocknet. Es kann dann auch zur Verbesserung der Qualität länger gelagert werden.Barbara Herman: Scent and Subversion. Lyons Press, 2013, ISBN 978-0-7627-8438-7, S. 253. Der Geruch ähnelt dem des Baldrians, ist lederartig-animalisch, der Geschmack kann als bitter, scharf und aromatisch beschrieben werden.
Die Bezeichnung „Castoreum“ wurde früher auch für die Biberhoden oder manchmal, aufgrund des starken Aromas der Knollen, für die Biberwurz, wohl die Gewöhnliche Osterluzei (Aristolochia clematitis) und (Aristolochia baetica), verwendet.J. und W. Grimm: Deutsches Wörterbuch. Erster Band: A–Biermolke, Hirzel 1854, S. 1807 f.Johannes von Cuba, Eucharius Rößlin, Hieronymus Brunschwig: Kreuterbuch. Egenolph, 1542, S. XC, .Wolfgang Schneider: Lexikon zur Arzneimittelgeschichte. 5. Band, Govi, 1974, S. 125, online auf publikationsserver.tu-braunschweig.de, abgerufen am 3. Juni 2018.Medizinhistorisches Journal. Band 41, H. 2, Franz Steiner Verlag, 2006, S. 143 f.
Das Castoreum (gelegentlich auch CastoriumVgl. etwa Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 169 („Castorium – bebergeyln, ... testiculi castori – Castoreum“).Vgl. auch Ute Obhof: Rezeptionszeugnisse des „Gart der Gesundheit“ von Johann Wonnecke in der Martinus-Bibliothek in Mainz – ein wegweisender Druck von Peter Schöffer. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 25–38, hier: S. 35 („Castorium – bebergeyln“). und Kastorium geschrieben) hat nichts, wie man annehmen könnte, zu tun mit Castorbohnen oder Castoröl, dies sind aus dem Englischen übernommene Bezeichnungen für Rizinusöl (englisch Castor oil) oder die Samen des Wunderbaums (englisch Castor beans).Ausführliche Erläuterungen dazu sie im Artikel Rizinusöl.
Medizin