mini|Güterwagen im Güterbahnhof Dresden-Friedrichstadt

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Güterwagen der Deutschen Reichsbahn von 1945 bis zu ihrem Aufgehen in der Deutschen Bahn AG Ende 1993.

Allgemeiner Teil Bauarten Umgebaute Güterwagen

Die meisten Güterwagen der Deutschen Reichsbahn, die nach 1945 übernommen wurden, wurden mit dem Ziel der Erhöhung der Nutzungsdauer über die üblichen 30 Jahre hinaus und der Senkung des Instandhaltungsaufwandes im Laufe der Jahre mehr oder weniger aufwändig umgebaut. Dabei blieben die Hauptmaße im Wesentlichen unverändert. Retrospektiv kann man mehrere Stufen unterscheiden:

die Ausbesserungsarbeiten, in deren Rahmen gelegentlich auch Umbauten erfolgten, die Teilmodernisierungen als größere Umbaumaßnahmen (Teil-Mod-Wagen), die Rekonstruktionen als aufwändigste Form, die nahezu einem Neubau gleichkamen (Reko-Wagen), zur Abgrenzung von Reko-Reisezugwagen der DR auch Reko-Güterwagen, sowie die Umbauten mit Entstehung einer anderen Wagenart.

Die Betrachtung wird dadurch erschwert, dass keine flächendeckende Dokumentation erfolgte und dass der Übergang zwischen den Stufen gelegentlich fließend war. Zudem war man oft sehr kreativ, so dass sich die Wagen teilweise deutlich voneinander unterschieden. Über die Stückzahlen liegen gleichfalls keine verlässlichen Angaben vor, anhand der Nummernbereiche (5. bis 8. Stelle der UIC-Wagennummer) kann jedoch die höchstens vorhandene Zahl abgeschätzt werden.

Neu gebaute Güterwagen

Als Neubau wurden alle Güterwagen bezeichnet, die aus Einzelteilen gebaut wurden, also auch Neuaufbauten aus Altteilen. Soweit möglich wurden dabei die Normen des Internationalen Eisenbahnverbands (UIC) berücksichtigt. Echte UIC-Standardgüterwagen, d. h. vollständig nach einer UIC-Zeichnungsdokumentation gefertigte Wagen, wurden nicht beschafft.

Da die Waggonfabriken der DDR vorrangig für den Export produzieren mussten, wurden ab 1960 viele Güterwagen in den Reichsbahnausbesserungswerken (Raw) hergestellt. Aufgrund der Stückzahl herausragend waren dabei die Raw Dresden mit einer Jahreskapazität von 2100 zweiachsigen offenen Güterwagen und Leipzig mit einer Jahreskapazität von 800 zweiachsigen gedeckten und zweiachsigen Kesselwagen (Stand 1974).

mini|Vorstellung mehrerer Güterwagen aus französischer Produktion auf der Leipziger Messe 1972

Importiert wurden Güterwagen vorzugsweise aus dem RGW-Wirtschaftsraum. Etwa 20 000 Güterwagen konnten in den 1970er Jahren im Rahmen eines Kompensationsgeschäfts aus Frankreich gekauft werden. Die Importe fabrikneuer Wagen aus dem übrigen westlichen Ausland nahmen sich vergleichsweise gering aus.

Angekaufte gebrauchte Güterwagen

In den 1980er Jahren kaufte die Deutsche Reichsbahn viele gebrauchte überwiegend UIC-standardisierte Güterwagen vor allem aus der BRD, Dänemark, den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Diese hatten beim Kauf ihre Grenznutzungsdauer noch nicht erreicht und konnten in der Regel noch etliche Jahre ohne Anpassungsarbeiten genutzt werden. Diese Wagen sind nicht Bestandteil dieses Artikels.

Bezeichnungen

Die Güterwagen wurden im Laufe des Betrachtungszeitraums mehrfach umgezeichnet. Die deutschen Gattungszeichen wurden ab 1968 durch das international einheitliche UIC-Bauart-Bezeichnungssystem für Güterwagen abgelöst. Die Umzeichnung zog sich in praxi über einige Jahre hin, wobei verschiedene Formen von Doppelbeschriftungen existierten. In diesem Artikel wird in der Regel die erste gültige UIC-Bezeichnung genannt, Ausnahmen sind gekennzeichnet.

Im Jahr 1951 wurden für alle DR-Güterwagen sechsstellige Wagennummern verbindlich, deren erste beiden Ziffern als Gattungsnummer die Bauart der Wagens erkennen ließen. Auch nach der 1968 erfolgten Umstellung auf die zwölfstelligen UIC-Wagennummern konnte auf die Gattungsnummer nicht verzichtet werden, da sich an ihr das gesamte Zuordnungs- und Beheimatungssystem der DR-Güterwagen orientierte. Sie wurde deshalb fortan als Leitzahl bezeichnet und stirnseitig an die Wagen angeschrieben. Die ursprünglich zweistellige Leitzahl wurde dabei zur Feinunterteilung gegebenenfalls durch weitere Ziffern hinter einem Punkt ergänzt.

Schon ab 1976 wurde laut Fotobelegen die neue vierstellige Gattungsschlüsselnummer (GSNR), deren erste drei Ziffern in der Regel mit der fünften bis siebenten Ziffer der UIC-Wagennummer übereinstimmten, im Anschriftenfeld an der Längsseite der Wagen angeschrieben. Offiziell eingeführt wurde die GSNR laut Literatur im Jahr 1978, anschließend konnte die Leitzahl entfallen. Die GSNR wurden für einige Wagentypen sogar mehrfach geändert, zudem existiert keine vollständige Übersicht. Leitzahl und GSNR werden in diesem Artikel nur dort angegeben, wo dies sinnvoll erscheint.

Die einzige konstante Bezeichnung ist die vierstellige Dokumentationsnummer (Dok.-Nr.) oder Wagengattungsnummer, unter der alle Wagen im Teilheft 4 der Dienstvorschrift (DV) 939 der Deutschen Reichsbahn zu finden waren. Die Dok.-Nr. wurde jedoch nie an die Wagen angeschrieben und darf keinesfalls mit der ebenfalls vierstelligen GSNR verwechselt werden. mini|G-Wagen der Verbandsbauart mit Aussteifungen in den äußeren Seitenfeldern und Rollenlagern mini|Auch die Gl-Wagen der Verbandsbauart erhielten vielfältige Umbauten – hier als Bahndienstwagen mit Doppelschaken-Laufwerk und Rollenlagerradsätzen bei originalen Achshalterblechen, KE-GP-Bremse sowie mit Fenstern an Stelle der Lade- und Lüftungsklappen.

Gedeckte Güterwagen

Einfache Umbauten der Flachdachwagen

In großem Umfang wurden Wagen der Gattungsbezirke Stettin und Magdeburg (Länderbauart nach preußischem Musterblatt II²d8), sowie Kassel und München (Verbandsbauart A2) herangezogen. Der Wagenkasten blieb erhalten, für die Aufnahme des Tonnendachs wurden lediglich die stirnseitigen senkrechten Kastenstützen nach oben verlängert. Die Wagen behielten ihr ursprüngliches Ladegewicht und erhielten keine eigenen Nummernbereiche. Es existierten mindestens fünf Bauformen:

Generalreparierte Flachdachwagen – d. h. Wiederaufbauten in Ursprungsform, Flachdachwagen mit Aussteifungen in den äußeren Seitenfeldern, Flachdachwagen mit Doppelschaken-Fahrwerk (wenige Exemplare), Wagen mit Tonnendach und Wagenkastenverstärkungen in den äußeren Seitenfeldern, Wagen mit Tonnendach, im oberen Drittel teilverblechten Wänden sowie UIC-Lade- und Lüftungsschiebern.

Gedeckte Teil-Mod-Wagen

Ausgewählte gedeckte Güterwagen wurden der aufwändigen Teil-Modernisierung unterzogen. Sie erhielten einen komplett neuen Wagenkasten mit Teilverblechung im oberen Drittel sowie UIC-Rollenlager. Bei der Umzeichnung im Jahr 1968 wurden zunächst falsche UIC-Gattungszeichen mit fehlendem „m“ vergeben, verbunden mit einer Einordnung in falsche Nummernbereiche. Dies wurde um 1970 korrigiert. In diesem Kapitel sind stets die korrekten UIC-Gattungsbezeichnungen mit „m“ für eine Ladelänge unter 9 m angegeben.

Maximal 3000 Wagen des ehemaligen Gattungsbezirks Bremen gelangten zur DR. Aufgrund der einfachen Kriegsbauart waren sie zeitig verschlissen, weswegen man schon 1963 nach 20 Betriebsjahren mit ihrer Teilmodernisierung begann. Defekte Hildebrand-Knorr-Bremsanlagen und Dampfheizleitungen wurden dabei teilweise abgebaut. Nur die gebremsten Teil-Mod-Wagen wurden anschließend für 100 km/h zugelassen, die Leitungswagen weiterhin nur für 80 km/h. Alle „Bremen“ einschließlich der Teil-Mod-Wagen gehörten zur Dok.-Nr. 0630. Die angeschriebenen Bezeichnungen der Wagen vermischen teilweise ebenfalls Altbaufahrzeuge und Teil-Mod-Wagen, darüber hinaus wechselten sie mehrmals. Im Folgenden werden Nummernbereiche und Gattungsbezeichnungen wiedergegeben, aus denen sich die Anzahl und die Ausstattung der vorhandenen Wagen abschätzen lässt. 1966 (Güterwagen-Handbuch) hatten die Teil-Mod-Wagen noch keine eigenen Nummernbereiche:

101 1000 – 101 2999 für deutsche Wagengattung Gm(s), umfasst ≤2000 Wagen ohne Dampfheizleitung, 102 5000 – 102 5999 für deutsche Wagengattung Gmh(s), umfasst ≤1000 Wagen mit Dampfheizleitung.

Ab 1967 (DV 939) werden die Wagen nach Höchstgeschwindigkeit unterscheiden:

101 1000 ff.: deutsche Wagengattung Gm = Wagen für 80 km/h, also nichtmodernisierte oder Leitungswagen (über Dampfheizleitung hier keine Angabe), 133 0000 ff.: deutsche Wagengattung Gms = Wagen für 100 km/h ohne Dampfheizleitung, 134 6000 ff.: deutsche Wagengattung Gmhs = Wagen für 100 km/h mit Dampfheizleitung.

Spätestens 1974 (Güterwagen-Handbuch) erhielten alle Wagen korrekte UIC-Bezeichnungen und neue Wagennummern:

102 3000 – 102 3999: Glm, also ≤1000 nichtmodernisierte oder Leitungswagen ohne Dampfheizleitung, 135 0000 – 135 0999: Glms, also ≤1000 Wagen für 100 km/h ohne Dampfheizleitung, 136 4000 – 136 4999: Glmrs, also ≤1000 Wagen für 100 km/h mit Dampfheizleitung.

Anmerkungen: Laut DV 939 sollen 1967 70 % der Wagen unter der Dok.-Nr. 0630 eine Dampfheizleitung besessen haben. Diese Angabe wurde anschließend in andere Literatur übernommen, scheint aber zweifelhaft, denn zu jeder Zeit waren die Nummernbereiche für Wagen ohne Dampfheizleitung doppelt so groß. Der ab spätestens 1974 fehlende Nummernbereich schließt die Weiterexistenz von Wagen mit Dampfheizleitung und 80 km/h Höchstgeschwindigkeit aus.

Von den Flachdachwagen fanden für die Teilmodernisierung im Raw Magdeburg nur Wagen der Verbandsbauart A2 Verwendung. Ihr neuer, im oberen Drittel teilverblechter Wagenkasten hatte nur noch zwei Teilfelder auf jeder Seite der Tür. Die Lademasse konnte auf 21 t erhöht werden. Die Wagen wurden bis 1990 eingesetzt. Es existierten zwei Bauformen:

Bei einer Serie wurde der Achsstand von 4500 auf 5700 mm erweitert. Dies ermöglichte den Einbau der KE-G-Bremse (Knorr-Bremse der Einheitsbauart), erforderte jedoch die Nachrüstung eines Sprengwerks. Die Annahme, dass es sich hierbei ausschließlich um ehemals ungebremste Wagen handelt, kann nicht belegt werden. Ab 1966 wurden außerdem UIC-Lade- und Lüftungsschieber eingebaut. Eine zweite Serie erhielt ein Doppelschakenlaufwerk unter Beibehaltung des 4500-mm-Achsstandes und der Kunze-Knorr-Bremse.

UrsprungswagenUmbauTeil-Mod-Wagenehem. GattungsbezirkDt. GattungJahrAnzahl(1)Dok.-Nr.LeitzahlUIC-GattungLüP ohne HandbremseLüP mit HandbremseAchsstandKassel, München(Verbandsbauart A2)G 1964/66 1050 4002 04.3, 05.3 Glm   9300 mm(3) − 5700 mm1967(2) 2700 4003   9300 mm(3)   9600 mm(3) 4500 mm (1) Maximale Anzahl nach der Größe des Nummernbereiches. (2) Das in der DV 939 angegebene erste Baujahr 1957 ist wahrscheinlich ein Druckfehler. Es existiert kein Foto mit alter Wagennummer. UIC-Lade- und Lüftungsschieber und UIC-genormte Doppelschaken waren zu jener Zeit noch nicht verfügbar. Im Güterwagen-Handbuch von 1966 ist dieser Wagentyp nicht enthalten. (3) Bei einigen Wagen verkürzte sich die LüP durch den Einbau von UIC-Puffern um 60 mm. Eine Umbeschriftung unterblieb in der Regel.

Zweiachsige gedeckte Neubauwagen mini|Mannschaftstransportwagen Hbs, GSNR 2301 – entspricht weitgehend dem Gbs-Wagen der Dok.-Nr. 4025

Die Wagen nach Dok.-Nr. 0637 entstanden 1950/51 im Waggonbau Bautzen und entsprachen in den Abmessungen und Technik weitgehend dem Vorkriegswagen Gs Oppeln. Sie waren für Mannschaftstransporte ausgerüstet. Die deutsche Gattungsbezeichnung lautete M(w)s, die Leitzahl 06. Später wurden sie unter der Gattungsbezeichnung Hks-t als Sonderbauart eingestuft.

Eine Neuentwicklung stellten die 1958 gebauten Wagen nach Dok.-Nr. 0638 mit 25,2 m² Ladefläche dar. Viele Teile entsprachen bereits UIC-Standards. Sie waren jedoch nur für 80 km/h zugelassen und hatten nur vier Lüftungsschieber, weswegen sie die UIC-Gattungsbezeichnung Gl bekamen. Der Nummernbereich lässt auf höchstens 300 Exemplare schließen.

Am Gs-Wagen des UIC orientierten sich die 1966 aus Jugoslawien beschafften Wagen der Dok.-Nr. 4001 mit 25,0 m² Ladefläche. Ob der 1000 Stück umfassende Nummernbereich 1200xxx ausgenutzt wurde, ist unklar.