mini|Jakob Joseph Frank

Jakob Joseph Frank, Herb Dobrucki (, , geboren 1726Peter Beer nennt in seinem Buch Geschichte, Lehren und Meinungen aller bestandenen und noch bestehenden religiösen Sekten der Juden und der Geheimlehre oder Kabbalah. Brünn 1822/23, Bd.II, S. 309 als Geburtsjahr 1712 in KorolówkaIn seiner Chronik des Lebens nennt er Buczacz als Geburtsort, wahrscheinlicher ist allerdings Franks Aussage bei der röm.-kath. Inquisition: Korolówka, Podolien, Polen-Litauen; gestorben am 10. Dezember 1791 in Offenbach am Main), auch der wahre Jakob, war ein aschkenasischer Jude, der sich als Sabbatianer, Rabbiner, Kabbalist, Prophet, Astrologe und Alchemist auch als Reinkarnation des biblischen Jakobs und des vermeintlichen Messias Schabbtai Zvi verstand und Zvis Bewegung, den Sabbatianismus, ab 1755 zum Frankismus weiterentwickelte. Diese nach ihm benannte messianische Bewegung entfaltete noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts in ganz Europa politische Wirkung.

Jakob Frank ist eine der einflussreichsten Figuren in der Geschichte des Judentums, die sich vollständig vom Land Israel lossagte.Klaus S. Davidowicz: Zwischen Prophetie und Häresie. Jakob Franks Leben und Lehren. S. 7, 155 Als einer der ersten europäischen Juden war er fest entschlossen, sein Volk in Osteuropa für die Moderne zu öffnen, nachdem es seit dem Ende des Mittelalters (also seit mehr als 250 Jahren) in mittelalterlichen Lebensverhältnissen harrte und sich der modernen Welt draußen verschloss. Anders als in Westeuropa, wo zur selben Zeit unter Moses Mendelssohn eine Öffnung zur modernen Welt durch die Aufklärung einsetzte, bediente sich Frank des jüdischen Messianismus, um die meist einfachen, bildungsarmen und leichtgläubigen Menschen des ostjüdischen Schtetl hinter sich zu scharen: Vom vermeintlich wiedergeborenen Messias ließen sie sich davon überzeugen, dass der Talmud sinnlos und die mit ihm verbundene Treue zur Torah („Gotteslehre“) Hauptursache ihrer rückständigen Lebensbedingungen sei. Nach zwei öffentlichen Disputationen sowie der endgültigen Verbannung Franks und seiner Anhänger aus der jüdischen Gemeinschaft verfolgte Frank das Ziel des Aufbaus eines eigenen, frankistischen Hofstaates in Europa, was ihm nach seiner Konversion zum Katholizismus und seiner Erhebung in den polnischen Kleinadelsstand gegen Ende des Lebens als Baron von Offenbach auf kleinem protestantischem Territorium auch gelang. Doch große Macht und Privilegien blieben auch in Offenbach aus.

Leben Kindheit und Jugend mit ersten Gesetzesübertretungen Zur Herkunft und Familie Jakob Franks kann kein einheitliches Bild wiedergeben werden.

Franks Mutter Rachel Hirschl aus Rzeszów brachte ihren Sohn 1726 als Ja’akow Josef ben Jehuda Lejb im Zeitalter der populären Mystik zur Welt. Seine Großmutter mütterlicherseits war eine Astrologin. Sie soll am achten Lebenstag Franks, dem Tag seiner Beschneidung, zu seinen Eltern gesagt haben: „Hütet ihn und zieht ihn anständig auf, weil durch ihn eine neue Sache auf die Welt kommen wird“Davidowicz, Zwischen Prophetie und Häresie, S. 19., so eine Geburtslegende. Da er unter lebensbedrohlichen Umständen geboren und gerettet wurde, heben alle Geburtslegenden Franks Auserwähltheit hervor.

Franks Vater, Rabbi Jehuda Lejb, versorgte eine Zeit lang das Landgut eines polnischen Kleinadligen. Viele aschkenasische Juden arbeiteten für den polnischen Kleinadel als Geschäftsleute, Wirte und Steuereinzieher. 70 Prozent der polnisch-litauischen Aschkenasim lebten in Städten gleichrangig neben Nichtjuden. Adelige Grundbesitzer förderten diese Händler, weil sie hohe Preise auf landwirtschaftliche Produkte zahlten, gute Auslandsverbindungen besaßen und sich politisch loyal verhielten. Das hatte einen Aufschwung polnisch-litauischer Ortschaften und deren Judengemeinden bewirkt. Daraus war das Schtetl entstanden, in dem die Aschkenasim die Bevölkerungsmehrheit stellten, vorwiegend das Ortszentrum bewohnten und eine eigene soziale Organisation prägten. Sie bildeten einflussreiche, aber als Konkurrenz abgelehnte Minderheiten in den von Katholiken dominierten Städten Polen-Litauens. Im 18. Jahrhundert dominierten sie den Handel und das Handwerk im feudalistischen Ständestaat Polen-Litauen.Haim Hillel Ben-Sasson, Michael Brenner, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat: Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55918-1, S. 903. Ein nicht zu unterschätzender Faktor für die zunehmende Entfachung der Hoffnungen auf den kommenden Messias waren deshalb die grausamen Pogrome gegen die Juden in Osteuropa. Da gab es 1648 unter Bohdan Chmielnicki den großen Kosakenaufstand, jenem Jahr, das nach einer Stelle des Zohar das Erlösungsjahr sein sollte.Zohar I, 139b (Midrasch haNeelam) Durch diesen Aufstand, der sich gegen Polen und Juden richtete, wurden ca. 300 jüdische Gemeinden vernichtet und ca. 100.000 Juden auf grausame Weise ermordet.„Den einen zog man die Haut ab, um das Fleisch den Hunden vorzuwerfen, andere wieder wurden bei lebendigem Leibe begraben; schwangeren Frauen schlitzte man den Bauch auf, Säuglinge wurden auf Lanzen gespießt und den Müttern gereicht.“ Nathan Hanover, Yeven, S. 45. Infolge des sogenannten „Krieges der blutigen Sintflut“ blieben von etwa 450.000 Juden in Polen-Litauen 180.000 übrig.H. Roos, Polen von 1668–1795, in: Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 4, Stuttgart 1968, S. 696–698. Alle jüdischen Gemeinden jener Zeit, ganz gleich, ob sie blühten oder dahinvegetierten, hatten neben dem gemeinsamen Erbe der lurianischen Kabbala und der Hoffnung auf einen Messias eines gemeinsam: die Unsicherheit und die Angst vor Verfolgungen. So auch die Familie Franks.

Dank der talmudischen Gelehrsamkeit des Vaters erfuhr Frank eine strenge Erziehung zum orthodoxen Juden. Im ostjüdischen Schtetl jener Zeit beschränkte sich diese Gelehrsamkeit jedoch immer mehr auf den aristokratischen Kreis von Rabbinern und wohlhabenden Gemeindemitgliedern. Die breite Bevölkerung dagegen ließ sich inzwischen lieber von charismatischen Mystikern ausbilden, die ihre oft populären Lehren als Wanderprediger verbreiteten. Sie versuchten mit der praktischen Kabbala (Amulette, die Kombinationen von Gottesnamen enthalten, Sprüche, Geisteraustreibungen etc.) Menschen zu heilen und schützen. Allerdings war Podolien ein Landstrich, bei dem im Volksglauben der Juden, Polen und Ruthenen der Glaube an Dämonen und andere übernatürliche Erscheinungen sehr verbreitet und gleichsam das Erbe von Juden und Christen war. So gab sich die breite, bildungsferne Bevölkerung Podoliens zunehmend einem Aberglauben hin, der von folkloristischen Überlieferungen geprägt war. Zahlreiche moralistische Bücher mit populärem Mystizismus, wie zum Beispiel Kav haJaschar („Die gerade Linie“), wurden zu dieser Zeit ins Jiddische übersetzt. Auf der Grundlage des wachsenden Aberglaubens und der hohen messianischen Erwartungen hatte sich in Podolien die Bewegung des osteuropäischen Chassidismus entwickelt. Die Figur des Zaddik war entstanden, eines Rechtschaffenen, der aufgrund seiner Lebensführung als Vorbild für alle Juden dient und einen eigenen chassidischen Hofstaat errichten darf, in dem er als Herrscher das Leben seiner Anhänger bestimmt. Die intime Beziehung zwischen Zaddik und den Volksmassen wurde zur Grundlage des chassidischen Lebens in Osteuropa. Der Zusammenbruch der traditionellen Gesellschaftsstruktur der Juden in Polen-Litauen führte zusammen mit dem Prozess der Expansion der lurianischen Kabbala und der Mission der „gemäßigten Sabbatianer“ im Untergrund,Die Anhänger der messianischen Bewegung Schabbtai Zvis besaßen nach dessen Apostasie zwei Möglichkeiten: Entweder konnten sie die Konversion zum Islam als ein Mysterium sehen und weiterhin äußerlich das Leben orthodoxer Juden führen, aber dennoch im Herzen Sabbatianer bleiben. Diese „gemäßigten Sabbatianer“ nannte man später „Schoepsen“. Oder sie wurden „radikale Sabbatianer“ und folgten Schabbtai Zvi nach, indem sie Moslems wurden. zu einer tiefen Krise der jüdischen Tradition im 18. Jahrhundert. Der Niedergang der rabbinischen Autorität, der Verlust der persönlichen Sicherheit und die zunehmende Verarmung verstärkten die messianische Hoffnung und den Wunsch nach religiöser und sozialer Erneuerung.

Die Kindheit Franks war von diesem Wunsch nach religiöser und sozialer Erneuerung stark geprägt und ebenso stark von der Tatsache, dass sein Vater aus dem ostjüdischen Schtetl oft verstoßen und mit der Familie zur Flucht veranlasst wurde, weil er unter Verdacht stand, im Geheimen Kontakte zu den Sabbatianern zu pflegen, sogar als sabbatianischer Lehrer tätig zu sein. Die Familie emigrierte ins Fürstentum Moldau, wo Jakob Frank in Czernowitz den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Später musste die Familie von Czernowitz vor den Kosaken nach Snjatyn, Faraon und Romani fliehen und schließlich ins Fürstentum Walachei nach Bukarest übersiedeln. Wenn man den Erzählungen Franks glaubt, lebte er in Bukarest das Leben eines verwahrlosten Jugendlichen.

Die jüdische Tradition mit ihrer Welt der Gebote und Verbote hinterfragte Frank nicht. Stattdessen rebellierte er gegen die traditionellen, rabbinischen Verhaltensweisen des Vaters. Aus einer kindlichen Auflehnung gegen die autoritären Erziehungsgewohnheiten wurde zugleich ein wild-anarchistisches Übertreten der jüdischen Speisegesetze. Er machte sich auch über den Glauben an alle Arten von übersinnlichen Phänomenen lustig, negierte zugleich aber keinesfalls die Existenz von Dämonen und Geistern. Gerne stellte er sich dabei als Prostak zur Schau, das heißt als einfacher, bildungsarmer, doch vor Kraft strotzender Mensch, der im Gegensatz zum kopflastigen Gelehrten lieber handelt, anstatt zu diskutieren.

Die Eltern ermöglichten ihm in Bukarest eine angesehene Lehre zum Kaufmann, die er „wegen zu schwerer Arbeit beim Wiegen“ abbrach. Stattdessen fiel er mit Diebstählen und Raubüberfällen als Anführer einer Jugendbande auf. Schließlich kam Frank in Bukarest durch einen gewissen Rabbi Leib, der vermutlich ein Kaufmann und Krypto-Sabbatianer war und nach außen zum Schein das Leben eines orthodoxen Juden führte, mit den Lehren der Sabbatianer in Berührung. Er riet Frank, mit ihm ins Osmanische Reich nach Smyrna zu gehen und dort den sabbatianischen Rabbi Issachar aus Podhajce aufzusuchen.

Von 1750 bis 1752 studierte Frank in Smyrna den Sabbatianismus bei Rabbi Issachar. Während dieser Zeit erhielt er, wie auch die anderen fremden Kaufleute aus dem Abendland, den Beinamen „Frank“.Vgl. dazu und zum Folgenden Encyclopaedia Judaica. Das Judentum und Geschichte und Gegenwart, Bd. 6, Berlin/Leipzig, 1930, Sp. 1030–1080; vgl. Jüdisches Lexikon, Bd. 2, Berlin 1928, Sp. 712–714; vgl. theologische Realencyclopaedie, Bd. 11, Berlin/New York, 1983, S. 324–330. Über seine sabbatianischen Kontakte lernte er bald Chana, die Tochter des Händlers Jehuda Lev Tuvia, kennen und heiratete sie auf deren Anraten 1752 im osmanischen Nikopol (heute Bulgarien).

mini|hochkant=0.8|Eva Frank (1774), Tochter