Mitch Murray (bürgerlicher Name: Lionel Michael Stitcher; * 30. Januar 1940 in Hove, Sussex) war ein britischer Songwriter. Er bildete zusammen mit seinem Partner Peter Robin Callander (* 10. Oktober 1939 in Hampshire), ebenfalls ein britischer Songwriter, eines der erfolgreichsten britischen Autorenteams der Popmusik in den 1960er und 1970er Jahren.

Leben Mirch Murrays einzige Beziehung zur Musik war in seiner frühen Jugend die beeindruckende Schallplattensammlung seines Vaters. Der ehemalige Verkäufer von Handtaschen begann zu komponieren, indem er ohne Notenkenntnisse seine Ideen auf dem elterlichen Tonbandgerät festhielt. Bei Musikverlagen gab man ihm den Rat, Radio zu hören, um zu erkennen, was als kommerziell gilt. Er suchte nach einer Formel, um Songs zu komponieren, die die organische Verschmelzung von Musik und Text brachten. Aber dabei sei die Struktur richtig platzierter Worte und Takte zunächst unwichtig, das Prinzip von Versuch und Irrtum sei bei Popmusik vorrangig. Seine ziemlich unkomplizierten Songs sind eine Resonanz der Ära, in der sie zum Hit wurden. Sie folgen dem amerikanischen Konzept vorhersehbarer Harmonie-Progression und oft wiederholter Phrasen (so genannte hooks). Nicht selbst singende Autoren waren Anfang der sechziger Jahre selten.

mini|Mark Wynter - That Kinda Talk Mitch Murrays erste veröffentlichte Komposition war die B-Seite I Knew It All The Time von der Dave-Clark-Five-Single That’s What I Said, die im Juni 1962 auf den Markt kam, jedoch die Hitparade verfehlte. Sein erster kommerzieller Erfolg war That Kinda Talk, die B-Seite von Mark Wynters Go Away Little Girl (Dezember 1962). Murray war bewusst, dass er für eine B-Seite Tantiemen erhalten würde, sobald sich die A-Seite als Hit herausstelle. Da die A-Seite einen sechsten Rang der britischen Hitparade erreichte, bekam er für seine Komposition 500 Pfund.Gordon Thompson, Please Please Me, Sixties British Pop – Inside Out, 2008, S. 188 ff.

Der Musikverleger Dick James wurde durch den Produzenten der Band The Beatles, George Martin, auf den Jungkomponisten aufmerksam gemacht. Drei Kompositionen präsentierte Murray dem gerade ins Verlagsgeschäft eingestiegenen James, nämlich The Beetroot Song,der Song befasst sich mit Rote Bete und wurde im Oktober 1963 von Lance Percival und den Barron Knights übernommen Better Luck Next Time und How Do You Do It?. Hiervon hatten die Beatles am 4. September 1962, zusammen mit Love Me Do, den Titel How Do You Do It? ohne Begeisterung aufgenommen,Mark Lewisohn: The Beatles Recording Sessions. 1988, S. 18. sodass ihr Produzent Martin ihn unveröffentlicht archivieren ließ. Viele von Murrays frühen Kompositionen blieben der Öffentlichkeit verborgen, so etwa Save A Dream For Me (Text Tony Charles; Februar 1962), I Hate Getting Up in The Morning (Januar 1963), Looks Like They're in Love (Musik Les Reed; Februar 1963), You Momma's Out of Town (November 1963) oder Gonna Be A Good Boy Now (Januar 1964).

Das Schicksal von How Do You Do It?, das beinahe zur ersten Single der Beatles geworden wäre,Paul McCartney: Lyrics. 1956 bis heute. Hrsg. mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösche. C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77650-2, S. 63. nahm am 22. Januar 1963 eine unerwartete Wendung, denn an jenem Aufnahmetermin produzierte George Martin den Song diesmal mit Gerry & the Pacemakers. Nachdem der Titel am 1. März 1963 auf den Markt kam, gelangte er bis auf den ersten Rang, den er für drei Wochen innehatte. In den USA trug er mit zur British Invasion bei, denn er gelangte hier bis auf Rang neun. Dick James hatte inzwischen den jungen Murray in seinem Musikverlag Dick James Music aufgenommen. Bereits am 24. April 1963 waren Gerry & the Pacemakers erneut im Studio, um mit I Like It eine weitere Komposition von Murray einpegeln zu lassen. Genau vier Wochen später wurde der Titel veröffentlicht und brachte der Gruppe erneut einen ersten Rang ein.

Kurze Zeit danach war Mitch Murray in einem Londoner Kabarett eine gewisse Pauline Matthews aufgefallen. Er verschaffte ihr im Mai 1963 einen Plattenvertrag mit Fontana Records und überließ ihr die am 21. März 1963 registrierte Komposition Early Night, die noch im Mai unter ihrem Künstlernamen Kiki Dee erschien. Die Single blieb wie ein halbes Dutzend weiterer Singles erfolglos. Erst 1971 wurde sie als Duett-Partnerin von Elton John einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Aus der für den 8. Juli 1963 anberaumten Aufnahmesession für Freddie & the Dreamers wurde I’m Telling You Now als A-Seite ausgewählt, bei der Freddie Garrity als Murrays Autorenpartner registriert ist. Ergebnis war ein zweiter Platz der Charts. Am 26. September 1963 nahmen Freddie & the Dreamers sein You Were Made For Me auf, auch dessen B-Seite Drink This Up It’ll Make You Sleep stammte aus seiner Feder. Murray ärgerte sich allerdings darüber, dass die Gruppe seine Kompositionen ruinieren könne und bestand darauf, bei den Studioaufnahmen anwesend zu sein. Allerdings sah der Markt die Qualität von You Were Made For Me anders, denn sie kam bis auf Rang drei. Murrays Demonstrationsaufnahmen waren bis hin zum Tempo genau für die vorgesehenen Interpreten konfektioniert und sollten ohne Abweichung übernommen werden. Damit allerdings nahm er dem Produzenten den kreativen Spielraum, der ihm bei einer Aufnahme zusteht. Für den 9. Dezember 1963 war eine Aufnahmesession erneut mit Gerry & the Pacemakers anberaumt, die sich für Murrays I’m The One entschieden hatten, wiederum mit einem zweiten Platz in der Hitparade belohnt.

Unter dem 20. Januar 1964 veröffentlichte Murray das Buch How To Write A Hit Song, doch die literarische Gebrauchsanleitung für Komponisten wurde selbst kein Hit auf dem Buchmarkt. Lediglich der damals 12-jährige Sting wurde hierdurch offenbar inspiriert und bezeichnet Murray als seinen Mentor. Am 23. März 1964 standen wiederum Freddie & The Dreamers im Studio und nahmen Murrays Just For You auf, das im Juli 1964 auf den Markt kam. Murray war fokussiert auf diese beiden Gruppen, deren Erfolg fast ausschließlich von Murrays Kompositionen abhing. Mittlerweile hatte das sehr erfolgreiche weibliche Soul-Trio Supremes in Anerkennung der British Invasion im Oktober 1964 eine LP mit dem Titel A Bit of Liverpool herausgebracht, die auch Murrays How Do You Do It? enthielt. Johnny Kidd & the Pirates übernahmen als B-Seite I Hate Getting up in The Morning (aufgenommen am 10. September 1965).

Peter Callander taucht als Texter ersichtlich erstmals bei Walkin‘ Tall von Adam Faith auf, das nach Veröffentlichung am 11. Juli 1963 lediglich bis auf Platz 23 der Charts gelangte – enttäuschend für den erfolggewohnten Faith. Im Oktober 1965 verfasst Callander unter dem Pseudonym Robin Conrad zusammen mit Les Reed für die Brüder Paul und Barry Ryan deren erste Single Don’t Bring Me Your Heartaches, im April 1966 entsteht in Zusammenarbeit mit Ivor Raymonde für das Pop-Duo der Titel I Love Her.

Inzwischen hatte Shirley Bassey im März 1965 den Song Liquidator aufgenommen, der am 19. Dezember 1965 letzte Overdubbings in Hollywood erhalten hatte und als Titelsong im gleichnamigen Spionage-Film auftauchte, der in Großbritannien im Dezember 1965 in die Kinos kam (deutscher Titel: L – Der Lautlose). Lalo Schifrin hatte hierfür die gesamte Filmmusik geschrieben. Im Juni 1965 bringt Lulu die zwischen Callander (unter dem Pseudonym Robin Conrad) und David Reed entstandene Komposition Leava A Little Love bis auf die sechste Position der Hitparade. Am 26. November 1965 nimmt Tenor Kenneth McKellar den Titel A Man Without Love auf (Musik von Cyril Ornadel), der im Eurovisionswettbewerb 1966 einen neunten Rang erreicht. Danach schreibt Callander die Texte für vier Songs, deren Originale aus Italien stammten. Am 9. März 1966 wird sein Text für die italienische Komposition Ti Vedo Uscirevon Bruno Zambrini / Luis Enriquez / Francesco Migliacchi jun. unter dem englischen Titel Don’t Answer Me von Cilla Black aufgenommen, die hiermit bis auf Rang sechs der Charts vordringen kann. Tom Jones übernahm am 4. Mai 1966 Once There Was a Time.von Giovanni Mecchia / Antonio Del Monaco / Enrico Sericolli Es folgte A Fool Am I, aufgenommen am 10. August 1966 erneut mit Cilla Black, die hiermit Platz 13 erreichte.Dimmelo Parlami von Flavio Carraresi / Giovanni Alceo Guatelli / Alberto Testa Für Dusty Springfield textete Callander schließlich für deren Aufnahmesession am 14. April 1967 den Titel Give Me Time.von Amedeo Tommasi / Alberto Morina / Pietro Melfa

Das Autorenteam Murray und Callander mini|Wayne Fontana – You made me what I am today Bei allen bisherigen Titeln verfasste Mitch Murray meist sowohl die Musik als auch den Text. Murray hatte bereits sechs Kompositionen in die Hitparade gebracht, Callander konnte erst zwei Hits vorweisen, bevor sich beide als Autorenteam zusammenschlossen. Bereits Ende 1965 schreiben Callander und Murray erste gemeinsame Songs, wobei Callander zunächst wieder unter dem Pseudonym Robin Conrad auftaucht. So etwa bei You Made Me What I Am Today (B-Seite der Single It Was Easier To Hurt Her) für Wayne Fontana and the Mindbenders im November 1965 oder Down Came The Rain vom Dezember 1965, das Mitautor Murray unter dem Pseudonym „Mister Murray“ als eigene Single veröffentlicht. Ein Jahr später tauchen beide als Ko-Autoren vom humorvollen Titel I Drink to Your Memory / It Was A Good Song (Februar 1966) auf, wiederum von Mister Murray gesungen. Während der Song in Großbritannien durchfiel, brachte ihn Frank Zander in Deutschland unter dem Titel Ich trink auf Dein Wohl, Marie im Januar 1975 bis auf Rang vier.

Eine intensive und kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Murray und Callander begann erst im Jahre 1967, wobei sie eine Arbeitsteilung vereinbarten, denn Murray kümmerte sich um die Musik und Callander sollte für den Text zuständig sein. Erste gemeinsame Komposition von Murray und Callander mit ihren eigenen Namen war der Titel Tell The Boys, der in der britischen Vorausscheidung zur Eurovision am 25. Februar 1967 gegen Sandie Shaws Puppet on a String verliert und Zweiter wird. Der Song wird schließlich als B-Seite der Single Puppet on a String im März 1967 veröffentlicht und durch die A-Seite zum ersten Tophit des neuen Teams. Es folgt Even The Bad Times Are Good für die Tremeloes, für das Murray vier verschiedene Rhythmen ausprobierte und sich schließlich für den in der Popmusik seltenen Calypso entschied. Der im Juli 1967 veröffentlichte Song erreicht einen vierten Rang in den Charts. Für den 5. Oktober 1967 ist ein Studiotermin für Cliff Richard anberaumt, während dessen der Song All My Love entsteht, der wiederum auf ein italienisches Original zurückgehtSolo Tu; von Roberto Arduini / Frederico Monti. Hierzu steuert Peter Callander wiederum den englischen Text bei. Im Dezember 1967 schreiben sie für Wayne Fontana den Titel Gina, der jedoch nicht in die Charts kommt.

mini|Georgie Fame – The Ballad of Bonnie And Clyde Der größte Hit des Autorenteams ist The Ballad Of Bonnie And Clyde mit Georgie Fame, das die gesamte Geschichte des legendären amerikanischen Gangsterpaares erzählt und mit authentischen Schusswechseln garniert ist. Fame übernahm die Komposition, nachdem er den am 13. August 1967 in die Kinos gekommenen Gangster-Film Bonnie And Clyde gesehen hatte. Der am 1. Dezember 1967 veröffentlichte Storysong über den wirklichkeitsnahen Filminhalt war die erste Topplatzierung des Teams, die in den USA bis auf Rang sieben vordrang und weltweit fünf Millionen Exemplare umsetzteJoseph Murrells, Million Selling Records, 1985, S. 240. Ein weiteres Mal übernahmen die Tremeloes mit Suddenly You Love Me ein italienisches Lied, zu dem wiederum Callander den Text verfasst hatteZai, Zai, Zai; von Daniele Pace / Mario Panzeri / Laurenzo Pilat.