Die Sinfonie C-Dur Köchelverzeichnis 551 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart im Sommer 1788 in Wien. Nach der Alten Mozart-Ausgabe trägt die Sinfonie die Nummer 41. Es ist Mozarts letzte Sinfonie. Ihr Beiname Jupiter-Sinfonie (später auch Jupitersinfonie) tauchte erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts auf. miniatur|Mozart im Jahr 1789, Silberstiftzeichnung von Dora Stock
Allgemeines
Bezüglich der Entstehungsgeschichte der im Zusammenhang zu betrachtenden Sinfonien Köchelverzeichnis (KV) 543 (Es-Dur), 550 (g-Moll) und 551 siehe bei KV 543.
Am 10. August 1788 trug Mozart die Fertigstellung der Sinfonie KV 551 (als Nummer 92) in sein eigenes Werkverzeichnis mit folgenden Worten ein: „Eine Sinfonie. – 2 violini, 1 flauto, 2 oboe, 2 fagotti, 2 Corni, 2 clarini, Timpany, viole e Baßi.“Volker Scherliess: Die Sinfonien. In: Silke Leopold (Hrsg.): Mozart-Handbuch. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005, ISBN 3-7618-2021-6, S. 250 ff. Nach Mozarts Tod wurde das Werk – insbesondere das Finale – als eines der gelungensten Stücke der Sinfonik angesehen und erhielt teilweise den Titel „Sinfonie mit der Schlussfuge“. In der Allgemeinen musikalischen Zeitung von 1808 heißt es, dass das Werk in Leipzig inzwischen „ein so erklärtes Lieblingsstück der hiesigen Kunstfreunde [ist], dass wir sie ihnen kein Jahr vorenthalten.“ Insbesondere in London erfuhr das Werk besondere Wertschätzung, wurde 1810 als Partitur gedrucktDer erste Stimmendruck erfolgte 1793 bei Johann André. und als „höchster Triumph der Instrumentalkomposition“ gefeiert.
Als letzte Sinfonie Mozarts unterlag KV 551 teilweise einer etwas romantischen Deutung in dem Sinne, dass Mozart in dem Wissen, dass es seine letzte Sinfonie sei, eine Art Zusammenfassung dessen komponiert habe, was überhaupt in der Sinfonik zu sagen möglich sei, also quasi ein „Schlusswort“.Diese Auffassung wird in jüngerer Zeit auch noch von Attila Csampai (Symphonie C-Dur KV 551 („Jupiter“). In: Attila Csampai & Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 166–168) vertreten: Mozart habe die Sinfonie „von vornherein im Bewusstsein [komponiert], ihr keine weitere mehr folgen zu lassen.“ Andererseits erscheint es unwahrscheinlich, dass Mozart 1788 seinen Tod im Jahr 1791 vorausgesehen haben soll und mit KV 551 einen Schlussstrich ziehen wollte.A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Vienese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X; S. 423–432.
Beinamen, Titel
Neben dem Beinamen „Sinfonie mit der Schlussfuge“, der heute kaum noch gebraucht wird (in der dritten Auflage des Köchelverzeichnisses von 1937Alfred Einstein: Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts. Nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen von Dr. Ludwig Ritter von Köchel. Dritte Auflage, bearbeitet von Alfred Einstein. Breitkopf & Härtel-Verlag, Leipzig 1937, 984 S. aber noch als Haupt-Untertitel), ist v. a. der Titel „Jupiter“ bzw. „Jupiter-Sinfonie“ gebräuchlich. In den Tagebüchern des englischen Verlegers Vincent Novello und seiner Frau Mary, die 1829 Constanze Mozart in Salzburg besuchten, findet sich am 7. August eine Eintragung, nach der Mozarts Sohn erwähnte, dass der Konzertveranstalter Johann Peter Salomon das Werk mit dem Beinamen „Jupiter“ bezeichnet habe.Franz Giegling, Alexander Weinmann, Gerd Sievers: Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts. Nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen von Dr. Ludwig Ritter von Köchel. Sechste Auflage. Breitkopf & Härtel-Verlag, Wiesbaden 1964, 1023 S. Kurt PahlenKurt Pahlen: Sinfonie der Welt. Schweizer Verlagshaus AG, Zürich 1978 (Vorwort von 1966). verweist zudem auf eine andere „Legende“, nach der der Beiname auf den Pianisten Johann Baptist Cramer zurückgehen soll, um ihre „göttliche Vollkommenheit“ zu bezeichnen.
Der Titel „Jupiter“ taucht erstmals im April 1813 in einer Ankündigung zu einem Konzert in Bath und in der Besprechung eines Konzerts der Londoner Königlichen Philharmonie auf. Im Juni 1822 schreibt der Londoner Korrespondent der Allgemeinen musikalischen Zeitung über die Konzerte der Königlichen Philharmonie: „Das dritte [Konzert] am 25sten März (…) begann mit der hier so beliebten, und unter dem Namen Jupiter bekannten Sinfonie in C dur von Mozart.“ 1822 wurde eine Bearbeitung der Sinfonie von Muzio Clementi für Klavier veröffentlicht, die im Titel die Bezeichnung „Jupiter“ trägt und die den Gott Jupiter auf Wolken thronend sowie mit Blitz und Donner in den Händen darstellt. Andererseits findet sich die Jupiter-Assoziation auch in der Besprechung der Aufführung der Sinfonie KV 550 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung vom 1. Mai 1805.Peter Revers: Sinfonie C-Dur KV 551 („Jupiter“). In: Joachim Brügge, Claudia Maria Knispel (Hrsg.): Das Mozart-Handbuch, Band 1: Mozarts Orchesterwerke und Konzerte. Laaber-Verlag, Laaber 2007, ISBN 3-89007-461-8, S. 127–148
Rezensionen (Beispiele)
Allgemeine musikalische Zeitung vom 4. November 1846: „Die Sinfonie von Mozart mit der Schlussfuge, Wie rein und klar sind alle Bilder darin! Nicht mehr und nicht weniger hat jedes, als es seiner Natur nach haben soll.“ Bernhard PaumgartnerBernhard Paumgartner: Mozart. Atlantis-Verlag, Zürich und Freiburg i. Br. 1957: „Wie ein Triumphgesang kraftbewußter Herrlichkeit hebt sich die C-dur-Symphonie (…) als strahlender Ausklang über alles Erdenleid zu lichten Höhen. Beglückung des Seins im kühn spielenden Bezwingen der Materie zu edler Geistesform ist ihr Sinn.“ Kurt Pahlen zum Finale: „Hier kann uns Mozart selbst als Gott erscheinen, der nach freiem Willen Sternbilder in der Unendlichkeit des Weltraums schafft, zusammenfügt und lenkt. Die Großartigkeit dieses Satzes entgeht keinem Hörer; aber sein volles Verständnis erschließt sich nur den Eingeweihten, die diesem vollendeten polyphonen Geflecht, den Stimmen und Themen folgen können.“ Weitere Zitate siehe beim vierten Satz.
Zur Musik
Besetzung: Querflöte, 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Hörner in C (im 2. Satz in F), 2 Trompeten in C, Pauken, I. Violine, II. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass. Möglicherweise wurde zudem in zeitgenössischen Orchestern ein Cembalo zur Verstärkung der Bass-Stimme eingesetzt. Neal Zaslaw: Mozart’s Symphonies. Context, Performance Practice, Reception. Clarendon Press, Oxford 1989. Cello und Kontrabass notiert Mozart im ersten Satz getrennt.
Aufführungszeit: ca. 30–35 Minuten
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie KV 551 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Erster Satz: Allegro vivace C-Dur, 4/4-Takt, 313 Takte mini|rechts|200px|Erster Satz, New York Philharmonic Orchestra, Leitung Bruno Walter, 1945
Das erste Thema (Takt 1–8, je nach Sichtweise auch bis Takt 55Hermann Abert (1956): W. A. Mozart. Neubearbeitete und erweiterte Ausgabe von Otto Jahns Mozart. Zweiter Teil 1783-1791. 7. erweiterte Auflage, VEB Breitkopf & Härtel, Leipzig 1956, 736 S.) ist symmetrisch aus jeweils vier Takten Vorder- und Nachsatz aufgebaut, die wiederum aus jeweils zwei kontrastierenden Phrasen bestehen: Drei Akkordschläge mit Schleiferfigur (hier: Triolen) im Forte (Phrase 1) und eine aufsteigende Vorhaltsfigur mit punktiertem Rhythmus im Piano (Phrase 2). Einige Autoren assoziieren Phrase 1 mit „männlich“ und Phrase 2 mit „weiblich“. Der Aufbau des Themas entspricht einer Standard-Einleitungsfloskel für Sinfonien, die Triolen-Schleiferfigur findet sich bei Mozart in ähnlicher Form z. B. bei KV 96, KV 338 und KV 504.
Ab Takt 9 folgt eine marschartige Forte-Passage mit typischem Fanfarenrhythmus der Bläser, Akkordschlägen sowie einer weiteren Schleiferfigur der Streicher, hier als absteigende Zweiunddreißigstel-Folge (in Sechzehnteln ebenfalls im vierten Satz). Nach der Fermate auf dem Unisono-G in Takt 23 wird das erste Thema als Piano-Variante mit gegenstimmenartigen Holzbläsern und ohne Bass wiederholt. Eine weitere Wiederholung folgt ab Takt 37 im Forte in der Dominante G-Dur, wobei die zweite Phrase nun sequenzartig fortgesponnen wird und ab Takt 49 wieder in die Marsch-Passage übergeht. Diese endet in Takt 55 auf der Doppeldominante D-Dur mit anschließender Generalpause.
Der folgende Abschnitt (ab Takt 56) wird überwiegend als zweites Thema angesehenGliederungsvorschlag in der Philharmonia-TaschenpartiturArnold Werner-Jensen: Reclams Musikführer. Wolfgang Amadeus Mozart. Band 1: Instrumentalmusik. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1989 während Peter Revers die Passage als „Dominantfeld mit thematischen Anklängen“ bezeichnet und das eigentliche zweite Thema erst ab Takt 101 sieht. Das Thema (G-Dur) wird im Streicherpiano vorgetragen und besteht aus zwei Motiven (aufsteigendes Dreitonmotiv und tänzerische Figur mit Triller), wobei das Dreitonmotiv im Bass versetzt auftritt und die 2. Violine mit durchlaufender Achtelbewegung begleitet. Das Thema wird variiert wiederholt und geht dann in eine Passage über, bei der die zweite Phrase vom ersten Thema im Bass mit einem neuen Motiv der 1. Violine kombiniert wird. Die Bewegung verebbt und hört „harmonisch offen, wie ein Fragezeichen“ in Takt 80 mit einer weiteren Generalpause auf.
Unerwartet folgt nun in ein Forte-Ausbruch des ganzen Orchesters mit Tremolo, der sich von c-Moll über C-Dur und F-Dur wiederum nach C-Dur (aufsteigender gebrochener Akkord) bewegt und schließlich in G-Dur mündet. Mit der anschließenden Passage (ähnlich wie ab Takt 39 mit Fortspinnung des Motivs von Phrase 2 des ersten Themas) wird die Spannung nochmals aufgebaut, bricht jedoch in Takt 99/100 wiederum überraschend als im Piano absteigender gebrochener D-Dur-Septakkord der 1. Violine und einer dritten Generalpause vollständig ab.
Das anschließende, volkstümlich-tänzerische Thema (G-Dur), das z. B. Peter Revers als „eigentliches“ zweites Thema ansieht, wird sonst meist als Schlussgruppenbeginn oder als drittes Thema bezeichnet. Es basiert auf der Arie „Un bacio di mano“ KV 541. Die Exposition schließt mit Tremolo und den Schleifer-Figuren des Marschabschnittes in Takt 120 und wird wiederholt.
Die Durchführung lässt sich in zwei Teile gliedern: Der erste Teil (Takt 121–160) beginnt mit einer Unisono-Einleitung der Bläser nach Es-Dur und basiert auf dem dritten Thema, insbesondere auf Modulationen von dessen Schlussfloskel im Wechsel von Violinen und Viola/Bass. Von Takt 133–138 treten auch die Fanfaren-Rhythmen vom Marsch-Abschnitt hinzu. Der zweite Teil (Takt 161–188) greift anfangs das erste Thema als Scheinreprise wieder auf, allerdings in der Subdominante F-Dur und im Piano. Es folgen Rückungen der ersten Phrase vom ersten Thema über C-Dur, D-Dur und E-Dur. Ab Takt 171 tritt zudem die Zweiunddreißigstel-Schleiferfigur des Marschabschnittes über einer chromatischen Basslinie hinzu.Diese Passage (Takt 171 bis 179) erinnert an den Abschnitt aus dem ersten Satz von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 48, dort: Takt 114 bis 119, siehe dort. Mit der Schlussfloskel vom dritten Thema, die versetzt von Oboe und Fagott gespielt wird, folgt die Überleitung zur Reprise, die in Takt 189 einsetzt.