mini|Gewickeltes Baby mini|Gewickeltes Jesuskind; Detail der Anbetung der Hirten von Georges de la Tour (ca. 1644)
Als Wickeln, auch Fatschen (oder Faschen, von ), bezeichnet man eine jahrtausendealte Praxis der Säuglingspflege. Dabei wird das Baby fest mit Stoffbinden umwickelt, so dass es sich nicht mehr bewegen kann. Es wird dann als „Wickelkind“ bezeichnet. Dieses stramme Einbinden nennt man im Englischen tight swaddling – also strammes Wickeln – oder swathing. Traditionell wurde das Kind mehrere Monate lang eingewickelt, auch eine Dauer von etwa einem Jahr kam vor.
Festes Wickeln war in zahlreichen und sehr unterschiedlichen Kulturen üblich und ist heute noch sehr weit verbreitet.Belege für die ubiquitäre Verbreitung von strammem Wickeln finden sich bei: Ploß (1911), S. 232–293, Lipton et al. (1965), S. 522 ff.; Barry & Paxson (1971), S. 474 ff.; deMause (1989 a), S. 62 ff. und (2002), S. 325 ff.; Etienne (1976), S. 144 (hier auch Abbildungen); Ewing (1977), S. 13–21; Shahar (1983), S. 292 u. (1993), S. 100 ff., Murken (2005), S. 3 ff. Vgl. auch Peiper (1966), Stichworte: Wickeln, Wickelkind Verbreitungsschwerpunkte sind Osteuropa, Russland, China, der Nahe Osten sowie Nord- und Südamerika (bei indigenen Gruppen). Die Praxis ist in Afrika südlich der Sahara offenbar unbekannt.Vgl. die tabellarische Übersicht in Frenken (2011), S. 341–349.
Pucken ist eine modifizierte Wickeltechnik.
Geschichte des Wickelns mini|Gewickelte Kinder. Schmuck und Grabbeigaben aus Agia Triada (Kreta), Vorpalastzeit, 2600–2000 v. Chr., Heraklion (Iraklion), Kreta. Archäologisches Museum Heraklion mini|Idol mit Wickelkind, 2500–1950 v. Chr. (Bronzezeit), Terrakotta mit rotem, poliertem Überzug aus Hagia Paraskevi, Zypern, Badisches Landesmuseum Karlsruhe mini|Dakisches Wickelkind und Mutter, 113 n. Chr., Trajanssäule, Rom, nach einer Gipskopie aus dem 19. Jh., (Museo della Civiltà Romana, Rom) mini|Amme mit gewickeltem Kind, 2. Jh. n. Chr., römische Votivstatuette, Archäologische Staatssammlung, München mini|Geburt Christi, 6. Jh. n. Chr., Elfenbeinrelief am Bischofsstuhl des Maximianus von Ravenna mini|Gewickelter Jesus vor Ochse und Esel, 1291, „Geburt Christi“, Mosaik von Pietro Cavallini (ca. 1250–1330), Santa Maria in Trastevere, Rom mini|Geburt Christi, 1310, Fresko (Detail) von Giotto di Bondone, San Francesco, Assisi mini|Madonna mit schlafendem Kind, 1465–70, Gemälde von Andrea Mantegna (1431–1506) mini|Gewickeltes Baby, Ausschnitt aus „Die Versuchung des heiligen Antonius“ 1505–1510 (Mitteltafel eines Triptychons) von Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516). Museu Nacional de Arte Antiga, Lissabon mini|Gewickeltes Baby wird der Amme übergeben, 1549, Titelblatt von Bartholomäus Metlingers „Regiment der jungen Kinder“ in der Edition von 1549 mini|Der gewickelte Prinz von Urbino in der Wiege, 1605, Gemälde von Federico Barocci (1528–1612) mini|Mutter und Kind wenden beim Wickeln den Blick voneinander ab, nach 1721, „Der Winter“ von Giuseppe Gambarini (1680–1725) mini|Gewickeltes Kind im „Wickelbett“, 1878: aus Rittershain (1878), S. 24
Vorzeit und Antike Verschiedene Autoren vermuten, dass die Praxis bereits im Paläolithikum erfunden wurde.Vgl. Hudson & Phillips (1965), S. 15, deMause (2002), S. 328 In Europa finden sich erste Nachweise dieser Praxis aus der Vorgeschichte in Form von Votivgaben, Idolen und Grabbeigaben: Die ältesten Abbildungen gewickelter Kinder stammen von Kreta und Zypern. Die Votivgaben und Idole sind 4000 bis 4500 Jahre alt.
Etwa 600 Jahre vor Christus schrieb der Prophet Ezechiel vom Salzen und Wickeln des Neugeborenen.Ezechiel 16, 3–4. Vgl. auch Hiob 38, 9 und Lukas 2, 7 u. 12 zum Wickeln von Jesus als Baby Laut Hippokrates (ca. 460 – ca. 370 v. Chr.) haben die Ägypter ihre Kinder gewickelt.Corpus Hippocraticum: Über die Umwelt 20,2. Es fehlen bislang aber weitere Belege für diese Angabe.
In der griechischen und römischen Antike war Wickeln die übliche Behandlung des Neugeborenen. Die bei weitem ausführlichste Beschreibung einer Wickelmethode in der Antike stammt von dem griechischen Arzt Soranus von Ephesus (um 100 n. Chr.), einer zentralen medizinischen Autorität der Antike. Er praktizierte in Rom. Nach der Geburt wurde das Kind gewaschen, abgenabelt und mit Salz bestreut. Dann folgte das für Soranus unerlässliche Wickeln des Kindes.Soranus (1894), S. 60 f. Nach antiken Auffassungen war der Babykörper weich und formbar.Vgl. Soranus (1894), S. 58, 61, 82. Daher sollte das Kind durch die Wickelbänder körperlich geformt werden. Jedes einzelne Körperglied des Kindes wurde in der Antike gewickelt, danach der ganze Körper, der so in eine unbewegliche Streckstellung gebracht wurde. Anschließend wurde es in eine Wiege gelegt, die bereits im Altertum verwendet wurde. Laut Soranus sollte das Baby etwa 40 bis 60 Tage lang gewickelt werden.Vgl. Zglinicki (1979), Abb. 404 Soranus beschrieb den Wickelvorgang folgendermaßen:
„Man nehme nun das Ende der Binde und lege es am Vorderarm an, wickle sie dann ringsherum um die gestreckten Finger, den Vorderarm, den Ellenbogen und Oberarm, dabei ziehe man sie an den Handknöcheln ruhig stramm an, lockerer aber an den übrigen Theilen bis zur Achsel. Ebenso verfahre man bei der Einwicklung der anderen Extremität; den Rumpf umwickle man mit einer breiteren Binde und zwar so, dass man bei den männlichen Kindern die Binde überall gleichmassig stramm zieht, dagegen bei den weiblichen die Gegend der Brustwarzen etwas enger schnürt, die Hüftgegend dagegen locker lässt. Denn diese Methode eignet sich besser für das weibliche Geschlecht. (…) Die Einhüllung in die Binden soll sich bis zu den Fingerspitzen erstrecken, sie soll locker sein an den Schenkeln und Waden, dagegen kompress an den Stellen des Knies und der Kniekehle, an den Fussrücken und den Knöcheln. Auf solche Weise werden die Füsse an der Spitze breiter und der Mittelfuss wird schmäler. Danach lege man die Arme an die Seiten, die Füsse an einander und umwickle dann das ganze Kind von der Brust bis zu den Füssen mit einer breiten Binde. Dadurch, dass die Hände eingefatscht werden, gewöhnen sie sich an die gestreckte Haltung.“Soranus (1894), S. 60.
Wickeln scheint Teil antiker Geburtsriten gewesen zu sein. Neben der auch rituell zu verstehenden Funktion, dem Kind eine Form zu geben, sollte es ermöglichen, dass bereits das Neugeborene aufrecht stehen konnte und so aus einem animalischen Wesen auf magisch-symbolische Weise ein Mensch wurde.Vgl. Köves-Zulauf (1990), S. 13, Dasen (2008), S. 50. Bereits in der Antike war Wickeln Thema der bildenden Kunst (Votivgaben, Idole, Darstellungen von Sagenfiguren).
Mittelalter Wickeln war über das gesamte Mittelalter verbreitet. Es war seit der Antike mit dem Ammenwesen verknüpft. Auch im Mittelalter wurden viele Kinder von Ammen betreut. Das Wickeln war für die Ammen eine leicht anwendbare Methode zur Ruhigstellung des Kindes. Die medizinischen Autoritäten des Mittelalters waren noch weitgehend von Soranus’ Ansichten beeinflusst. Auch sie argumentierten bei der Begründung des Wickelns praktisch ausschließlich damit, dass der Körper des Neugeborenen weich und formbar sei und daher eine Formung benötige. Bartholomaeus Anglicus wollte durch Wickeln Verdrehungen der Glieder verhindern. Etwa um das Jahr 1250 schrieb er in seinem Werk Über die Ordnung der Dinge:
„Die Glieder des Kindes haben wegen ihrer Zartheit eine fließende Struktur und nehmen verschiedene Gestalt an, und deshalb müssen die kindlichen Glieder mit Windeln oder anderen passenden Binden gefesselt werden (sunt liganda), damit sie nicht ganz verfallen oder eine andere Verformung erleiden.“Bartholomäus Anglicus (1492), Buch 6, Kapitel 5; übersetzt von Dinzelbacher nach der unpaginierten Ausgabe Nürnberg. In: Frenken (2011), S. 155.
Vinzenz von Beauvais empfahl zudem eine Formung von Kopf, Nase und Stirn.Vgl. Goodich (1975), S. 77 (aus: Bartholomaeus Anglicus, Buch 6, Kapitel 4); Vinzenz von Beauvais (ca. 1250), zit. nach Arnold (1980), S. 114 f. Heinrich Laufenberg und Paulus Bagellardus sprachen sich sehr ähnlich für Notwendigkeit des Wickelns aus.Vgl. Laufenberg (1429), n. Arnold (1980), S. 144 f.; Bagellardus (1472), zit. n. Ruräh (1925), S. 35 f. Im ersten deutschsprachigen Werk über Pädiatrie, Regiment der jungen Kinder von 1473, empfahl der Augsburger Arzt Bartholomäus Metlinger (ca. 1440–ca. 1491): „Wenn man das Kind fatschen will, so soll man die Glieder des Kindes sanft anfassen. Was zu strecken ist, das soll man strecken wie die Arme nach der Länge des Leibes. Desgleichen die Füße und dann genauso wickeln.“Metlinger (1473), 2 v – 2 r. Neuhochdeutsche Übertragung laut Frenken (2011), S. 165 f.
Die Dauer des Wickelns, gemessen am Lebensalter des Kindes, lässt sich für das Mittelalter kaum rekonstruieren. In Heiligenviten finden sich Hinweise darauf, dass es mitunter gut ein Jahr durchgeführt wurde.Vgl. Shahar (1983), S. 292 Die Praxis des Wickelns wurde in zeitgenössischen Gemälden, Gedichten und theologischer Literatur thematisiert. So beschrieb die Mystikerin Birgitta Birgersdotter (1303–1373), genannt Birgitta von Schweden, ganz präzise die Wicklung des Jesuskindes nach einer Vision am Weihnachtsfest des Jahres 1372.Vgl. Birgitta (1888), S. 269 f. (Buch 7, Kap. 21) Diese berühmte Vision war Ausgangspunkt eines neuen Bildtypus, der das neugeborene Jesuskind auf dem kalten Boden liegend beschrieb. Erst nach dieser Szene erfolgte das Wickeln. Auch andere Mystikerinnen befassten sich mit dieser Praxis. Von der Mystikerin Mechthild von Hackeborn (1241–1299) wird eine Vision berichtet, in der der neugeborene und gewickelte Jesus gesagt habe:
„Da ich in der Welt geboren ward, wurde ich von Stunde an gebunden mit Tüchlein, also daß ich mich nicht bewegen mochte, zu einem Zeichen, daß ich mich ganz, mit allen Gütern, die ich mit mir von dem Himmel brachte, in die Gewalt des Menschen gegeben habe zu seinem Nutzen. Denn, wer gebunden ist, hat keine Gewalt und vermag sich nicht zu wehren, und ihm mag genommen werden Alles, was er hat.“Mechthild von Hackeborn (1880), S. 44 (Buch I, Kap. 5)
Nicht nur in der Literatur, auch in der bildenden Kunst finden sich zahlreiche Reflexe auf die Wickelpraxis. So stellte Giotto di Bondone (1266–1337) die schmerzhafte Formung der Nase des gewickelten Jesuskindes dar, und Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516) malte ein Wickelkind in den Klauen einer beängstigenden Mutterfigur.
Neuzeit Die Praxis des Wickelns wurde in Europa seit der Antike kontinuierlich beibehalten, allerdings änderten sich die jeweiligen Begründungen für die Wickelpraxis.Vgl. Frenken (2011), S. 141 ff. Der französische Arzt François Mauriceau (1637–1709) schrieb beispielsweise im Jahr 1668:
„Das Kind muss daher gewickelt werden, damit seinem kleinen Körper eine gerade Gestalt gegeben wird, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen Vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.“Mauriceau (1736), S. 311.
In der Frühen Neuzeit scheint die Idee entstanden zu sein, dass Wickeln das Baby warmhalten solle. Aus dem Mittelalter sind keine Begründungen überliefert, die das Warmhalten oder Beruhigen des Kindes herausstellen. Der französische Dichter de Sainte-Marthe beschrieb die wärmende Funktion des Wickelns im 16. Jahrhundert in einem Gedicht zum ersten Mal (hier in der englischen Übersetzung des ursprünglich lateinischen Textes): T’ enwrap the babe, by many circling fold, In equal lines, and thus defend from cold.Sainte-Marthe (1797), S. 67
Um das Baby einzuhüllen, wickle es kreisend ein in gleichmäßigen Linien und schütze es so vor Kälte.
Im 16. Jahrhundert lieferte der schweizerische Wundarzt Felix Würtz (ca. 1500 bis ca. 1598) mit seinem „Kinderbüchlein“ die erste kritische Auseinandersetzung mit dem Wickeln und seinen unmittelbaren Folgen für das Baby: