Ellrich ist die nördlichste Stadt des Freistaates Thüringen. Sie liegt im Landkreis Nordhausen am Südrand des Harzes und hat nach der Einwohnerzahl den Status einer Kleinstadt. mini|Blick auf Ellrich (2012) mini|Die Zorge und die Große Uferstraße in Ellrich
Geographie Die Stadt Ellrich liegt am Fluss Zorge, in unmittelbarer Nähe der Landesgrenze zu Niedersachsen. Der Stadtteil Sülzhayn liegt etwa drei Kilometer nordöstlich der Kernstadt in waldreicher Lage. Dort gibt es zahlreiche Sanatorien und Pensionen, die teilweise im Wald liegen.
Stadtgliederung Einwohnerzahlen der sieben Ortschaften am 31. Oktober 2015:
Stadtteil Einwohner Ellrich 3.166 Sülzhayn 1.008 Woffleben 459 Appenrode 398 Werna 206 Gudersleben 221 Rothesütte 105
Der an der Landesstraße 1037 zwischen Ellrich und Woffleben gelegene Ortsteil Cleysingen mit 17 Einwohnern (2022)Zensusatlas 2022, abgerufen am 8. Januar 2025. wird im Ortsteilverzeichnis nicht gesondert genannt.
Geschichte mini|Ellrich um 1650 mini|Ellrichs Bahnhof und Industriegebiet – um 1890 mini|Blick auf Ellrich vom Burgberg – um 1890
876 wurde Ellrich als „Alarici“ erstmals urkundlich erwähnt. Alariche, 1229 Elreke, 1229 Elrike wird mit dem altsächsischen Wort alira/elira, „Erle“ und dem Mittelniederdeutschen reke, „Reihe, Heckenzaun“, erklärt. Im Jahr 1286 erhielt Ellrich das Stadtrecht und im Jahr 1332 das Münzrecht. Für Mitte des 17. Jahrhunderts sind die Namen Eller und Ellerich belegt. Ein Großbrand im Jahr 1627, bei dem große Teile der Stadt zerstört wurden, forderte zahlreiche Menschenleben. Dem Brand fielen u. a. auch die St.-Johannis-Kirche, das Rathaus und die Münzstätte zum Opfer. Die Münzstätte wurde nicht wieder aufgebaut. Seit 1869 führt eine Bahnverbindung nach Nordhausen und Northeim.
Ab dem 17. Jahrhundert siedelten sich Juden im Ort an. Die um 1700 gegründete jüdische Gemeinde hatte mit nahezu 150 Personen in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höchststand. 1938 gab es 12 jüdische Einwohner im Ort. Bei den Novemberpogromen 1938 wurde die 1730 erbaute Synagoge der jüdischen Gemeinde in der Jüdenstraße niedergebrannt.Peter Kuhlbrodt: Die Synagoge in Ellrich (1730–1938) In: Meyenburg-Museum (Herausgeber) Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt- und Kreis Nordhausen, Heft 9, Nordhausen 1984, S. 72–77. Sieben jüdische Menschen wurde in Schutzhaft genommen und unter anderem in das KZ Buchenwald verschleppt.
Für die Rechtsprechung in Ellrich wurde im Jahr 1815 das Land- und Stadtgericht Ellrich gebildet, aber schon 1818 in eine Gerichtskommission des Land- und Stadtgerichts Nordhausen umgewandelt. Danach bestand von 1849 bis 1879 die Gerichtskommission Ellrich des Kreisgerichts Sangerhausen. 1879 wurde stattdessen das Amtsgericht Ellrich geschaffen. Das Amtsgericht Ellrich wurde 1949 aufgehoben.
Während des Zweiten Weltkriegs gab es mit Ellrich-Bürgergarten und Ellrich-Juliushütte zwei Außenlager des KZ Mittelbau-Dora im Ort. Letzteres war mit 8000 Insassen das größte Außenlager des KZ-Komplexes und unter den Häftlingen für seine harten Lebensbedingungen berüchtigt. Dem KZ Ellrich-Bürgergarten, in dem etwa 950 Häftlinge der SS-Baubrigade IV zum Bau der Helmetalbahn untergebracht waren, wurde ab September 1944 das ebenfalls zum Lagerkomplex Mittelbau-Dora zählende KZ Günzerode als Nebenlager unterstellt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ellrich dadurch bekannt, dass sich zwischen Ellrich und Walkenried an der Südharzstrecke einer der wenigen Eisenbahn-Grenzübergänge zwischen der britischen und der sowjetischen Besatzungszone bzw. ab 1949 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR befand. Dieser Übergang bestand bis zum Ende der DDR. Er wurde, von einzelnen Sonderzügen zur Leipziger Messe Anfang der 1950er Jahre abgesehen, ausschließlich im Güterverkehr genutzt. Nach dem Fall der Mauer verkehrten am 12. November 1989 erstmals wieder Personenzüge über die innerdeutsche Grenze.
Im Ort war die Modefirma VEB „ELDAMO“ als ein auf internationalen Messen prämierter Hersteller von Hochzeitskleidern und hochwertiger Damenmode ansässig. In einem zweiten Textilbetrieb wurde als Filiale eines Eichsfelder Bekleidungswerkes, Konfektionsware und Berufsbekleidung in Großserie gefertigt. Die im Gebiet von Ellrich gelegenen Gipslagerstätten waren Grundlage einer Produktpalette von Schulkreide, Stuck- und Modelliergips sowie für medizinischen Bedarf hergestellte Gipsbandagen. Weiterhin war in Ellrich eine Gießerei ansässig, ein Werk für die Herstellung von Hackmessern (verwendet in Kaffee- oder Fleischmühlen) sowie eine als „Nordbau“ bekannte Spezialfirma für Bodenbeläge in Schul- und Turnhallen.
Eingemeindungen Am 30. März 1994 wurden Woffleben, Sülzhayn, Rothesütte, Gudersleben und Appenrode nach Ellrich eingemeindet.
Einwohnerentwicklung Entwicklung der Einwohnerzahl: Datenquelle: ab 1994 Thüringer Landesamt für Statistik – Werte vom 31. Dezember 1994: 6449 1995: 6499 1996: 6413 1997: 6527 1998: 6579 1999: 6589 2000: 6539 2001: 6477 2002: 6418 2003: 6422 2004: 6358 2005: 6267 2006: 6155 2007: 6019 2008: 5894 2009: 5781 2010: 5712 2011: 5602 2012: 5512 2013: 5516 2014: 5516 2015: 5580 2016: 5583 2017: 5561 2018: 5543 2019: 5449 2020: 5394 2021: 5391 2022: 5344 2023: 5330 2024: 5239
Politik
Stadtrat Im Stadtrat von Ellrich sind 20 Sitze zu vergeben. Die Ergebnisse der Stadtratswahl am 26. Mai 2024 sind in den Diagrammen rechts (Stimmenanteile) und unten (Sitzverteilung) dargestellt.
Die Kommunalwahlen 1999 bis 2024 führten zu folgenden Ergebnissen: Parteien und Wählergemeinschaften %1999 Sitze1999 %2004 Sitze2004 %2009 Sitze2009 %2014 Sitze2014 %2019 Sitze2019 %2024 Sitze2024 CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 29,7 6 31,9 6 31,1 6 30,5 6 28,0 6 28,2 6 SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 31,5 6 27,6 6 29,6 6 24,3 5 22,2 4 14,7 3 BBE BürgerBewegung Ellrich 10,2 2 6,2 1 10,5 2 14,9 3 16,3 3 12,0 2 Die Linke Die Linke 18,4 4 24,1 5 18,2 4 18,5 4 12,8 3 7,2 1 FDP Freie Demokratische Partei 8,5 2 10,2 2 10,6 2 11,7 2 10,9 2 13,4 3 Grüne Bündnis 90/Die Grünen 9,7 2 3,2 1 AfD Alternative für Deutschland 21,2 4 Gesamt 20 20 20 20 20 20 Wahlbeteiligung %59,6 %46,0 %53,5 %54,5 %65,1 %64,3 %
Bürgermeister
Bürgermeister ist seit 2018 Henry Pasenow (CDU). Er setzte sich bei der Bürgermeisterwahl 2018 gegen den seit 2006 amtierenden Amtsinhaber Matthias Ehrhold (SPD) durch. Er wurde zuletzt 2024 mit 60,8 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.
Wappen mini|hochkant|Erstes Stadtsiegel Ellrichs – um 1300
Neben dem amtlichen Stadtwappen führt die Stadt Ellrich ein Schmuckwappen, dass aber nur für nichtamtliche kulturelle Werbezwecke und Anlässe verwendet wird.
Flagge Die Flagge der Stadt Ellrich besteht aus zwei gleich breiten Querstreifen, oben Weiß, unten Rot. Die Flagge kann auch die Form eines Banners haben. Das Banner besteht aus zwei gleich breiten Längsstreifen, links Weiß, rechts Rot. Fakultativ kann in der Mitte der Flagge (des Banners) das Wappen eingefügt werden.
Dienstsiegel Das Dienstsiegel trägt die Umschrift im oberen Halbbogen „THÜRINGEN“, im unteren Halbbogen „Stadt Ellrich“ und zeigt das Stadtwappen.
Religionen
In Ellrich befinden sich die evangelische St. Johannis-Kirche am Markt, die St. Marienkirche auf dem Frauenberg und die Hospitalkirche St. Spiritus in der Hospitalstraße.
1852 wurde in Ellrich eine römisch-katholische Missionspfarrei gegründet, und am 24. Juni 1893 erfolgte die Weihe der nach Bonifatius benannten Kirche durch Weihbischof Augustinus Gockel. Heute gehört die Kirche St. Bonifatius zur Pfarrei Nordhausen.Bonifatiuskirche in Ellrich wurde saniert. In: Tag des Herrn (Zeitung), Ausgabe 50/2016 vom 11. Dezember 2016, S. 11.
Die Neuapostolische Kirche an der Wallstraße wurde 2005 aufgegeben.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Kirche St. Johannis
Römisch-katholische Kirche St. Bonifatius
Stadtmuseum Ellrich mini|Stadtmuseum im Unterhaus des ehemaligen Hospitals Das Ellricher Stadt- und Heimatmuseum befindet sich in den Räumen eines ehemaligen Hospitalgebäudes der Stadt Ellrich, Hospitalstraße 40. Die Dauerausstellung umfasst die Bereiche Ur- und Frühgeschichte der Umgebung, Natur (Tierwelt und Geologie) sowie Entwicklung typischer Handwerke der Stadt (Werkstatteinrichtungen von Webern, Schuster, Kunstschmied und Frisör). Außerdem besitzt das Ellricher Museum ein Musikzimmer mit Instrumentensammlung und die Ausstattung der ehemaligen Stadtapotheke. Es finden Sonderausstellungen zur Stadtgeschichte statt.
Stadtbefestigung Ellrich Von der Stadtmauer sind umfangreiche Reste in der Straße Am Stadttor sowie ein Tor zwischen Salzmarkt und Wernaer Tor und ein Turm in der Ravenstraße vorhanden.
Denkmale An der Friedhofsmauer des Jüdischen Friedhofs Ellrich erinnert seit 1988 (ersetzt 1994) eine Gedenktafel an die jüdische Bevölkerung Ellrichs. Zwei Gedenksteine im Bereich des ehemaligen KZ-Außenlagers Ellrich-Juliushütte erinnern an die dort verstorbenen Insassen. Jeweils ein Denkmal befindet sich bei insgesamt zehn Gräbern sowjetischer Zwangsarbeiter im Ortsteil Gudersleben und auf dem Bergfriedhof des Ortsteiles Sülzhayn. Auf dem Karl-Marx-Platz des Ortsteiles Woffleben erinnert eine Stele an die Opfer des Todesmarsches.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945 (= Heimatgeschichtliche Wegweiser. Band 8). Thüringen, Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0. Am 18. Juni 2015 wurden im Beisein von Vertretern der Stadtverwaltung und interessierten Bürgern in Ellrich acht Stolpersteine durch Gunter Demnig verlegt, die an das Schicksal von Bürgern erinnern sollen, die in den jeweiligen Häusern ihren letzten freiwillig gewählten Wohnsitz hatten.
Verschwundene Denkmäler Auf dem Markt an der St. Johanniskirche stand das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Auf einem mehrstufigen Unterbau erhob sich auf einem Sockel ein Obelisk, der von einem Adler auf einer Kugel bekrönt wurde.
Glasmacher- und Köhlersiedlung Rothesütte Der ehemalige Forstort Rothesütte wurde 1679 gegründet, dort befindet sich seit 1944 als Technisches Denkmal eine Waldarbeiter-, Glashütten- und Köhlersiedlung. Zur Erläuterung dieser regionaltypischen Gewerke im Harz wurde durch die Stadt Ellrich das ehemalige Pfarrhaus und eine Schauanlage am Friedhof hergerichtet ().
Naturdenkmal Kelle-Höhle mini|Die Kelle-Höhle im Südharzer Gipskarst
Das Gebiet um Ellrich ist reich an Karsterscheinungen, neben anderen auch Erdfälle und Höhlen. Nahe dem Ortsteil Appenrode befindet sich die bereits 1589 beschriebene grottenartige Höhle Kelle. Die offen zugängliche Höhle besitzt am Eingang einen hallenartigen Raum von bis zu 25 Metern Höhe, 16 Metern Breite und 20 Metern Resttiefe. Am Grund der Höhle befindet sich ein kleiner Höhlensee mit einer Maximaltiefe von fünf Metern. Die Höhle war schon vor zweihundert Jahren eine bekannte Sehenswürdigkeit und wurde u. a. von Gottfried August Bürger, Johann Wilhelm Gleim und Christoph August Tiedge aufgesucht.
Verkehr mini|Bahnhof Ellrich Der Bahnhof Ellrich liegt an der Bahnstrecke Northeim (Han)–Nordhausen, während der Deutschen Teilung wurde er für durchgehende Züge bis auf wenige Ausnahmen nur vom Güterverkehr genutzt. Täglich verkehren Regionalbahnen der Deutschen Bahn im Stundentakt Richtung Northeim und nach Nordhausen.
Durch den Ort verläuft der Iron Curtain Trail (EV13), der als Kulturroute des Europarats zu den bedeutendsten Fernradrouten zählt und Teil des europäischen Radverkehrssystems Eurovelo ist.
Persönlichkeiten Söhne und Töchter der Stadt Otto Otto von Mauderode (1600–1671), braunschweig-lüneburgischer Geheimer Rat und Gesandter Christian Benedikt Michaelis (1680–1764), Orientalist und evangelischer Theologe Friedrich Heinrich Wilhelm von Wagner (1748–1819), Kammerpräsident in Białystok