Der Große Preis von San Marino 1994 (offiziell 14º Gran Premio di San Marino) fand am 1. Mai auf dem Autodromo Enzo e Dino Ferrari im italienischen Imola statt und war das dritte Rennen der Formel-1-Weltmeisterschaft 1994 sowie das erste der Saison in Europa. Das Rennwochenende wurde von schweren Unfällen überschattet, bei denen der österreichische Pilot Roland Ratzenberger und der dreimalige brasilianische Weltmeister Ayrton Senna zu Tode kamen und zahlreiche weitere Personen verletzt wurden.
Das Rennen führte zu einer gesteigerten Beachtung der Sicherheit in der Formel 1. Die Formel-1-Fahrervereinigung GPDA (Grand Prix Drivers’ Association) wurde neu gegründet, die Sicherheit vieler Rennstrecken und die der Wagen wurden erhöht und etliche Regeländerungen beschlossen. Gerichtliche Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Sennas Tod endeten erst 2005.
Berichte Hintergrund Nach dem Großen Preis des Pazifiks führte Michael Schumacher in der Fahrerwertung mit 13 Punkten vor Rubens Barrichello und 14 Punkten vor Damon Hill. In der Konstrukteurswertung führte Benetton mit zehn Punkten vor Ferrari und mit 13 Punkten vor Jordan.
Johnny Herbert bestritt seinen 50. und Gerhard Berger seinen 150. Grand Prix.
Senna, in den vorherigen beiden Rennen jeweils vorzeitig ausgeschieden, hatte Schwierigkeiten damit, die richtige Abstimmung für seinen Wagen zu finden. Er und sein Teamkollege Hill hatten ihr Cockpit einschließlich Lenksäule und Monocoque modifizieren lassen, um mehr Bewegungsfreiheit zu erhalten.Strathlachlan (23. April 2004): aufgerufen am 6. Januar 2010.
Mit Senna (dreimal) trat ein ehemaliger Sieger zu diesem Grand Prix an.
Qualifying Freitag Während des ersten Qualifikationstrainings am Freitag, dem 29. April, hatte der brasilianische Pilot Rubens Barrichello mit seinem Jordan einen schweren Unfall. Sein Wagen hob bei einer Geschwindigkeit von etwa 225 Kilometern pro Stunde beim Überfahren der Curbs in der Schikane Variante Bassa ab und prallte gegen die Oberkante eines Reifenstapels. Anschließend überschlug sich der Wagen mehrere Male, bevor er mit den Rädern nach oben liegen blieb. Barrichello, bei dem sich durch den Unfall die Zunge vor die Luftröhre legte und der durch den Sauerstoffmangel das Bewusstsein verlor, wurde unmittelbar nach dem Unfall noch auf der Strecke medizinisch behandelt und anschließend in ein Krankenhaus gebracht. Eine gebrochene Nase und ein Gipsverband am Arm zwangen ihn, das restliche Rennwochenende als Fahrer auszusetzen.
Samstag mini|links|Roland Ratzenberger vor seinem Unfall in der Boxengasse
mini|Die Villeneuve-Kurve, der Unfallort von Roland Ratzenberger Während des zweiten Qualifikationstrainings am Samstag, dem 30. April, überfuhr Simtek-Pilot Ratzenberger, der zuvor erst ein Formel-1-Rennen bestritten hatte, bei der Schikane Acque Minerale die Curbs und beschädigte vermutlich dadurch seinen Frontflügel. Statt in die Boxengasse zurückzukehren, startete er erneut eine schnelle Runde. Bei über 300 km/h verlor sein Wagen den Frontflügel. Der Frontflügel geriet unter die Vorderräder, so dass sie keinen Kontakt mehr zum Boden hatten, was es Ratzenberger unmöglich machte, den Wagen zu steuern und in den Rechtsknick der Villeneuve-Kurve einzulenken. Er prallte mit 290 km/h fast frontal in die Betonmauer der Kurve. Obwohl das Monocoque größtenteils intakt blieb, führte die enorme Kraft des Aufpralls zu einem Schädelbasisbruch sowie zum Bruch der Halswirbelsäule. Nach dem Aufprall wurde das Auto zurück auf die Strecke geschleudert, wo es verlangsamte und zum Stillstand kam. Das Qualifying wurde sofort abgebrochen, Streckenposten und medizinisches Team waren kurz darauf vor Ort. Ratzenberger wurde mit einem Rettungswagen abtransportiert und mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus [email protected] (ohne Erscheinungsdatum, zirka 2009): Das schwarze „Wochenende“ – Die Tragödie von Imola. aufgerufen am 6. Januar 2010. Im Krankenhaus wurde später bekannt gegeben, dass Ratzenberger seinen schweren Verletzungen erlegen sei. Er war das erste Todesopfer bei einem Formel-1-Rennen seit dem Großen Preis von Kanada 1982, bei dem Riccardo Paletti gestorben war.
Senna hatte sich vor Schumacher, dem Führenden in der WM-Gesamtwertung, für die Pole-Position qualifiziert. Berger erreichte in der Qualifikation den dritten Platz, Sennas Teamkollege Hill den vierten Platz. Die Rundenzeit, die Ratzenberger vor seinem tödlichen Unfall gefahren hatte, hätte ihn auf den 26. beziehungsweise letzten Startplatz gebracht.
Rennen Am Morgen vor dem Start des Rennens äußerten Senna und Berger bei der Fahrerbesprechung ihre Bedenken über den Einsatz des Safety-Cars. Sie argumentierten, dass das Safety-Car nicht schnell genug fahren könne, um die Reifen der Formel-1-Wagen vor dem Start, während es das Feld auf der Einführungsrunde anführt, auf die notwendige Temperatur zu bringen. Außerdem argumentierten sie, dass ein ähnliches Problem auftreten könne, wenn das Safety-Car während des Rennens zum Einsatz käme. Die Rennkommissare nahmen diese Bedenken zur Kenntnis, ohne etwas am Safety-Car zu ändern. Zwar verzichteten die Kommissare auf einen Einsatz in der Einführungsrunde; ließen sich aber nicht davon abbringen, es im Rennen zu benutzen.
Erster Start Beim Start des Rennens blieb das Auto des fünftplatzierten Fahrers JJ Lehto liegen. Die Sicht des von Platz 22 startenden Pedro Lamy auf Lehto war durch andere Rennwagen versperrt. Lamy kollidierte mit Lehtos Wagen, von dem daraufhin Räder und Teile der Karosserie über den Sicherheitszaun schleuderten und neun Menschen leicht verletzten.The Times (19. April 2004): A tragic weekend. aufgerufen am 23. Juni 2025. Obwohl die Zielgerade mit scharfkantigen Wrackteilen übersät war, wurde das Rennen nicht abgebrochen, sondern durch den Einsatz des Safety-Cars neutralisiert, um so unter sicheren Bedingungen die Trümmer von der Strecke räumen zu können. Bei dem Safety-Car handelte es sich um einen gewöhnlichen Opel Vectra; seine Bremsen waren bereits weitestgehend wirkungslos, nachdem es zwei Runden mit Höchsttempo hinter sich hatte. Der hinter dem Safety-Car in Führung liegende Senna fuhr an einer Stelle kurz neben dem Safety-Car, um ihm zu signalisieren, schneller zu fahren. In der Safety-Car-Phase sanken Reifentemperatur und -druck der Rennwagen durch die geringere Geschwindigkeit erheblich.
mini|Die Tamburello-Kurve, Ayrton Sennas Unfallort Nachdem die Unfallstelle geräumt und von Trümmern gesäubert war, fuhr das Safety-Car zurück in die Boxengasse, und das Rennen wurde mit einem fliegenden Start zu Beginn der sechsten Runde fortgesetzt. Kameraaufnahmen zeigen, dass Sennas Auto in der Tamburello-Kurve funkenschlagend aufsetzte. Eine Runde später verließ Senna an dieser Stelle die Strecke tangential mit einer Geschwindigkeit von 306 Kilometern pro Stunde. Durch eine Vollbremsung konnte er die Geschwindigkeit seines Wagens noch verringern und prallte mit 211 km/h in spitzem Winkel gegen die Streckenbegrenzungsmauer. Beim Einschlag in die Mauer löste sich ein Teil der Vorderradaufhängung, durchschlug Sennas Helmvisier und verletzte ihn tödlich am Schädel. Durch die große Wucht des Aufpralls wurde das Auto zurück auf den Streckenrand geschleudert, wo es liegen blieb.
Unmittelbar nach dem Unfall, um 14:17 Uhr Ortszeit, wurde das Rennen mit der „Roten Flagge“ abgebrochen. Der Rennarzt Sid Watkins erreichte die Unfallstelle, um Senna zu versorgen. Kamerabilder zeigten, dass sich Sennas Helm für einen kurzen Augenblick bewegte, wodurch es schien, als lebe der Fahrer. Anschließend wurde er aus dem Wrack gehoben und mehrere Minuten lang am Streckenrand medizinisch behandelt.
Während der Behandlung erlaubte das Larrousse-Team versehentlich seinem Fahrer Érik Comas, die Boxengasse trotz gesperrter Rennstrecke zu verlassen. Streckenposten versuchten, ihm mit Flaggen anzuzeigen, dass er langsamer fahren solle, trotzdem erreichte er die Unfallstelle mit hoher Geschwindigkeit. Comas konnte jedoch rechtzeitig bremsen; er zog sich daraufhin vom Rennen zurück.
Senna wurde anschließend per Rettungshubschrauber zum Maggiore-Krankenhaus in der Nähe von Bologna geflogen.
Zweiter Start
38 Minuten nach dem Rennabbruch, um 14:55 Uhr Ortszeit, wurde das Rennen erneut gestartet. Obwohl Berger das Feld anführte, lag insgesamt Schumacher an erster Position, da aufgrund des Rennabbruchs die Rennzeiten der Fahrer vor dem Abbruch addiert wurden. In der zwölften Runde setzte sich Schumacher an die Spitze des Feldes, vier Runden später gab Berger mit Lenkungsproblemen auf. Während eines Boxenstopps von Schumacher übernahm Nicola Larini kurzzeitig die Führung.
Zehn Runden vor Ende des Rennens verlor Michele Alboretos Minardi beim Verlassen der Boxengasse sein rechtes Hinterrad. Der Reifen traf zwei Ferrari- und zwei Lotus-Mechaniker, die danach im Krankenhaus behandelt werden mussten.
Schumacher gewann das Rennen vor Larini und Mika Häkkinen und erreichte mit insgesamt 30 Punkten das bestmögliche Ergebnis der ersten drei Saisonrennen. Für Larini waren es die ersten Weltmeisterschaftspunkte und die einzige Podiumsposition seiner Formel-1-Karriere. Bei der Siegerehrung wurde aus Respekt vor Ratzenberger und Senna kein Champagner versprüht.
In der Fahrerwertung baute Schumacher seinen Vorsprung weiter aus. Hill und Barrichello folgten punktgleich dahinter. In der Konstrukteurswertung blieb Benetton vor Ferrari, neuer Dritter war Williams.
Nach dem Rennen mini|Gedenkstein gegenüber der Unglücksstelle mini|hochkant|links|Ayrton Senna (1989) Um 18:40 Uhr Ortszeit, mehr als zwei Stunden nach Rennende, gab Sennas behandelnde Ärztin, Maria Teresa Fiandri, seinen Tod bekannt. Senna hatte beabsichtigt, seinen 42. Sieg dem am Vortag verstorbenen Ratzenberger zu widmen. In seinem Unfallwagen fand man eine österreichische Flagge, die er vermutlich bei einer Auslaufrunde geschwenkt hätte.1asport.de (ohne Erscheinungsdatum): aufgerufen am 6. Januar 2010.
Senna erhielt am 5. Mai 1994 in São Paulo ein Staatsbegräbnis. Etwa 500.000 Menschen säumten die Straßen, um den Sarg zu sehen.BBC on this day (ohne Erscheinungsdatum): 1994: Race ace Senna killed in car crash. aufgerufen am 6. Januar 2010. Viele Fahrer und Funktionäre der Formel 1 nahmen an Sennas Beerdigung teil.
Die ersten beiden Plätze der Startaufstellung des zwei Wochen später stattfindenden Großen Preises von Monaco wurden in Gedenken an die beiden Toten mit den Farben der brasilianischen und der österreichischen Flagge angemalt und unbesetzt gelassen. Vor Beginn des Rennens gab es zudem eine Schweigeminute. Beim Qualifying zum GP von Monaco hatte mit Karl Wendlinger erneut ein Österreicher einen schweren Unfall; Wendlinger erwachte erst drei Wochen später aus seinem Koma. Bei den Großen Preisen von Spanien und Kanada der Saison 1994 wurden zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen.F1Fanatic.CO.UK (ohne Erscheinungsdatum, zirka 2008): 1994 – Tragedy and Controversy. aufgerufen am 6. Januar 2010.
mini|Die Änderungen am Streckendesign des Autodromo Enzo e Dino Ferrari nach dem Grand Prix 1994 Die langjährig für Formel-1-Rennen genutzte Rennstrecke in Imola wurde nach dem 1994er Grand Prix stark verändert. Die Tamburello-Kurve, in der auch schon Nelson Piquet (1987) und Berger (1989) schwer verunglückt waren, wurde zu einer Schikane umgebaut, um die Geschwindigkeit der Wagen zu verringern. Auch die Anfahrt auf andere schnelle Passagen und Kurven wurde durch enge Schikanen verlangsamt, Auslaufzonen wurden vergrößert.Elmar Brümmer (30. April 1999): Mit Senna starb eine gefährliche Illusion. aufgerufen am 6. Januar 2010.