mini|Stadttaube (Columba livia forma domestica) alternativtext=Stadttaube beim Brüten mit Babys|mini|Stadttaube beim Brüten Die Stadttaube oder Straßentaube ist ein Vogel aus der Familie der Tauben (Columbidae). Sie stammt vermutlich größtenteils von verwilderten Haus- und Brieftauben, die ursprünglich aus der Felsentaube (Columba livia) gezüchtet wurden. Somit würde es sich um Nachkommen ehemals domestizierter Tiere handeln, die inzwischen wieder verwildert und freilebend sind. Die genaue Herkunft ist jedoch letztlich ungeklärt. Von verwilderten und halbwilden Stadttauben wird bereits in Schriften des Altertums berichtet.

Die Stadttauben sind heute weltweit verbreitet. In der zoologischen Fachsprache werden sie als Pariaform bezeichnet.

Merkmale mini|Schwarz-weiße Farbmorphen sind bei Stadttauben relativ selten Die Stadttaube hat eine Körperlänge von 31 bis 34 cm und ein Gewicht von 240 bis 380 g. Sie ist kleiner als die Ringeltaube und hat einen kürzeren Schwanz. Das Federkleid ist sehr variabel. Ihre Gestalt ähnelt oft der Felsentaube, manche der zahlreichen Gefiedervariationen sehen der Felsentaube sehr ähnlich. Ansonsten treten auch weißgrau gemusterte, einheitlich dunkelgraue oder dunkelbraune, rotgraue oder dunkel gescheckte Farbvarianten auf. Die Iris ist rot oder braun.

Es haben sich auch regionale Besonderheiten herausgebildet. Aus Birmingham ist die „Docktaube“ bekannt; sie ist schwarz und größer als andere Stadttauben. Die Straßen- oder Stadttauben im spanischen Sevilla hingegen sind vorwiegend weiß und brüten auch in Baumhöhlen.

Stimme, Balzverhalten und Kommunikation mini|Männchen in Imponierhaltung Das von beiden Geschlechtern geäußerte Gurren ist sehr variabel und klingt etwa wie „gúrr“ oder „guu-ru-gu.“ Das Männchen balzt mit einem tiefen, kollerndem „gang-grrru-guruú-u“, das mitunter gleichförmig aneinandergereiht wird. Beim ersten Teil dieses Motivs verbeugt es sich, beim letzten richtet es sich wieder auf. Am Nest wird ein langgezogener Ruf in Wiederholung geäußert, etwa wie „ruh“. Der Warnruf ist ein kurzes, einsilbig betontes „hu“. Zur Verständigung untereinander werden auch andere Laute benutzt. Mit dem Kropf werden laute oder leise Klack-Geräusche erzeugt. Durch Zittern reiben die Federn aneinander und erzeugen ein raschelndes Geräusch. Während des Balzfluges wird mehrmals schnell mit den Flügeln geklatscht, was auch der Reviermarkierung dient. Die Jungen betteln mit hellen Fiep-Tönen während des Fütterns.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitung der Straßentaube. Dunkelrot: natürliches Verbreitungsgebiet der Felsentaube Hellrot: eingeführte Populationen Der Lebensraum der Stadttauben sind die Städte auf der ganzen Welt. Stadttauben kommen aber auch außerhalb von Städten vor, vor allem in vom Menschen veränderten Gebieten. Als Abkömmling der Felsentaube, deren Lebensraum Felsenküsten und Höhlen sind, ist der Stadttaube ein Brüten auf Bäumen normalerweise nicht möglich (es kommen sehr selten, als Ausnahme, Baumbruten auf Straßenbäumen vor), sie ist auf Häuser, Mauern, Brücken, Balkone usw. als Felsenersatz angewiesen.

Ernährung Wie ihre wilden Verwandten und alle verwandten Taubenarten sind Stadttauben primär Körner- und Samenfresser, die sich hauptsächlich von Getreide- und Leguminosensaaten ernähren, aber je nach Angebot opportunistisch eine Vielzahl von Nahrungsquellen nutzen können. Ernährung durch Insekten, Schnecken und Würmer kommt gelegentlich ergänzend vor, ist aber quantitativ bedeutungslos. Stadttauben-Populationen verfolgen, je nach lokalem Nahrungsangebot, dabei zwei unterschiedliche Strategien zur Nahrungsversorgung. Entweder fliegen in der Stadt brütende Tauben ins ländliche Umland, wo sie sich auf Äckern von Getreide und anderen Saaten ernähren, oder sie suchen sich direkt in der Stadt ihr Futter. Futtersuche an Lagern, Getreidespeichern, Häfen und anderen Umladeplätzen vereint Merkmale beider Strategien. Die Brutperiode und der Bruterfolg korrelieren dabei in hohem Maße mit dem saisonalen Nahrungsangebot. Zusätzlich nehmen Tauben Erde oder Steinchen auf, die als Gastrolithen dienen, aber vermutlich auch die Mineralstoffversorgung verbessern. In Städten werden Stadttauben oft zusätzlich zum selbst gesuchten Nahrungsangebot, das hier auch Abfälle umfasst, gezielt von Tierfreunden gefüttert. Weltweit betrachtet sind zwar nur wenige Stadttauben-Populationen auf diese Nahrungsquelle angewiesen, sie kann aber, insbesondere bei sehr hohen Dichten in Stadtzentren, lokal ausschlaggebend sein.Richard F. Johnston, Marián Janiga: Feral Pigeons. Oxford University Press, New York / Oxford 1995, ISBN 0-19-508409-8, darin Kap. 11: Diet.

Stadttauben schließen sich normalerweise bei der Nahrungssuche zu Schwärmen zusammen. Solche Nahrungsschwärme sind keine zufälligen Aggregationen, sondern die Vögel interagieren sozial miteinander, zum Beispiel sind Dominanzhierarchien beim Zugang zur Nahrung nachgewiesen. Die Tiere eines Nahrungsschwarms entsprechen dabei nicht denjenigen einer bestimmten Brutkolonie, diese können sich unterschiedlichen Schwärmen anschließen. Auch zum Rasten bevorzugen Stadttauben Kontakt zu Artgenossen, wobei auch Rastschwärme unabhängig in ihrer Zusammensetzung sind. Nahrungsschwärme können mehrere Kilometer gemeinsam bekannte, ergiebige Nahrungsquellen anfliegen, wobei einzelne Individuen den Schwarm auf bisher unbekannte Quellen „anlernen“ können.Richard F. Johnston, Marián Janiga: Feral Pigeons. Oxford University Press, New York / Oxford 1995, ISBN 0-19-508409-8, darin Kap. 15: Social behavior.

Fortpflanzung und Lebenserwartung Weibchen können sich schon im Alter von fünf Monaten paaren. Die erste Brut ist bereits im Alter von sechs Monaten möglich. Der größte Teil der Stadttauben brütet im zweiten Kalenderjahr. Meistens leben die Partner in lebenslanger Monogamie. Die Brutpaare halten sich das ganze Jahr über im Brutgebiet auf. Die Männchen besetzen ein Nestrevier, das mehrere Nistplätze beinhalten kann und meist lebenslang behalten wird. Der Tauber lockt das Weibchen durch Rufe zum Nistplatz auf Simsen, im Inneren von Höhlen, Löchern in Felswänden oder vergleichbaren Stellen an Gebäuden, mitunter auch in geschlossenen Räumen, die durch Fenster und dergleichen erreicht werden.

Das Nest wird von beiden Geschlechtern gebaut, wobei das Männchen das Nistmaterial einträgt, und besteht meist aus einer dünnen Schicht aus Zweigen, Wurzeln, Halmen, Federn, Papier- und Kunststofffetzen, seltener auch aus Draht oder ähnlichem. Oft werden die Eier auch ohne Unterlage auf den nackten Boden des Brutplatzes gelegt. Ältere Brutplätze sind mit einer dicken Schicht Taubenkot bedeckt. Die Brutzeit dauert durchschnittlich etwa 17 bis 18 Tage. Die Hauptbrutzeit liegt in Mitteleuropa meist in der Zeit von März bis August oder bis in den Oktober, jedoch sind Bruten im Herbst und Winter nicht ungewöhnlich. Sie sind in Großbritannien häufig und kommen auch in Norwegen und Finnland vor.

Im Normalfall finden zwei bis vier Bruten pro Jahr statt, doch können bis zu sechs vollständige Bruten vorkommen. In Großbritannien werden von sieben bis neun Gelegen nur drei bis sechs vollendet. Bei Verlust des Geleges kann in 10 bis 14 Tagen ein Nachgelege erzeugt werden. Das Gelege besteht fast immer aus zwei Eiern, mitunter aus einem, sehr selten aus dreien. Die Eier sind spindelförmig, oval, weiß und leicht glänzend. Sie sind 34 bis 42 Millimeter lang und 26 bis 31 Millimeter breit. Sie werden im Abstand von 48 Stunden gelegt und 17 bis 18 Tage lang von beiden Partnern bebrütet, beginnend ab dem ersten Ei.

Nach dem Schlupf werden die Nestlinge anfänglich häufig gehudert und von beiden Partnern mit Kropfmilch gefüttert. Mit zunehmendem Alter werden sie tagsüber von den Eltern allein im Nest zurückgelassen und nur etwa viermal am Tag gefüttert. Die Eltern suchen derweil das Zweitnest auf und beginnen bereits mit einer neuen Brutfolge. Im Alter von 23 bis 25 Tagen verlassen die Jungen das Nest. Mit 30 bis 35 Tagen sind sie voll flugfähig und unabhängig. Sie bleiben jedoch in der Nähe und verlassen den Familienverband erst viel später, wenn der eigene Partner gefunden wurde.

In Stadtkernen liegt die Jungensterblichkeit bei bis zu 90 % im ersten Lebensjahr. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt zwei bis drei Jahre. Unter optimalen Bedingungen können aber auch Stadttauben ein Alter von mehr als zehn Jahren erreichen.

Von Tierschützern wird immer wieder vorgebracht, satte Tauben hätten nicht mehr Nachwuchs als hungrige, die Vermehrungsrate hinge also nicht von einer Taubenfütterung ab. Allerdings stellten Birte Stock und Daniel Haag-Wackernagel in einer sehr aufwändigen Studie zum plötzlichen Entfall einer Hauptfutterquelle im Hafen von Basel fest, dass hungrige Tauben gegenüber gut genährten seltener brüten und in der Folge weniger Jungvögel ausfliegen. In der Untersuchung nahm die Zahl der brütenden Tauben bzw. Paare von 193 auf 145 ab, die Zahl gelegter Eier von 926 auf 503, die Zahl geschlüpfter Jungen von 340 auf 195 und die Zahl flügger Jungen von 240 auf 113, also um mehr als die Hälfte.

Feinde mini|Silbermöwe mit erbeuteter Stadttaube In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes ist die Straßentaube eine Hauptbeute des Wanderfalken,Derek Ratcliffe: The Peregrine Falcon. 2. Auflage. Poyser, London, 1993. ISBN 0-85661-060-7, S. 116ff. des Uhus, der Marder sowie von Katzen. Das Sperber-Weibchen schlägt gelegentlich ebenfalls Tauben.

In Regionen, in denen Silbermöwen leben, müssen Stadttauben besonders vorsichtig sein, da diese nicht nur kleinere Vögel jagen, sondern es sogar mit den größeren Ringeltauben aufnehmen können.

Krankheiten Tauben können unter bakteriellen Erkrankungen (Salmonellose, Ornithose, Tuberkulose, Kokken- und Coli-Infektionen), Mykosen (Aspergillose, Soor) oder Viruskrankheiten (Taubenpocken, Taubenherpes, Paramyxovirusinfektion, Newcastle-Krankheit, Circovirusinfektion, Leukose, Adenovirusinfektion) leiden. Zu den Endoparasiten der Tauben gehören die Kokzidiose, Trichomonadose, Hexamitiasis, Toxoplasmose und diverse Wurmarten. Die meisten der genannten Krankheiten sind nicht taubenspezifisch, sondern kommen ebenso bei anderen Vögeln wie z. B. Singvögeln, Greifvögeln und Geflügel vor.Nancy J. Thomas, D. Bruce Hunter, Carter T. Atkinson (Hrsg.): Infectious Diseases of Wild Birds. Blackwell Publishing, Ames (Iowa) 2007, ISBN 978-0-8138-2812-1. Infektionskrankheiten beim Menschen durch Tauben (Zoonosen) treten nur selten auf.World Health Organisation (WHO), Regional Office for Europe 2008: Public health significance of urban pests (PDF; 3,5 MB).D. Haag-Wackernagel, H. Moch: Health hazards posed by feral pigeons. In: Journal of Infection 2004; 48(4), S. 307–313. Meist sind Personen mit geschwächtem Immunsystem betroffen. Infektionsquelle ist hierbei häufig das Einatmen von getrocknetem infiziertem Taubenkot.

Eine wichtige Viruserkrankung der Tauben, wie vieler anderer Vögel, sind Paramyxoviridae, die die sogenannte Newcastle-Krankheit (auch: atypische Geflügelpest) auslösen, sie können diese auf Geflügelbestände in menschlicher Obhut übertragen. Eine Gefahr für den Menschen besteht im Normalfall aber nicht.