Das pyogene Granulom (lat Granuloma pyogenicum) ist ein erworbener gutartiger vaskulärer HauttumorA. Vilmann u. a.: Pyogenic granuloma: evaluation of oral conditions. In: Br J Oral Maxillofac Surg 24, 1986, S. 376–382. PMID 2945586 aus der Gruppe der Hämangiome. Es handelt sich um eine exophytische Gefäßproliferation.
miniatur|Ein pyogenes Granulom in frühem Stadium an einem Finger. miniatur|Multiples pyogenes Granulom am Penis eines Vierjährigen (ventrale Sicht).C. Spinelli: Multiple pyogenic granuloma of the penis in a four-year-old child: a case report. In: Cases J 2, 2009, 7831. PMID 19918487 miniatur|Gleicher Patient (dorsale Sicht). miniatur|Ein großes pyogenes Granulom am linken Oberschenkel einer 28-jährigen Patientin mit HIV. miniatur|Der gleiche Oberschenkel fünf Monate nach der Behandlung. miniatur|Ein pyogenes Granulom am Gaumen eines 16-jährigen Patienten.
Dieser stark proliferierende Tumor (eine Hyperplasie) wird häufig als maligner Tumor (Krebs) fehlgedeutet. Das pyogene Granulom hat kein spezifisches histologisches Erscheinungsbild. Daher erhielt es in der Vergangenheit eine Vielzahl von Namen, unter anderem Granuloma pediculatum, Pediculatum, Epulis granulomatosa, Granuloma teleangiectaticum, Epulis angiomatosa, Wundgranulom, Stielknollen, Teleangiectaticum, Pseudobotryomykom, teleangiektatisches Wundgranulom, eruptives Angiom und proliferierendes Angiom.M. Grosskopf: Der „Schwangerschaftstumor“ der Gingiva. Dissertation, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2005
Die weit verbreitete Bezeichnung pyogenes Granulom ist ein Namensirrtum (Misnomer), da es sich nicht um eine Infektion bakterieller Natur (pyogen = ‚Eiter bildend‘), sondern um eine entzündliche Hyperplasie handelt. Auch die Bezeichnung Granulom ist genau genommen falsch.H. Jafarzadeh u. a.: In: J Oral Sci 48, 2006, S. 167–175. PMID 17220613 (Review)
Einige Autoren bevorzugen daher die Bezeichnung lobuläres kapilläres Hämangiom (engl. lobular capillary hemangioma, LCH)P. M. Nthumba: Giant pyogenic granuloma of the thigh: a case report. In: Journal of Medical Case Reports 2008, 2:95. PMID 18377654 (Open Access), während andere Autoren beim pyogenen Granulom zwei Unterarten unterscheiden: besagtes lobuläres kapilläres Hämangiom und einen Nicht-LCH-Typ (non-LCH). Beide Subtypen unterscheiden sich in ihrer Histologie.
Verbreitung und Inzidenz Das pyogene Granulom kann sowohl bei Männern als auch bei Frauen in jeder Altersklasse auftreten. Gehäuft tritt es in der zweiten und dritten Altersdekade auf. Bei hellhäutigen Menschen liegt die Prävalenz mit 86,4 Prozent deutlich höher als bei dunkelhäutigen (6,2 Prozent) und asiatischen (0,8 Prozent).S. N. Bhaskar und J. R. Jacoway: Pyogenic granuloma - clinical features, incidence, histology, and result of treatment: report of 242 cases. In: J Oral Surg 24, 1966, S. 391–398. PMID 5220911
Da das pyogene Granulom häufig während einer Schwangerschaft auftritt, wird es in diesen Fällen auch Schwangerschaftstumor (Granuloma gravidarum bzw. Epulis gravidarum) genannt. Die während einer Schwangerschaft veränderten Hormonspiegel der Frau erhöhen die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung eines lobulär kapillären Hämangioms. Für die Prävalenz eines Schwangerschaftstumors werden, je nach Studie, sehr unterschiedliche Werte von 0,2 bis 14 % angegeben.
Das pyogene Granulom ist ein Hauttumor. Sehr selten findet es sich im Gastrointestinaltrakt – mit Ausnahme der Mundhöhle. Die Inzidenz für orale pyogene Granulome ist sehr hoch.
Ätiologie Der genaue Pathomechanismus, der zu einem pyogenen Granulom führt, ist noch weitgehend ungeklärt. Wunden, lokale Reizungen, bestimmte ArzneimittelR. A. Miller u. a.: Multiple granulation tissue lesions occurring in isotretinoin treatment of acne vulgaris - successful response to topical corticosteroid therapy. In: Journal of the American Academy of Dermatology 12, 1985, S. 888–889. PMID 3159762 oder auch hormonelle Veränderungen sind prinzipiell in der Lage die Tumorbildung zu initiieren.
Viele Patienten geben an, dass sie an der Stelle, an der sich bei ihnen ein pyogenes Granulom gebildet hat, früher eine Verletzung oder Irritation hatten.M. Mooney und C. Janniger: Pyogenic granuloma. In: Cutis 55, 1995, S. 133–136. PMID 7634842 (Review) Beispielsweise können sich nach einer Beschneidung pyogene Granulome bilden.C. EVANS: Pyogenic granuloma; multiple local recurrence following excision. In: Proceedings of the Royal Society of Medicine. Band 47, Nummer 12, Dezember 1954, S. 1063–1065, PMID 13237197, . Auch Verbrennungen zweiten Grades können Jahre später die ortsgleiche Entwicklung pyogener Granulome begünstigen.M. Ceyhan u. a.: Pyogenic granuloma with multiple dissemination in a burn lesion. In: Pediatric Dermatology 14, 1997, S. 213–215. PMID 9192415 Feuermale (Naevus flammeus) sind ein oft zu beobachtender Ausgangspunkt für ein pyogenes Granulom.D. J. Sheehan und J. L. Lesher: Pyogenic granuloma arising within a port-wine stain. In: Cutis 73, 2004, S. 175–180. PMID 15074345 (Review) Offensichtlich begünstigen die fehlgebildeten Blutgefäße im Naevus flammeus deren Entstehung.
Längere Zeit vermutete man, dass Humane Papillomviren bei der Genese des pyogenen Granuloms eine Rolle spielen würden. Mittels Polymerase-Kettenreaktion ließen sich allerdings keine Viren der HPV-Typen 6, 11, 16, 31, 33, 35, 42 oder 58 nachweisen.A. Miller u. a.: The role of human papillomavirus in the development of pyogenic granulomas. In: International Journal of Dermatology 36, 1998, S. 673–676. PMID 9352408
Die induzierbare NO-Synthase (iNOS),K. Shimizu u. a.: Inducible nitric oxide synthase is expressed in granuloma pyogenicum. In: British Journal of Dermatology 138, 1998, S. 769–773. PMID 9666820 der Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF),R. Bragado u. a.: Increased expression of vascular endothelial growth factor in pyogenic granulomas. In: Acta Dermato-Venereologica 79, 1999, S. 422–425. PMID 10598753 der Fibroblast Growth Factor (FGF)K. Hagiwara u. a.: Mast cell "densities" in vascular proliferations: a preliminary study of pyogenic granuloma, portwine stain, cavernous hemangioma, cherry angioma, Kaposi's sarcoma, and malignant hemangioendothelioma. In: The Journal of Dermatology 26, 1999, S. 577v586. PMID 10535252 und der Connective Tissue Growth Factor (CTGF)C. Bachmeyer u. a.: Pyogenic granuloma of the tongue in chronic graft versus host disease. In: Annales de Dermatologie et de Vénéréologie 123, 1996, S. 552–554. PMID 9615106 (Artikel in Französisch) spielen für die Angiogenese und das Wachstum eines pyogenen Granuloms eine wesentliche Rolle.
Während einer Schwangerschaft finden komplexe, bisher noch nicht vollständig verstandene Veränderungen an den Blutgefäßen statt. Neben einem pyogenen Granulom werden beispielsweise vermehrt Naevi aranei (Spinnennävi), Glomustumoren oder Ödeme (speziell im Gesicht und in den Beinen) gebildet. Die meisten dieser Erscheinungen bilden sich nach dem Ende der Schwangerschaft wieder zurück – auch das Granuloma gravidarum (Schwangerschaftstumor).F. Henry u. a.: Blood vessel changes during pregnancy: a review. In: American Journal of Clinical Dermatology 7, 2006, S. 65–69. PMID 16489843 (Review) Mangelnde Mundhygiene während der Schwangerschaft erhöht signifikant die Wahrscheinlichkeit für ein pyogenes Granulom.G. T. Terezhalmy u. a.: Pyogenic granuloma (pregnancy tumor). In: Quintessence Int 31, 2000, S. 440–441. PMID 11203964 In vielen Fällen lässt – aus unterschiedlichen Gründen – während einer Schwangerschaft die Mundhygiene nach, so dass sich unter anderem vermehrt Zahnstein bilden kann. Eine Gingivitis bekommen etwa 35 bis 50 % aller Schwangeren während ihrer Schwangerschaft.R. P. Levin: Pregnancy gingivitis. In: J Md State Dent Assoc 30, 1987, S. 27. PMID 3473151
Bestimmte Medikamente, wie beispielsweise Retinoide der ersten Generation (Isotretinoin) zur Behandlung von Akne, stehen im Verdacht, in bestimmten Fällen pyogene Granulome auslösen zu können.M. A. Dawkins u. a.: Pyogenic granuloma-like lesion associated with topical tazarotene therapy. In: Journal of the American Academy of Dermatology 43, 2000, S. 154–155. PMID 10863244A. Türel u. a.: A rare side-effect of systemic isotretinoin treatment: pyogenic granuloma. In: Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology 17, 2003, S. 609–611. PMID 12941114
Beschreibung Haupttypen Typisch für das Granuloma pyogenicum sind das schnelle Wachstum des Tumors mit Ausbildung eines roten Knotens, der im weiteren Verlauf des Wachstums zur Basis hin abgeschnürt ist (pilzförmige Struktur). Der Durchmesser liegt in den meisten Fällen zwischen 10 und 30 mm. Der Tumor ist selten größer und tritt meist nur einzeln auf. Eine Satellitose wird nur sehr selten beobachtet. Zum gesunden Gewebe besteht eine scharfe Abgrenzung. Die Oberfläche des meist weichen kugeligen Tumors ist in vielen Fällen zerklüftet und verkrustet, da sie leicht zum Nässen oder Bluten neigt. Im späten Stadium neigt der Tumor zu sekundären Ulzerationen.H. Kutzner: Gefäßtumoren. In: Dermatologie und Venerologie. O. Braun-Falco und H. H. Wolff (Herausgeber), Verlag Springer, 2005, ISBN 3-540-40525-9, S. 1352. Der Tumor selbst verursacht in der Regel keine Schmerzen.P. Altmeyer: Enzyklopädie der Dermatologie, Venerologie, Allergologie, Umweltmedizin. Verlag Springer, 2009, ISBN 3-540-89542-6
Bevorzugt bildet sich ein Granuloma pyogenicum an den Extremitäten, im Kopf-Hals-Bereich und den oro-nasalen Schleimhäuten. Entsprechend ist es häufig auf den Lippen, der Kopfhaut, im Gesicht, an Fingerkuppen, der Zunge, der Innenhand und den Zehen zu finden. Gelegentlich kann auch der Penis betroffen sein.K. M. Eickhorst u. a.: Pediatric pyogenic granuloma of the glans penis. In: Urology 61, 2003, S. 644. PMID 12639669 (Review) Ein Schwangerschaftstumor entsteht dagegen fast ausschließlich in der Mundhöhle.J. C. Smulian u. a.: Non-oral pyogenic granuloma in pregnancy: a report of two cases. In: Obstetrics & Gynecology 84, 1994, S. 672–674. PMID 9205444
Sehr selten findet sich ein Granuloma pyogenicum auch an anderen Organen, wie beispielsweise Leber,F. Abaalkhail u. a.: In: Hepatobiliary Pancreat Dis Int 8, 2009, S. 323–325. PMID 19502177 (Review) des Dünndarms,D. C. Moffatt, P. Warwryko, H. Singh: Pyogenic granuloma: an unusual cause of massive gastrointestinal bleeding from the small bowel. In: Canadian journal of gastroenterology = Journal canadien de gastroenterologie. Band 23, Nummer 4, April 2009, S. 261–264, PMID 19373418, (Review). des MagensA. Kusakabe u. a.: Pyogenic granuloma of the stomach successfully treated by endoscopic resection after transarterial embolization of the feeding artery. In: J Gastroenterol 40, 2005, S. 530–535. PMID 15942720 (Review) des Colon sigmoideum (der letzte Abschnitt des Dickdarms)M. C. González-Vela u. a.: Pyogenic granuloma of the sigmoid colon. In: Ann Diagn Pathol 9, 2005, S. 106–109. PMID 15806519 (Review) bzw. überhaupt im Gastrointestinaltrakt.A. Malhotra u. a.: Clinical challenges and images in GI. Diagnosis: Gastric pyogenic granuloma. In: Gastroenterology 136, 2009, S. 1463. PMID 19250652 (Review)
Spontane Regressionen (Zurückbildungen) sind – mit Ausnahme des Schwangerschaftstumors (Granuloma gravidarum) – sehr selten. Bei unvollständiger Entfernung ist die Rezidivrate sehr hoch.
Subtypen Es sind mehrere seltene Subtypen des Granuloma pyogenicum bekannt. Dazu zählen: die subkutane intravasale VarianteR. R. Fortna und J. M. Junkins-Hopkins: A case of lobular capillary hemangioma (pyogenic granuloma), localized to the subcutaneous tissue, and a review of the literature. In: The American Journal of Dermatopathology 29, 2007, S. 408–411. PMID 17667179 (Review) das eruptive Granuloma pyogenicum und das Granuloma pyogenicum mit Satellitose.
Differentialdiagnose