Wilhelm Jost (* 28. Februar 1887 in Zwickau; † 15. August 1948 im Wolsker Lazarett bei Saratow (Sowjetunion); geboren als Willy Jost, änderte seinen Vornamen nach dem Studium in Wilhelm,Kurt Reinschke, Matthias Lienert, Mike Schmeitzner: Wilhelm Jost. „Führer-Rektor“ der TH Dresden. In: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein Verlag, Dresden 2012, ISBN 978-3-942422-85-7, S. 228, Fn. 3. beerdigt als Willi August Jost, laut GND Wilhelm Hermann Jost) war ein deutscher Architekt und Hochschullehrer.

Leben Jost studierte von 1906 bis 1910 an der Technischen Hochschule Dresden und an der Technischen Hochschule Stuttgart u. a. bei Paul Schmitthenner. Später arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros in Stuttgart, es entstanden Entwürfe zu Einfamilienhäusern, öffentlichen Bauten und zahlreiche Kirchbauten im Großraum von Stuttgart. 1916 legte er das 2. Staatsexamen ab und wurde zum Regierungsbaumeister (Assessor in der öffentlichen Bauverwaltung) ernannt, 1919 wurde er wissenschaftlicher Assistent und schließlich 1922 Dozent an der Technischen Hochschule Stuttgart unter Schmitthenner. Ab 1924 lehrte er dort als außerordentlicher Professor, ab 1926 als Ordinarius für Baukonstruktionen. Seit 1920 war er verheiratet mit der (Glas-)Malerin Lydia Jost-Schäfer (1882–1965). Von 1925 bis 1926 war Jost als Bausachverständiger des württembergischen Vereins für christliche Kunst tätig.

Etwa ab 1926/1927 war er parallel in Dresden und Stuttgart tätig. Er schuf Entwürfe für öffentliche Bauten (Schulen), Kirchen und Einfamilienhäuser. Von 1928 bis 1945 war Jost Professor für Bauformen und Gebäudelehre an der Technischen Hochschule Dresden. In diesem Zeitraum wirkte er u. a. an Projekten innerhalb der Gartenstadt Hellerau bei Dresden mit. 1933 wurde sein Wettbewerbsentwurf für den Wiederaufbau des Alten Schlosses Stuttgart mit einem 3. Preis ausgezeichnet. (Preis siehe S. 54) Im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.

mini|Wilhelm Josts 1936 an der Loschwitzer Knoopstraße erbautes Dresdner Wohnhaus Zum 1. Januar 1933 trat Jost in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 1.439.816).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/18520275 Am 5. September 1933 schloss er sich außerdem der SA als Anwärter an, auf die er am 20. Juni 1934 vereidigt wurde. Ohne aktiven Dienst wurde er in ihr am 1. Mai 1937 Sturmführer, am 30. Januar 1939 Obersturmführer und schließlich 1941 Hauptsturmführer der SA. Der Öffentlichkeit verborgen verblieb seine ab 1936 ausgeübte geheimdienstliche Tätigkeit für den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD).

Am 1. April 1937 wurde Jost vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, im Einvernehmen mit dem sächsischen NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter Martin Mutschmann zum Rektor der Technischen Hochschule Dresden berufen und wirkte in dem nationalsozialistischen Amtsverständnis als „Führer-Rektor“.Kurt Reinschke, Matthias Lienert, Mike Schmeitzner: Wilhelm Jost. „Führer-Rektor“ der TH Dresden. In: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein Verlag, Dresden 2012, ISBN 978-3-942422-85-7, S. 231. Von 1943 bis 1945 wirkte er zudem als nebenamtlicher Gründungsrektor der Technischen Hochschule Linz. In dieser Position setzte er sich im Sinne der NS-Ideologie ein für „die Notwendigkeit, den Geist der Front in die Hochschule zu tragen“. 1944/1945 gehörte er dem Führungskreis des NS-Dozentenbundes an.Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. (= Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Band 6.) Synchron, Heidelberg 2004, ISBN 3-935025-68-8, S. 86.

Am 13. Januar 1946 wurde Jost inhaftiert; als Verhaftungsgründe sind angegeben: Aktives NSDAP-Mitglied, SA-Sturmbannführer, Rektor der Technischen Hochschule Dresden.Kurt Reinschke, Matthias Lienert, Mike Schmeitzner: Wilhelm Jost. „Führer-Rektor“ der TH Dresden. In: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein Verlag, Dresden 2012, ISBN 978-3-942422-85-7, S. 235. Er kam am 19. Februar 1946 in das Speziallager Mühlberg und wurde von hier aus am 7. August 1946 zunächst in ein Kriegsgefangenenlager in Frankfurt (Oder) und von dort in das Kriegsgefangenenlager 349 für deutsche Kriegsgefangene in Libava in Lettland deportiert, wo er am 18. September 1946 ankam. Von dort wurde er dann am 14. Dezember 1947 in ein Speziallazarett des Internierungslagers in Morschansk in der Sowjetunion verlegt und kam am 21. Mai 1948 schließlich in eines in Wolsk bei Saratow. Jost starb dort 1948 und wurde auf dem Friedhof in Wolsk begraben.

Bauten und Entwürfe mini|Neues Jägerhaus am Jagdschloss Grillenburg

1922: Wohnhaus für die Schriftstellerin Annette Kolb in Badenweiler (als Mitarbeiter von Paul Schmitthenner) 1925: Renovierung der evangelischen Kirche zum Heiligen Kreuz, Sankt Peter und Genovefa in Ellhofen 1925: Evangelische Kirche in Alfdorf-Hellershof 1925: Renovierung der evangelischen Kirche in Herrenberg-Kayh 1925: Erweiterung der evangelischen Johanneskirche in Lenningen-Schopfloch 1925: Renovierung der evangelischen Klosterkirche in Michelfeld-Gnadental 1926: Renovierung der evangelischen St.-Ägidius-Kirche in Weinstadt-Großheppach 1926: Renovierung der evangelischen Stephanuskirche in Herrenberg-Kuppingen 1926: Entwurf der evangelischen Kirche in Ravensburg-Bavendorf (Ausführung durch Architekt Hermann Kiderlen)vgl. Liste der Kulturdenkmale in RavensburgM. Kautzsch: Württembergische Kleinkirchen. In: Kunst und Kirche, Jahrgang 1938, Heft 3. 1927: Evangelische Pauluskirche in Fellbach 1927: Evangelisches Gemeindehaus in Schönaich 1927: Evangelische Christuskirche in Waldachtal-Hörschweiler 1928: Evangelische Kirche in Esslingen-Liebersbronn (heute als Gemeindehaus genutzt) 1928: Evangelische Kirche in Herrenberg-Affstätt 1929: Renovierung der Heilig-Kreuz-Kirche in NürtingenHrsg.: Adolf Muesmann, Verlag: Julius Hoffmann Stuttgart, 1932, S. 46 ff. 1933: Bebauungsplan für die Holzhaussiedlung Am Sonnenhang in Hellerau 1935–1936: Kameradschaftshaus des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds in Dresden-Räcknitz, Helmholtzstraße / MommsenstraßeListe der Kulturdenkmale in RäcknitzHans Henninger: Architekt Wilhelm Jost. Kameradschaftshaus des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes in Dresden. In: Deutsche Bauzeitung, 71. Jahrgang 1937, S. 138–143. 1936: eigenes Wohnhaus in Dresden-Loschwitz, Knoopstraße 6 1936: Wohnhaus für Prof. Max Otto Lagally in Dresden-Loschwitz, Knoopstraße 10 Bernhard Sterra et al.: Dresden und seine Architekten. Strömungen und Tendenzen 1900–1970. Verlag der Kunst Dresden, Husum 2011, S. 187 1938–1939: Villa in Dresden-Loschwitz, Kügelgenstraße 8 1938–1939: Neues Jägerhaus in Grillenburg im Tharandter Wald

Quellen Nachlass von Wilhelm Jost im Universitätsarchiv der Technischen Universität Dresden, zuletzt abgerufen am 16. Juli 2020

Schriften Das Siedlerhaus in der kleingärtnerischen Siedlung. Prof. W. Jost, In: Die Umstellung im Siedlungswesen. Vorbereitung, Durchführung und Ertragsberechnung der neuen vorstädtischen Kleinsiedlungen und Kleinbauernstellen. Hrsg.: Adolf Muesmann, Verlag: Julius Hoffmann Stuttgart, 1932, S. 46 ff.

Literatur

Michael Jaensch, Ulrich Kluge: Wilhelm Jost 1887–1948. Über das Verhältnis von Politik und Architektur in Dresden. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden, Thematische Reihe 45 (1996), Nr. 3, S. 27–33. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2003, S. 290. Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. (= Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, Band 6.) Synchron, Heidelberg 2004, ISBN 3-935025-68-8, S. 86. Bernhard Sterra: Dresden und die Stuttgarter Schule. In: Kai Krauskopf, Hans-Georg Lippert, Kerstin Zaschke (Hrsg.): Neue Tradition. Konzepte einer antimodernen Moderne in Deutschland von 1920 bis 1960. Dresden 2009. Kurt Reinschke, Matthias Lienert, Mike Schmeitzner: Wilhelm Jost. „Führer-Rektor“ der TH Dresden. In: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein Verlag, Dresden 2012, ISBN 978-3-942422-85-7, S. 228–237.

Weblinks

Informationen zu Wilhelm Jost in der Datenbank historismus.net (2022 offline) Informationen über zwei Bauwerke von Wilhelm Jost im Heimatschutzstil auf das-neue-dresden.de Wilhelm Jost auf der Seite des Universitätsarchivs der Technischen Universität Dresden

Einzelnachweise

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