mini|Robert Walpole, 1740

Robert Walpole, 1. Earl of Orford, KG, KB, PC (* 26. August 1676 in Houghton, Norfolk; † 18. März 1745 in London) war ab 1721 faktisch, ab 1730 auch formell erster Premierminister Großbritanniens, bis zu seinem Rücktritt im Februar 1742.

Walpole, der Mitglied der Whigpartei war, diente während der Regierungszeit der Könige Georg I. und Georg II. Seine Amtszeit wird normalerweise von 1721 an gerechnet, dem Zeitpunkt, als er das Amt des Lord High Treasurer übernahm. Aber auch das Jahr 1730 wird als Beginn seiner Amtszeit genannt. Dies war der Zeitpunkt, als Charles Townshend, 2. Viscount Townshend, in Pension ging und Walpole Vorsitzender des Kabinetts wurde. Dieser Disput über die Länge seiner Amtszeit rührt nicht zuletzt daher, dass es zur damaligen Zeit offiziell noch kein Amt eines so genannten Premierministers gab. Im Februar 1742 endete seine Amtszeit und war damit die längste in der britischen Geschichte (siehe Liste der britischen Premierminister).

Frühe Jahre und Familie mini|hochkant|Sir Robert Walpole

Robert Walpole wurde 1676 auf dem Gut seines Vaters in Houghton, Norfolk, geboren. Sein Vater, Robert Walpole (um 1650–1700), war Colonel der Englischen Armee sowie als Whigpolitiker von 1689 bis 1700 Unterhausabgeordneter für das Borough Castle Rising in Norfolk. Seine Mutter war dessen Gattin Mary Burwell, Erbtochter des Sir Geoffrey Burwell, Gutsherr von Rougham in Suffolk. Robert war das dritte von 17 Kindern, wovon acht schon im Säuglingsalter starben. Damit war Walpole der Premierminister mit den meisten Geschwistern.

Seine Ausbildung erhielt Robert zwischen 1690 und 1695 am Eton College. 1696 begann er ein Studium am King’s College der Universität Cambridge. 1698 verließ er die Universität wieder, da sein einziger älterer Bruder gestorben war und er seinem Vater bei der Verwaltung des Familienbesitzes helfen musste. Bis dahin hatte Walpole geplant Geistlicher zu werden; nun (da er als ältester Sohn den Familienbesitz erben würde) verwarf er diesen Plan.

Am 30. Juli 1700 heiratete er Catherine Shorter (um 1682–1737), Tochter des John Shorter, Gutsherr von Bybrook in Kent, mit der er zwei Töchter und vier Söhne hatte: Robert Walpole, 2. Earl of Orford (1701–1751), 1723 1. Baron Walpole, ⚭ 1724 Margaret Rolle, 15. Baroness Clinton (1709–1781); Lady Katherine Walpole (1703–1722); Horatio Walpole (1704–1704); Lady Mary Walpole (1705–1732), ⚭ 1723 George Cholmondeley, 3. Earl of Cholmondeley (1703–1770); Hon. Sir Edward Walpole (1706–1784), MP, Chief Secretary of Ireland; seine uneheliche Tochter Maria heiratete später in die königliche Familie ein als Ehefrau von William Henry, Duke of Gloucester and Edinburgh, dem Bruder von König George III.; Horace Walpole, 4. Earl of Orford (1717–1797), MP, Schriftsteller und Architekt; er gilt als der Begründer der „Gothic Novel“.

Nachdem seine erste Gattin im August 1737 gestorben war, heiratete Robert Walpole in zweiter Ehe am 3. März 1738 seine Geliebte Maria Skerritt († 4. Juni 1738) aus London. Sie lebten offiziell schon seit etwa 1724 zusammen in Richmond, Yorkshire, Houghton Hall und London. Sie hatten zusammen eine uneheliche Tochter, die später als Lady Mary Walpole in den protokollarischen Rang der Tochter eines Earls erhoben wurde und den Unterhausabgeordneten und Colonel Charles Churchill (um 1720–1812) heiratete.

Frühe politische Karriere Walpoles politische Laufbahn begann im Januar 1701, als er bei den Wahlen zum Unterhaus des englischen Parlaments als Abgeordneter für das Borough Castle Rising gewählt wurde. Diesen Wahlkreis hatte zuvor sein (drei Monate vorher gestorbener) Vater vertreten. Zu den Unterhauswahlen 1702 wechselte er den Wahlkreis und wurde Abgeordneter für das Borough King’s Lynn. Dort wurde er dann bei jeder Wahl in den zukünftigen 40 Jahren wiedergewählt.

Wie sein Vater war Robert Walpole ein überzeugter Anhänger der Whigs im Parlament damals einer Mehrheit der Torypartei gegenüberstanden. Im Jahre 1705 wurde Walpole Mitglied des Rates des Lord High Admiral, eines Gremiums, das über Marineangelegenheiten wachte. Dieses Amt wurde damals von Prinz Georg von Dänemark bekleidet, dem Ehemann der englischen Königin Anne. Schnell erkannte man Walpoles Verwaltungsfähigkeiten, und er wurde 1708 von Sidney Godolphin, 1. Earl of Godolphin, dem Lord High Treasurer und Kabinettschef, zum Kriegsminister ernannt. Für kurze Zeit war er auch Treasurer of the Navy.

Walpoles Dienste in diesen Ämtern machten ihn zu einem engen Berater von John Churchill, 1. Duke of Marlborough, der damals Oberkommandierender der britischen Streitkräfte im Spanischen Erbfolgekrieg und ein einflussreicher Politiker war. Walpole wurde schnell eines der einflussreichsten Kabinettsmitglieder.

Trotz seines Durchsetzungsvermögens gelang es ihm nicht, Lord Godolphin und die Whigs daran zu hindern, auf eine Anklage gegen Henry Sacheverel (1674–1724) zu drängen. Sacheverel war ein anglikanischer Priester, der in seinen Predigten polemisch gegen die Whigs wetterte. Dass ein Prozess eröffnet wurde, machte die Whigs landesweit ziemlich unbeliebt und führte nicht zuletzt zum politischen Niedergang des Duke of Marlborough und der Whigs bei der Wahl von 1710. Die neue Toryregierung unter der Leitung von Robert Harley entfernte Walpole aus dem Amt des Kriegsministers, erlaubte ihm aber, bis zum 2. Januar 1711 Treasurer of the Navy zu bleiben. Harley versuchte ihn zu überreden, Mitglied der Tories zu werden, aber Walpole lehnte ab und wurde stattdessen eines der öffentlichkeitswirksamsten Mitglieder der Whigs in der Opposition.

Er verteidigte Lord Godolphin gegen Angriffe der Tories in Parlamentsdebatten und der Presse. Verärgert über diese Angriffe planten die Tories, ihn zusammen mit dem Duke of Marlborough zu ruinieren und in Verruf zu bringen. 1712 behaupteten sie wahrheitswidrig, er habe sich im Amt des Kriegsministers der Korruption schuldig gemacht. Walpole wurde dafür durch das Unterhaus angeklagt und von der überwältigenden Torymehrheit im Oberhaus für schuldig befunden. Daraufhin wurde er im Tower of London für sechs Monate eingekerkert und vom Parlament ausgeschlossen. Dies schadete letztlich den Tories, da Walpole in der Öffentlichkeit als Opfer eines ungerechten Prozesses angesehen wurde. In der Wahl von 1713 wurde er von seinen Wählern erneut gewählt. Walpole entwickelte eine ausgeprägte Hassbeziehung zu den beiden Tories, die seine Amtsenthebungsklage eingefädelt hatten (Robert Harley (inzwischen 1. Earl of Oxford and Earl Mortimer) und Henry St. John, 1. Viscount Bolingbroke).

Stanhope-Sunderland-Regierung mini|Lord Bolingbroke, politischer Gegner Robert Walpoles

Als 1714 Königin Anne starb, folgte ihr aufgrund des Act of Settlement ein entfernter deutscher Verwandter auf den Thron, Georg, der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, als König Georg I. Georg I. misstraute den Tories, da er glaubte, dass sie seine Thronfolge ablehnten (Der Act of Settlement hatte mehrere ältere Verwandte von Königin Anne aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum römisch-katholischen Glauben von der Thronfolge ausgeschlossen). 1714 war nicht nur das Jahr von Georgs Thronbesteigung, sondern auch der Beginn der Vorherrschaft der Whigs, die 50 Jahre andauern sollte. Robert Walpole wurde ins Privy Council aufgenommen und zum Generalzahlmeister der Armee ernannt. Er war Mitglied des Kabinetts von Charles Montagu, 1. Earl of Halifax, obwohl Walpoles Schwager, Lord Townshend und James Stanhope, 1. Earl Stanhope, die eigentlichen dominierenden Mitglieder des Kabinetts waren. Walpole wurde außerdem Vorsitzender eines Geheimausschusses, der die Vorgänge in den ehemaligen Toryministerien untersuchte. Die Beteiligten an Walpoles Absetzungsverfahren im Jahre 1712 waren nun selbst aus politischen Gründen Angriffen ausgesetzt. Lord Oxford und Lord Bolingbroke wurden abgesetzt und musste sich im Folgejahr einem parlamentarischen Gerichtsverfahren wegen Hochverrats unterziehen.

Lord Halifax, der offizielle Regierungschef, starb im Jahre 1715. Walpole wurde daraufhin zum First Lord High Treasurer und Schatzkanzler befördert. In dieser Position führte er das System des „Sinking fund“ ein, mit dem er die Staatsschulden entscheidend reduzierte. Innerhalb des Kabinetts bildeten sich oft zwei Lager bei der Diskussion über wichtige Themen. Meist standen Walpole und Lord Townshend auf einer Seite, Lord Stanhope und Charles Spencer, 3. Earl of Sunderland, auf der anderen. Hauptstreitpunkt war oft die Außenpolitik, da Walpole und Townshend die Meinung vertraten, König Georg I. denke außenpolitisch mehr an seine deutschen Ländereien als an britische Interessen. Stanhope und Sunderland unterstützten dagegen den König. Townshend wurde 1716 seines Postens als Staatssekretär für den nördlichen Distrikt enthoben und bekam das weniger einflussreiche Amt des Lord Lieutenant of Ireland. Diese Degradierung reichte Stanhope und Sunderland aber nicht und sie schafften es, dass Townshend im April 1717 auch dieses Amt verlor. Daraufhin trat Walpole am nächsten Tag aus dem Kabinett zurück und schloss sich Townshend in der Opposition an. Das neu gebildete Kabinett wurde daraufhin von Sunderland und Stanhope dominiert.

Kurz nach Walpoles Rückzug spaltete ein ernster Familienstreit zwischen König Georg I. und George, Prince of Wales, die königliche Familie. Dies machten sich Walpole und verschiedene Oppositionspolitiker zunutze und kamen in Leicester House, der Residenz des Prince of Wales mit ihm zusammen und schmiedeten politische Pläne. Walpole wurde auch ein enger Freund von Caroline, der Princess of Wales. Im Jahre 1720 stärkte Walpole seine Position auch dadurch, dass er für eine Versöhnung zwischen dem Prince of Wales und dem König sorgte.

Walpole blieb eine einflussreiche Persönlichkeit im Unterhaus, wobei er besonders energisch gegen das Adelstandsgesetz (Peerage Bill) eintrat, das den Einfluss des Königs bei der Ernennung neuer Adliger einschränken sollte. Walpole schaffte es, das Unterhaus dazu zu bringen, das Gesetz 1719 zunächst zeitweise außer Kraft zu setzen und schließlich ganz aufzuheben. Diese Niederlage brachte Lord Stanhope und Lord Sunderland dazu, sich mit ihren Gegnern auszusöhnen. Walpole wurde erneut Generalzahlmeister der Armee und Townshend wurde Lord President of the Council. Durch Walpoles Rückkehr ins Kabinett verlor er allerdings die Gunst des Prince of Wales (dem zukünftigen König Georg II.), der die Regierung seines Vaters missachtete.

Aufstieg mini|250px|Südseeblase

Kurz nach Walpoles Rückkehr ins Kabinett wurde Großbritannien von einer enthusiastischen Spekulationswelle, der Südseeblase, erfasst. Die Regierung hatte einen Plan entworfen, wonach die South Sea Company die Staatsschulden im Austausch gegen gewinnbringende Rentenpapiere übernehmen sollte. Allgemein wurde angenommen, dass die Company enorme Gewinne durch den Handel mit Kleidung, Landwirtschaftsprodukten und Sklaven generieren würde. Viele Leute, einschließlich Walpole, investierten in die Company. Gegen Ende des Jahres 1720 begann der Niedergang der Company, da die Preise ihrer Waren einbrachen. Walpole wurde nur dadurch vor dem finanziellen Ruin bewahrt, dass sein Bankier ihm frühzeitig zum Verkauf seiner Anteile riet.

Im Jahre 1721 untersuchte ein Ausschuss den Skandal und fand heraus, dass viele korrupte Kabinettsmitglieder daran beteiligt waren, darunter der Schatzkanzler John Aislabie, der Postminister James Craggs der Ältere, der Staatssekretär für den südlichen Distrikt, James Craggs der Jüngere und sogar Lord Stanhope und Lord Sunderland. Craggs der Ältere und Craggs der Jüngere fielen in Ungnade und starben bald darauf. Die anderen Kabinettsmitglieder wurden wegen Korruption abgesetzt, Aislabie wurde sogar schuldig gesprochen und inhaftiert. Walpole konnte Stanhope und Sunderland durch persönlichen Einfluss vor Haft bewahren. Dies brachte ihm den Spitznamen „General Schutzpatron“ ein.