mini|hochkant|Klaus Hinrich Stahmer (2011)
Klaus Hinrich Stahmer (* 25. Juni 1941 in Stettin) ist ein deutscher Komponist und Musikwissenschaftler. Er gab der Entwicklung der E-Musik in den 1980er-Jahren Impulse durch seine multimedialen Arbeiten (u. a. Musik mit Klangskulpturen und musikalischen Grafiken). Künstlerisches Neuland erschloss er auch mit seinen der Weltmusik zuzurechnenden Kompositionen für außereuropäische Instrumente.
Biografie Klaus Hinrich Stahmer wurde in Stettin geboren. 1945 floh die Familie vor russischem Militär in den Westen. Während seiner Schulzeit in Lüneburg von 1947 bis 1960 erhielt er Instrumentalunterricht (Violoncello und Klavier) und wirkte als Sänger bei Oratorien- und Chorkonzerten mit. Nach dem Abitur absolvierte er ein breitgefächertes Musikstudium am Dartington College of Arts in England, am Hochschulinstitut für Musik Trossingen und der Musikhochschule Hamburg (Künstlerische Reifeprüfung Musiktheorie, Privatmusiklehrerexamen Violoncello, 1. Staatsexamen Schulmusik an Gymnasien) sowie an der Universität Hamburg und der Universität Kiel. Seine Promotion zum Dr. phil. erfolgte im Jahr 1968 in Kiel. In seiner Dissertation „Musikalische Formung in soziologischem Bezug“ legte Stahmer ein rezeptionsorientiertes Analysemodell vor, welches die gesellschaftlichen Hintergründe der Kammermusik von Johannes Brahms in die kompositionstechnische Betrachtung einbezieht.
Von 1969 bis 2004 war Stahmer als Hochschullehrer für musikwissenschaftliche Fächer (Musikgeschichte, Instrumentationsgeschichte, Formenlehre und Musikethnologie u. a.) an der Hochschule für Musik Würzburg tätig, seit 1977 mit einer Professur.
Wesentliche Impulse gingen von seiner Mitarbeit (1970/80er-Jahre) und Leitung (1989–2004) des Studios für Neue Musik aus. 1976 gründete er in Würzburg das Festival Tage der Neuen Musik, das er bis 2001 leitete. Er weitete seinen Einsatz für die zeitgenössische Musik auf die Stadt Würzburg und darüber hinaus auf ganz Deutschland aus. So kuratierte und organisierte er in Zusammenarbeit mit dem Hindemith-Institut Frankfurt die Ausstellung „Musikalische Graphik“. Die in Würzburg (Städtische Galerie) und Frankfurt (Paul-Hindemith-Institut) gezeigten Grafischen Partituren von John Cage, Earle Brown, Dieter Schnebel und vielen anderen Wegbereitern der grafischen Notation wurden in Konzerten klanglich umgesetzt und realisiert. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die Organisation und Durchführung einer Ausstellung von rund 40 Klangskulpturen, hergestellt und entwickelt von 22 Künstlern aus vier europäischen Ländern, die als Wanderausstellung in Würzburg (Städtische Galerie), Bonn (Kulturforum), Heidelberg (Heidelberger Kunstverein), Düren Leopold-Hoesch-Museum) und Dornbirn/Österreich (Spielboden) zu sehen war. Arbeiten u. a. von Bernard Baschet (Paris), Edmund Kieselbach, Gerlinde Beck, Stephan von Huene, Martin Riches, Peter Vogel wurden von Komponisten (darunter Anestis Logothetis, Klaus Ager und Siegfried Fink und Musikern wie z. B. Herbert Försch-Tenge, Peter Giger und Hans-Karsten Raecke in Kompositionen eingesetzt und in Improvisationen zum Klingen gebracht und abschließend in einer LP-Edition dokumentiert.WERGO SM 1049/50
Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer, Festival- und Konzertorganisator veröffentlichte Stahmer Bücher, Artikel und Aufsätze zu Themen aus dem Bereich der neuen Musik und arbeitete als Journalist für verschiedene Rundfunksender und Zeitschriften. Als Herausgeber setzte er sich im Rahmen des von ihm gegründeten „New African Music Project“ für die Veröffentlichung der Werke zeitgenössischer afrikanischer Komponisten ein; darunter Musik von Ğamāl Abd al-Rahīm, Akin Euba, Justinian Tamusuza und Nahla Mattar.Erschienen im Verlag Neue Musik (Berlin) Kompositionen der Barockzeit brachte er in mehreren deutschen Musikverlagen heraus; darunter Werke von Joseph Bodin de Boismortier, Nicola Antonio Porpora und Alexander Porfirjewitsch Borodin. In der Freien Akademie der Künste in Hamburg, deren Mitglied er seit 2013 ist, realisierte Stahmer Projekte zum musikspezifischen Verständnis der Werke von Thomas Mann, Nelly Sachs und Franz Kafka.Nachzulesen auf: https://www.akademie-der-kuenste.de/; hier u. a. https://www.youtube.com/watch?v=DetMFE1zSP4&t=7s; Aufruf 18.1.2026
Als Cellist wirkte Stahmer in verschiedenen Klangkörpern mit, hauptsächlich im Orchester der Hochschule für Musik Würzburg, daneben regelmäßig im Ensemble „Pro Musica da Camera“. Erschienen sind Tonträger mit Werken von Johann Sebastian BachJ. S. Bach: Musikalisches Opfer; Thorofon Capella MTH 202 (1979), Komponisten der Würzburger HofmusikWerke von Fortunato Chelleri, Giovanni Benedetto Platti, Wilhelm und Joseph KüffnerLP „Würzburger Hofmusik“, Thorofon Capella MTH 229 (1983) sowie Komponisten des 20. Jahrhunderts, darunter Mauricio Kagel„Musik in Deutschland 1950–2000“, hg. v. Deutschen Musikrat, Ariola 74321 73651 2 (2004), Karlheinz Stockhausen, John Cage und Earle Brown.LP „Prima Vista“ Thorofon MTH 224 (1981)
Kulturpolitisch war Stahmer in mehreren Gremien wie dem Deutschen Musikrat unter anderem für die Belange der zeitgenössischen Musik tätig und war von 1983 bis 1987 sowie von 2000 bis 2002 Präsident der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM). Den Schwerpunkt seines öffentlichen Wirkens sah er in der Vertiefung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sowie in der Annäherung Polens und Deutschlands.
Seit seiner Emeritierung vom Hochschuldienst arbeitet Stahmer primär als Komponist und reist zu Vortrags- und Studienreisen in die Länder des Nahen und des Fernen Ostens.
Werkübersicht Nach Threnos für Viola und Klavier (1963) und weiteren Jugendwerken fand Stahmer in der Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern zu neuen Ausdrucksformen, teilweise unter Verwendung elektronischer Mittel. Schlüsselwerke wie Transformationen (1972) und das Schlagzeugduo I can fly (1975) zeigen Stahmer als Experimentator, der sich neben visueller Darstellungsmittel auch der zeitgenössischen Lyrik bedient und in kammermusikalischen Stücken wie Quasi un requiem (Texte: Henry Miller; 1974) und Tre paesaggi (Texte: Cesare Pavese; 1976) Musik mit hohem Symbolgehalt schuf. Seit Mitte der 70er-Jahre finden sich auch Bühnenwerke wie das mit elektronischen Mitteln gestaltete, von Zaga Živković choreografierte und am 18. Januar 1980 vom „Studio za suvremeni ples“ in Zagreb mit Siegfried Behrend als Solist an der Gitarre uraufgeführte Ballett Espace de la solitudeGitarre und Laute. Band 2, Heft 1, 1980, S. 5, und Heft 3, S. 7; und Päffgen/Stahmer (1984), S. 10–14. oder das in Gemeinschaftsproduktion mit dem Jazz-Saxofonisten Bernd Konrad entstandene Ballett Die Nashörner (nach Eugène Ionesco). Größer besetzte Kammermusikzyklen wie die Acht Nachtstücke (1980), der Bühneneinakter Singt, Vögel (1985/86; Inszenierungen an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel, im Marstalltheater München und im Gasteig München) oder auch die Drei Bagatellen – in memoriam Igor Strawinsky (1992) lassen ein Gespür auch für größere Dimensionen erkennen.
Daneben erforschte Stahmer die klanglichen Möglichkeiten von Elmar Dauchers Klangsteinen und Installationen von Edmund Kieselbach. Hatte er zuvor meist improvisatorisch mit ähnlichen Klangskulpturen gearbeitet, entwickelte er nun systematisch Klangstrukturen, bei denen Klangsteine mit herkömmlichen Klangkörpern wie dem Streichquartett (Kristallgitter; 1992) oder Akkordeon (To lose is to have; 1999) zusammengeführt werden. Seit 1994 macht sich zunehmend der Einfluss außereuropäischer Musizierformen bemerkbar, ablesbar an den drei Songlines (1994) oder dem einstündigen, in Australien uraufgeführten Klavierzyklus Sacred Site (1996). Stücke wie There is no return (1998) zeigen, dass Stahmers Beschäftigung mit fremden Ethnien nicht nur musikimmanent auf sein Komponieren ausstrahlt, sondern auch politisches Engagement für die Opfer weißer Gewaltherrschaft beinhaltet. Vom Mitgefühl für die Opfer des Holocaust geprägt ist das in mehrjähriger Arbeit entstandene Tonbandstück (mit Vibrafon-Solo) Che questo è stato (1999). Das Duo für die chinesische Mundorgel Sheng und die chinesische Zither Guzheng Silence is the only Music (2004) eröffnet eine Serie von Stücken, in denen Stahmer die Spielweise und Tongebung nichteuropäischer Instrumente zur Darstellung seiner musikalischen Vorstellungen heranzieht. Bei dem in Zusammenarbeit mit dem libanesischen Dichter Fuad Rifka entstandenen Zyklus Gesänge eines Holzsammlers (2009) setzt Stahmer die arabische Zither Qanun und Rahmentrommel ein. In Zusammenarbeit mit dem Alphornspieler Martin Roos entstanden 2021/22 Botschaft und Bergwind.
Stahmers Kompositionen, darunter zahlreiche Vokal- und Instrumentalsoli, entstanden vielfach in künstlerischer Zusammenarbeit mit Musikern wie Carla Henius (Gesang), Siegfried Behrend, Reinbert Evers und Wolfgang Weigel (Gitarre), Kolja Lessing, Herwig Zack und Florian Meierott (Violine), Stefan Hussong (Akkordeon), Philipp Vandré (Klavier) sowie Spezialisten für außereuropäische Instrumente wie dem Sheng-Spieler Wu Wei, Xu Fengxia und Makiko Goto (Guzheng/Koto), Gilbert Yammine (Qanun) sowie Vivi Vassileva und Murat Coşkun (orientalische Rahmentrommel).Vgl. das vollständige Werkverzeichnis in: Theresa Henkel, Franzpeter Messmer: Klaus Hinrich Stahmer – Komponisten in Bayern Band 60, München 2016, S. 118–129
Stilistik mini|hochkant=2|Stahmer: Die Landschaft in meiner Stimme (Ausschnitt)
„Klaus Hinrich Stahmer zählt zu der Komponistengeneration, die in ihrer Jugend von der Zwölftonmusik, der Musikästhetik Theodor W. Adornos und der musikalischen Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre zwar geprägt wurde, aber dann einen eigenen Weg suchte und fand.“Theresa Henkel und Franzpeter Messmer, Klaus Hinrich Stahmer – Komponisten in Bayern Bd. 60, München 2016, S. 7 Anfänglich von Hindemith und Bartók beeinflusst, suchte er nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, wobei ihn der an der Universität Hamburg lehrende Musikwissenschaftler Constantin Floros mit seiner musikphilologischen Interpretation der Werke von Schönberg, Mahler und Berg zu einer eigenen und ausdrucksintensiven Schreibweise ermutigte und sein Interesse für musikalische Analyse weckte. Durch die Beschäftigung mit der Bildersprache zeitgenössischer Maler und Bildhauer erhielt Stahmer in den 1970er Jahren wesentliche Impulse und entwickelte multimediale Werke, wobei er sich mit den „Farb- und Raumbezügen der Musik und musikalischen Graphik“ auseinandersetzte.Artikel „Klaus Hinrich Stahmer“, in: Riemann Musiklexikon Bd. 5, Mainz (Schott) 13. Aufl. 2012, S. 95 So band er seit 1972 instrumental und elektronisch realisierte Klangfarben in zeitliche Prozesse ein, bei denen diatonisches oder chromatisches Skalendenken ebenso wenig Sinn ergibt wie die Suche nach motivisch-thematischen Kriterien. Dabei kam es zwangsläufig auch zur Auflösung des an klassisch-romantischen Typen orientierten Formdenkens und zu Experimenten mit den „offenen Formen“, die Stahmer im In- und Ausland vorstellte. „Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der eigenen Mitwirkung bei solchen Auftritten: Häufig am Mischpult bzw. mit seinem Violoncello mitten unter den Interpreten sitzend und agierend, konnte er, ohne den Umweg über eine Partitur gehen zu müssen, sein akustisches Material unmittelbar erspüren und direkt formen, und nicht selten verwischten sich die Grenzen zwischen Komponiertem und Improvisiertem.“Christoph Taggatz: Klaus Hinrich Stahmer: Lebenslinien, in: Theresa Henkel u. Franzpeter Messmer (Hrsg.): Komponisten in Bayern Bd. 60, München (Allitera) 2016, S. 14. Wurde hier der Instrumentalklang geräuschhaft erweitert und aufgebrochen, zeichnet sich in Vokalwerken wie Die Landschaft in meiner Stimme (1978) eine Hinwendung auch zu den phonetischen Möglichkeiten der mit Mund und Stimmbändern produzierten Klänge ab (siehe Abbildung).