mini|hochkant|Hugo von Hofmannsthal, 1910Foto: Nicola Perscheid Andreas oder Die Vereinigten ist ein Romanfragment von Hugo von Hofmannsthal. Das Werk, an dem der Autor zwischen 1907 und 1927 immer wieder gearbeitet hatte, wurde nie fertiggestellt und zu Hofmannsthals Lebzeiten nicht veröffentlicht. Auf der Basis einer längeren, detailliert ausgearbeiteten Textpassage vom Anfang des geplanten Werks erschien 1930 ein Vorabdruck in den ersten beiden Nummern der Zweimonatsschrift CoronaHugo von Hofmannsthal: Fragment eines Romans, Teildruck in: Corona, Jg. 1. Heft 1 und Heft 2. Die aktuell maßgebende Fassung liegt vor in Band XXX der Ausgabe: Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe. Aus dem Nachlass herausgegeben von Manfred Pape, Frankfurt am Main 1982, Bd. XXX (zitiert als „SW XXX“). Es ist zu beachten, dass der Text – dem Entwurfscharakter entsprechend – nicht der standardisierten Orthografie folgt.. Die erste Buchausgabe brachte der S. Fischer Verlag 1932 heraus. Ansatzweise ist das Werk „am Schema des bürgerlichen Bildungs- oder Entwicklungsromans“Waltraud Wiethölter: Hofmannsthal oder Die Geometrie des Subjekts. Psychostrukturelle und ikonographische Studien zum Prosawerk. Tübingen 1990, 118–235, hier: S. 120. orientiert, dessen Handlung die Titelfigur nicht nur zur Vereinigung mit einer Lebenspartnerin, sondern auch und vor allem zur Vereinigung mit sich selber bringen soll. Andreas, ein liebenswürdiger, wenn auch naiver und unsicherer junger Mann, reist von Wien nach Venedig, findet unterwegs in Kärnten Unterkunft auf dem stattlichen Gehöft eines Bauern und verliebt sich in die junge Tochter des Besitzers. Er sieht sich aber genötigt, sofort wieder abzureisen, da sein betrügerischer Diener eine Untat begangen hat, die auch ihn selber in ein schiefes Licht rückt. In Venedig findet er Unterkunft im Haus eines verarmten Grafen und gerät in unabsehbare Verwicklungen, vor deren Auflösung die Handlung abbricht.
Trotz seiner Unabgeschlossenheit und viel beklagten Fragmentarität ist der Roman immer wieder euphorisch gerühmt worden. So bezeichnete es der in Italien lehrende Germanist und Schriftsteller Felix Braun 1935 als das vielleicht glücklichste Ereignis der deutschen Poesie nach der Entdeckung der Verse Hölderlins, und als eine Botschaft an das geistige Deutschland, die wie jene des Heinrich von Ofterdingen und von Witiko niemals enden wird.„[...] l’incomparabile tentativo di romanzo di Hugo von Hofmannsthal (»Andreas oder die Vereinigten«), l’evento forse piu felice della poesia tedesca dopo il ritrovamento dei versi di Hölderlin, un messaggio alla Germania spirituale, che come quello del »Heinrich von Ofterdingen« e del »Witiko« non giungera mai a termine [...].“ Felix Braun: Studi Germanici. Rivista Bimestriale, Anno 1,1935, Numero I, S. 118–121. Zitiert nach: Mathias Mayer (Hrsg.): Hofmannsthals ›Andreas‹ – Nachträge, Nachfragen und Nachwirkungen. Teil II: Hofmannsthals ›Andreas‹ im Spiegel früher Kritik (1930–1954). In: Hofmannsthal-Jahrbuch 7/1999, S. 193.
Die neuere Forschung hat gerade im Fragmentcharakter des Andreas seinen Wert gefunden, insofern er der Zerrissenheit des modernen Subjekts Rechnung trägt: „Gerade das Scheitern des Modells vom Bildungsroman, auf den man den Andreas nicht mehr festlegen kann, bezeugt die Aufrichtigkeit und die Modernität dieses Fragments.“Mathias Mayer: Nachwort. In: Hugo von Hofmannsthal: ›Andreas‹. Hrsg. von Mathias Mayer. Stuttgart 1992, S. 137.
Inhalt Die Überlieferung des Romanfragments besteht aus einem relativ weit ausgearbeiteten, einen zusammenhängenden Handlungsstrang darstellenden Hauptentwurf und aus einer großen Zahl von Einzelnotizen und kleineren Entwürfen. Die Handlung des Hauptentwurfs ist die folgende:
Am frühen Morgen eines TagesDie kritische Ausgabe vermerkt den 7. September, allerdings als unsicher entziffert, während die Erstausgabe den 17. September hat; Joachim Seng wiederum plädiert für den 12. September als die korrekte Lesart (Seng, Joachim: »Das Halbe, Fragmentarische aber, ist eigentlich menschliches Gebiet.« Der ›Andreas‹-Roman von Hugo von Hofmannsthal. In: Fetz, Bernhard/Kastberger, Klaus (Hrsg.): Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne in Österreich. Wien 2003, 174–186, hier: S. 184). im September 1778 wird der 22-jährige Andreas von Ferschengelder samt seinem Gepäck von einem Barkenführer in einer verlassenen Gegend in Venedig abgesetzt. Der junge Wiener Bagatelladlige ist auf einer Bildungsreise. Er findet Unterkunft im Haus der Familie eines verarmten Grafen, wo er das ehemalige Zimmer der älteren Tochter Nina mieten kann, die bereits ausgezogen ist. Der Graf arbeitet in einem nahe gelegenen Theater als Lichtputzer, die Gräfin als Logenschließerin. Die jüngere Tochter Zustina organisiert den Haushalt. Ihre beiden Brüder räumen für Andreas das Zimmer frei, in dem vorübergehend der Theatermaler Zorzi untergebracht war, und holen das Gepäck von der Anlegestelle. Der Blick aus dem Fenster geht auf ein größeres Gebäude, bei dem es sich um das Theater Sankt Samuel handelt, wie Zorzi erklärt, eben jenem Theater, in dem er und die ganze Familie Prampero angestellt sind. Zorzi bietet sich an, Andreas später ein gutes Kaffeehaus zu zeigen und ihn bei Nina einzuführen.
Als Andreas allein im Zimmer ist, wird ihm bewusst, dass er seinen Eltern einen Brief schreiben müsste, um ihnen über den bisherigen Verlauf seiner Reise zu berichten. Dabei gibt es nichts Erfreuliches zu erzählen, und die quälenden Erinnerungen an die Herreise steigen in ihm auf. Er sieht sich wieder in Villach, wo sich ihm ein Bursche als Leiblakai aufdrängte. Der prahlerische Gotthelff wusste Andreas’ Eitelkeit anzusprechen, so dass dieser ihn engagierte, obwohl er nicht geplant hatte, mit einem Diener zu reisen. Auch kaufte er für ihn ein Reitpferd, das Gotthelff als günstig angepriesen hatte. Unterwegs stachelte er Andreas’ Fantasie mit lüsternen Reden an und nahm sich Frechheiten heraus, gegen die der unerfahrene Andreas kein Rezept fand. Da das neu gekaufte Pferd zu lahmen begann, musste eine Rast eingelegt werden. Sie ritten auf ein höchst stattliches Anwesen zu und baten darum, das Pferd pflegen zu dürfen. Sie wurden von den Besitzern, der Familie Finazzer freundlich aufgenommen. Beim Essen schämte sich Andreas wegen den prahlerischen Reden Gotthelffs, die nicht in die Wohlanständigkeit der Familie Finazzer passen wollten. Nach dem Essen zeigte die Tochter Romana, noch ein halbes Kind, dem Gast die Dorfkirche und den Hof. Dabei erkannte Andreas, wie selbstverständlich das Mädchen aufgehoben war in der Liebe der Eltern, der Tradition der adligen Vorfahren und der religiösen Überlieferung. Andreas war angetan von der freien und offenen Art Romanas. Er missverstand ihre kindliche Unbefangenheit als Einladung zu einer Liebesnacht; doch als er sie besuchen wollte, merkte er, dass sie nicht allein in ihrer Kammer schlief. Am andern Morgen wurde er durch einen Lärm geweckt: Eine Magd, die sich mit Gotthelff eingelassen hatte, hatte ein Brandmal auf dessen Schulter entdeckt, das ihn als Verbrecher identifizierte. Dieser, da er sich entdeckt sah, hatte versucht, sie umzubringen, und war mit dem gesunden Pferd geflohen, womit Andreas mehr als die Hälfte seines Reisegeldes verloren hatte, das im Sattel eingenäht war. Er erfuhr, dass das kranke Pferd, das er so „günstig“ hatte kaufen können, auf dem Finazzerhof gestohlen worden war. Zwar machte ihm der Gutsherr keinen Vorwurf, doch fühlte er sich schuldig, den Schurken auf den Hof gebracht zu haben. Ihm dämmerte, dass einiges von Gotthelffs Persönlichkeit auch in ihm selbst schlummerte. So wurde es ihm schwer, noch zwei Tage auf dem Hof warten zu müssen, bis ein Fuhrmann vorbeikam, mit dem er weiterreisen konnte. Romana war ihm aus dem Weg gegangen, erst unmittelbar vor der Abfahrt sah er sie noch einmal. Sie zerriss ihre Halskette und gab ihm wortlos ein Stück davon. Der Gedanke, dass er zurückkommen könne, als der gleiche und als ein anderer, gab ihm etwas Hoffnung und Trost. Nachdem sie den Finazzerhof schon ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, wies ihn der Fuhrmann auf einen hoch oben, in der Sonne kreisenden Adler hin. Die Ahnung, dass man von dort oben noch den Finazzerhof sehen konnte, brachte ihm Romana wieder nahe und erfüllte ihn mit einem nie dagewesenen Glücksgefühl.
Der Maler Zorzi holt ihn ab, um ihm das Kaffeehaus zu zeigen. Auf dem Weg nach unten kommt Andreas bei Zustina vorbei und trifft auf den Hausherrn, den Grafen Prampero. Die Eleganz der Worte, mit denen dieser sich Andreas vorstellt, steht in groteskem Gegensatz zur Erbärmlichkeit seiner wirtschaftlichen Lage und mangelnden Autorität gegenüber seiner Tochter Zustina, die ihn herumkommandiert und mit Aufträgen eindeckt. Sie ist geschäftig im Haushalt, kümmert sich um den Braten im Ofen, rechnet die Ausgaben nach und füttert einen Vogel, dessen Bauer im Fenster hängt. Für Andreas hat sie ein paar Vorsichtsratschläge, da sie ihn als unerfahrenen Jüngling einschätzt. Auf dem Weg zum Kaffeehaus fragt Andreas den Maler, was es mit der Lotterie auf sich habe, von der er im Hause Prampero schon mehrfach reden gehört habe. Zorzi erklärt ihm, dass die Jungfernschaft Zustinas versteigert werde, indem Lose verkauft werden an eine Zahl von handverlesenen, ehrenwerten Männern. Zustina versuche auf diese Weise, der Familie wirtschaftlich unter die Arme zu greifen. Andreas werde sich leider nicht direkt an der Lotterie beteiligen können, da keine Lose an Fremde vergeben würden, höchstens, dass einer der Beteiligten dazu veranlasst werden könnte, sein Los an Andreas abzutreten, wobei allerdings mit einem beträchtlichen Aufpreis zu rechnen wäre. Im Kaffeehaus fällt Andreas die hochgewachsene Gestalt eines Besuchers auf, der an einem der kleinen Tische schreibt und dabei eine ungemütliche Haltung einnehmen muss, da er die langen Beine kaum unterbringen kann. Zorzi erklärt ihm, dass es sich dabei um den Malteserritter Sacramozo handle, der einer Freundin täglich mehrere lange Briefe schreibe, obwohl er sie auch fast jeden Tag sehe. Dabei sei er nicht einmal ihr Liebhaber, denn sie liege entweder auf den Knien in einer Kirche oder krank im Bett. Ein Blatt seiner Korrespondenz wird vom Wind unter Andreas’ Tisch geweht. Als dieser es ihm bringt, nimmt er es zuerst an, will es dann aber Andreas zurückgeben, da es weder von seiner Hand noch an ihn gerichtet sei.