mini|hochkant=1.7|Baka-„Pygmäen“ im Tierreservat Dja in Kamerun.
Pygmäen ist ein seit dem 19. Jahrhundert eingebürgerter und weiterhin gängiger Sammelbegriff für eine Gruppe afrikanischer Völker. Er bezeichnet eine Vielzahl kulturell unterschiedlicher Gesellschaften in Zentralafrika, denen insgesamt ca. 150.000 bis 200.000 Personen angehören. Ein gemeinsames Merkmal ist eine geringe Körpergröße.
Begriff
„Pygmäen“ ist die Eindeutschung des lateinischen Namens , der in der Antike aus dem Altgriechischen ins Lateinische übernommen wurde. Das altgriechische Wort bedeutet „Fäustling“ oder „von der Größe einer Faust“; es ist von „Faust“ abgeleitet. In der Antike, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit verwendete man den Namen zur Bezeichnung von mythischen Fabelvölkern, die angeblich in Afrika oder Asien lebten; siehe dazu die Ausführungen unter Pygmäen (Mythologie).
Im 19. Jahrhundert bürgerte es sich ein, den aus der Mythologie stammenden Begriff Pygmäen für tatsächlich existierende Gesellschaften in Zentralafrika zu verwenden. Diese Begriffsverwendung ist jedoch problematisch, da es sich um eine Sammelbezeichnung für verschiedenartige Völker handelt, mit der eine körperliche Besonderheit zum allein maßgeblichen Definitionsmerkmal gemacht wird. Die als „Pygmäen“ bezeichneten Afrikaner betrachten sich nicht als ethnische Einheit und haben daher keinen eigenen Namen für ihre Gesamtheit. Neben den Selbstbezeichnungen der einzelnen Pygmäengruppen gibt es auch gängige Namen, die ihnen von benachbarten Völkern gegeben wurden und teils eine abwertende Bedeutung haben (beispielsweise „Binga“/„Babinga“).
Als Definitionsmerkmal wurde im frühen 20. Jahrhundert die mittlere Körpergröße im männlichen Geschlecht eingeführt; Völker, bei denen sie unter 150 cm liegt, zählte man zu den Pygmäen. Da dies ein rein formales Kriterium ist, begann man den Begriff auch auf nichtafrikanische Völker mit ähnlich geringer Körperlänge zu übertragen, etwa auf Völker in Neuguinea, auf die „Negritos“ in Südostasien und die Motilones im Nordosten von Kolumbien und im westlichen Venezuela.Armin Heymer: Die Pygmäen. Menschenforschung im afrikanischen Regenwald. Geschichte, Evolution, Soziologie, Ökologie, Ethologie, Akkulturation, Zukunft, München 1995, S. 152. Dieser Sprachgebrauch hat sich aber nicht allgemein durchgesetzt. Heute wird die Bezeichnung „Pygmäen“ gewöhnlich nur noch für zentralafrikanische Gesellschaften verwendet; ethnische Gruppen, die außerhalb von Zentralafrika leben, wie die Khoisan im Süden und Südwesten Afrikas, werden nicht zu den Pygmäen gezählt, obwohl sie mit ihnen die relativ geringe Körpergröße und andere physische Merkmale gemeinsam haben.
Geschichte der Bezeichnung
Prähistorische Zeit
Die schon in der frühen Forschung vertretene Auffassung, dass die Pygmäenvölker zu den ältesten Völkern der Erde gehörenWilhelm Schmidt: Die Stellung der Pygmäenvölker in der Entwicklungsgeschichte des Menschen, Stuttgart 1910., wurde von der populationsgenetischen Forschung unterstützt. Insbesondere die Baka lassen sich genetisch klar von ihren schwarzafrikanischen Nachbarn abgrenzen. Sie gehören zusammen mit den südafrikanischen !Kung-San (mit denen sie den größten Anteil der sogenannten Haplogruppe L der mtDNA gemeinsam haben) zu den direkten Nachfahren der ältesten Homo-sapiens-Population der Erde.Y. S. Chen, A. Olckers, T. G. Schurr, A. M. Kogelnik, K. Huoponen, D. C. Wallace: mtDNA variation in the South African Kung and Khwe-and their genetic relationships to other African populations. In: American Journal of Human Genetics. Band 66, Nummer 4, April 2000, S. 1362–1383, , PMID 10739760, . Der genetische Zweig der Pygmäen wird durch die Haplogruppe B (Y-DNA) repräsentiert. Die Verwandtschaft mit den Khoisan-Ethnien zeigt sich äußerlich im relativ häufigen Vorkommen des sogenannten Filfil oder „Pfefferkornhaares“.Martin Pabst: Südafrika. 2. völlig überarbeitete und ergänzte Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2008. Sowohl die genetische Sonderstellung als auch die phänotypische Kleinwüchsigkeit gehen auf die evolutionäre Anpassung an das Tropenklima zurück und/oder deuten auf die Vermischung des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) vor rund 35.000 Jahren mit einer archäologisch noch nicht nachgewiesenen ausgestorbenen Sub-Sahara-Menschenart hin, wie von der modernen DNA-Forschung postuliert.Michael F. Hammer et al.: Genetic evidence for archaic admixture in Africa. In: PNAS. Band 108, Nr. 37, 2011, S. 15123–15128, doi:10.1073/pnas.1109300108 (siehe dazu auch nature.com news vom 5. September 2011: Human ancestors interbred with related species. doi:10.1038/news.2011.518).
Altertum und Mittelalter Die älteste schriftliche Quelle, die von Pygmäen berichtet, ist ein Brief des ägyptischen Pharaos Pepi II. (6. Dynastie, 23. Jahrhundert v. Chr.). Dort ist von einer Handelsexpedition die Rede, die aus dem Reich Jam (heutiger Sudan)Zur Lokalisierung von Jam (Yam) siehe Armin Heymer: Der ethno-kulturelle Werdegang apotropäischer Verflechtungen von Pygmäen, Chondrodystrophen und Zwergenfiguren. In: Saeculum 44, 1993, S. 116–178, hier: 132–135. einen „Zwerg des Gottestanzes“ mitbrachte, bei dem es sich anscheinend um einen Pygmäen handelte. Er wurde als Geschenk von höchstem Wert betrachtet. Der gleiche Brief erwähnt außerdem, dass bereits unter Pharao Djedkare (5. Dynastie, 24. Jahrhundert) ein Ägypter einen kleinen Mann aus Punt mitgebracht hatte. Eine Passage in den Pyramidentexten (Spruch 517) erwähnt ebenfalls einen „Zwerg der Gottestänze“.Véronique Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece, Oxford 1993, S. 25–29, 132 f. Eine deutsche Übersetzung des Briefs Pepis II. bieten Martin Gusinde: Kenntnisse und Urteile über Pygmäen in Antike und Mittelalter, Leipzig 1962, S. 8 und Heymer (1993) S. 132. Schon ab der Zeit der 1. Dynastie (um 3000 v. Chr.) finden sich auf Grabbildern Zwergendarstellungen. Vermutlich handelt es sich bei den oft abgebildeten Tanzzwergen am Königshof zumindest teilweise nicht um pathologische Zwerge, sondern Pygmäen aus dem Regenwald.Heymer (1995) S. 41–57; zur damaligen Ausdehnung des Rgenwalds Heymer (1993) S. 134. Ob die Ägypter eine besondere Bezeichnung für Pygmäen zur Unterscheidung von pathologischen Zwergen hatten, ist umstritten.Heymer (1993) S. 130 f. Nach dem 22. Jahrhundert v. Chr. gibt es keine sicheren Belege für die Existenz von Pygmäen in Ägypten mehr.
Im antiken Griechenland gab es unabhängig vom Pygmäenmythos auch bereits ethnographische Nachrichten über kleinwüchsige Afrikaner südlich der Libyschen Wüste. Im 5. Jahrhundert v. Chr. berichtete Herodot,Herodot II, 32–33; übersetzt und kommentiert bei Martin Gusinde: Kenntnisse und Urteile über Pygmäen in Antike und Mittelalter. Leipzig 1962, S. 6 f. dass fünf junge Abenteurer die Wüste von Libyen aus durchquerten; sie gerieten in die Gefangenschaft kleiner Menschen, die an einem großen Fluss lebten. Diese Afrikaner bezeichnet Herodot nicht als Pygmäen, unterscheidet also klar zwischen dem Pygmäenmythos und dem Bericht über die Expedition.
Im europäischen Mittelalter kannte man nur den Pygmäenbegriff des antiken Mythos, man glaubte an die Existenz der mythischen Pygmäen. Es gab keine Kontakte mit realen Pygmäenvölkern. Angebliche Augenzeugenberichte, wonach tote Pygmäen nach Europa gebracht wurden, sind nicht glaubwürdig.
Frühe Neuzeit In der Frühen Neuzeit erörterten Altertumswissenschaftler und Naturforscher die Frage, ob es Pygmäen wirklich gibt. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte sich zunehmend die Auffassung durch, dass die aus der antiken Literatur bekannten Pygmäen Fabelwesen seien. Unter anderem wurde vermutet, dass Beobachtung von Affen den Anlass zur Entstehung der legendenhaften Überlieferung geboten habe. 1699 veröffentlichte der englische Arzt und Zoologe Edward Tyson die Abhandlung Orang-Outang, sive Homo Sylvestris: or, The Anatomy of a Pygmie Compared with that of a Monkey, an Ape, and a Man, worin er den Begriff „pygmie“ zur Bezeichnung des Schimpansen verwendete, dessen anatomische Nähe zum Menschen er betonte.
Unabhängig von diesen theoretischen Erwägungen drangen seit dem frühen 17. Jahrhundert einzelne authentische Nachrichten über kleinwüchsige afrikanische Völker nach Europa, fanden aber wenig Beachtung. Der erste Bericht stammte von dem englischen Seefahrer Andrew Battell, der um 1600 im Gebiet von Loango auf erwachsene Menschen gestoßen war, die er als so groß wie zwölfjährige Jungen beschrieb.Janni S. 111; Battell schrieb: To the northeast of Mani Kesock, are a kind of little people, called Matimbas; which are no bigger then boys of twelve years old, but are very thick, and live only upon flesh, which they kill in the woods with their bowes and darts. … The women carry bow and arrows as well as the men (Online-Text).
Moderne Ab dem frühen 19. Jahrhundert lieferten Entdecker, die Afrika bereisten, in zunehmender Fülle Informationen über kleinwüchsige Völker, auf die sie gestoßen waren. Zunächst sprach man von „Zwergvölkern“, dann setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die an den antiken Mythos anknüpfende Bezeichnung „Pygmäen“ durch, für deren Verwendung statt „Zwergvölker“ der Anthropologe Felix von Luschan eintrat.Paul Schebesta: Die Bambuti-Pygmäen vom Ituri, Bd. 1, Bruxelles 1938, S. 11 und Anm. 26. Dabei beachtete man nicht, dass in der Antike bereits kleinwüchsige Afrikaner aus Herodots Bericht bekannt waren und damals keine Verbindung zwischen diesen realen Menschen und den mythischen Pygmäen hergestellt wurde.
Lebensräume Im zentralafrikanischen Regenwald leben weiterhin Pygmäen als Jäger und Sammler. Im späten 20. Jahrhundert und um die Jahrtausendwende wurde die Gesamtzahl der Pygmäen auf 150.000 bis 200.000 Personen geschätzt;Cavalli-Sforza S. 26, 361, Bissengué S. 31. sie ist weiter rückläufig, die restlichen Gesellschaften sind vom Aussterben bedroht. Hierbei spielt die fortschreitende Umgestaltung und Zerstörung ihres traditionellen Lebensraums im Regenwald durch Holzeinschlag und Brandrodung eine wichtige Rolle, aber auch die Zerrüttung des Sozialgefüges durch die Folgen eines Übergangs zur Sesshaftigkeit. Die sesshaft gewordenen Pygmäen geraten in Abhängigkeit von der benachbarten normalwüchsigen Bevölkerung, bei der die Pygmäenmänner als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, die Frauen als Haushaltshilfen Anstellung finden. Diese Abhängigkeit kann faktisch zur Leibeigenschaft führen. Durch unhygienische Lebensbedingungen nehmen bei den sesshaften Pygmäen Infektionskrankheiten zu, die sie früher als mobile Jäger und Sammler kaum kannten. Ein weiteres Problem ist der verbreitete Alkoholmissbrauch.Heymer (1995) S. 21–33, 409–477. mini|Siedlungsräume von Pygmäen
Ethnographisch unterscheidet man vier Hauptgruppen:Cavalli-Sforza S. 19 f., 23-26; Véronique Dasen: Dwarfs in Ancient Egypt and Greece. Oxford 1993, S. 13–15. Die östliche Gruppe im Ituri-Regenwald im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (früher Zaire). Sie werden als Mbuti oder Ba-Mbuti bezeichnet. Die bekannteste Untergruppe sind die Efe. Die westliche Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik und der Republik Kongo („Kongo-Brazzaville“), in Gabun und im Süden von Kamerun; sie werden Mbenga oder Ba-Mbenga genannt. Eine große Untergruppe sind die Baka. Die südliche Gruppe in Ruanda, Burundi, Sambia und im Süden der Demokratischen Republik Kongo; häufige Sammelbezeichnungen sind Twa und Cwa (oder Ba-Twa, Ba-Cwa). Eine zentrale Gruppe nördlich des Mai-Ndombe-Sees im Westen der Demokratischen Republik Kongo; sie werden ebenso wie die südliche Gruppe als Twa bezeichnet.
Sprachen und soziale Verhältnisse