mini|Bell vor ihrem Zelt bei Ausgrabungen im Irak (1909) Gertrude Margaret Lowthian Bell CBE (* 14. Juli 1868 in Washington Hall, County Durham; † 12. Juli 1926 in Bagdad) war eine britische Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Alpinistin, politische Beraterin und Angehörige des britischen Geheimdienstes im Ersten Weltkrieg. Aufgrund ihrer auf einer Reihe von Reisen gewonnenen Kenntnisse des Nahen Ostens spielte sie ebenso wie der als Lawrence von Arabien bekannt gewordene Thomas Edward Lawrence während des Ersten Weltkriegs und danach eine große Rolle in der politischen Neuordnung dieser Region. Bereits 1917 wurde sie für ihre Leistungen als Commander des Order of the British Empire (CBE) ausgezeichnet. Als zunächst inoffizielle Mitarbeiterin des Secret Intelligence Service, später als politischer Verbindungsoffizier und Orientsekretärin war sie maßgeblich an der Gründung des heutigen Iraks beteiligt und gehörte zu den engen Vertrauten des irakischen Königs Faisal I. Auch an der Entstehung des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad hatte sie wesentlichen Anteil.

Herkunft und Jugend (1868–1888) Familienhintergrund Gertrude Bell entstammte einer angesehenen Familie britischer Industrieller. Ihr Großvater von väterlicher Seite war Sir Isaac Lowthian Bell, einer der Gründer und Miteigentümer der in Northumbria ansässigen Firma Bell Brothers, die in den 1870er Jahren ein Drittel des Eisenbedarfs Großbritanniens produzierte. Sir Isaac war nicht nur einer der wohlhabendsten Industriellen Großbritanniens, sondern auch ein angesehener Wissenschaftler, der unter anderem Träger der Bessemer-Goldmedaille und Mitglied der Royal Society war. In seinem Salon waren unter anderem Charles Darwin, Thomas Henry Huxley, der Sozialreformer John Ruskin und der Künstler William Morris zu Gast.

Gertrude Bells Vater Thomas Hugh Bell (1844–1931) war der älteste Sohn von Lowthian Bell und hatte wie sein Vater eine gründliche Ausbildung genossen. An der Sorbonne in Paris studierte er Chemie; in Deutschland organische Chemie und Mathematik. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien übernahm er schrittweise die Leitung des Firmenimperiums, das Lowthian Bell geschaffen hatte. Er war darüber hinaus politisch engagiert und vertrat vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen für damalige Verhältnisse liberale Ansichten. 1867 heiratete Thomas Hugh Bell die Kaufmannstochter Mary Shield, die allerdings 1871 kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes Maurice starb. Gertrude Bell war zu diesem Zeitpunkt noch keine drei Jahre alt.

Jugend und Ausbildung mini|Die achtjährige Gertrude Bell mit ihrem Vater, gemalt von Edward Poynter, 1876 Die beiden Halbwaisen Gertrude und Maurice Bell (1871–1944) wurden in den folgenden Jahren vorwiegend von Kindermädchen erzogen, wenn auch ihr Vater einen großen Teil seiner freien Zeit mit ihnen verbrachte. 1876 heiratete Thomas Hugh Bell die Schriftstellerin Florence Ollife (1851–1930), zu der Gertrude Bell sehr bald ein enges und vertrautes Verhältnis entwickelte. Bis an ihr Lebensende hielt Gertrude Bell einen engen brieflichen Kontakt mit ihr. Auch mit ihren drei Halbgeschwistern, Hugh Lowthian Bell (1878–1926), Florence Elsa (1880–1971), die mit Herbert Richmond verheiratet war, und Mary Katherine (1881–1966), die mit Charles Trevelyan verheiratet war, verstand sie sich gut.

Florence Ollife war ähnlich wie Thomas Hugh Bell fortschrittlich eingestellt. Die beiden schickten die lernbegierige Gertrude 1884 auf das Queens College, eine Mädchenschule in London. Dies war für damalige Zeiten ein ungewöhnlicher Schritt; Mädchen ihrer gesellschaftlichen Schicht wurden in der Regel ausschließlich von Hauslehrern unterrichtet.

Noch ungewöhnlicher war, dass ihre Eltern ihr ab 1886 auch ein Studium an der University of Oxford ermöglichten. „Ich möchte wenigstens eine Sache von Grund auf wissen und können. Dieses dilettantische Lernen bin ich leid. Ich möchte mich ganz in etwas vertiefen“, begründete sie ihrem Vater gegenüber ihren Wunsch.Bell: Ich war eine Tochter Arabiens. 1993, S. 12. Gertrude Bell wurde in Lady Margaret Hall aufgenommen; an den Vorlesungen nahmen sie und ihre Mitstudentinnen nur als Gasthörerinnen teil und wurden in der Regel von einer Anstandsdame zu den Vorlesungen begleitet. Im Jahr 1888, kurz bevor sie zwanzig Jahre alt wurde, schloss sie ihr Studium der Zeitgeschichte als erste Frau mit der höchsten Auszeichnung ab.Bell: Ich war eine Tochter Arabiens. 1993, S. 13. Ihr wurde jedoch kein akademischer Grad verliehen, da dies in Oxford bei Frauen erst ab 1920 eingeführt wurde.

Erste Reise- und Schriftstelleraktivitäten (1888–1899) Abschied vom konventionellen Lebensweg Die Wintersaison 1888/1889 verbrachte Gertrude Bell in Bukarest. Frank Lascelles, der Schwager ihrer Stiefmutter, war dort als britischer Botschafter tätig. Mit dem Aufenthalt war vermutlich auch die Absicht ihrer Eltern verbunden, ihrer Tochter gesellschaftlichen Schliff zu verleihen. Gertrude Bell nahm an einer Reihe diplomatischer Dinner sowie der Ballsaison in Bukarest teil und lernte unter anderem Bernhard von Bülow und Charles Hardinge, den späteren Vizekönig von Indien, kennen. Auch dem rumänischen König Karl I. und seiner Frau Elisabeth wurde sie vorgestellt. In Bukarest begegnete sie erstmals auch Valentine Chirol, mit dem sie lebenslang eine enge Freundschaft verband. Bevor sie mit dem Orient-Express nach Hause zurückkehrte, besuchte sie noch Konstantinopel.

Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien wurde Gertrude Bell von ihren Eltern offiziell am britischen Hof vorgestellt. Dies war der übliche Schritt, bevor eine junge Frau ihrer Schicht am Londoner Gesellschaftsleben teilnahm. Höhepunkt des Londoner Gesellschaftslebens war die Ballsaison, die jeweils von Silvester bis zum Frühsommer währte. Von jungen Debütantinnen wurde erwartet, dass sie innerhalb von drei Ballsaisonen einen passenden Ehepartner fanden. Zu den aussichtsreichsten Kandidaten um Bells Hand zählte eine Zeit lang ihr Stiefcousin Billy Lascelles, aber Gertrude Bell verlor nach einigen Monaten ihr Interesse an ihm. Auch andere Bewerber langweilten sie. Wenige konnten sich mit ihrer Bildung messen; aufgrund ihres Aufenthaltes in Bukarest und Konstantinopel übertraf sie die meisten der in Frage kommenden Männer auch an Weltläufigkeit. Briefe an ihre Stiefmutter belegen, dass Gertrude Bell sich bewusst war, dass sie in eine gesellschaftliche Randexistenz gedrängt würde, bliebe sie unverheiratet, und dass sie unter dieser Vorstellung litt. So beneidet sie in einem Brief an ihre Stiefmutter diese um den Trost des Ehegefährten und endet den Brief in Anspielung an ein Leben als alte Jungfer mit den Worten: „es dauert lange, bis man siebzig ist, nicht wahr?“Janet Wallach: Königin der Wüste. Das außergewöhnliche Leben der Gertrude Bell. Neuausgabe, Goldmann, München 2015, ISBN 978-3-442-15889-8, S. 66.

1892 endete Gertrude Bells dritte Ballsaison. Weder hatte einer der potentiellen Kandidaten um ihre Hand angehalten, noch hatte sie jemanden gefunden, an dem sie mehr als ein flüchtiges Interesse gehabt hätte. Im Herbst 1892 begann sie Persisch zu lernen. Sie reiste im Frühjahr 1892 in Begleitung ihrer Stieftante Mary Lascelles nach Teheran, wo Frank Lascelles am Hofe von Schah Nāser ad-Din mittlerweile als britischer Botschafter akkreditiert war.Janet Wallach: Königin der Wüste. Das außergewöhnliche Leben der Gertrude Bell. Neuausgabe, Goldmann, München 2015, ISBN 978-3-442-15889-8, S. 67.

Teheran mini|Ehemaliges Außenministerium von Teheran zur Zeit Nāser ad-Din Schahs Sechs Monate hielt sich Bell in Teheran auf, und ähnlich wie in Bukarest zuvor nahm sie an dem umfangreichen gesellschaftlichen Leben ihrer Verwandten teil. Für das Leben der Einheimischen, ihre Gastfreundschaft sowie die sie umgebende Landschaft entwickelte Gertrude Bell eine tiefe Faszination:

Zu ihren ständigen Begleitern in Teheran zählte Henry Cadogan, einer der Mitarbeiter der britischen Botschaft. Er war intelligent und belesen, ein begeisterter Sportler und interessierte sich wie Gertrude Bell für Geschichte. Die beiden verliebten sich ineinander, und nach drei Monaten hielt er um ihre Hand an. Hugh und Florence Bell verweigerten jedoch die Zustimmung zu der Ehe. Zwar gehörte Cadogan einer britischen Adelsfamilie an, sein Vater war jedoch nahezu bankrott, und Cadogan lebte nur von seinem Gehalt als junger Diplomat. Hugh Bell hatte darüber hinaus in Erfahrung gebracht, dass Cadogan ein Spieler war und hohe Schulden hatte. Gertrude Bell beugte sich der ablehnenden Entscheidung ihrer Eltern – allerdings auch in der Hoffnung, dass Cadogan im diplomatischen Dienst hinreichend schnell Karriere machen würde, um ihr den Lebensstil zu ermöglichen, den ihr Vater für sie forderte. Sie schrieb ihrer Stiefmutter:

Nach sechs Monaten kehrte sie wie vereinbart nach Großbritannien zurück. In London verkürzte sie sich das Warten auf Cadogan, indem sie ihre Reiseerlebnisse in dem Buch Persian Pictures niederschrieb und ihre bis heute wegen ihrer literarischen Qualität geschätzte Übersetzung der Gedichte des persischen Dichter Hafis begann. Neun Monate nach ihrer Rückkehr aus Teheran erhielt sie ein Telegramm aus Teheran mit der Nachricht, dass Henry Cadogan nicht mehr am Leben sei. Er war bei einem Ausritt in eisiges Flusswasser gestürzt und hatte sich dabei eine Lungenentzündung zugezogen, der er wenig später erlag.

Die Jahre bis zur Rückkehr in den Nahen Osten mini|Gertrude Bell versuchte sich gemeinsam mit zwei Bergführern an der Durchsteigung der Ostwand des Finsteraarhorns. Kurz vor dem Gipfel verhinderten Vereisungen den Erfolg Ihre Reisebeschreibung Persian Pictures erschien 1894, die Übersetzung der Hafis-Gedichte 1897. Ihre Trauer um Cadogan verarbeitete sie, indem sie in den folgenden Jahren immer wieder in Begleitung von Familienmitgliedern Europa bereiste und eine Reihe unterschiedlicher Sprachen erlernte. Als Frank Lascelles als Botschafter in Berlin akkreditiert wurde, verbrachte sie einige Monate dort und wurde unter anderem Kaiser Wilhelm II. vorgestellt. In Italien lernte sie die Archäologen David George Hogarth und Wilhelm Dörpfeld kennen. Die Begegnungen legten den Grundstein für ihre späteren archäologischen Arbeiten. Gemeinsam mit ihrem Bruder Maurice brach sie 1897 außerdem auf eine sechsmonatige Reise rund um die Welt auf, bei der sie Zwischenstation in Hongkong und Tokio machte.

Sie entdeckte das Bergsteigen für sich und entwickelte sich zu einer wagemutigen Alpinistin. Der Bericht an ihren Vater, in dem sie ihm schildert, wie sie im Rock und in Begleitung von zwei Bergführern als erste die Ostwand des Finsteraarhorns zu durchsteigen versuchte, dabei mitten in der Wand in ein Gewitter geriet und gezwungen war, auf einem winzigen, windgeschützten Felsenvorsprung zu übernachten, gehört noch heute zu den häufig zitierten Bergsteigerabenteuern. Im Berner Oberland trägt eines der Engelhörner den Namen „Gertrudspitze“, nachdem ihr zusammen mit zwei einheimischen Führern die Erstbesteigung von acht Gipfeln in dieser Bergkette gelungen war.Rückblick auf die bergsteigerischen Leistungen von Gertrude Bell in den Berner Ostalpen Tages-Anzeiger/Berner Zeitung, 16. August 2012. „Eine der wenigen Berge, die den Namen einer Frau erhielten, ist die Gertrudspitze, die 1901 von der britischen Alpinistin Gertrud Bell erklommen worden war (…).“

Tätigkeit als Reiseschriftstellerin und Archäologin (1899–1914) Rückkehr in den Nahen Osten