Der Flugunfall von Smolensk war ein Flugunfall am 10. April 2010, bei dem ein polnisches Flugzeug bei dichtem Nebel beim Landeanflug auf den Militärflugplatz Smolensk-Nord in der russischen Oblast Smolensk verunglückte. Bei dem auf menschliches Versagen zurückgeführten Unfall einer der beiden Regierungsmaschinen der polnischen Luftstreitkräfte vom Typ Tupolew Tu-154M wurden alle 96 Insassen getötet.Polens Präsident Kaczynski stirbt bei Flugzeugunglück. In: derStandard.at vom 10. April 2010 auf der Webseite des Präsidenten der Republik Polen (polnisch), abgerufen am 10. April 2010 Zu den Passagieren gehörten Polens Staatspräsident Lech Kaczyński und seine Ehefrau Maria Kaczyńska, zahlreiche Abgeordnete des Parlaments, Regierungsmitglieder, ranghohe Offiziere, Kirchenvertreter, leitende Vertreter von Zentralbehörden sowie Vertreter von Verbänden der Opferangehörigen des Massakers von Katyn.
Anlass und Ziel des Fluges Am 7. April 2010 trafen sich anlässlich des 70. Jahrestages des Massakers von Katyn der russische Ministerpräsident Wladimir Putin und der polnische Ministerpräsident Donald Tusk in der Nähe des Dorfes Katyn bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung, tagesschau.de vom 7. April 2010 die im Februar 2010 überraschend von Putin vorgeschlagen worden war.
Zu dieser Gedenkveranstaltung der beiden Regierungschefs wurde der Staatspräsident Polens nicht geladen. Kaczyński galt als Kritiker der russischen Politik und hatte beispielsweise zum 70. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen auf einer Gedenkveranstaltung – in Anwesenheit Putins – geäußert, das „bolschewistische Russland“ habe Polen einen „Messerstich in den Rücken“ versetzt,Der Begriff wurde erstmals in diesem Zusammenhang von der britischen Zeitung The Times am 18. September 1939 verwendet, vgl. Wojciech Roszkowski: Najnowsza historia Polski 1914–1945. Świat Książki, Warszawa 2003, ISBN 83-7311-991-4, S. 344–354 (nämlich durch den Hitler-Stalin-Pakt) da die Rote Armee am 17. September 1939 in Ostpolen einmarschierte, während polnische Soldaten noch den deutschen Angreifern Widerstand leisteten.Katyn ist heute. Interview mit Cordula Kalmbach, Historikerin der Universität Freiburg, die über die polnische Erinnerungskultur promoviert, zeit.de Kaczyński reiste am Samstag, dem 10. April, mit einer Delegation zu einer separaten polnischen Gedenkfeier, die jährlich am selben Ort anlässlich des am 13. April in Polen als Nationalgedenktag begangenen Tages der Erinnerung an die Katyn-Opfer stattfindet. Diese zweite Gedenkveranstaltung wurde von polnischer Seite vom Rat zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium (Rada Ochrony Pamięci Walk i Męczeństwa) organisiert; beabsichtigt war u. a. die posthume Verleihung von Orden und staatlichen Auszeichnungen an die Opfer des Massakers.https://web.archive.org/web/20100418015956/http://www.poland.gov.pl/Ereignisse,7073x337.html Das Flugzeug sollte auf dem Militärflugplatz Smolensk-Nord landen. Von dort aus war die Weiterreise zu dem etwa zwanzig Kilometer entfernten Ort der Gedenkfeier geplant.
Hergang mini|hochkant=1.5|Flug der verunglückten Maschine von Warschau nach Smolensk mini|hochkant=1.5|Graphische Darstellung des Landeanfluges
Das Flugzeug startete um 07:27 Uhr MESZ (05:27 UTC) auf dem Chopin-Flughafen Warschau und flog um 10:41 Uhr Ortszeit (06:41 UTC) in einem Waldstück zwischen dem Ort Petschorsk und der Stadt Smolensk in Westrussland ins Gelände.
Etwa eine Stunde vor dem Unfall war eine Jakowlew Jak-40 der polnischen Regierung mit dem Tross des Präsidenten und Journalisten an Bord ohne Zwischenfall, aber unter bereits eingeschränkten Sichtbedingungen (aufkommender Nebel, tiefhängende Wolken) gelandet. Danach verschlechterten sich die Sichtbedingungen weiter. Eine russische Iljuschin Il-76 brach die Landung nach zwei Versuchen ab und flog dann den Flughafen Moskau-Wnukowo an.
Als sich das Flugzeug mit der Delegation des polnischen Präsidenten an Bord dem Flugplatz näherte, herrschte dichter Nebel. Obwohl die russischen Fluglotsen den polnischen Piloten Hauptmann Arkadiusz Protasiuk und Major Robert Grzywna empfahlen, Minsk oder Wizebsk anzufliegen, entschied der verantwortliche Flugzeugführer dennoch, in Smolensk einen Anflugversuch zu unternehmen.n-tv Nachrichten, 10. April 2010, 18.00 Uhr.
Der Anflug wurde trotz fehlender Sicht erst in einer Höhe von etwa 30 Metern über Grund abgebrochen,siehe: Transkrypcja rozmów załogi samolotu Tu-154 M. Ministerstwo Spraw Wewnętrznych i Administracji, vom 1. Juni 2010, S. 37 (russisch, polnisch) Komisja Badania Wypadków Lotniczych Lotnictwa Państwowego: (PDF; 16,1 MB) 19. Dezember 2010, Pkt. 3.1.59, S. 143 (poln.) Unglückspiloten von Smolensk wollten abdrehen. Kleine Zeitung, 17. Januar 2011 Piloten der Unglücksmaschine von Smolensk wollten offenbar abdrehen. tt.com, 17. Januar 2010 so dass es den Piloten nicht mehr gelang, die Maschine hochzuziehen.Zwischenstaatliches Luftfahrtkomitee: , S. 101, S. 98 Das Flugzeug streifte Baumwipfel, prallte auf den Boden, zerbrach in mehrere Teile und geriet in Brand. Zwei der drei Flugschreiber wurden noch am Unfalltag geborgen und von russischen Experten ausgewertet. Der polnischen Seite wurden mehrere Abschriften der Flugschreiber übergeben.
Flugzeug und Avionik mini|Die Regierungsmaschine vom Typ Tu-154M auf dem Flughafen in Sydney, 27. März 2007
Bei dem verunfallten Flugzeug handelte es sich um eine Tupolew Tu-154M der polnischen Luftwaffe mit dem Luftfahrzeugkennzeichen 101. Es war eine von zwei Tu-154M im 36. Spezialtransportfliegerregiment (). Sie trug linksseitig die Aufschrift „“ und rechts „“. Die Maschine mit der Seriennummer 90A837, die ihren Erstflug am 29. Juni 1990 absolviert hatte, war mit drei im Heck befindlichen Triebwerken vom Typ Solowjow D-30 KU-154-II ausgestattet. Das Flugzeug hatte 5004 Flugstunden sowie 1823 Starts und Landungen hinter sich und war im Dezember 2009 bei der Aviakor-Flugzeugfabrik () in Samara generalüberholt worden.Kaczynskis Pilot ignorierte alle Warnungen. Der Standard, 12. April 2010
Zur Avionik der Maschine gehörte ein Instrumentenlandesystem (ILS), das jedoch inkompatibel zu dem in Smolensk-Nord eingesetzten russischen System PRMG war.https://books.google.de/books?id=yH_jCgAAQBAJ&pg=PT337&lpg=PT337 Das russische System war bei Lieferung der Maschine in diese eingebaut, wurde aber von Polen durch ein anderes Modell ersetzt. Zusätzlich verfügte das Flugzeug über ein Terrain Awareness and Warning System (TAWS), das eine ungewollte Annäherung an den Boden ausschließen soll (s. a. Enhanced Ground Proximity Warning System). Der Flughafen Smolensk-Nord fehlt allerdings in der zugehörigen Datenbank, sodass Warnungen vor verfrühtem Sinkflug in der Landephase (Premature Descent Alerts) dort nicht zur Verfügung stehen.
Todesopfer mini|hochkant|Fotocollage der Opfer des Flugunfalls mini|hochkant|Lech Kaczyński mit seiner Ehefrau Maria mini|hochkant|Passagierliste des Fluges mini|Särge der Kaczyńskis in der Kapelle des Präsidentenpalastes mini|Sarg des Präsidenten Ryszard Kaczorowski mini|Särge der Opfer des Flugunfalls auf dem Flughafen in Warschau mini|Kerzen vor dem Präsidentenpalast
An Bord der Maschine waren sieben Besatzungsmitglieder und 89 Passagiere. Unter ihnen befanden sich neben Kaczyński und seiner Ehefrau weitere polnische Politiker und hochrangige Repräsentanten des Landes. Angehörige und Hinterbliebene von Todesopfern des Massakers von Katyn waren ebenfalls an Bord des Flugzeugs.
Delegation des Präsidenten und Vertreter staatlicher Institutionen Lech Kaczyński – Staatspräsident Polens und Mitbegründer der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS). Maria Kaczyńska – Ehefrau des Präsidenten Kaczyński
Krystyna Bochenek – Senatorin (PO) und stellvertretende Senatspräsidentin Mariusz Handzlik – Unterstaatssekretär in der Präsidialkanzlei Ryszard Kaczorowski – bis 1990 letzter Staatspräsident der polnischen Exilregierung Janusz Kochanowski – polnischer Beauftragter für Bürgerrechte Stanisław Jerzy Komorowski – Vize-Verteidigungsminister und ehemaliger Vize-Außenminister Andrzej Kremer – Vize-Außenminister und ehemaliger Generalkonsul in Hamburg Janusz Krupski – Direktor des Amtes für Angelegenheiten der Kriegsveteranen und Opfer von Repressionen Janusz Kurtyka – Präsident des Instituts für Nationales Gedenken Tomasz Merta – Vize-Kulturminister und Landesdenkmalpfleger (PiS) Maciej Płażyński – Abgeordneter (Mitbegründer der PO, zuletzt parteilos), ehemaliger Sejmmarschall, ehemaliger stellvertretender Senatspräsident, Vorstand der Wspólnota Polska Andrzej Przewoźnik – Generalsekretär des Rates zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium Krzysztof Putra – stellvertretender Sejmmarschall (PiS) Sławomir Skrzypek – Präsident der polnischen Zentralbank Władysław Stasiak – Chef der Präsidialkanzlei und ehemaliger Innenminister (PiS) Aleksander Szczygło – Leiter des Büros für Nationale Sicherheit und ehemaliger Verteidigungsminister (PiS) Jerzy Szmajdziński – stellvertretender Sejmmarschall und ehemaliger Verteidigungsminister (SLD) Paweł Wypych – Staatssekretär in der Präsidialkanzlei (PiS)
Vertreter des Parlaments Sejm: Leszek Deptuła – Abgeordneter (PSL) und ehemaliger Woiwodschaftsmarschall des Karpatenvorlandes Grzegorz Dolniak – Fraktionsvorsitzender der PO im Sejm Grażyna Gęsicka – Fraktionsvorsitzende der PiS im Sejm und ehemalige Ministerin für Regionalentwicklung Przemysław Gosiewski – Abgeordneter (PiS) und ehemaliger Vize-Ministerpräsident Izabela Jaruga-Nowacka – Abgeordnete (SLD) und ehemalige Vize-Ministerpräsidentin Sebastian Karpiniuk – Abgeordneter (PO) Aleksandra Natalli-Świat – Abgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende der PiS Arkadiusz Rybicki – Abgeordneter (PO) Jolanta Szymanek-Deresz – Abgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende der SLD, ehemalige Chefin der Präsidialkanzlei Zbigniew Wassermann – Abgeordneter und ehemaliger Minister für Koordination der Nachrichtendienste (PiS) Wiesław Woda – Abgeordneter (PSL) Edward Wojtas – Abgeordneter (PSL)
Senat: Janina Fetlińska – Senatorin (PiS) Stanisław Zając – Fraktionsvorsitzender der PiS im Senat
Vertreter der Streitkräfte Andrzej Błasik – Generalleutnant, Kommandeur der polnischen Luftstreitkräfte Tadeusz Buk – Generalmajor, Oberbefehlshaber des polnischen Heeres Miron Chodakowski – Brigadegeneral, Erzbischof der Polnisch-Orthodoxen Kirche in Polen und orthodoxer Militärordinarius der polnischen Streitkräfte Franciszek Gągor – General, Chef des Generalstabs der polnischen Streitkräfte Kazimierz Gilarski – Brigadegeneral, Oberbefehlshaber der Garnison Warschau Andrzej Karweta – Vizeadmiral, Oberbefehlshaber der polnischen Marine Bronisław Kwiatkowski – Generalleutnant, Chef des Operationskommandos der polnischen Armee Jan Osiński – Oberstleutnant, Vizekanzler des römisch-katholischen Militärordinariats Adam Pilch – Brigadegeneral, stellvertretender evangelischer Militärbischof Tadeusz Płoski – Generalmajor, römisch-katholischer Militärbischof der polnischen Streitkräfte Włodzimierz Potasiński – Generalmajor, Chef der militärischen Sondereinheiten
Vertreter der Opferangehörigenverbände und weitere Passagiere Joanna Agacka-Indecka – Leiterin der polnischen Anwaltskammer Czesław Cywiński – Oberst und Vorstandsvorsitzender des Weltverbandes von Soldaten der polnischen Heimatarmee Edward Duchnowski – Generalsekretär des Bundes der Sibirien-Häftlinge Mariusz Kazana – Direktor des diplomatischen Protokolls im Außenministerium Stanisław Komornicki – Brigadegeneral und Kanzler des Ordens Virtuti Militari Stefan Melak – Vorsitzender des Katyn-Komitees und Journalist Stanisław Mikke – stellvertretender Vorsitzender des Rates zum Schutz des Gedenkens an Kampf und Martyrium Piotr Nurowski – Präsident des Polnischen Olympischen Komitees Ryszard Rumianek – Rektor der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau