Wilhelm Friedrich Lutz (Lucius, Luzius) von Ehingen (* 7. März 1551 in Tübingen, Herzogtum Württemberg; † 17. April 1597 in der Reichsstadt Nördlingen) war ein lutherischer Theologe und früher Kritiker der Hexenprozesse.
Herkunft Wilhelm Friedrich Lutz war der Sohn von „Artium Liberalium Magister“ Wendel(in) genannt Lutz von Ehingen (um 1527–1561) aus GernsbachIn älterer Schreibweise „Gersbach“; vgl. Matrikel Heidelberg, 3. Oktober 1543: „Wendelinus Lutz Gerspacensis“, Matrikel Wittenberg, 21. Juni 1545: „Wendelinus Luz Gersbacensis“ und Matrikel Tübingen, 11. Oktober 1548: „M. Wendelinus Lucius ex Gerspach studens Wittembergensis“. in der Grafschaft EbersteinVgl. Acta Bey Höchst-preißlichem Reichs-Hof-Rath, In Sachen Herrn Graffen Frantz Albrechts zu Oettingen-Spielberg, Impetranten Eines, Contra Weyland den Herrn Fürsten zu Oettingen, Herrn Graffen Anthon Carl zu Oettingen-Wallerstein, Und Herrn Graffen Crafft Wilhelm zu Oettingen-Baldern, Impetraten Andern Theils, in Judicio contradictorio verhandelt, o. O. o. J. , S. 82. und (⚭ 1550) Ursula IsenmannAuch der Bruder Johann Conrad Eysele (Matrikel Heidelberg 7. Dezember 1535) nannte sich alternativ – wahrscheinlich nach seinem bekannten Onkel – Johann Isenmann (ebd., Baccalauréat am 12. Dezember 1536). Als ihre Schwestern werden Barbara und Agatha erwähnt. oder Eisele (um 1529–1581), Tochter von Herrenschmied Sixt Conrad Eyselin († vor 1550) und Ursula Isenmann (Eisenmenger) aus Schwäbisch Hall.
Wilhelm Friedrichs Vater Wendel Lutz hatte 1543 in Heidelberg, 1545 bis 1548 in Wittenberg und 1548/49 in Tübingen studiert und war dann einige Jahre Sekretär bei dem Markgrafen Ernst von Baden (1482–1553), der in Pforzheim residierte. 1550/51 lebte er in Gartach am Leinberg (heute Kleingartach)„M. Wendelinus Lutz Gartacensis ad Lumemontem“; vgl. Erwein Eltz (Bearb.): Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Karl V. Der Reichstag zu Augsburg 1550/51 (Deutsche Reichstagsakten. JR 19), Oldenbourg, München 2005, S. 169 („non unctus“ = „nicht ordiniert“) und 172. und war beim Reichstag in Augsburg anwesend. 1551 hielt er sich mit seiner Familie in Tübingen auf, wo Wilhelm Friedrich geboren wurde. Sein Wahlspruch war „Patientia Malorum Omnium Victrix (= Geduld ist Siegerin über alle Übel)“.Vgl. Elfriede Kern, Walter Jaroschka, Albrecht Liess: Notare und Notarssignete vom Mittelalter bis zum Jahr 1600 aus den Beständen der Staatlichen Archive Bayerns. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 2008, S. 526.
Wendel Lutz wurde später Stadtschreiber der Freien Reichsstadt Biberach an der Riß. Im Juni 1553 reist er mit dem Biberacher Bürgermeister Jakob Eggelsbach (1504/05–1584) an den kaiserlichen Hof in Brüssel; 1555 begegnet Wendelin Lutz als Stadtschreiber von Biberach auf dem Augsburger Reichstag. Noch im selben Jahr wurde er Stadtschreiber der Freien Reichsstadt Nördlingen. 1557 beurkundete er in Schloss Alerheim als Nördlinger kaiserlicher „Notarius“ das Testament des Grafen Ludwig XV. von Oettingen-Oettingen (1486–1557).Extract. Aus Graffen Ludwig des älteren Testament und dem darüber verfaßten Notariats-Instrument. In: Acta Bey Höchst-preißlichem Reichs-Hof-Rath, In Sachen Herrn Graffen Frantz Albrechts zu Oettingen-Spielberg, Impetranten Eines, Contra Weyland den Herrn Fürsten zu Oettingen, Herrn Graffen Anthon Carl zu Oettingen-Wallerstein, Und Herrn Graffen Crafft Wilhelm zu Oettingen-Baldern, Impetraten Andern Theils, in Judicio contradictorio verhandelt, o. O. o. J. , S. 78–82.
Schule und Studium Wilhelm Friedrich Lutz besuchte die Lateinschulen in Nördlingen, wohin seine Eltern 1555 übersiedelt waren, und ab 1559 in Lauingen bei dem Präzeptor Mag. Andreas Hefelin (*um 1504; † 1588).Humanistenname: Andreas Lopadius („Hefele“ ist schwäbisch für „Hafen, Schüssel“, griechisch λοπάς ist die „Schüssel“), schon 1544 als Schulmeister erwähnt, 1578 Stammbucheinträger bei Wolfgang Rhelin, unterzeichnete um 1578 in der Superintendentur Höchstädt an der Donau die Konkordienformel.Nikolaus von Reusner: Emblemata … partim ethica, et physica, partim vero historica & hieroglyphica. Frankfurt am Main 1581, S. 320 (Google-Books); Abraham Manne: Ein Predigt Bey der Leich deß Ehrwürdigen, Wolgelerten und Frommen Herrn M. Andreae Hefelins, gewesten Lateinischen Schulmeisters zu Laugingen. Gehalten den 22. Octobris Anno 1588. Durch M. Abraham Manne, Pfarrer vnd Superintendenten daselbsten. Leonhard Reinmichel, Lauingen 1588. Ab 1561, nach dem Tod des Vaters, bereitete ihn sein Großonkel Johann Isenmann (um 1495–1574), der erste evangelische Abt des Klosters Anhausen an der Brenz, auf das Studium vor. Anhausen war seit 1556/58 eine der neun niederen Klosterschulen des Herzogtums Württemberg. Wilhelm Friedrichs Mutter Ursula Isenmann, verw. Lutz, heiratete 1563 in zweiter Ehe den ebenfalls gerade verwitweten Lodweber Georg (Jörg) Schmidt genannt Haider († 1588),Sein Vater, der Lodweber Georg Haider, stammte aus Ravensberg und wurde 1519 in das Nördlinger Bürgerrecht aufgenommen. 1569 bis 1588 Bürgermeister von Nördlingen.
Während des Reichstags im April/Mai 1566 und noch einige Monate danach hielt sich Lutz in Augsburg auf und lernte dort insbesondere Personen aus dem Umkreis des Humanismus kennen wie Hieronymus Wolf (1516–1580), Wilhelm Xylander (1532–1576), Caspar Peucer (1525–1602),Peucer erhielt in Augsburg am 22. Mai 1566 vom Kaiser Maximilian II. (1527–1576) einen bürgerlichen Wappenbrief. Karl von Utenhove (1536–1600), Johann Kielmann (Cüelman) (1525–1591),Er begleitete als Arzt Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568) zum Reichstag; fiel 1568 durch den Tod des Erbprinzen Eberhard in Göppingen in Ungnade, 1578 als „Johann Kielmann von Kielmannseck“ geadelt. Georg Meckhardt (um 1510–nach 1562), Johannes Ramus (1535–1578)Johann Tack genannt Ramus, 1552 Gräzist in Wien, 1559 Dr. jur., seit 1565 Professor in Löwen, später Assessor am Reichskammergericht in Speyer. und Georg Heumann.Vgl. die Einträge im Stammbuch des Guilelmus Fridericus Lucius [s. unter Quellen], passim. Anlass der Reise nach Augsburg war, dass dort am 24. Mai 1566 dem Stiefvater von Lutz, Georg Heyder, vom Kaiserlichen Rat und Reichsvizekanzler Johann Ulrich Zasius (1521–1570) ein Wappenbrief erteilt wurde.Vgl. Daniel Eberhardt Beyschlag, Johannes Müller: Die Haider und Die Lutzen. In: Beyträge zur Nördlingischen Geschlechtshistorie die Nördlingischen Familien und Epitaphien enthaltend, Band II/2. Karl Gottlob Beck, Nördlingen 1803, S. 286.
Student Schon vor seiner Immatrikulation hielt Lutz sich im Herbst 1566 in Esslingen auf, wohin die Tübinger Universität 1566/67 wegen der PestPrimus Truber (1508–1586) berichtet, dass bis zum 16. Januar 1572, als die „infection zu Tübingen“ etwas nachlässt, dort bereits über 1000 Menschen gestorben sind; vgl. Theodor Elze (Hrsg.), Primus Trubers Briefe, mit den dazu gehörigen Schriftstücken, Tübingen 1897, S. 505. verlegt worden war. Er traf dort die Burgunder Protestanten Guillaume de Saulx, Comte de Ligny, Seigneur d’Orain, und Jean de Saulx, Comte de Ligny, Seigneur d’Orain, an.Matrikel Tübingen 28. April 1566 „Guilielmus / Joannes de Saulx comites des Ligni, barones de ramo aureo“; vgl. Matrikel Tübingen 17. Mai 1559 ihren Verwandten „Heinricus de Saulx, comes de Ligny, dom[inus] de Rain“. Der ebenfalls wohl mit den beiden verwandte Gaspard de Saulx-Tavannes, Seigneur d’Orrain (1509–1573), war ein Hauptinitiator der Ermordung der Protestanten in der Bartholomäusnacht 1572.
Am 15. April 1567 immatrikulierte er sich als „Wilhelmus Fridericus Lucius Tubingensis“ und studierte Philosophie und Theologie. In Esslingen und Tübingen hörte er die Theologen Jacob Andreae (1528–1590), Jacob Heerbrand (1521–1600) und (Theodor) Dietrich Schnepf (1525–1586), aber auch die Juristen Anastasius Demler (1520–1591) und Johann Hochmann (1528–1603), den Ethiker Samuel Heiland (Haylandt) (1533–1592), den Historiker und Poeten Nicodemus Frischlin (1547–1590), den Mediziner und Philosophen Jakob Degen (Schegkius) (1511–1587), den Mediziner Johannes Vischer (1524–1587) und den Mathematiker und Mediziner Samuel Eisenmenger (Siderocrates) (1534–1585).Bis auf Schnepf haben sich alle in sein Stammbuch eingetragen; zu Schnepf vgl. Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der frühen Neuzeit. 3. Auflage. Oldenbourg, München 1997, S. 210 [dort fälschlich „Erhard“ statt „Dietrich Schnepf“].
Bakkalaureus und Magister artium Lutz wurde am 30. März 1568 Bakkalaureus und erwarb am 2. August 1570 den Magistergrad. Tübingen war um 1570/75 die bevorzugte Universität der innerösterreichischen Protestanten, die zu dieser Zeit etwa 80–90 % des österreichischen Adels stellten. Lutz lernte 1570–1572 während seiner Studienzeit Angehörige der führenden österreichischen Familien kennen.Vgl. zum folgenden die Einträge 1572–1574 im Stammbuch des Guilelmus Fridericus Lucius, passim; Ingrid Matschinegg: Österreicher als Universitätsbesucher in Italien (1500–1630). Regionale und soziale Herkunft – Karrieren – Prosopographie, diss. Graz 1999. aus Oberösterreich: Markus (Marx) von Hohenfeld (Höhenfelder) (um 1550–um 1571),Aus Schloss Aistersheim; Matrikel Tübingen 17. Mai 1568: „Achatius / Marcus Hehenfelder ab Aitershaimb fratres“, Sohn von Wolfgang von Hohenfels († 1568) und Rosina von Paumgarten († 1568), jung verstorben; Leichenpredigt von Caspar Cruciger (1525–1597), Wittenberg 1571; vgl. Jürgen Storz (Hrsg.): Leichenpredigten in der Hauptbibliothek der Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale), Halle (Saale) 1975 [Sign. 54 D 8]. Achaz von Hohenfeld, Herr zu Aistersheim und Almegg (1551–1603),Aus Schloss Aistersheim; Matrikel Tübingen 17. Mai 1568: „Achatius / Marcus Hehenfelder ab Aitershaimb fratres“, ebenfalls Sohn von Wolfgang von Hohenfels und Rosina von Paumgarten, heiratet 1574 Katharina von Kirchberg († 1608), erwirbt 1593 Peuerbach, Grabmal von Friedrich Thön in Aitersheim. Georg Reinprecht (Rupert) von Polheim und Wartenburg (1558–1608),Aus Schloss Parz; Matrikel Tübingen 8. Juli 1572 zusammen mit seinem Präzeptor Matthias Anomäus aus Wunsiedel im Vogtland: „Georgius Rupertus baro a Polheim“, Sohn des Sigmund III., 1577 Padua, 1579 Siena, Bologna und Pisa, unternahm eine ausgedehnte Kavalierstour durch Frankreich, England und Italien. Johann Adam Hofmann, Freiherr von Grünbüchel und Strechau († 1597),Matrikel Tübingen 31. Oktober 1570: „Joannes Adamus Hoffman liber baro in Bümpfel et Streichaw“, Sohn von Adam Hoffmann (um 1525–1573) und Elisabeth Gräfin zu Salm (um 1520–1557), 1575 in Padua, 1582 Truchseß und kaiserlicher Vorschneider, 1584–1591 Burggraf und Hauptmann von Steyr, heiratet 1586 Anna von Strein, Freiin zu Schwarzenau, 1597 kaiserlicher Gesandter nach Moskau. Andreas Wolff Freiherr von Polhaim und Parz zu Ottenschlag (1557–1592)Aus Wels; Matrikel Tübingen 31. Okt. 1570: „Andreas Wolffgang a Polheim baro“, Sohn des Andreas III. Polheim und der Maria Salome Schifer, 1572 Wittenberg, 1573 Leipzig, 1574–1576 Adelsrektor in Wittenberg, 1577 Padua, 1579 Consiliar der deutschen Nation in Siena, 1579 Bologna und Pisa, unternahm ausgedehnte Reisen durch Italien, Frankreich und England, heiratete 1584 Anna von Polheim zu Ottenschlag und Aggstein (1562–1617). und Johannes von Schifer (1558–1616),Aus Irnharting; Matrikel Tübingen 3. Juli 1572: „Joannes Schüferus a Jemharting Austriacus“, Sohn von Alexander II. Schifer; 1576 in Basel, 1577 Padua, 1579 Siena und Bologna. 1592 Verordneter der Landschaft ob der Enns, kaiserlicher Rat und Landrat ob der Enns, 1606 in den Freiherrenstand gehoben.