mini|Wegweiserstein zum nicht mehr existierenden Ferdinandsdorf

Ferdinandsdorf ist eine Ortswüstung auf den Gemarkungen der Waldbrunner Ortsteile Mülben und StrümpfelbrunnGLA 321 Nr. 382 Veränderungen des Kreisgebiets und der Kreisgrenzen, Seite/Blatt/Scan 36, Karte über die Aufteilung der Waldgemarkung Zwingenberg (1:25.000, 57 × 97,5 cm, SW.-Druck mit farb. Einzeichnungen, hrsg. v. Bad. Topographischen Bureau, Karlsruhe, 1923) (Digitalisat). sowie angrenzend auf dem Mudauer Ortsteil Reisenbach im Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg. Der aufgegebene Ort, der zu den ärmsten Gemeinden des Großherzogtums Baden zählte, befand sich auf und am Nordhang der Odenwalder Höhenfläche Winterhauch. Von dem um 1850 aufgelösten Doppelweiler – bestehend aus Oberferdinandsdorf () und Unterferdinandsdorf () – existieren noch zahlreiche Mauerreste vor allem am Nordhang des Winterhauchs, die zum Landschaftsschutzgebiet „Reisenbachtal“ zählen. Auch sind noch einige Kohlplatten zu identifizieren. Ein Teil der bis zur Auflösung in Ferdinandsdorf verbliebenen Bevölkerung wanderte mit staatlicher Unterstützung nach Amerika aus.

Geografie Die Buntsandsteinhochfläche Winterhauch, auf der und an deren Hängen sich Ferdinandsdorf befand, ist im südöstlichen Odenwald zu verorten. Diese Hochfläche um den Katzenbuckel war und ist klimatisch merklich kühler als andere Teile des Odenwaldes.Rüdiger Lenz: Der Winterhauch im Blickfeld konfessioneller und wirtschaftlicher Fragen, S. 1. Digitalisat des wegen der COVID-19-Pandemie nicht gehaltenen Vortrags auf einem abgesagten Historikertag. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt heute bei 7–8 °C. Im nahen Neckartal beträgt der Durchschnitt 9–10 °C und südlich von Heidelberg 10–11 °C.Buntsandstein-Odenwald und -Spessart auf der Website des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau. Die Gründung und Auflösung Ferdinandsdorfs erfolgten jedoch schon während einer Kleine Eiszeit genannten Periode mit einem im Vergleich zu heute spürbar kälteren Klima. Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag die Vegetationsperiode auf dem Winterhauch mit 190 bis 200 Tagen zwei Wochen unter der im nördlichen Odenwald und drei Wochen unter der im Rheintal.Joachim Schaier: Verwaltungshandeln in einer Hungerkrise – Die Hungersnot 1846/47 im badischen Odenwald Wiesbaden 1991, deutscher Universitäts-Verlag, ISBN 3-8244-4086-5, S. 342. Auf der ehemaligen Gemarkung von Ferdinandsdorf herrschen heute Mischwälder vor. Einzelne Bereiche sind mit Nadelwäldern aus Fichten und Kiefern bestanden. Das wenige Grünland liegt fast ausschließlich im Reisenbacher Grund und beim Jagdschloss Max-Wilhelmshöhe.Kartenviewer des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau. In: maps.lgrb-bw.de, abgerufen am 22. Januar 2022. Oberferdinandsdorf lag auf etwa 530 m, während die Siedlungsteile am Hang auf circa 380 Meter Höhe lagen. Das Tal nördlich von Unterferdinandsdorf wird über den nach Westen fließenden Reisenbach entwässert. Der Höllbach entwässert das südwestlich der ehemaligen Siedlung gelegene Tal Richtung Nordwest. Auf der Hochfläche selbst gibt es keine Fließgewässer im Bereich von Ferdinandsdorf. Die Quellen an den Hängen tröpfeln nach Niederschlägen schon nach kurzer Zeit nur noch. Im Südwesten ist der Ausläufer, auf dem sich Oberferdinandsdorf befand, mit der eigentlichen Hochfläche verbunden. Die Gemarkungen lagen überwiegend auf den nährstoffarmen Lehm- und Tonböden des Buntsandstein-Odenwalds. Die enge Talsohle im Reisenbacher Grund und die steilen Hänge des Winterhauchs boten nur wenig Raum für großflächigen Ackerbau. Ferdinandsdorf lag abseits leistungsfähiger Verkehrswege und weit abseits der Handels- und Verwaltungszentren seiner Region.

Geschichte Ursprünge und Entwicklung der Rodungssiedlung Oberferdinandsdorf Um 1712 vergab Ferdinand Andreas von Wiser, der den Rekatholisierungskurs während seiner Herrschaft verfolgte, auf einem bewaldeten Höhenzug auf dem Territorium seiner Herrschaft Zwingenberg zwei Rodungsbereiche an vier katholische Erstsiedler aus Schloßau, Waldauerbach und Hollerbach in Erbpacht.Rüdiger Lenz: Das Haus Baden auf Zwingenberg, Kapitel 10: „Untertan und Herrschaft – Die Doppelsiedlung Ferdinandsdorf und die Markgrafen“ S. 91. Diese Ansiedlung wurde nach seinem ersten Vornamen Ferdinandsdorf genannt. Nachdem eine kleine Rodungssiedlung entstanden war, die später – zur besseren Unterscheidung von Unterferdinandsdorf – Oberferdinandsdorf genannt wurde,Das Großherzogthum Baden nach seinen Kreisen, Hofgerichts-Provinzen und Amtsbezirken topographisch dargestellt, Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage, Müller’sche Buchhandlung 1814, S. 82 (Digitalisat bei Google Books). wuchs diese zunächst nur langsam am Reisenbacher Grund weiter. Oberferdinandsdorf lag nicht nur auf der Hochebene, sondern in Teilen im Tal und hatte einen eigenen Bürgermeister und Gemeinderat.Rüdiger Lenz: Das Haus Baden auf Zwingenberg, Kapitel 10: „Untertan und Herrschaft – Die Doppelsiedlung Ferdinandsdorf und die Markgrafen“ S. 92. In manchen Quellen wird der im Tal liegende Teil von Oberferdinandsdorf markgräflicher oder Zwingenberger Teil von Unterferdinandsdorf genannt. Graf Wiser erlaubte den Neusiedlern das Sammeln von Laub als Düngung ihrer Felder und Nutzung als Streu in den Stallungen sowie die Waldweide im angrenzenden Wald seiner Herrschaft.Robert Bartczak: Bettelmanns Umkehr – Ferdinandsdorf im Fokus umweltgeschichtlicher Betrachtungen, in: Der Odenwald – Zeitschrift des Breubergbundes Ausgabe 1/2016 S. 15.Michael Hahl: Ferdinandsdorf im Fokus umweltgeschichtlicher Betrachtungen, in: Der Odenwald – Zeitschrift des Breubergbundes Ausgabe 1/2016 S. 15.

Ursprünge von Unterferdinandsdorf und das Zusammenwachsen mit Oberferdinandsdorf mini|Haas’sche Militärische Situationskarte, dieser Auszug zeigt die Ausdehnung der Doppelsiedlung um 1800 mini|Die Siedlung Unterferdinandsdorf am Nordhang des Winterhauchs war mehrere Monate im Jahr beschattet. In Violett der Sonnenlauf zur Wintersonnenwende, in Grün der Sonnenlauf zu den Tag- und Nachtgleichen

Ab 1780 siedelte die kurpfälzische Hofkammer eigene „Colonisten“ mit einem Stabhalter als Ortsvorsteher im Tal an; so entstand das auch Unterferdinandshof genannte Unterferdinandsdorf,Das Großherzogthum Baden nach seinen Kreisen, Hofgerichts-Provinzen und Amtsbezirken topographisch dargestellt, Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage, Müller’sche Buchhandlung 1814, S. 82 (Digitalisat bei Google Books).Handbuch für alle großherzoglich Badischen Staatsbehörden, Karlsruhe 1831, Müller’sche Hofbuchhandlung, S. 99 (Digitalisat bei Google Books). das mit den im Tal gelegenen Teilen von Oberferdinandsdorf zusammenwuchs.Robert Bartczak: Bettelmanns Umkehr – Niedergang und Auflösung des Weilers Ferdinandsdorf, in: Der Wartturm – Heimatblätter des Vereins Bezirksmuseum e. V. Buchen, Ausgabe 1/2000, S. 2. Nach Rüdiger Lenz wuchs der im Tal gelegene Teil der Zwingenberger Herrschaft unter Billigung der Kurpfalz über die Grenze hinaus.Rüdiger Lenz: Das Haus Baden auf Zwingenberg, Kapitel 10: „Untertan und Herrschaft – Die Doppelsiedlung Ferdinandsdorf und die Markgrafen“, S. 91.

Ferdinandsdorf war eine Filiale der katholischen Pfarrgemeinde Strümpfelbrunn. Nur sieben von 252 Einwohnern waren in den 1840er Jahren evangelisch.Universal-Lexikon vom Großherzogthum Baden. Zweite Auflage von 1847, S. 378 (Digitalisat bei Google Books).Hof- und Staats-Handbuch des Großherzogthums Baden. 1841, S. 275 (Digitalisat bei Google Books).

Die Voraussetzungen für eine Ortsentwicklung waren ungünstig. Der Ort lag mit über vergleichsweise hoch auf der Ebene Winterhauch und auf dem dazugehörigen sonnenarmen Nordhang zum Reisenbacher Grund hin, wo es nur spärlich Wasser gab und mangels guter Böden notgedrungen Grenzertragsbau betrieben werden musste, auf denen großer Wildschaden auftrat. Die Lage war recht abgeschieden und die Verkehrsanbindung schlecht,F. J. Baer: Chronik über Straßenbau und Straßenverkehr in dem Großherzogthum Baden. Verlag Julius Springer, Berlin 1878, S. 424 ff. (Digitalisat bei Google Books). was Handel und Handwerk behinderte.Robert Bartczak: Bettelmanns Umkehr – Niedergang und Auflösung des Weilers Ferdinandsdorf, in: Der Wartturm – Heimatblätter des Vereins Bezirksmuseum e. V. Buchen, Ausgabe 1/2000, S. 3. In keinem der beiden Ortsteile gab es eine Allmende.Verhandlungen der Stände-Versammlung des Großherzogtums Baden 1822. 4. Band, S. 10 (Digitalisat bei Google Books). Mit dem Reichsdeputationshauptschluss fiel Ferdinandsdorf an das Fürstentum Leiningen und 1806 durch die Mediatisierung an das vergrößerte Großherzogtum Baden. Die Fürsten von Leiningen behielten die Standesherrschaft über Unterferdinandsdorf. Oberferdinandsdorf hingegen fiel nach einem Zwischenspiel durch die Göler von Ravensburg,Günther Ebersold: Das Gebiet des Neckar-Odenwald-Kreises am Vorabend des Reichsdeputationshauptschlusses – Nahaufnahme vom Ende einer Ära. S. 39, „Der landsässige Adel“: „Die Grafen von Wiser“.Abdruck des zwischen seiner churfürstlichen Durchlaucht und denen Freyherrlich Hirschhornischen Descendenten wegen der Herrschaft Zwingenberg am Neckar getroffenen Vergleichs und geschlossenen Kauf-Contracts (Digitalisat bei Google Books).Johann Caspar Bundschuh Geographisches Statistisch-Topographisches Lexikon von Franken. Beschreibung der unmittelbaren freyen Reichs-Ritterschaft in Franken nach seinen sechs Orten Verlag der Stettinischen Buchhandlung, Ulm 1801, S. 103, Fußnote d) (Digitalisat bei Google Books). der Kurpfalz und den Fürst von BretzenheimDr. Ludwig Häuser Geschichte der Rheinischen Pfalz nach ihren politischen, kirchlichen und literarischen Verhältnissen Band 2 S. 917/918, Akademische Verlagshandlung Mohr, Heidelberg 1856 (Digitalisat bei Google Books).Günther Ebersold: Das Gebiet des Neckar-Odenwald-Kreises am Vorabend des Reichsdeputationshauptschlusses – Nahaufnahme vom Ende einer Ära. S. 39, „Der landsässige Adel“: „Der Fürst von Bretzenheim“. an die Grafen von Hochberg, die späteren Markgrafen von Baden.

Die Standesherrschaften zeigten nie wirkliches Interesse an Ferdinandsdorf. Ein Schulhaus wurde nie gebaut. Seit 1770 verfügte Ferdinandsdorf über einen katholischen Lehrer. Da der Gemeinde die finanziellen Mittel hierzu fehlten, wurde dieser durch die pfälzische geistliche Administration, später nach dem Ende der Kurpfalz teilweise durch das Kloster Lobenfeld besoldet. Der Unterricht und die Unterbringung des Lehrers mussten wechselweise in den kleinen Häusern der Bewohner erfolgen. Die Schule war als Winterschule organisiert, das heißt, es fand nur Unterricht statt, wenn die Arbeitskraft der Kinder nicht bei Aussaat, Ernte etc. benötigt wurde.Der Neckar-Odenwald-Kreis, Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Neckar-Odenwald-Kreis, Band II, Thorbecke Verlag, 1992, S. 696, 702, 708. Erst 1835, eineinhalb Jahrzehnte vor Ferdinandsdorfs Ende, erwarb die Standesherrschaft von Zwingenberg ein Wohnhaus eines auswanderungswilligen Unterferdinandsdorfers und überließ es der Gemeinde als Schulhaus.Rüdiger Lenz: Das Haus Baden auf Zwingenberg, Kapitel 10: „Untertan und Herrschaft – Die Doppelsiedlung Ferdinandsdorf und die Markgrafen“ S. 93. Auch eine 1813 beantragte Schankgenehmigung für ein Wirtshaus wurde nie erteilt. Ein vom Oberferdinandsdorfer Bürgermeister Schmidt eingereichtes Konzessionsgesuch wurde mit dem Hinweis abgelehnt, die beigefügte Unterschriftenliste sei gefälscht. Die damals bereits über 40 Jahre andauernde Anwesenheit eines Lehrers konnte den Analphabetismus nicht beseitigen. Die Obrigkeit wusste, dass in Ferdinandsdorf außer dem Lehrer, dem Bürgermeister und der Hebamme kaum jemand schreiben konnte, und nahm dies zum Anlass, ihre Zustimmung zu versagen.Robert Bartczak: Bettelmanns Umkehr – Niedergang und Auflösung des Weilers Ferdinandsdorf, in: Der Wartturm – Heimatblätter des Vereins Bezirksmuseum e. V. Buchen, Ausgabe 1/2000, S. 5.