mini|hochkant=1.5|Spiritualität, der Bezug zur direkten Umwelt und die Einbeziehung aller Dinge in das „Große Ganze“ sind wesentliche Kennzeichen des wilden Denkens Der Begriff wildes Denken () wurde von dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss geprägt. Er benannte damit die Denkweisen der naturnah lebenden Kulturen, die auf traditionell ganzheitlichen und mythisch erklärten Weltanschauungen beruhen. Alle Wesen, Dinge und Phänomene werden dabei durch einen allumfassenden, magischen Zusammenhang miteinander verbunden, der nicht auf abstrahierenden und rationalen Überlegungen beruht. Dieses Denken sei vielmehr die phantasievolle Kombination von „Bruchstücken“ der sinnlichen Wahrnehmung und vergangener Ereignisse, die mit Hilfe der Einbildungskraft zu konkreten Bildern und Geschichten verarbeitet werden. Lévi-Strauss bezeichnete dieses improvisierende Vorgehen als Bricolage („Bastelei“).

Dennoch kam er nach weitreichenden kulturvergleichenden Forschungen zu der Überzeugung, dass kein wesentlicher oder qualitativer Unterschied in der logischen Struktur von modernem und (vermeintlich) primitivem Denken bestehe. Beide Denkweisen seien nur Varianten ein und desselben Prinzips, die Welt nach einem universellen Verfahren zu ordnen.

Der Begriff „wildes Denken“ wird auch in der modernen Kunst aufgegriffen, wo es als die Freiheit verstanden wird, spontan Zusammenhänge zwischen Beobachtung und Bedeutungszuweisung zu konstruieren.Beate Kutschke: Wildes Denken in der neuen Musik. Die Idee vom Ende der Geschichte bei Theodor W. Adorno und Wolfgang Rihm. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2243-2, S. 7.

Gemeinsamkeiten mit dem modernen Denken Dieter Haller meint, Lévi-Strauss habe in der Bildung von Gegensätzen (Dichotomien) wie „Mann – Frau“, „alt – jung“, „klein – groß“, „kalt – heiß“ das Grundmuster jeglicher Kategorisierung erkannt, das alle Menschen – unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit – anwenden. Nach Haller ging Lévi-Strauss davon aus, dass daher auch die unterschiedlichsten Weltbilder in die moderne Sprache übersetzt und verglichen werden könnten.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010, S. 53, 91, 247.

Nach Walter Hirschberg entwickelte sich, aufbauend auf dem Prinzip der Gegensätze, eine große Vielfalt unterschiedlicher Versuche, „die Welt zu ordnen“. Sie würden zwar in ihren Begrifflichkeiten große Unterschiede aufweisen, beruhten in ihrer Struktur jedoch alle auf dem gleichen Prinzip. (Zum besseren Verständnis eignet sich nach Hirschberg ein Vergleich mit der Architektur: Alle Gebäude haben ein Fundament, tragende Wände und ein Dach. Die Grundstruktur ist also immer identisch, obwohl man Hütten und Wolkenkratzer, Fabriken und Kirchen daraus bauen kann.)Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005.

Lévi-Strauss ging davon aus, dass das „wilde Denken“ in den modernen Industriegesellschaften eine Renaissance erlebe. So sei die strukturale Logik insbesondere in der Kybernetik und der Computertechnik erkennbar. Dennoch wies er auch auf die Unterschiede zwischen dem sogenannten „primitiven“ und dem modernen Denken hin, die vor allem in ihrer Bezogenheit zu suchen sind.

Die Unterschiede zum wissenschaftlichen Denken hochkant=1.2|mini|Die Adlerjagd der Hidatsa: Diese stark ritualisierte Handlung heiligte den Gegensatz von „himmlisch und irdisch“, indem der Mensch in die Erde stieg, um das höchste Himmelswesen mit den Händen zu fangen.

Gemäß Marcus Dick sieht Lévi-Strauss das wilde Denken nicht als primitive, vor-logische Stufe des Denkens, sondern Lévi-Strauss betone, dass es der gleichen inneren Logik folge und ebenfalls zu widerspruchsfreien Klassifikationssystemen führe, um das Chaos der Welt begreiflich zu machen. Der wesentliche Unterschied bestehe auf einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit.Marcus Dick: Welt, Struktur, Denken. Philosophische Untersuchungen zu Claude Lévi-Strauss, Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-4018-4, S. 183, 213.

Der Auffassung von Dick nach ist das (moderne) wissenschaftliche Denken meist mit einer bestimmten Theorie verbunden, beruht auf empirischer Beweisführung und Abstraktion, schließt zumeist vom Einzelnen auf das Ganze (Reduktionismus) und schafft praxistaugliche Strukturen.

Demgegenüber ist das mythische Denken vielfach ohne Anspruch auf eine praktische Ordnung, beruht auf (nicht beweisbaren und immer wieder neu erfolgenden) Kombinationen der unterschiedlichsten Beobachtungen – die als Zeichen gedeutet werden –, richtet sich vor allem auf sichtbare Ähnlichkeiten in der Welt und ordnet das Einzelne dem „großen Ganzen“ unter (Holismus), um seinen verborgenen, tieferen Sinn freizulegenAngela Jannelli: „Wilde Museen“ – Erkenntnisformen und Gedächtnisarten in Ausstellungen, in Thomas Hengartner, Johannes Moser (Hrsg.): Grenzen & Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen. Leipziger Universitätsverlag, 2006, ISBN 3-86583-088-9, S. 604.Lothar Fietz: Strukturalismus: eine Einführung. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Gunter Narr, Tübingen 1998, ISBN 3-87808-546-X, S. 111. und auf kürzestem Weg zu einem vollkommenen Verständnis des Universums zu gelangen.Klaus Neumann: Das Fremde verstehen – Grundlagen einer kulturanthropologischen Exegese. Band 2, LIT-Verlag, Münster 2000, ISBN 3-8258-4261-4, S. 812.

Dieser Tendenz entspricht – nach Lévi-Strauss – die bei allen naturreligiösen Kulturen anzutreffende Leidenschaft, alle Dinge und Ereignisse von der Pflanzen- und Tierwelt bis hin zu moralischen Begriffen wie „gut und böse“ in raffiniert ausgetüftelten, riesigen Klassifizierungs­systemen unterzubringen. Dies schlage sich dabei allerdings in einem aus Sicht der Zivilisation merkwürdigen Umgang mit den Dingen und der Systematik nieder. So zitiert Der Spiegel zum Beispiel folgende Aussage:Rückkehr der Wilden. In: Der Spiegel. Nr. 40, 1968. „Das Opossum hüpft, der Frosch hüpft – also ist der Frosch der Vater des Opossums. Oder: Der Adler ist dem Blitz verwandt, der Blitz dem Feuer, das Feuer der Kohle, die Kohle der Erde - also ist der Adler ein Herr der Kohle und ein »Erd«-Tier.“

Ordnung ist hierbei das Ergebnis immer wieder neuer Kombinatorik und Assoziation, nicht die Folge von Abstraktion und deduzierter rationaler Prinzipien wie etwa der Kausalität.

Die folgende Tabelle stellt die Merkmale der beiden Denkweisen in vereinfachter und „polarisierender“ Form einander gegenüber, um die Unterschiede „begreifbarer“ zu machen:

Archaisches „wildes Denken“ Modernes „gezähmtes Denken“ Leitgedanke „Liebe zur Ganzheit“ „Liebe zur Wahrheit“ Grundfrage Wie passt das einzelne Ereignis in den Gesamtzusammenhang? Wie ist das einzelne Ereignis zu erklären? Grundannahmen * Die unteilbaren Ereignisse sind die Realität* Dinge sind nur flüchtige Erscheinungen* Das „Große Ganze“ erscheint in den Dingen * Die teilbaren Dinge sind die Basis der Welt* Ereignisse sind Wechselwirkungen der Dinge* Die Summe der Dinge bildet das Universum Glaube und Vertrauen * Glaube an die Harmonie des Kosmos* Vertrauen in das überlieferte Wissen der Ahnen* Festhalten an bewährten Denkmodellen* Alle Erfahrungen sind gleichwertig * Glaube an die Fähigkeiten des Menschen* Skepsis gegenüber jeglichen Theorien* Alles kann jederzeit in Frage gestellt werden* Nur überprüfbare Erfahrungen sind akzeptabel Kollektive Ziele * Verwandtschaft zum Großen Ganzen herstellen* Kultur als Spiegel der natürlichen Ordnung* Sinngebung, Vollständigkeit, Harmonie * Erforschen der natürlichen Ordnung* Kultur als Schöpfung des Menschen* Wahrheit, Überprüfbarkeit, Fortschritt Methodik * „Ungeplante Bastelei“ aus zufälligen Bruchstücken von Erfahrungen, nach Wertvorstellungen sortiert* Vom Ganzen auf das Einzelne schließend * „Planvolle Konstruktion“ aus experimentell untersuchten Ereignissen, nach tatsächlichen Zusammenhängen sortiert* Vom Einzelnen auf das Ganze schließend Zeitliche Dimension Keine chronologische Sortierung von Ereignissen. Vergangene Ereignisse werden vergessen oder dienen als Gleichnisse zur moralischen Orientierung. Sie werden Teil der mythischen Vorzeit, in der alles „un-zeitlich“ nebeneinander steht Chronologische Sortierung von Ereignissen. Vergangene Ereignisse bedingen den Lauf der Entwicklung und werden nach ihren kausalen Auswirkungen bewertet. Sie werden aufgezeichnet und damit Teil der fortschreitenden Geschichte Darstellung und Verständlichkeit Das mythische Weltbild ist ein Kompromiss aus Bildern der täglichen Erfahrung und den Erkenntnissen der Urheber, so dass die Wahrheit darin zwangsläufig „verschoben“ wird Das wissenschaftliche Weltbild basiert auf der Wahrheit ohne subjektive „Zutaten“. Die ständige Schöpfung neuer Begriffe verringert seine Allgemeinverständlichkeit Verbindung zur Gesellschaft Das „wilde Denken“ durchdringt alle Bereiche des Lebens unmittelbar. So ist z. B. jeder Einzelne über sein Totem, seinen Namen und seine Clanzugehörigkeit mit bestimmten natürlichen Erscheinungen (Tieren, Pflanzen, Orten usw.) verbunden. Er wird damit automatisch zum Teil des „Großen Ganzen“. Zudem sind die „Beweise“ der Mythen in real existierenden Erscheinungen (wie z. B. Felsen, Quellen, Landmarken) sichtbar. Die Identifikation des Einzelnen mit dem Weltbild und seiner Kultur entsteht somit in der „zeitlosen“ Gegenwart. Das „gezähmte Denken“ schafft kein einheitliches Weltbild, das von allen Menschen verstanden werden kann. Seine Darlegungen in schriftlicher o. a. Form und seine Wirkungen auf die Gesellschaft (z. B. über die Technologie) eröffnen dem Interessierten einen – zumeist oberflächlichen – „Blick auf die bekannte Wahrheit“. Die Beweise der Theorien erschließen sich nur dem Fachmann. Der Einzelne identifiziert sich demnach mit dem Weltbild und der Kultur durch den gemeinsamen geschichtlichen Werdegang.

Der Vorteil des wilden Denkens Lévi-Strauss sah das wilde Denken weder als unbewusste noch als unvernünftige Auffassung der Wirklichkeit an. Er vertrat die Überzeugung, dass es dem westlichen Denken darin überlegen sei, die Verwobenheit mit der Natur erlebbar zu machen und dies in das tägliche Leben einfließen zu lassen. Dies gelänge durch die komplexe Verbindung der kulturellen Ordnungsmuster (Volk, Stamm, Sippe, Familie, Clan usw.) mit den Klassen der unveränderlichen Natur (Tiere, Pflanzen, Sterne, Flüsse, Berge usw.). Obgleich jemand, der zum Beispiel Mitglied des Bärenclans ist, sich einem System von speziellen Lebensregeln und Tabus unterwerfen muss, empfindet er sich zugleich als Bestandteil der unveränderbaren und unzerstörbaren kosmischen Ordnung.

Beispiele mini|Das Universum der Anishinabe mit dem Donnervogel „animikii-binesiwag“ im ZentrumThe universe of the Ojibwe / Anishinaabeg. A Glossary by Zhaawano Giizhik. Abgerufen am 9. April 2014. Im Folgenden einige ausgewählte Beispiele für das „wilde Denken“, die sich dem westlichen Denken recht gut erschließen, aus Lévi-Strauss’ gleichnamigem Buch:

Donnervogel (Welterklärung) Ein anschauliches Beispiel für das wilde Denken ist der mythische Donnervogel vieler nordamerikanischer Ureinwohner: Durch die Tatsache, dass die Gewittersaison des Jahres im gleichen Monat beginnt, in dem die Zugvögel zurückkehren – und gleichfalls endet, wenn die Zugvögel wieder gen Norden fliegen, haben die Indianer eine mythisch-logische Verbindung zwischen den beiden Phänomenen hergestellt. Die Donnervögel sind die Herrscher der Himmelswelt. Mit ihren Augen erzeugen sie die Blitze, ihre Sprache ist das Donnergrollen und die herannahende Wolkenfront repräsentiert ihre Körper. Auf diese Weise entsteht eine symbolische Erklärung für den Wechsel der Jahreszeiten und die Verbindung zwischen Himmel und Erde mit einer eingängigen Personifizierung für die Kräfte, die diese Phänomene verursachen.

Yurlunggur (Welterklärung) mini|Klimadiagramm der Gove-Halbinsel in Arnhemland mit Bezug zum Yurlunggur-Mythos