Australopithecus sediba ist eine Art der ausgestorbenen Gattung Australopithecus aus der Familie der Menschenaffen, die vor rund zwei Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Südafrika lebte. „Das rekonstruierte Skelett zeigt viele affenähnliche, aber auch einige ‚moderne‘, der Gattung Homo zuzuordnende Merkmale. So konnte Australopithecus sediba gut klettern, aber auch aufrecht auf zwei Beinen gehen, wenn auch wohl sehr wackelig.“Manfred Lindinger: Eine Kreatur zwischen zwei Welten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. April 2013, Nr. 89, S. N1. Die genaue Position von Australopithecus sediba im Stammbaum der Hominini und damit seine Verwandtschaft mit dem anatomisch modernen Menschen ist noch ungeklärt.Michael Cherry: Claim over ‚human ancestor‘ sparks furore. In: naturenews vom 8. April 2010, doi:10.1038/news.2010.171.
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Australopithecus ist abgeleitet von lateinisch australis („südlich“) und griechisch πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos („Affe“). Das Epitheton sediba (mit Betonung auf dem i) bedeutet in der Bantusprache Sesotho „Brunnen“ oder „Quelle“, im übertragenen Sinne auch „Ursprung“.Adolphe Mabille, Hermann Dieterlen: Sesuto-English Dictionary. 9. Auflage. Sesuto Book Depot, Morija 1985. Australopithecus sediba bedeutet also „ursprünglicher südlicher Affe“.
Per Pressemitteilung hatte die University of the Witwatersrand im Jahr 2010 die Kinder Südafrikas aufgefordert, einen Spitznamen für das kleinere Fossil MH1 vorzuschlagen. Im Verlauf dieses Preisausschreibens gingen mehr als 15.000 Einsendungen ein, ausgewählt wurde schließlich Karabo (in Setswana: „Antwort“).Fossil named Karabo. Auf: timeslive.co.za vom 1. Juni 2010. Jedoch wurde diese Bezeichnung nur im 2012 erschienenen Kinderbuch von Marc Aronson und Lee Berger, The Skull in the Rock, verwendet und nicht in den wissenschaftlichen Publikationen.Marc Aronson und Lee Berger: The Skull in the Rock. How a Scientist, a Boy, and Google Earth Opened a New Window on Human Origins. National Geographic Children’s Books, 2012, ISBN 978-1-4263-1010-2.
Erstbeschreibung mini|Matthew Berger mit dem von ihm gefundenen Schlüsselbeinfragment von MH1 Holotypus von Australopithecus sediba ist das teilweise erhaltene Skelett Malapa Hominin 1 (MH1). Entdeckt wurde es in der Malapa-Höhle. Sie liegt 40 Kilometer westlich von Johannesburg und 15 km nordnordöstlich der bekannten Fossilienfundstätten von Sterkfontein, Swartkrans und Kromdraai. Auch die Malapa-Höhle befindet sich im Gebiet des UNESCO-Welterbes Cradle of Humankind. Entdecker des ersten Fossils von Australopithecus sediba – des rechten Schlüsselbeins, Sammlungsnummer: UW88Alle Funde aus der Malapa-Höhle werden entsprechend dem Regelwerk der Witwatersrand-Universität (UW) unter der Sammlungsnummer UW88 registriert. – war am 15. August 2008 Matthew Berger, der neunjährige Sohn von Lee Berger.
MH1 stammt von einem jugendlichen – vermutlich männlichenShirona Patel: New hominid species discovered and described in South Africa. Auf: eurekalert.org vom 8. April 2010 (Pressemitteilung der Witwatersrand-Universität). – Individuum, dessen bleibende große Backenzähne schon durchgebrochen waren und in Okklusion standen. Erhalten sind von MH1 unter anderem der Gesichtsschädel einschließlich zahlreicher, relativ kleiner Zähne des Oberkiefers, Teile des ebenfalls bezahnten Unterkiefers, ein Oberarmknochen, ein Wadenbein sowie diverse Fragmente aus dem Bereich der Wirbelsäule, der Rippen und des Beckens. Aus Vergleichen mit heute lebenden Menschenaffen und Menschen wurde gefolgert, dass MH1 bereits rund 95 Prozent des Schädelvolumens eines Erwachsenen aufwies. Verglichen mit heute lebenden Kindern spräche dies für ein Alter von 12 bis 13 Jahren; allerdings vollzog sich die Entwicklung der Australopithecinen rascher, das Kind starb also in einem jüngeren Lebensalter. Sein Entwicklungsstand ist am ehesten vergleichbar mit den Fossilien OH7, dem Holotypus von Homo habilis, und KNM-WT 15000, bekannt als Nariokotome-Junge oder „Turkana Boy“.
Als Paratypus wurde MH1 das Teilskelett MH2 eines erwachsenen Individuums zur Seite gestellt, das in weniger als 50 Zentimeter Entfernung von MH1 gefunden worden war. Das erste von MH2 entdeckte Fossil war ein Oberarmknochen (UW 88-57), den Lee Berger am 4. September 2008 entdeckte. MH2 konnte unter anderem ein einzelner Oberkieferzahn, Unterkiefer-Fragmente sowie ein weitgehend erhaltener rechter Arm einschließlich der fast vollständig erhaltenen Knochen aus dem Bereich der Schulter und der Finger zugeordnet werden. Die Armknochen von MH2 wurden in anatomisch korrekter Anordnung freigelegt, während die Knochen von MH1 über eine Fläche von rund zwei Quadratmetern verstreut lagen.Lee R. Berger et al.: Supporting Online Material for Australopithecus sediba. A New Species of Homo-like Australopith from South Africa. In: Science. New York, 9. April 2010, Text S1. . Da auch das Schambein sowie weitere Fragmente des Hüftbeins erhalten blieben, konnte MH2 als vermutlich weiblich identifiziert werden. Das Körpergewicht zu Lebzeiten wird auf rund 30 bis 36 Kilogramm geschätzt.Trenton W. Holliday et al.: Body Size and Proportions of Australopithecus sediba. In: PaleoAnthropology. 2018, S. 406–422, doi:10.4207/PA.2018.ART118.
Australopithecus sediba wurde 2010 von einer Paläontologen-Gruppe um Lee Berger erstmals wissenschaftlich beschrieben. In dieser Erstbeschreibung heißt es, Australopithecus sediba stamme vermutlich von Australopithecus africanus ab und weise mehr gemeinsame Zahn- und Knochenmerkmale mit den frühesten Vertretern der Gattung Homo auf als jede andere bisher beschriebene Australopithecus-Art. Australopithecus sediba könne daher als potentieller Vorfahre der frühen Homo-Arten („[…] potentially ancestral to Homo […]“) interpretiert werden.
Beide Skelette wurden kurz nach ihrem Tod gemeinsam unter Schutt begraben und so vor der Zerstörung durch große Aasfresser bewahrt; allerdings ergab eine Untersuchung mit Hilfe der Synchrotron-Mikrotomographie an der European Synchrotron Radiation Facility, dass im Inneren des Schädels fossilisierte Insekteneier nachweisbar sind.„the preliminary visualisation of the complete skull already available shows intriguing details. Among them are the fossilised insect eggs whose larvae could have fed on the flesh of the hominid after death.“ Montserrat Capellas: First studies of fossil of new human ancestor take place at the European Synchrotron. Auf: eurekalert.org vom 12. April 2010.
Beschreibung der Typusexemplare mini|Rekonstruktion des Schädels (Originalabbildung von Lee Berger) Schädel Der Schädel von MH1 zeichnet sich der Erstbeschreibung zufolge durch ein Mosaik von teils abgeleiteten Merkmalen, teils ursprünglichen Merkmalen aus, die ihn sowohl von den älteren Chronospezies Australopithecus anamensis und Australopithecus afarensis unterscheidbar machen als auch von späteren Arten der Gattung Homo. Von Australopithecus garhi unterscheide sich Australopithecus sediba beispielsweise durch das Fehlen des Prognathismus (keine ausgeprägte Schnauze, da kein markanter Vorstand des Oberkieferknochens), von den Arten der Gattung Paranthropus durch das Fehlen ihrer Merkmale für extrem kräftige Nacken- und Kaumuskeln. Am ehesten ähnele MH1 dem gleichfalls nur aus Südafrika bekannten Australopithecus africanus, der jedoch beispielsweise ein weit ausladenderes Jochbein und einen weniger ausgeprägten Kinnknochen besitze; diese morphologische Nähe zur zweiten südafrikanischen Australopithecus-Art wurde in einer Studie zur Beschaffenheit der Bezahnung 2013 bekräftigt. Zugleich wurden aber weitere Belege dafür publiziert, die dafür sprächen, dass Australopithecus sediba zu Recht als eigenständige Art von anderen Australopithecus-Arten abgesondert wurde.Darryl J. de Ruiter et al.: Mandibular Remains Support Taxonomic Validity of Australopithecus sediba. In: Science. Band 340, Nr. 6129, 2013, doi:10.1126/science.1232997.
Für das Innere des Schädels von MH1 wurde ein Volumen von nur 420 Kubikzentimetern rekonstruiert. Erste computertomographische Untersuchungen des Schädelinneren hatten Hinweise darauf ergeben, dass der – durch eingelagertes Sediment – auf natürlichem Wege entstandene Schädelausguss Abdrücke von Gehirnwindungen aufweist.New-found hominid cousin is a brain teaser. In: New Scientist. Band 206, Nr. 2756, 17. April 2010, S. 14. Daraufhin wurde der Schädelausguss hochauflösend gescannt und auf Basis dieser Daten ein dreidimensionales virtuelles Modell der früheren Gehirnoberfläche konstruiert.Kristian J. Carlson et al.: The Endocast of MH1, Australopithecus sediba. In: Science. Band 333, Nr. 6048, 2011, S. 1402–1407, doi:10.1126/science.1203922. Dieser Rekonstruktion zufolge war das Gehirn von MH1 „eindeutig typisch für Australopithecus hinsichtlich Schädelinnenraum und Merkmalen der Gehirnwindungen“ (im Original in Science: „decidedly australopith-like in cranial capacity and convolutional patterns“); jedoch gebe es „einige Hinweise auf Veränderungen im orbitofrontalen Bereich [des präfrontalen Cortex], die über das hinausgehen, was bei anderen Australopithecinen mit ähnlich vollständig erhaltenem Schädelausguss (Sts 5 und Sts 60) festzustellen ist, was möglicherweise Elemente der Entwicklung eines menschenähnlichen Frontallappens im Übergang von Australopithecus zu Homo erahnen lässt.“Im Original: „the MH1 endocast (Au. sediba), although decidedly australopith-like in cranial capacity and convolutional patterns, shows some evidence for changes in the orbitofrontal region beyond that observed in other relatively complete australopith endocasts (such as Sts 5 and Sts 60), possibly foreshadowing elements of the development of a human-like frontal lobe across the transition from Australopithecus to Homo.“ (Kristian J. Carlson et al.: The Endocast of MH1, Australopithecus sediba.) Dieser Interpretation, das Gehirn von Australopithecus sediba sei „moderner“ als das anderer Funde dieser Gattung, wurde in einem Begleitartikel in Science jedoch von mehreren Fachkollegen widersprochen; man habe den Schädelausguss von MH1 nur mit Funden aus Sterkfontein verglichen, hätte aber weitere Fossilien einbeziehen müssen.Ann Gibbons: Skeletons Present an Exquisite Paleo-Puzzle. In: Science. Band 333, Nr. 6048, 2011, S. 1370–1372, doi:10.1126/science.333.6048.1370.
Die mit nur 420 Kubikzentimetern sehr geringe Gehirngröße (schon Homo rudolfensis werden ungefähr 750 Kubikzentimeter zugeschriebenGary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum, Heidelberg 2008, S. 79. ISBN 3-8274-1915-8.) und die auf nur knapp 1,30 Meter geschätzte Körpergröße von MH1 und MH2 werden in der Erstbeschreibung als Gründe angegeben, die Fossilien als weitere Art der Gattung Australopithecus einzuordnen und nicht als weitere Art der Gattung Homo. Gleichwohl teile Australopithecus sediba mit den frühen Homo-Arten diverse anatomische Merkmale, vor allem im Bereich des Beckens und der Hüftgelenke, die auf eine Steigerung der Effizienz des zweibeinigen Laufens im Vergleich zu Vorläuferarten schließen lassen. Außerdem rangiere die Größe der Prämolaren und der Molaren am untersten Ende der von Australopithecus africanus bekannten Funde, sie gleiche vielmehr derjenigen von Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo erectus. Der Bau der Füße sei hingegen weniger Homo-ähnlich.
Der Körper unterhalb des Schädels mini|Die Knochen der rechten Hand von MH2 (Originale) mini|Das Becken von MH2, Originalfunde mit Ergänzungen. Die linke Hälfte ist eine Spiegelung der rechten.(Abbildung von Lee Berger)